Xanthippe hat geschrieben:Last: ich bin zutiefst beeindruckt. Ganz ehrlich. Vielen Dank. Und bleibe sprachlos zurück...
Ich denke, dass die Behauptung eines Ichs, die letztendlich darin besteht, eine (offene) Menge von Aussagen willkürlich zusammenzustellen, ich denke, dass diese Behauptung die große Lebenslüge unserer Zeit ist. Einer Zeit, in der sich jeder selbst der Nächste sein soll, in der jeder "einfach nur er selbst sein" soll. Eine Forderung nach Individualität, die wohl bis auf das berühmte
cogito ergo sum (ich denke, also bin ich) zurückgeht und die im System des modernen Denkens wohl die Behauptung ersten Ranges ist, die wichtigste Voraussetzung.
Ich denke, dass ein auf diese Weise festgelegtes Ich eine schöne Lüge ist, ähnlich wie, vor nicht allzu langer Zeit, Gott. Auch bei ihm stellte sich heraus, dass er immer so war, wie man es gerade gerne hätte und es beinahe keine festen Eigenschaften gibt, die er außerhalb einer bestimmten (Rede)Situation inne hatte. So biegen wir uns selbst zurecht, geben uns so, wie es gerade angemessen ist und behaupten dann, dieses Verhalten ginge von uns aus und nicht von der Situation.
Allerdings gibt es die Möglichkeit diese Lüge zu erkennen und die liegt in einer Beobachtung der Sprache. Schaue hin, was du wie und wann sagst, und du wirst erkennen, dass die Menge von Behauptungen, die dich in der einen Situation konstituiert, sich von der Menge von Behauptungen in einer anderen Situation unterscheidet. Das "Ich" ist eine sorachliche Funktion und in einer anderen Perspektive vielleicht eine psychologische Funktion: aber im Wesentlichen eine Funktion, eine Abbildung von einer Menge von Behauptungen auf eine andere in einem festgelegten Raum - das Ich ist nicht die Menge von Behauptungen, sondern die Funktion, die es verbindet.
Ich danke dir, dass du auf eine Art und Weise schreibst, die das in so eindrücklicher Form darstellt! Oder es mir wenigstens ermöglicht, meine Gedanken daran zu manifestieren.