Wir, denen ...

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 30.08.2012, 14:52

Fassung III

Wir, denen allzu früh die Milde fehlte
Wir, die wir spürten, dass uns keiner
Zu sehen wünschte, und selbst ein kleiner
Gruß nur Pflicht, wie man uns nicht verhehlte

Wir, die letzten, die man niemals wählte
Aus freien Stücken jedenfalls, denn unsereiner
Gehörte nicht dazu. Unmerklich und mit feiner
Geste verschloss das Tor der, der die Geladenen zählte

Wir trugen es zunächst mit Scham
Wir, deren Sehnsucht rasch hinauffliegt
In jedes lächelnde Gesicht

Und als man uns den Schleier nahm
Sahn wir, dass es im Weiten liegt
Das was wir suchten: das gnädge Licht
---------------



Stimme der armen Klagegeister, die sich u.a. (auch) auf Foren herumtreiben)


Wir, denen es an Picknickkörben fehlte,
an Wandertagen und an Jahrgangsfesten,
denen oft ein guter Geist verhehlte,
wie oft und wer sie hielt zum Besten.

Wir, die wir wenig reisten, zunächst, weil
meist das fremde Land so fremde Worte fand,
die uns zu tauben Hörern machten. War nicht das Band
der Heimatsprache unser letztes Rettungsseil?


Wir, deren Sehnsucht rasch hinauffliegt,
in jedes lächelnde Gesicht. Und ... drum
neigen wir das Haupt: Wir sind besiegt.

Und unsere Scham verleugnet jenen Hunger, um
nicht zu zeigen, wie wenig wir -von allem- abgekriegt.
Von jenem Stoff, der uns selten stark macht, wohl aber stumm.


ursprüngliche Fassung:

Wir, denen es an .... fehlt, an Wanderungen,
an Picknickkörben und an Lampions,
an Familienfeiern ohne Lamento
an Crescendo und an Bravissimo,

Wir, die wir wenig reisten, zunächst aus Mangel
an Gelegenheiten, an Fantasie, an Fernweh
und das hieß nicht, dass sie uns mit Weh erfüllen,
diese Orte, dort, fort, wir immer fort.

Wir, deren Sehnsucht leicht hinauffliegt,
in jedes lächelnde Gesicht. Deshalb
müssen wir die Augen niederschlagen

aus Scham verstecken, jenen Hunger, der
allzu deutlich zeigt, wie wenig wir von dem
bekamen, was alle Mägen füllt: die zärtliche Begrüßung

unter Freunden -
sind wir allein, noch mehr
als blieben wir mit uns allein: verschlossen.
Zuletzt geändert von Renée Lomris am 01.09.2012, 17:38, insgesamt 3-mal geändert.

Mucki
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Beitragvon Mucki » 01.09.2012, 21:15

Liebe Renée,

die dritte Fassung, ja, die gefällt mir.
Ehrlich gesagt habe ich die Zwischenversion (mit den geisterhaften Huschen ...) überhaupt nicht verstanden.

Liebe Grüße
Gabi

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nera
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Beitragvon nera » 01.09.2012, 22:01

:)

Gerda

Beitragvon Gerda » 03.09.2012, 03:55

Hm,ich will ganz offen sein, liebe Renate,

ch komme mir mit meiner kritk "abgebügelt vor, in dem du eine dritte Version einstelltst ... die für mich ein drittes gedicht darstellt.

Liebe Grüße
Gerda

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 03.09.2012, 08:48

liebe Gerda,
das darfst du bitte nicht so sehen. Ich habe im Gegenteil versucht, deiner Kritik gerecht zu werden, indem ich näher an die Sonnettform geraten bin. Ich fand deine Kritik sehr hilfreich.

liebe Grüße
Renate

Gerda

Beitragvon Gerda » 03.09.2012, 09:23

Liebe Renate,

ungeachtet dessen, dass ich die Version III noch näher betrachten werde, ich habe sie erst zweimal gelsen, hatte ich dir nicht geraten näher an dieSonettform zu gehen, ganz im Gegenteil. ;-)
Gerda hat geschrieben:Ich bin zu der Ansicht gelangt: du solltest auf keinen Fall, den Inhalt der Form unterordnen.
Jetzt nachdem ich mal genau geschaut habe, möchte ich dir doch raten, weg von der Form. Manches Bild gerät in Schieflage, durch die "angepasste" Satzstellung.


