lisa

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Benutzeravatar
Thomas Milser
Beiträge: 6069
Registriert: 14.05.2006
Geschlecht:

Beitragvon Thomas Milser » 20.09.2010, 01:49

lisa

cafe carina, wien, im mai


zuerst
saß da dieses arschloch
der hocker mit der jacke
sei besetzt sagte er

und ich ging
woanders hin

dann kam sie
sagte drrrei neunzisch
und die nacht war
blass und samtbraun

berühre ihr kleines muttermal
über der oberlippe
atme ihren flaum
ahne ihre brust

schenke ihr
19 oder 21 weiße lilien
und knie nieder vor ihr
um mein geld vom boden aufzuheben

sie lacht mich an und aus
ich grinse blöd
und bestell
direkt noch eins

dann ist
der hocker mit dem arschloch
plötzlich frei
für mich

die band spielt
völligen mist zusammen

aber sie
sie lächelt
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

Max

Beitragvon Max » 20.09.2010, 18:05

Hi Tom,

ich glaube, das ist eine ganz große Stärke: Mit wenigen Linien zu skizzieren, was war, nicht was sein könnte, nichts Metaphorisches, weil das Leben nicht Metaphorisch ist und wenn, dann nur, weil wir es metaphorisch lesen.
Ich mag die Worte die Du findest, nicht lang und doch eine ganze Geschichte.
Sehr gute Text.
Liebe Grüße
Max

Benutzeravatar
Pjotr
Beiträge: 6845
Registriert: 21.05.2006

Beitragvon Pjotr » 20.09.2010, 18:30

Ich kommentiere diesen Text nicht, weil vorhersehbar ist, wie ich ihn kommentieren werde.


P.

Max

Beitragvon Max » 20.09.2010, 20:01

Lach, cool, P., hast Du darauf ein Patent? Sonst könnte ich mir demnächst ne Menge Arbeit sparen ;-)

Liebe Grüße
Max

Benutzeravatar
leonie
Beiträge: 8896
Registriert: 18.04.2006
Geschlecht:

Beitragvon leonie » 20.09.2010, 20:26

Ich nehm den Satz auch gerne. Hm, vielleicht könnten wir sogar das Forum schließen?

Schöner Text, Tom! Man sieht den Film und es kribbelt.

Liebe Grüße

leonie

Nifl
Beiträge: 3931
Registriert: 28.07.2006
Geschlecht:

Beitragvon Nifl » 20.09.2010, 21:27

kniee?
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

scarlett

Beitragvon scarlett » 20.09.2010, 21:30

dann ist
der hocker mit dem arschloch
wieder frei

Also .... das ist ja gelungen!
Ich krieg mich nimmer ein ... :-)

scarlett

Benutzeravatar
Thomas Milser
Beiträge: 6069
Registriert: 14.05.2006
Geschlecht:

Beitragvon Thomas Milser » 21.09.2010, 16:59

Interessant: An diesem Text habe ich ne ganze Weile gefeilt, und mir selbst kommt er immer noch ein bisschen unrund bzw. arhythmisch vor. Kann mich aber auch täuschen, weil er ausnahmsweise mal nicht 'im Fluss' entstanden ist, und mir der Runterschreib(hol)prozess fehlt :o)

Nifl: ich kni-e vor dir nieder :o)

Pjotr: ... (das ist das Bon-Mot des Jahres!)

Alle: Danke für die Löbe.

Töm
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

Quoth
Beiträge: 1853
Registriert: 15.04.2010
Geschlecht:

Beitragvon Quoth » 22.09.2010, 10:26

Hallo, Thomas,
auch Du hast hier was erzählt (wie Louisa in ihrem Thronfolgertext), also ein kleines "Drehbuch" geschrieben. Nicht ohne Grund schreibt Leonie: "Man sieht den Film ..." Darf ich mich mal als Script-Girl betätigen? Das Scriptgirl hat (neben vielem anderen) die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass zwischen Einstellungen das Setting nicht oder nur drehbuchgemäß verändert wird. Findet also eine Szene in einem Café mit Grünpflanzen statt, darf sie nicht plötzlich im selben Café ohne Grünpflanzen enden. Okay?
Du schreibst:
zuerst
saß da dieses arschloch
der hocker mit der jacke
sei besetzt sagte er

Das ergibt diese Situation: Das Arschloch sitzt an einem Tisch mit zwei Stühlen. Das lyrIch möchte sich auf den freien Stuhl setzen, über dessen Lehne die Jacke des Arschlochs hängt. Aber das Arschloch ist nicht bereit, die Jacke herunter zu nehmen und behauptet fälschlicher Weise, dieser Stuhl sei besetzt.
Zum Ende hin schreibst Du:
dann ist
der hocker mit dem arschloch
wieder frei
für mich

Auf einmal hat das Arschloch selber auf dem Hocker gesessen! Hier muss das Scriptgirl protestieren: Das Arschloch ist gegangen und hat nur die Jacke von dem die ganze Zeit freien Hocker herunter genommen.

Eine Frage, die mir (jetzt bin ich wieder ich) der Text (den ich übrigens gern gelesen habe) nicht beantwortet, ist: Warum ist das Besetzen bzw. Besitzen des Hockers überhaupt so wichtig? Das lyrIch hat die hübsche Bedienung doch auch ohne Hockerbesitz locker und offenbar sogar erfolgreich anbeten können. Hat es an der Bar stehen müssen? Betet es sich im Sitzen besser an? Z.B. weil man zur Bedienung dann aufblicken kann?
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Benutzeravatar
leonie
Beiträge: 8896
Registriert: 18.04.2006
Geschlecht:

Beitragvon leonie » 22.09.2010, 10:29

Hallo Quoth, ich vermute, dass der oder die Hocker an der Theke stehen und dort wäre man der Anzubetenden ein wenig näher als an einem gewöhnlichen Tisch.

