stummes haus

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Herby

Beitragvon Herby » 06.10.2011, 21:26

stummes haus

die keller sind bedeckt mit moder
verlorener sätze

stille fratzt aus jedem raum
an den wänden schlieren
nie gesprochener fragen

worte eingesperrt
im speicher des schweigens
sprachlos




Version II

stummes haus

die keller sind bedeckt mit moder
stille fratzt aus jedem raum
und an den wänden schlieren
nie gesprochene fragen

worte eingesperrt im speicher

Mucki
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Beitragvon Mucki » 06.10.2011, 22:36

Huhu Herby,

einen schwermütigen Text hast du da geschrieben. Das Verlorene scheint unauffindbar. Kein Hoffnungsschimmer zeigt sich.
Beim letzten Wort "sprachlos" frage ich mich, ob es evtl. gestrichen werden kann, da schon im "schweigens" enthalten.
Auch wäre m.E. der Nachhall größer, ließest du dieses Wort weg.

Liebe Grüße
Gabi

Max

Beitragvon Max » 07.10.2011, 09:35

Lieber Herby,

ich mag das Bild des Hauses, das ist im besten Sinne tragfähig,
Ein bisschen weniger glücklich bin ich über die sehr expliziten Interpretationshinweise wie "verlorener Sätze", "nie gesprochener Fragen" oder "sprachlos". Diese deutlichen Hinweise, die die Bildebene verlassen, schränken in meinen Augen den Gültigkeitsbereich des eigentlichen Bildes ein, was schade ist.
Ich weiß noch nicht wie, abeer wenn das skizzenhafter belassen könnte, würde der Text für mich gewinnen.

LIebe Grüße
Max

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 07.10.2011, 09:40

Hallo Herby,

da geht es mir wie Max. Wenn ich das lese, habe ich das Gefühl, dass den starken Zeilen und Bildern die Erklärung immer "hinterherklappert", als hättest du sie gefunden, würdest ihnen dann aber nicht wirklich vertrauen, oder zutrauen, dass sie auch tragen können. Damit verlieren sie für mich aber einen Teil ihre Wirkkraft.
Schon der Titel gibt ja die Richtung vor und "Stille" und "Worte" wären für mich deutlich genug "ausgesprochen", darin stecken sowohl die Sätze, als auch die Fragen und das Sprachlose?
Für mich wäre es dann eine verdichtete Version, etwas in diese Richtung:

stummes haus

die keller sind bedeckt mit moder
stille fratzt aus jedem raum
und an den wänden schlieren
worte eingesperrt im speicher


Auch zur Thematik würde für mich das Reduzierte besser passen, als das Ausführende und "Gesprächige"?

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Jelena

Beitragvon Jelena » 07.10.2011, 09:45

Herby,

es juckt einem wirklich in den Fingern, das Gedicht zusammenzukürzen. Kann mich da auch nicht zurückhalten, aber jetzt ist mir Flora eigentlich zuvor gekommen... :smile:

stummes haus

die keller sind bedeckt mit moder

stille fratzt aus jedem raum
an den wänden schlieren

worte eingesperrt im
speicher des schweigens



LG, Jelena

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leonie
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Beitragvon leonie » 07.10.2011, 10:49

Lieber Herby,

mir geht es ein wenig wie meinen Vorrednern mit dem Text. Ich glaube, dass er durch diese kleinen Kürzungen nohch stärker wird und wirkt in seiner Bedrücktheit.

Aber: was ich faszinierend finde: Er widerspricht ja seinem eigenen Inhalt: Hier wurden die Worte wiedergefunden.
Und wie!

Liebe Grüße

leonie

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 07.10.2011, 21:00

Hallo Herby!

Jedesmal, wenn ich Deinen Text lese, bleibe ich an der Zeile hängen stille fratzt aus jedem raum. Diese Stelle finde ich einerseits sehr gut, andererseits ist es für mich aber ein Riesenwiderspruch zum Titel.

Stille fratzt - da schreit für mich was (auch wenn es die Stille ist, die schreit), somit ist da nichts - mehr - stumm.

