Bo(o)t-Schaft

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
moshe.c

Beitragvon moshe.c » 22.09.2006, 00:50

Boot-Schaft

Zeitungspapier
naß
im Graben
zerfließend
am Rande
des Friedhofs
langsam treibend
in den Gulli
versinkend dunkel
zum Meer
der schnappenden
breitmäuligen Fische
mit glotzenden Augen

Gast

Beitragvon Gast » 22.09.2006, 05:17

Das gefällt mir von Bild her sehr gut, aber brauchst du die vielen Partizipien, Moshe?

zerfließt
treibt langsam
versinkt


täten es in meinen Augen auch und wären "glatter". Aber du bist nicht gerne glatt (habsch schon mitgekriegt)

:) Bea

moshe.c

Beitragvon moshe.c » 22.09.2006, 18:30

Liebe Bea!

Wie sind hier im Labor, und wenn du mir hier sagst, daß es dir gefällt, gefällt es mir.

Magst du nicht auch mal was ins Labor stellen?

Mit liebem Gruß

Moshe

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 25.09.2006, 10:34

Hallo moshe,

ich find Beas Vorschlag, was die Reduzierung der Partizipien angeht serh gut! Denn wenn du es nach Beas idee gestaltest, kommt durch die Umbrüche auch das Fließen der Zeitung in der Gullirinne stärker durch. Dass das Thema TROTZDEM ein schweres ist, wird durch den Inhalt und die Bilder bewahrt und stark genug ausgedrückt.

Inhaltlich bin ich noch nicht annähernd durch mit dem text, wie immer, wenn eine "zufällige" Beobachtung größeres beinhaltet bekommt. Diese Art "induktiver Dichtung" (so nenne ich es für mich) geht natürlich mit einem sehr sehr großen Sprung in Richtung des Lesers...wie viel Hilfestellung der Autor dabei geben will, ist ihm überlassen.

Liebe grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

moshe.c

Beitragvon moshe.c » 25.09.2006, 18:52

Liebe Bea!
Liebe Lisa!

Ich finde es prima, daß ihr euch mit meinem Gedicht geschäftigt, jedoch habe ich derzeit Probleme mich auf eure Vorschläge zur Veränderung des Textes einzulaßen.
Mein Ziel ist es für Leser zu schreiben. Entweder verstehen sie meinen Text oder nicht. Wenn sie ihn verstehen, haben sie u.a. eine Interpretation des Textes, die auch ganz anders sein kann, als es meiner Intention entspricht. Das finde ich interessant und ist ein Vorteil von Literatur-Foren so etwas zu erfahren.
Von euch, und insgesamt, habe ich bisher keinen Hinweis darauf, wie dieser Text denn nun überhaupt verstanden wird und somit ein Problem ihn zu verändern.
Auch möchte ich aus diesem Grunde hier noch keine Hilfestellung geben.

moshe.c

Eliane

Beitragvon Eliane » 25.09.2006, 20:56

hallo moshe,

geht es hier vielleicht um das Thema "Terror oder Krieg"?

Wenn Zeitungen über Tote (nass vom Blut? am Rande des Friedhofs) und die Story
in die Welt getragen wird, ohne dass dies Verstehen oder Mitgefühl unter den Lesern (den breitmäuligen glotzenden Fischen) auslöst?

Mal gespannt, ob wir von dir Näheres erfahren.

lieber Gruß

Eliane

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 26.09.2006, 13:20

Lieber moshe,

ich denke du hast Recht.

Ich schwimme da allerdings....

Zum einen glaube ich, dass das Gedicht bei einem (Spazier)gang. entstand, auf welchem du ein Stück Zeitungspapier im Graben hast schwimmen sehen. Zum zweiten glaube ich, dass das Gedicht vielleicht ein älteres ist kein neueres (das vermute ich nach längerem Nachdenekn jetzt, da ich so Probleme habe, es als ein Neues einzuordnen, was das Thema angeht). Daher denke ich, dass das Gedicht in Deutschland entstand. Der Titel dagegen ist vielleicht neu?! Ein früheres Gedicht also neu aufgegriffen?