Grüßchen

leo

Benutzeravatar
Thomas Milser
Beiträge: 6069
Registriert: 14.05.2006
Geschlecht:

Beitragvon Thomas Milser » 23.09.2010, 08:06

Hallo Scriptgirl :o)

Leo hats erfasst: Hocker stehen immer an Theken, nie an Tischen, außer an Stehtischen, aber die müssten dann ja korrekterweise Hocktische heißen, sobald Hocker dran stehen.

Hier war die Situation ganz einfach und überschaubar:
An besagter Theke saß ebenjenes Arschloch auf einem Hocker, auf dem freien Hocher neben ihm saß seine Jacke.

Das Be-Sitzen eines Hockers ist für mich die zentrale Voraussetzung für einen Kneipenbesuch. Zum Einen sitzt man direkt an der Quelle, kann der Bedienung beim Bedienen zusehen, und hat obendrein noch den besten da erhöhten Blick auf die Bühne. Zum Anderen wechselt hier ständig die Besatzung, da ja auch Nichthockende herantreten zum Bestellen. Wir befinden uns quasi mittendrin statt nur dabei.

Nur ganz selten findet man mich an Kneipentischen, und das dann meist zwecks verabredeter Geselligkeit (Billardrunde, Teambesprechung, Sparclubauszahlung usw.). Schreiben tu ich meist an besagten Theken.
Das geht sogar soweit, dass ich - im Falle einer Veranstaltung wie im obigen Text zum Bleistift - weit vor der Zeit eintreffe, um mir so einen hölzernen Gesellen zu sichern. Ich komme aber nicht schon morgens vor dem Frühstück und lege ein Handtuch drüber; soweit gehts dann doch nicht.

Und in dem hier vorliegenden Fall war ich trotz zeitigen Erscheinens und in Anbetrracht der sehr geringen Hockerzahl
an einen Tisch verbannt, was mich arg fuchste. Vielleicht ist der Text deswegen auch noch etwas unrund. Diese Erläuterung da mit hinein zu schreiben verbesserte die Sache allerdings wahrscheinlich nicht, weshalb ich hiermit das Scriptgirl um Korrektur ihrer Wahrnehmung bitte :o)

Tom
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

Benutzeravatar
Pjotr
Beiträge: 6845
Registriert: 21.05.2006

Beitragvon Pjotr » 23.09.2010, 09:27

Guten Morgen,

ich schreibe jetzt etwas unvorhersehbares:

Das Scriptgirl meint vermutlich ein anderes Problem, eins, das ich nun auch sehe:

Es gibt zwei Hocker. Eins mit einem Arschloch und eins mit einer Jacke. Das Ich braucht nur den Hocker mit der Jacke, nicht den mit dem Arschloch.

Am Ende ist für das Ich aber der Hocker des Arschlochs frei, dabei wollte das Ich nur den anderen Hocker, nämlich den mit der Jacke.

Vielleicht wäre es so besser:

dann ist
der hocker am arschloch
wieder frei
für mich

Nein, das hilft auch nicht weiter.

Mal am besten einen Mathematik-Professor fragen.


Salute

Pjotr

Benutzeravatar
Thomas Milser
Beiträge: 6069
Registriert: 14.05.2006
Geschlecht:

Beitragvon Thomas Milser » 23.09.2010, 10:02

Es waren ja nachher beide Hocker frei, weil Arschloch samt Jacke abgezogen war. Daran hatte ich ja erst bemerkt, dass der Hocker gar nicht für eine weitere Person reserviert war.

Mir gefiel das (selbstkritische) Wortspiel, was Scarlett schon bemerkte, dass für MICH der Hocker des ARSCHLOCHS frei wurde, ich mich quasi zum Arschlochnachfolger qualifiziert hatte, da ich mich bei meiner Angebeteten durch das Fallenlassen des Geldes hinreichend zerblödet und durch den Glauben, ein alter fetter Sack könne so ein junges zartes Ding mit bloßen Blicken erorbern, nicht minder überschätzt hatte.

Jessas, so wenig Text, und soviel Erklärung. Da stimmt doch was nicht ... :o)
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

Benutzeravatar
Pjotr
Beiträge: 6845
Registriert: 21.05.2006

Beitragvon Pjotr » 23.09.2010, 10:17

Ich glaube, das Problem liegt in dem Wort "wieder". Dieses "wieder" kann sich logischerweise nur auf den Jackenhocker beziehen, weil zu Beginn das Ich nur den Jackenhocker wollte.

Vorschläge:

dann ist
der hocker mit dem arschloch
frei für mich

der hocker mit dem arschloch
wird frei
für mich

jetzt ist
der hocker mit dem arschloch
frei für mich


Außerdem war vorher sowieso kein einziger Hocker frei, als warum "wieder"?


P.


Edit: Der zweite Vorschlag ("wird") löst auch das Paradoxon des bearschlochten und zugleich unbearschlochten Hockers: Er "wird" frei.
Zuletzt geändert von Pjotr am 23.09.2010, 11:28, insgesamt 1-mal geändert.


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Baidu [Spider] und 18 Gäste