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Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Trixie

Beitragvon Trixie » 22.09.2006, 19:59

ich hänge mein
gesicht an die wand
gleich neben mein
sekundengenaues herz
das leiser tickt als
edel gestählte uhrwerke.

vergesse den
atmenden puls
in meinem haus
aus glas
das die einsamkeit
mir baute
denn sie warf mit steinen
um die entzückten
fern zu halten:
scherben bringen glück.

mein gesicht
hängt an der holzvertäfelten
viel zu teuren wand
gleich neben meinem herzen
das der priester
seufzend abstaubt
als er mich
zum grab begleitet.

Paul Ost

Beitragvon Paul Ost » 22.09.2006, 21:29

Liebe Trixie,

das klingt ganz schön finster. Krankheit und Tod? Noch verstehe ich nicht ganz, wie ich das Bild des an die Wand gehängten Gesichts verstehen soll. Aber originell ist es allemal.

Den seufzenden Priester kann ich mir besonders gut vorstellen. Also: Starke Bilder, rätselhafter Inhalt.

Grüße

Paul Ost

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 22.09.2006, 21:54

Boh, Trixie,

das ist jetzt beim zweiten Lesen wirklich ergreifend. Ich hatte mich zuerst an den Zitaten (Glashaus/Steine, Scherben/Glück) gestört, aber nun empfinde ich dies ähnlich gut eingewoben wie neulich bei Lisas Geniestreich mit den Kinderversen. Und es produziert eine Spannung, die mich bindet. Bin heilfroh, das ich nach dem ersten Lesen die Klappe gehalten habe.

in meinem haus
aus glas
das die einsamkeit
mir baute


das wollte ich erst kitschig finden, bis sich ein Spiegel vor mir aufbaute und ich plötzlich jedes Wort in seinem Ursprung richtig begriff... sehe ich da Verwandtschaften? Sollten wir mal gegenseitig unsere Sprechstunden besuchen?

Trixie, das zeigt eine sehr tiefe Seite von dir...es mit Abstand der beste - weil intimste - Text von dir, den ich kenne... und berührt mich so ziemlich an genau der richtigen Stelle...

gleich neben meinem herzen
das der priester
seufzend abstaubt


Dem ist nichts hinzuzufügen. Ganz stark.

Danke, Tom.
Lesezeichen.
Zuletzt geändert von Thomas Milser am 22.09.2006, 22:49, insgesamt 3-mal geändert.
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leonie
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Beitragvon leonie » 22.09.2006, 22:38

Liebe Trixie,

das finde ich ein total starkes Gedicht!!!!! Einziger winziger Punkt: die zeitliche Logik von Strophe eins und drei:
„ich hänge mein gesicht an die wand“ und „mein gesicht hängt an der wand“. Könnte man schreiben: „nun hängt mein gesicht an der....wand“?

Liebe Grüße
leonie

Trixie

Beitragvon Trixie » 22.09.2006, 23:02

Guten Abend ihr drei!

Oh, Paul: Danke, es ist schön, dich hier zu lesen!! Vielleicht mag jemand anderes erzählen, was für ihn das Gesicht an der Wand ist? Ich erkläre zwar liebend gerne meine Gedichte, aber ich möchte das auch gerne von anderen hören, was sie darunter verstehen. Tod ist wohl schonmal richtig. Krankheit habe ich persönlich nicht gemeint, aber wenn man es da rauslesen kann, ist das ein Kompliment für mich!

Ach, Tom: Danke!! Auch schön, dich hier zu lesen!! Ich bin ganz gerötet und baff über deinen Kommentar, beziehungsweise dein Lob und Kompliment!! :blume0028: dafür, dass ich dich an der richtigen Stelle berühren durfte.

Liebe leonie: Auch dir vielen Dank für deinen Kommentar!! Und für die vielen Ausrufezeichen :-)! Du hast recht, man könnte chronologisch gesehen noch ein "nun" einfügen, aber ich denke, bis man da unten angekommen ist, ist ja auch ein bisschen Zeit vergangen und man wird mehr in die Situation versetzt, wenn es nicht erzählt wird, sondern man quasi reingeworfen wird. Ich wollte es möglichst verdichten und da war etwas wie "nun" noch zu viel. Aber ich werde darüber nachdenken, ob ich das noch ändere...


Ich bin wirklich gerührt über die positive Kritik!!!

zauberhafte Nachtgrüße
Trixie

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 22.09.2006, 23:04

Schlaf schön! :o)))

Aber kauf dir ne größere Decke,
du wächst....

