Konjugation II

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 17.12.2010, 11:10

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Max

Beitragvon Max » 19.12.2010, 13:48

Liebe Xanthi,

ich meine gerade, etwas Ähnliches schon einmal von Dir gelesen zu haben, aber ich finde es gerade nicht.

Der Text ist sehr subjektiv, sehr intim, ein Gespräch zwischen einem "Ich" und einem "Du", bei dem der Leser das Du nur ersetzt, weil dieses gegangen zu sein scheint. Daraus ergibt sich auch der Konflikt (für den Leser). Einerseits bin ich als Zuschauender interessiert, bereit in die Rolle des Du zu schlüpfen, weil die Thematik das Ich so sehr zu bewegen scheint. Auf der anderen Seite fühle ich mich in dem Dschungel aus Anedeutungen auch verloren - denn was nun geschah ist weder bekannt noch so archetypisch, dass man es als bekiannt voraussetzen könnte und so bleibe ich ein wenig verloren zurück, interessiert und doch allein gelassen wie das lyrische Ich.

Liebe Grüße
Max

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 19.12.2010, 16:24

Hallo Max,

möglicherweise stecke ich bereits in einer Schublade :blink1:
anders kann ich mir deine Leseart gar nicht erklären. Es geht um Sprache. Es geht in keiner Weise um eine irgendwie persönliche Beziehung, schon gar nicht zu einem Du. Das Subjektive unterstreiche ich gerne, ich glaube ich kann (und will) nicht anders als subjektiv schreiben, aber intim? Intim ist das alles nicht.
Vielen Dank für Deine sehr interessante Reaktion, die mich wiederum zurücklässt, nicht so sehr verloren, aber sehr verwundert.
(ich schreibe gerne später etwas zu Entstehung, Intention usw. des Gedichtes, aber erst hoffe ich auf noch weitere Rückmeldungen, die ich damit einschränken würde)
Staunende Grüße :-)
Xanthi

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 19.12.2010, 16:33

Hallo Xanthi,

Es geht um Sprache. Es geht in keiner Weise um eine irgendwie persönliche Beziehung, schon gar nicht zu einem Du.
Jetzt staune ich aber auch, zumindest über das "in keiner Weise".
Ich schrieb dir Worte
...
Ich schrieb von einem wir
an das ich gern glauben würde

Klang für mich doch auch sehr nach einer persönlichen Beziehung zu einem "Du"?

Wundergrüße :)
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 19.12.2010, 17:18

vermutlich ist es sehr schwer von dieser konkrten beziehungsebene abzusehen und alles etwas offener zu lesen. ist auch in ordnung, wenn das nicht gelingt. dann ist es eben nur ein gedicht zum staunen, eigentlich eines in dem genau das geschieht, was es beschreibt.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 19.12.2010, 19:40

Hallo Xanthi,

für mich ist es tatsächlich dieses "Du", das mir, wenn ich es deiner Intention nach lesen soll, problematisch erscheint und in dem Zug dann auch das "Wir". Schreibst du denn an oder für einen fiktiven, anonymen Leser?
Ich fühle mich von diesem "Du" nicht von dir als Autorin angesprochen und wenn ich mich mit diesem "Du" innerhalb des Gedichtes identifiziere, wäre es mir (als dieses Du) unangenehm, aber auch unglaubwürdig, wenn da nicht eine persönliche Beziehung zum Verfasser der Zeilen bestehen würde.

Käme denn das hier in etwa deiner Intention nah, oder habe ich etwas ganz falsch verstanden.

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Liebe Grüße
Flora
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Quoth
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Beitragvon Quoth » 19.12.2010, 22:04

Find ich gut, die zweite Person herauszunehmen. Dadurch wird das Missverstehen als Beziehungsaufarbeitung unmöglich gemacht, die Konjugation ist dann zwar nicht mehr komplett, aber dies Gerüst mit ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie ist ja auch nur eine grammatische Konvention, und ein Titel lässt sich leicht ändern.
Der Bezug von "er, sie, es" ist mir unklar. Ist "er" der Zwang, "sie" die Sucht und "es" das "das" der ersten Zeile?
Bei der Sache mit dem Rest verknotet sich die Logik: Bei einer Teilung ganzer Zahlen, bei der Brüche nicht zugelassen sein sollen, ist ja gerade der Rest unteilbar, nicht aber das, was über ihn hinausgeht.
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Max

Beitragvon Max » 19.12.2010, 22:07

Ich finde es sehr spannend, dass ich mich so irren konnte .. vielleicht ist es naiv von mir zu glauben, dass dort, wo ein "Du" steht tasächlich auch ein irgendwie geartetes Du gemeint ist ..