Das heißt natürlich nicht, dass du es nicht anders entscheidest, aber ich hätte mir zwei, drei Sätze gewünscht, so wusste ich ja nicht einmal, ob du es gelesen hast. Denn bei einem anderen Text
„Die Gesetze“
viewtopic.php?p=185247#p185247
hast du mich offensichtlich überlesen und bist nur auf die mir nachfolgenden Kommentare eingegangen .
Vielleicht kannst du dir vorstellen, dass es für mich frustrierend ist, mich zu fühlen, als würdest du das, was ich bei dir kommentiere nicht wahrnehmen.
Ich spreche das auch nur deshalb so ausführlich an, weil ich nicht möchte, dass ich den Frust für mich behalte und dann irgenwann überreagiere. ;-) Ich hoffe, dass du das verstehst. Mein Temperament kennst du inzwischen ja wohl auch ein wenig.



Diese Zeile in der Version 3 erschließt sich mir überhaupt nicht. Ich bekomme keinen logischen Bezug hin.
Geste verschloss das Tor der, der die Geladenen zählte


Liebe Grüße
Gerda

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 03.09.2012, 10:17

Gerda hat geschrieben:Liebe Renate,

ich beziehe mich mit meiner Rückmeldung auf die zweite Version.



Inhaltlich gefällt mir, wie du einen Mangel der in Jugend herrschte, liebevoll und auch bildreich treffend beschreibst. Auch mir fehlte es ebenso an Reisen, z. B. nach Italien, besonders dann, wenn nach den großen Sommerferien, alle Klassenkameradinnen in der Sonne gewesen zu sein schienen und nur ich mit meinen Eltern und Geschwistern im "kalten" Westerwald, im Haus meiner Großmutter "Ferien gemacht" hatte. Du siehst also, dass ich es gut nachvollziehen kann, womit du u. a. den Mangel verknüpfst.


Doch das Lyrich in deinem Text hat noch tiefergehenden Mangel ertragen müssen, und ich finde, du hast gut gewählt, gerade anhand der Sprache aufzuzeigen, wie sie spalten, trennen und verbinden kann. Ja, und dass du den Bogen zum "Stoff" geschlagen hast finde ich besonders schön. Man kann wirklich sich sagen, dass eine Generation, die Mangel erlitten hat, aus einem besonderen Soff gemacht sein muss, wenn sie das Erlebte verdauen kann und später auf den gemachten Erfahrungen aufbauen kann.

1. Danke für diese Erläuterungen!

§ - du schreibst: Formal war ich zunächst hin und hergerissen.

Dies drückt schon eine Distanz zu meinem(un) fertigen Sonnett aus. die ich sehr berechtigt finde. Danke jedenfalls für das darin enthaltene Kompliment.

Gerne!
du schreibst folgendes -
(Ich habe eine Reihe von Sonetten geschrieben, einen Bruchteil nur halte ich für gelungen).

2. Dieses "zunächst" (war hin- und herausrissen) , das mir schmeichelt, wie ich zugeben muss.
3. Dann schließt du mit der eigentlichen Bemerkung an, die mich dazu inspirierte, den Versuch einer Annäherung an die Form doch noch zu wagen:

Einerseits, warum solltest du nicht die Sonett-Regeln brechen, andererseits, könntest du es vielleicht doch der Form nach "korrekt" schreiben, oder dich nur in der letzen Strophe frei entfalten ... Aber um die Regeln brechen zu können sollte man sie zunächst beherrschen ... Entschuldige ... und das, so erscheint es mir, kannst du (noch) nicht.


Diesen Rat änderst du dann ab:

Es ist schwierig dir zu raten. Ich habe mal ein klein wenig ergänzt oder auf fehlendes Metrum hingewiesen in dem ich den betreffenden Text im Zitat gegilbt habe.
Ich bin zu der Ansicht gelangt: du solltest auf keinen Fall, den Inhalt der Form unterordnen.
Jetzt nachdem ich mal genau geschaut habe, möchte ich dir doch raten, weg von der Form. Manches Bild gerät in Schieflage, durch die "angepasste" Satzstellung.


Ich habe mich nun doch entschieden, an der Form zu arbeiten ... und das aufgrund deiner Anmerkungen!

Nochmals herzlichen Dank

lG
Renate

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 03.09.2012, 10:47

Hallo Renée,

mir fällt immer wieder auf, dass deine Gedichte für mich mit jeder Bearbeitung verlieren, trockener werden. Sie scheinen mir von ihrer lyrische Eigenheit und Sprache zu verlieren, sich zurückzunehmen, den Wurf abzuschwächen und das, was aufhorchen lässt. Hier kann ich zwar auch deinen Erklärungen zur Intention (wieder :)) nicht ganz folgen, aber wenn ich mir nur die drei Versionen ansehe, dann finde ich immer weniger von dem, was mich an der ersten Version "gehalten" hat, und was ich meinte zu verstehen.