Ferner las ich in Deiner Version immer schlieren als Verb, da musste ich die Grammatik erstmal sortieren - fände ich aber gar nicht schlecht, wenn da was schliert. "an den wänden schlieren/ nie gesprochene Fragen".

Die letzten drei Zeilen sind zwar kein Widerspruch zum Titel, aber sie sind mir nach der Power der vorangehenden zu "blutleer". Schweigen und sprachlos schwächen einander ab, so ähnlich wurde das ja auch schon bemerkt. "Speicher des Schweigens" finde ich sehr gekonnt, aber leider geht das unter zwischen eingesperrt und sprachlos, die sich durch ihre Absolutheit dermaßen "vordrängen". Schade. Vielleicht könnte man "eingesperrt" ersetzen?

Herby

Beitragvon Herby » 09.10.2011, 18:37

Liebe Gabi, leo, Flora, jelena und Anamita, lieber Max,

habt herzlichen Dank für die Beschäftigung mit meinem Text. Allen euren Rückmeldungen gemeinsam ist der Vorschlag der Kürzung bzw. Verdichtung, womit ich irgendwie gerechnet hatte. Ich bin überrascht über die Divergenz zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung. Flora, du bringst es auf den Punkt, wenn du schreibst:

"(...)als hättest du sie gefunden, würdest ihnen dann aber nicht wirklich vertrauen, oder zutrauen, dass sie auch tragen können."

Ich war nämlich tatsächlich der Auffassung, es bedürfte der betreffenden Textstellen.

Amanita, du sprichst die Fratze an – da scheinen wir unterschiedliche Vorstellungen des Begriffes zu haben; nach meinem Verständnis ist sie jedenfalls nicht mit Geräusch verbunden. Was die Schlieren betrifft (Verb oder Nomen), so hatte ich mir das, was du anführst, auch schon überlegt. Mit einem Verb kann ich ebenso gut leben, ich hab das in der überarbeiteten Version abgeändert.

Liebe leo, ich danke dir sehr für das "Und wie!", aber ich selbst habe das Gefühl, als hätte ich noch nie zuvor ein Gedicht geschrieben. Aber egal, vielleicht ist es ja wieder ein Anfang :engel:

Ich setze jetzt die neue Version oben mal dazu; mal sehen, was sie mit mir macht.

Nochmals lieben Dank fürs Befassen und einen guten Start in die neue Woche.

Herzlichst,
Herby

Max

Beitragvon Max » 09.10.2011, 20:58

Ich muss ja sagenm, dass ich jelenas version sehr mag,

liebe Grüße
Max

Mucki
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Beitragvon Mucki » 09.10.2011, 21:13

Hallo Herby,

die 2. Fassung finde ich gut mit dem aktiveren "schlieren"
Doch in diesem Teil würde ich es so lassen:

worte eingesperrt im
speicher des schweigens


Nur das "Worte eingesperrt im Speicher" hängt für mich ein bisschen in der Luft.

Liebe Grüße
Gabi

Herby

Beitragvon Herby » 09.10.2011, 21:31

Hallo Max,

jelenas Version hat was, ja. Für mich bleibt jedoch so, wie sie es "baut" (und Flora ja auch), die 2. Strophe schwammig, da nicht klar wird, wer oder was an den Wänden schliert. Von daher sind mir die "ungesprochenen Fragen" wichtig.

Lieben Gruß,
Herby

Herby

Beitragvon Herby » 09.10.2011, 21:37

Hi Gabi,
das hat sich jetzt gerade überschnitten, entschuldige bitte. Wenn ich deinem Vorschlag folge, nähere ich mich ja wieder der ersten Version an. Ich glaub, ich lass erst mal sacken.

Herzlichst,
Herby

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 09.10.2011, 22:15

Ja, dass die Fratze nix sagt, war mir schon klar ... aber das Wort hat so was LAUTmalerisches, also "Unstummes" ...

Max

Beitragvon Max » 09.10.2011, 22:49

Lieber Herby,

ja, das verstehe ich. Ich denke noch ein weig.

Liebe Grüße
Max


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