Tom :o}
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

Trixie

Beitragvon Trixie » 22.09.2006, 23:11

Du hast recht! Und ich habe auch noch die Ehre des 1001. direkt unter meinem Beitrag!!! *freu*!

jubilierende Trix

cali

Beitragvon cali » 23.09.2006, 03:52

Liebe Trixie


mein erster Eindruck:

mich spricht dein Text sehr an... in Wortwahl und Aufbau ... er berührt, bewegt.... erzählt mir eindrucksvoll, dass etwas unweigerlich sterben muss... hier muss also nicht ein physischer Tod gemeint sein... sondern Ansichten, Eigenschaften etc, die simpel gesagt, nicht gut getan haben .... um neu anzufangen!



ich hänge mein
gesicht an die wand sehe Maske, Spiegel, Versteck, Farblosigkeit

gleich neben mein
sekundengenaues herz
das leiser tickt als
edel gestählte uhrwerke. monotone Verlässigkeit, abgestumpft

vergesse den
atmenden puls
in meinem haus
aus glas
das die einsamkeit
mir baute
denn sie warf mit steinen
um die entzückten
fern zu halten:
scherben bringen glück. goldener Käfig

mein gesicht
hängt an der holzvertäfelten
viel zu teuren wand
gleich neben meinem herzen
das der priester
seufzend abstaubt
als er mich
zum grab begleitet. tiefe Einsicht erschüttert, Trennung; Abschied



habe die Kritiken davor nicht gelesen [was ich meist so handhabe], um meinen eigenen Eindruck nicht zu verfälschen.

Nachtlicht
Charlotta
:daumen:

Louisa

Beitragvon Louisa » 23.09.2006, 09:04

Hallo Trixie!

Es wurde schon fast alles gesagt, aber ich finde das auch ganz großartig! ich musste immer an Jagdtrophäen denken bei dem GEsicht an der Wand!?

Darüber denke ich immer noch nach:

in meinem haus
aus glas
das die einsamkeit
mir baute
denn sie warf mit steinen
um die entzückten
fern zu halten:
scherben bringen glück.


DIe Einsamkeit hat Dir ein Haus aus Glas gebaut, denn (???) sie warf mit Steinen (gegen ihr eigenes Haus? Wieso?)...oder warf sie die nur aus dem Fenster? Wer sind denn die "Entzückten"? Die Glücklichen?

-Diese Zeilen verstehe ich leider nicht ganz...vielleicht kannst Du das erklären?

-Die letzte Strophe ist wieder sehr schön! Wobei ich beim Herz an der Wand an "das Herz am Türpfosten" von Madame Lasker-Schüler denken musste, aber das ist doch ein toller Vergleich!

-Auch der plötzlich erscheinende Priester, der das Herz vor der Beerdigung noch einmal säubert ist eine ganz fabelhafte Idee!

Ich fand den Text auch ganz un-trixiehaft...wieso kannn ich nicht erklären. Aber ich fand ihn sehr, sehr gut!

Liebe Grüße, sich-auf-weitere-texte-freuende-louisa

Trixie

Beitragvon Trixie » 23.09.2006, 13:07

Guten Morgen (bzw. Mittag) Charlotta!

Vielen Dank für deine Stellungsnahme. Ja, das mit dem Gesicht hast du ganz richtig interpretiert. Maske, Aufgesetztheit, sowas. Ich finde es toll, dass du da für dich eine so logische Interpretation raus kommt!

Liebe Madama Louisa ;-)!

Auch freue ich mich, einen Kommentar von dir zu lesen! Was meinst du mit Jagdtrophäe? War so nicht ganz meine Intention, aber wenn es für dich schlüssig ist :cool:...
Die Strophe ist nicht ganz leich für mich zu erklären... Was ich damit meine ist, dass es doch heißt: Wer im Glashaus sitzt soll nicht Steinen werfen. Da man aber, um einsam zu werden, sich erst abschotten muss, die anderen Menschen fernhalten muss, sich vielleicht auch Feinde und so schafft, sitzt man am Ende im Glashaus. Dass Scherben Glück bringen sollte eher ein bisschen ironisch gemeint sein, weil dadurch, dass man einsam wird, wird man zwar nicht mehr begafft und beobachtet, aber man ist eben einsam. Ohje, das war jetzt verworrfen, glaube ich. Und andere lesen da vielleicht auch etwas ganz anderes raus.
Trotzdem danke für deine Bemühungen!!


Nochmal eine allgemeine Erklärung
Insgesamt habe ich eigentlich schon eher den physischen Tod gemeint, denn der psychische ist wohl schon lang eingetreten. Es gibt so viele Menschen, die gehen jeden Tag auf die Arbeit und sind nett zu ihren Kollegen und machen ihre Arbeit gut, aber eigentlich weiß man nichts von ihnen. Man weiß nicht, dass sie eigentlich alleine sind, dass sie gar keine Lust haben, freundlich zu sein und nur ihr Gesicht wahren wollen. Weil sie keine unangenehmen Fragen gestellt haben möchten und weil es in der heutigen Zeit ohnehin selten interessiert, wie es wirklich geht. Dass auch ihr Herz längst nicht mehr so schnell schlagen kann, wie bei anderen. Und eines Tages stirbt man --> man vergisst Puls und Atmung, und keiner merkt es. Und am Ende wird einem die Einsamkeit endlich genommen --> das Herz wird abgestaubt, denn der Pfarrer ist ja da und begleitet einen. Der Pfarrer kann auch als Metapher für Glauben allgemein stehen, dass man vielleicht am Ende nur noch aus diesem Kreis herauskommt, in dem man seinen Glauben zu einem Gott hat und sein altes Ich beerdigt und neu anfängt. Das wäre dann nicht der physische Tod.