Liebe Grüße
Max

Last

Beitragvon Last » 20.12.2010, 10:09

Natürlich geht es hier um Sprache, oder viel mehr um eine bestimmte Sichtweise auf die Sprache: eine Sprache, die ein Eigenleben entwickelt, über die sechs Personen hinaus, die Subjekte oder Mengen von Subjekten sind, die – sowie für sich selbst als auch vor sich selbst – nicht dazu in der Lage sind, ihre persönlichen Eigenschaften von der Sprache zu trennen. Ein Individuum ist kein Individuum sondern Beteiligter an einer Sprache, oder eben an einer Kultur, in der eine Sache verstehen bedeutet: sie in Worte fassen zu können. Dieser Prozess wird hier (durchaus symbolisch!) als Konjugation bezeichnet (= „paarweise zusammenbinden“).

Der sprachliche Urtypus (nach Wilhelm von Humboldt) besteht eigentlich nur aus Ich, Du, Er/Sie/Es: eine grammatische Konstruktion, die es in jeder Sprache der Welt gibt: ohne diese wäre Sprache gar nicht vorstellbar. Das existential-philosophisch Faszinierende daran ist, dass sich die Welt des Individuums nicht nur in Ich und Nicht-Ich teilt, sondern dass es gegenüber jedem Ich ein Subjekt vom gleichen Rang, ein Du, gibt.

So funktioniert auch die Konjugation. Nicht eine konkrete Beziehung ist gemeint, sondern der abstrakte sprachliche Prozess des in Beziehung Setzens. Angefangen mit dem ersten Vers: „Ich schrieb mir das zu“ – hier wird quasi definiert, was ein Ich ist: eine Menge von Aussagen, die es sich zuschreibt („Zwang alles erklären zu müssen“, noch deutlicher: „aber die Worte blieben / zogen neue an / verdichteten sich zu Behauptungen“).

Die Verbindung des Sprechers zu den sechs grammatischen Personen besteht immer nur im Raum der Sprache und ist außerhalb dessen undenkbar. Erst am Ende des Sprachspiels, steht wirklich ein Individuum: „und ließen mich sprachlos zurück“. Dieses Individuum ist allerdings einsam, auf eine unüberwindbare, weil logisch beweisbare, Art und Weise: bei der Konjugation handelt es sich um eine Entfremdung, oder viel eher um den Versuch diese existentielle Einsamkeit kurzzeitig zu überwinden. Solange gesprochen wird hat das Ich eine Existenz inne, auch wenn es nur eine Existenz ist, die aus sprachlichen Äußerungen in einem sprachlichen Raum stattfindet und deshalb mehr Sprache ist, als ein wirkliches Ich. Vielleicht wäre statt Entfremdung der Begriff Versprachlichung angebracht?
Zuletzt geändert von Last am 20.12.2010, 10:17, insgesamt 4-mal geändert.

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 20.12.2010, 10:13

Last: ich bin zutiefst beeindruckt. Ganz ehrlich. Vielen Dank. Und bleibe sprachlos zurück...

Last

Beitragvon Last » 20.12.2010, 10:32

Xanthippe hat geschrieben:Last: ich bin zutiefst beeindruckt. Ganz ehrlich. Vielen Dank. Und bleibe sprachlos zurück...


Ich denke, dass die Behauptung eines Ichs, die letztendlich darin besteht, eine (offene) Menge von Aussagen willkürlich zusammenzustellen, ich denke, dass diese Behauptung die große Lebenslüge unserer Zeit ist. Einer Zeit, in der sich jeder selbst der Nächste sein soll, in der jeder "einfach nur er selbst sein" soll. Eine Forderung nach Individualität, die wohl bis auf das berühmte cogito ergo sum (ich denke, also bin ich) zurückgeht und die im System des modernen Denkens wohl die Behauptung ersten Ranges ist, die wichtigste Voraussetzung.