Dieses Gesehene hat sich dann im Gedicht zu einem anderen Inhalt gewandelt...papier wird zu boot, boot wird zu botschaft....papier zu botschaft..friedhof zu botschaft? Um diese Elemten kreisen dann die Ideen, die mir konkret kommen. Allerdings kommen mir die viel zu überinterpretiert daher, weshlab ich sie nicht nennen wollte in meinem Kommentar weiter oben...

- Kritik an Zeitungen (verschiedener Länder? bestimmter Blätter? die fische...eine bestimmte Art Leser....eine Art...meinungsstyx...?
- dann auch der Friedhof wichtig...kann man auf das Ich beziehen, aber auch auf ein "Land"...

...das ist mir alles zu wage...der Titel verwirrt mehr, als dass er andeutet, habe ich das Gefühl...

Mich erinnert es an einen deiner Texte, in der auch eine Zeitung vorkommt, ich weiß den Nmaen aber nicht mehr...es ist an einem Zeitungsstand....hat mit du/ich/fremd/arbeit zu tun?

Ich glaub, jetzt passt, wenn ich das hier nochmal unten dran hänge:

Inhaltlich bin ich noch nicht annähernd durch mit dem text, wie immer, wenn eine "zufällige" Beobachtung größeres beinhaltet bekommt. Diese Art "induktiver Dichtung" (so nenne ich es für mich) geht natürlich mit einem sehr sehr großen Sprung in Richtung des Lesers...wie viel Hilfestellung der Autor dabei geben will, ist ihm überlassen.


....

Liebe grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

moshe.c

Beitragvon moshe.c » 26.09.2006, 21:11

Hallo!

Das Grundproblem schein mir hier nochmal zu sein, daß man mich zu sehr in Israel sieht.
So schnell wechsel ich meine Tiefe nicht, und damit bin ich überhaupt nicht allein. (Siehe SCHwer) und hier (Israel) gibt es immer wieder einige Diskussion über das Thema aus der Sicht verschiedener Herkunft im Bereich der Literatur.
Ich spreche/schreibe auf der Grundlage von rund 200 Jahren Erfahrung/Geschichte meiner Familie in Deutschland, bzw. im deutschsprachigem Raum, und in einem längerem Zeitraum auch aus Erfahrungen in angrenzenden Ländern mit einer ähnlichen Sprachwurzel, wie Holland oder Dänemark.

Natürlich fußt das Gedicht in deutscher Lebenserfahrung (zu 'in deutscheland' möchte ich nicht geraten) und meiner persönlichen, fast 49jährigen Wirklichkeit in diesem Land.

Die Eckpunkte des Textes: Friedhof, Zeitung, Wasser, Gulli, Fische.

Die Fische bekommen den Tod zugeschwemmt, müssen in inhalieren und werden krank in der Nordsee, z.B. , tja, und dann gibt es Matjes, und ......

Hier ist ein Ausschnitt gezeigt, der vom Leser vollendet werden könnte, der selbst in diesem Kreislauf steht.

Lisa: 'induktive Dichtung' ist ein schöner Begriff, den du formuliert hast, und er zeigt natürlich seine eigene Herkunft.
Spontan fiel mir ein: 'indikative Dichtung' ???

mit liebem Gruß

Moshe

Mucki
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Beitragvon Mucki » 26.09.2006, 23:03

Lieber Moshe,

ich sehe in deinen Zeilen das Thema der Vergänglichkeit.

In meiner Zeit als Redaktionsassistentin (Feuilleton), sagte mir mein Chef: Nichts ist älter als die Zeitung von gestern.

Und daran musste ich denken, als ich deine Zeilen las.
Saludos
Magic

moshe.c

Beitragvon moshe.c » 27.09.2006, 00:04

Orit liest immer die Zeitung von vor drei oder vier Wochen und sagt: Nichts ist aktueller als diese:

:bussi:

moshe.c

Mucki
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Beitragvon Mucki » 27.09.2006, 00:06

irgendwie eine weise Ansicht von Orit, im Sinne von: es steht doch eh immer der gleiche Mist drin ;-)
Saludos
Magic

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 29.09.2006, 20:05

Lieber moshe,

indikative Dichtung - da komme ich nicht mehr mit...was soll das sein :-). Ich meinte induktive Dichtung im Gegensatz zu deduktiver Dichtung (beides erfunden)...ich könnte mir sicher auch was erschaffen, was ich mir dann unter indikativer Dichtung vorstelle, weiß aber nicht, was du meinst :hut0007:



Die Fische bekommen den Tod zugeschwemmt, müssen in inhalieren und werden krank in der Nordsee, z.B. , tja, und dann gibt es Matjes, und ......


auch wenn ich das hier gerade nicht gemacht habe:


Das Grundproblem schein mir hier nochmal zu sein, daß man mich zu sehr in Israel sieht.
(habe es sogar explizit in meinem Kommentar erwähnt, weil ich in einem anderen Gedicht ja schon einmal diesen Fehler gemacht habe und mir das schon zu Herzen genommen habe)

also...trotz diesem...:-)...puhh...diesen Kresi zu lesen ist schon sehr schwer...für mich jedenfalls, gebe ich zu. Dann aber spannend zu lesen, was du dir vorgestellst hast...da heißt es wohl, moshe studieren ;-)...nach und nach kommt man dann den Einzeltexten vielleicht näher...

aber...ich muss nochmal...was ist den nun mit den partizipien? Beas Einwand find ich immer noch gut...

Liebe grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

moshe.c

Beitragvon moshe.c » 30.09.2006, 10:12

Oja, auf die Partizipien bin ich garnicht eingegangen, ist mir im Gewirr abhanden gekommen.

Da ich diesen Einwand kommen sah, habe ich das Gedicht ins Labor gestellt. Ich benutze derzeit auch mal ganz bestimmte Wortarten verstärkt als Transport- und Gestaltungsmittel. (Siehe auch Austausch unter Lyrik und Kultur) Deshalb möchte ich daran garnichts ändern.

Indikative Dichtung:
1. Auf eine Maßnahme/Veränderung hinweisen wollend aufgrund von Zusammenhängen (soweit liegen wir da garnicht auseinander, scheint mir)
2. Für mich als Betrachter der Kommentare Hinweise zu Weiterem zu bekommen (inhaltlich).

Die Schwierigkeiten den Inhalt zu erkennen dürften am persönlichen Kontext liegen. Wissenschaftlich-philosophischer Blick versus analytischer Blick?

Mit liebem Gruß

Moshe

selachde

Beitragvon selachde » 30.09.2006, 19:08

Boot-Schaft - transport von worten auf einem fluss

Zeitungspapier
naß - worte, mitteilungen, gedächtnis wird sich auflösen, wie nasses papier

im Graben -nun kann ich den graben als tatsächlichen graben, rinne stehen lassen, auch aber einen graben, einen abgund, einen riss zwischen zwei welten oder zumindest denkweisen sehen

zerfließend -etwas löst sich auch hier wieder auf, eine struktur, ein gebrochenes gefäß aus dem etwas fließt, auseinander läuft, kein halt, kein halten, keine haltung mehr

am Rande
des Friedhofs - wenn es sich um einen toten handelt, von dem die zeitung berichtet, oder um viele tote, sie liegen sinnbildlich neben dem friedhof, es fehlt das ritual des abschiedes, der beerdigung, der beendigung, es gibt keinen frieden

langsam treibend
in den Gulli
versinkend dunkel- hier wird das bild nun vertieft und fortgeführt, nicht nur mehr ein graben, nein schon ein gulli, es versinkt etwas in der unsichtbarkeit, im vergessen, im schlamm des abraums...

zum Meer- und geht auf die reise ins meer, ein bild für sich, ein oft gebrauchtes, viel umfassendes, dem man sich eigentlich extra widmen müsste, warum es hier steht... eigentlich das einzige positive, lichtgebende im text- für mich jedenfalls, aber auch bedrohlich, die identität eines einzelnen tropfens geht ja im meer zugunsten eines großen und ganzen unter...

der schnappenden
breitmäuligen Fische
mit glotzenden Augen -hier wird das meer konkretisiert, als stumme, gefräßige und glotzende masse (der text wird vermutlich den fischen als lebewesen an sich nicht gerecht), ein hohn für das wort, dort zu "landen" und zu enden


das ist nun mein versuch, mich dem inhalt zuzuwenden, freilich, ohne den kontext der textentstehung zu kennen.
und vielleicht liege ich ja voll daneben.


lg. johanna


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