melancholie (2)

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Amanita
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Beitragvon Amanita » 27.03.2013, 09:48

melancholie


die zeit wird grau
wenn die erinnerungen
hinter glas
nicht mehr ins leben wurzeln

ich schau aus dem fenster
tief nach unten
sehe die jungen
mit dem tag in der hand

während ich so
auf morgen warte
das ticken der uhr
mich tötet

aram
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Beitragvon aram » 27.03.2013, 11:07

liebe amanita,

das pathos tropft nur so aus diesen zeilen - wenn sich lyr.ich beim warten vom ticken der uhr getötet findet, kann man wirklich nur hoffen, dass es vorbei ist .-)

überlebensgrüße .-)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 27.03.2013, 11:12

Hm. Pathetisch finde ich meine Sprache selten. Aber wennde meins' ...

aram
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Beitragvon aram » 27.03.2013, 11:31

ja liebe amanita, wir nehmen texte (vielleicht auch persönliche zustände) sehr unterschiedlich war - lyr ich hat/kennt z.b. scheinbar überhaupt keine distanz zu seiner distanz (der hinter glas), und verfasserin scheinbar keine kritische distanz zu abgegriffnen bildern (etwa 'hinter glas', 'das ticken der uhr', 'das leben in der hand', auf 'morgen' warten) und übertreibungen (tötet) - persönlich kann das im mitfühlen berührend sein. aber halt nicht literarisch/textlich berührend.

es ist nicht damit getan, zu sagen, genau so sieht und selbst-beschreibt das lyr.ich eben - das mag so sein, aber diese art von authentizität ist gruselig, wenn keinerlei in ein verhältnis setzende distanz dazu auftaucht - dann kommt das, was eigentlich berührend sein könnte, trotzdem nur gefühlsduselig oder kitschig-selbstmitleidig an.

dabei könnte da eine feinheit sein, die zugleich 'lichtjahre entfernt', und nur 'um die ecke zu warten' scheint. mein eindruck halt.

scarlett

Beitragvon scarlett » 27.03.2013, 11:45

liebe amanita,

mir gefällt dein text - zwei dinge allerdings will ich zu bedenken geben:

wenn die erinnerungen hinter glas sind, ist ein wurzeln im leben ja nicht mehr möglich, will heißen, das erscheint mit doppelt gemoppelt, sprich das hinter glas ist redundant.

andrerseits sehe ich schon, dass du dieses am fenster stehen und hinunter blicken auf die straße, wo für das li die jungen das leben in der hand halten, mit dem hinter glas verbunden haben möchtest, dennoch-

ferner verstehe ich diese verdrehung, inversion am schluss nicht, wieso nicht "tötet mich// das ticken der uhr"?

die bilder finde ich nicht abgegriffen.

scarlett

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 27.03.2013, 11:54

Das weiß ich doch schon :), aram, dass ein "genauso" (war's, beschreibt das Ich es eben usw.) kein Argument ist.

Liebe Scarlett, Änderungen sind natürlich allemal drin. Es war halt eine Idee, den Leser gerade nicht mit-leiden zu lassen, sondern ihn aufs Carpe Diem zu stupsen.

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Beitragvon Amanita » 27.03.2013, 12:02

P. S. Vielleicht ist hinter glas zu passiv. Gemeint ist nämlich, dass das Ich sie hinter Glas verbannt hat. Ohne diesen Zusatz klänge es mir zu fatalistisch (und wirklich zu wehleidig).

Dieser Mensch wartet (ohne dass er sein Leben nutzen oder füllen kann) auf irgendwas (Interessantes), und es quält ihn gleichzeitig zu sehen, dass die Zeit rennt.

Ich habe zusammen gefasst, was ich hin und wieder an alten Menschen beobachte(t habe). Sie kamen mit genau diesem letzten Widerspruch nicht klar.

aram
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Beitragvon aram » 27.03.2013, 12:03

à propos - dass sowohl scarlett als auch ich "das leben in der hand" zitieren, obwohl im text steht "mit dem tag in der hand", zeigt m.e., wie austauschbar und abstrakt manche begriffe hier wirken.

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Beitragvon Amanita » 27.03.2013, 12:06

Ja, ja - so kann man es natürlich sehen. Für mich ist das aber kein "Beweis", aram.

scarlett

Beitragvon scarlett » 27.03.2013, 12:07

amanita, es ist sonnenklar, was du gemeint hast, aber aus den erinnerungen, die hinter glas verbannt sind, kann nichts neues mehr entstehen. man hat sie dort eingeschlossen und betrachtet sie wie etwas wertvolles, an das nicht gerührt wird.
auf der anderen seite ist es ja durchaus so, dass man erinnerungen "lebendig" halten und etwas daraus machen kann.
darum ging es mir- hinter glas /was ich an sich gut verwortet finde/ und kann nicht wurzeln ist doppelt.

scarlett

Beitragvon scarlett » 27.03.2013, 12:08

der tag stellt im gesamten kontext für mich eben das leben dar- die gegenposition zu deinem li.
den tag in der hand- ist natürlich wesentlich besser als das leben in der hand.
Zuletzt geändert von scarlett am 27.03.2013, 12:09, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitragvon Amanita » 27.03.2013, 12:09

ich hatte zuerst "nicht mehr ins leben wurzeln dürfen" - dann das Glas rausschmeißen? Wäre das eine Lösung?

scarlett

Beitragvon scarlett » 27.03.2013, 12:12

die zeit wird grau
wenn die erinnerungen
nicht mehr ins leben wurzeln

ich schau aus dem fenster
tief unten tragen die jungen
den tag in der hand
während ich
auf morgen warte

tötet mich
das ticken der uhr


SO lese ich es.

das "dürfen" jetzt hineinzunehmen macht für mich keinen sinn, amanita.

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Beitragvon Amanita » 27.03.2013, 12:18

Das war mir klar. Aber so meine/ will ich es eben nicht. Ich brauche unbedingt einen Hinweis darauf, dass so nicht das Schicksal ist. Hier klingt es so (ähnlich wie): Ja, so ist das Altern eben, da gibt es nur noch Erinnerungen usw. usw.


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