Für mein Lesen wäre mir wohl auch wichtig einen kleinen Selbsteingeständnisbruch aufzunehmen, durch doppelte Leseweisen z.B., dass man es auch selbst ist, der wirkt. Schön finde ich, dass der Wir-Gedanke so selbstverständlich scheint, so leicht aus dem Mund fliegt, aber nicht gesehen wird, dass darin auch eine Zugehörigkeit, eine Abschottung und Behauptung liegt.
Meine Version (wieder nur als Anreiz und Reibungsfläche .-) ... vielleicht zeigen meine kleinen Änderungen auch, dass und wo ich entgegen deiner Intention lese und wo es für mich sehr stimmig und gelungen scheint) ginge wohl in diese Richtung:

► Text zeigen


Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 03.09.2012, 14:03

Ja, Flora, das ist auch mir schon aufgefallen, dass das, was Lyrik bei mir zu sein scheint (wenn ich überhaupt welche schreibe) immer weniger reizloser wird - oder empfunden wird - je länger ich daran arbeite.

Das kann natürlich heißen, dass ich auf gewisse Art nicht am Text arbeiten KANN. Oder WILL. Dass im aller undurchsichtigsten Fall die Textveränderung bei mir auf Widerstand stößt. Da ich glaube, sprachlich zumindest soweit über Kompetenz zu verfügen, dass ich mit Sprache und Inhalt umgehen kann, muss noch etwas anderes mitspielen.

Ich schreibe nicht, um zu gefallen. Ich schreibe nicht, um eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Ich habe bei obigem Text nur mitgespielt, geübt, Fingerfertigkeiten angewandt. Mir gefällt von den drei Texten der letzte am besten, obwohl er etwas störend autobiographisches hat. Aber vielleicht gerade diese letzte störende Nuance gefällt mir, weil sie mit Realismus zu tun hat.

Ich muss allerdings sagen, dass mir deine Bearbeitung sehr gut gefällt, mit deiner Erlaubnis übernehme ich sie ....

Allerdings mit folgenden Abänderungen:






Wir, denen allzu früh die Milde fehlte
Wir, die wir spürten, dass uns keiner
Zu sehen wünschte, und selbst ein kleiner
Gruß nur Pflicht, was man uns nicht verhehlte

Uns, den letzten, die man niemals wählte.
ein ferner Blick, der sagte, irgendeiner
mag sich bemühn, und unsereiner
wusste, dass unsere Zahl nicht zählte

Wir, deren Sehnsucht leicht hinauffliegt,
in jedes lächelnde Gesicht. Müssen wir deshalb
die Augen niederschlagen?

aus Scham verstecken, jenen
langgehegten Hunger
nach zärtlicher Begrüßung?

Sind wir, unter Freunden -
nicht mehr allein
als blieben wir mit uns, in uns: verschlossen.

ich konnte nur diese "Tangenten" einbauen ...

Es ist inzwischen so, dass ich nur diese eine Richtung sehe. Am trockenen Ton, an dem allmählichen Austrocknen kann ich nichts ändern ....

Großen Dank für deinen Kommentar
Renée

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 04.09.2012, 08:47

Hallo Renée,

natürlich, nimm dir, was für dich passend scheint. Ich würde dir aber vor allem dazu raten die erste Strophe aus der ersten Fassung wieder zu nehmen. Sie ist der (Lebens-)Saft, ;-) darin sieht und hört und fühlt man das Fehlen durch die Bilder, anstatt es nur erklärt zu bekommen.
Die Fragezeichen in deiner letzten Fassung verändern für mich den Ton noch einmal sehr, es bekommt leicht etwas Forderndes und Anklagendes dadurch, was ich schwierig finde.
Mir gefällt von den drei Texten der letzte am besten, obwohl er etwas störend autobiographisches hat. Aber vielleicht gerade diese letzte störende Nuance gefällt mir, weil sie mit Realismus zu tun hat.
Das weiß der Leser aber nicht, weil er diesen autobiographischen Bezugspunkt gar nicht hat und daher auch diese Nuance weder als störend empfindet, noch sie fürs Gedicht nutzen kann?

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Gerda

Beitragvon Gerda » 04.09.2012, 11:17

Liebe Renate,

das, was Flora schreibt,
Flora hat geschrieben:natürlich, nimm dir, was für dich passend scheint. Ich würde dir aber vor allem dazu raten die erste Strophe aus der ersten Fassung wieder zu nehmen. Sie ist der (Lebens-)Saft, ;-) darin sieht und hört und fühlt man das Fehlen durch die Bilder, anstatt es nur erklärt zu bekommen.
Flora

kann ich bestätigen. Im Vergleich zur ersten Fassung sind die weiteren zu abstrakt.
Die erste ist lebendig! (Ich habe jetz auch mal verglichen).


Liebe Grüße
Gerda


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