Ich denke, dass ein auf diese Weise festgelegtes Ich eine schöne Lüge ist, ähnlich wie, vor nicht allzu langer Zeit, Gott. Auch bei ihm stellte sich heraus, dass er immer so war, wie man es gerade gerne hätte und es beinahe keine festen Eigenschaften gibt, die er außerhalb einer bestimmten (Rede)Situation inne hatte. So biegen wir uns selbst zurecht, geben uns so, wie es gerade angemessen ist und behaupten dann, dieses Verhalten ginge von uns aus und nicht von der Situation.

Allerdings gibt es die Möglichkeit diese Lüge zu erkennen und die liegt in einer Beobachtung der Sprache. Schaue hin, was du wie und wann sagst, und du wirst erkennen, dass die Menge von Behauptungen, die dich in der einen Situation konstituiert, sich von der Menge von Behauptungen in einer anderen Situation unterscheidet. Das "Ich" ist eine sorachliche Funktion und in einer anderen Perspektive vielleicht eine psychologische Funktion: aber im Wesentlichen eine Funktion, eine Abbildung von einer Menge von Behauptungen auf eine andere in einem festgelegten Raum - das Ich ist nicht die Menge von Behauptungen, sondern die Funktion, die es verbindet.

Ich danke dir, dass du auf eine Art und Weise schreibst, die das in so eindrücklicher Form darstellt! Oder es mir wenigstens ermöglicht, meine Gedanken daran zu manifestieren.

Last

Beitragvon Last » 20.12.2010, 12:38

Gibt es eigentlich auch ein "Konjugation I"?

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 21.12.2010, 08:42

Lieber Last,

ich wiederum danke Dir für die Rückmeldung eines Leser, der meine Gedichte so liest, wie eben Du sie liest. Du bringst vieles sehr gut auf den Punkt, was ich so, auf dieser sehr klaren Aussageebene, nicht sagen könnte. Und so entsteht eine neue "Konjugation", aus einem Gedicht entstehen sehr eigene Gedanken. Und das ist es worum es mir geht beim Schreiben. Es geht mir ja nicht um Eindeutigkeit. Es geht vielmehr um die Annäherung an einen im Grunde unsagbaren Kern. Und es ist eine Ermutigung für mich, wenn jemand die Energie spürt, die in bestimmten Sätzen, Wendungen steckt.
"Wenn wir also etwas über die Unbestechlichkeit, den Triumph der Sprache erfahren wollen, lesen wir ein Gedicht. Das Gedicht ist uns selbst auf der Spur, es zeigt uns Wege, die wir verlassen haben, die wir vergessen haben, die wir finden oder wiederfinden üssen, wenn wir auf dem Weg zu uns selbst sind. Darum sind Gedichte unverzichtbar, darum gehören sie zu unserem Existenzminimun." (Elisabeth Borchers)
Du hast mir mit Deinen Kommentaren, Deinem sensiblen Verständnis eine große Freude gemacht.
(und ja: es gibt Konjugation I und andere Gedichte aus diesem Zyklus, der auf ein Gedicht von Elke Erb zurückgeht, "in den Hexenkesseln der Verwandtschaft", das ist die Quelle)

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 21.12.2010, 09:40

Hallo Xanthi,

freut mich für dich, dass Last etwas von diesem Kern getroffen hat, er das Gedicht auf eine für dich gute Weise versteht, das ist immer ein schönes und bestärkendes Gefühl.
Ich fand seine Ausführungen spannend. Mir geht es jedoch auch nach Lasts Kommentaren so, dass mir dieses "Du" im Weg steht, diese Konstruktion für mich nicht aufgeht, ich auch vielen Schlussfolgerungen einfach nicht folgen kann. Wenn im Gedicht dieses "so ist die Welt für alle Menschen" angelegt sein soll, und nicht ein zeigen von "so kann die Welt für einen Menschen sein", verschließt es sich mir noch stärker.
Schade finde ich, dass du die restlichen Kommentare scheinbar vom Tisch gewischt hast?

Liebe Grüße
Flora
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