So. Ich danke nochmal herzlichst für die unerwartet vielen positiven Kommentare!!! Bin ganz hin und weg. Einen wunderschönen Samstag wünsche ich euch!!

Trixie

cali

Beitragvon cali » 23.09.2006, 16:22

freut mich, das zu lesen, Trixie!


Gruß
Charlotta

aram
Beiträge: 4515
Registriert: 06.06.2006

Beitragvon aram » 27.09.2006, 23:19

liebe trixie

ich finde dieses gedicht sehr stark.
es erzeugt eine bestimmte stimmung, sehr klar, distanziert und doch im gefühl.
kann es nicht besser sagen.
eine ästhetik, die mich z.b. an eine perfekt/edel gekleidete businessfrau erinnert - ruhig, kompetent, weit weg - auch mit 'ausgestreckten armen' unerreichbar.
(kann es wieder nicht besser sagen)

z.b. diese bilder:

sekundengenaues herz
das leiser tickt als
edel gestählte uhrwerke.

- super.

einziger fragepunkt ist für mich ähnlich wie für leonie das hänge / hängt - denke, 'hängt' ließe sich vielleicht ersatzlos streichen?

doch noch was - das 'als': abstauben des an der wand hängenden und zum grab begleiten findet gleichzeitig statt - das ist im bildsinn etwas schwierig, auch wenn es nicht in 'zeit und raum' geschieht ... vielleicht so:

mein gesicht
an der holzvertäfelten
viel zu teuren wand
gleich neben meinem herzen
das der priester
noch seufzend abstaubt
bevor er mich
zum grab begleitet.

?

"zum grab begleitet" ist eigenwillig formuliert, gegenüber 'geleitet'.
es könnte andeuten, dass das ich im tod noch 'existiert' in seiner selbstwahrnehmung, bzw. in der vorstellung dieser szene.
für mich ist diese stelle klassisch trixie.
(kann es wieder nicht besser sagen.)

glückwunsch zu diesem text und - danke.

aram


p.s. beim ende - ich bin mir nicht sicher, könnte mir's auch so vorstellen:

das der priester
seufzend abstaubt
bevor er
mich zum grab
begleitet.
there is a crack in everything, that's how the light gets in
l. cohen

Trixie

Beitragvon Trixie » 28.09.2006, 12:11

Lieber aram! (wieso schreibt sich der Name eigentlich klein?!)

Also, erst mal ganz viel Danke für die Rückmeldung. Es ist schwer zu erklären, warum ich es genau so gemacht habe und nicht anders machen kann und werde. Weil auch mehr Bauchgedicht und so... Ein Versuch der Erklärung:

Ist eigentlich auch alles im bildlichen Sinne. Das Lyrich ist einsam, sein Leben lang, niemand kennt es richtig, es hat immer eine Maske auf und keiner weiß, wofür oder wie sein Herz wirklich schlägt. Irgendwann kann es nicht mehr und "stirbt". Vielleicht beginnt es danach ein neues Leben oder weiß ich was. Jedenfalls ist mir der Moment mit dem Priester so wichtig, weil er der erste ist, der das LyrIch, vielleicht zu spät, begleitet. Es sieht es als das, was es ist. Der Priester kann hier für vieles stehen, klar. Und ich habe es eigentlich nicht so gemeint, dass er das wirklich aktiv abstaubt, sondern, dass er dadurch, dass er seufzt, dass er das Lyrich begleitet, ihm die Einsamkeit nimmt, dessen Herz abstaubt, es zum Leben erweckt oder erlöst oder sowas. Das passiert schon im gleichen Moment, quasi auf dem Weg. Da kann es sein, dass das Lyrich wirklich tot ist und sich als Geist von oben sieht und der Priester im wörtlichen Sinn stellt sich das einsame Leben des Lyrichs (anhand von den wenigen Gästen oder so) vor und stellt sich vor, wie er das Herz des Lyrichs abstauben möchte, es noch einmal zum Leben erwecken möchte, während er genau mit den Gedanken und mit dem Gang zum Grab dies auch wirklich tut....Nur, dass es halt zu spät ist, weil der physische Tod ja auch schon eingetreten ist.

Ich hoffe, ich konnte dir das irgendwie verständlich machen... Ist gar nicht so leicht, von Bauch zu Kopf...

Danke für die Glückwünsche, ich freue mich so sehr darüber...

Bei weiteren Fragen, einfach melden, ne!

liebes Grüßchen
Trixie

Rala

Beitragvon Rala » 28.09.2006, 18:14

Oh, das ist, obwohl so traurig, wunderschön ...

hatte eigentlich nicht das Gefühl, irgendwas daran nicht zu verstehen, deshalb werde ich jetzt auch gar nicht lang dran rumpflücken, um den Genuss beim Lesen nicht zu zerstören.

Liebe Grüße,
Rala


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