Nein-nein - ein Monolog

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
moshe.c

Beitragvon moshe.c » 16.07.2006, 22:18

Nein-nein - ein Monolog

Nein-nein,
also wissen Sie,
ich habe nichts getan.

Nun, ich war auch bei
der Armee, wie jeder
ordentliche Mann,
damals.

In Rumänien war ich,
da haben wir auf die Wolken
geschoßen, wirklich,
und was haben wir Wein
getrunken,
sind den Abhang besoffen
runtergekugelt,
und geschunkelt haben wir
zu der wilden rumänischen Musik.

Wissen Sie,
so schön war es
nie wieder.

Nein-nein,
die Leute kannte ich nicht,
die wir da zusammen getrieben haben.

Wissen Sie, die sollten doch
in ein ordentliches Lager.

Wie die aussahen!

Die waren doch froh
aus dem Dreck da rauszukommen.

Und als die Russen kamen in Rumänien,
na, da habe ich auch geschoßen,
das stimmt.

Aber es war nur
zur Verteidigung,
wissen Sie,
wir mußten uns ja verteidigen,
die deutsche Kultur in Rumänien.

Die Rumänen fanden sie wertvoll,
und so habe ich halt geschoßen,
auf die Russen, für die Rumänen.

Aber warum fragen Sie eigentlich?

Nein-nein, ich habe nichts getan,
wirklich nichts......

Nun hören Sie aber auf!, Ja!

---------------------------

Ich wußte nicht ob ich es unter Lyrik und Kultur einstellen sollte, oder hier.

Die Entscheidung ist ja jetzt klar.

moshe.c

Paul Ost

Beitragvon Paul Ost » 16.07.2006, 23:47

Lieber Moshe.c,

es gibt sie wohl immer noch, die Menschen, die so reden. Und man begegnet ihnen immer wieder. Der letzte "alte Soldat", mit dem ich sprach, war der Großvater einer Ex-Freundin. Ein sehr netter Kerl, so lange man mit ihm nicht über seine "wilden Jahre" im Tirol sprach.

Ein angemessener Text zum Problem der ewig Uneinsichtigen.

Grüße

Paul Ost

moshe.c

Beitragvon moshe.c » 17.07.2006, 00:28

Tja, und bevor sie so ganz weg sind und man nicht mehr weiß, wie sie waren.....

Kam heute so, aber ich will es in den nächsten Tagen mal an eine deutsch-rumänische Literaturzeitschrift schicken, mit der Bitte, mir zu sagen, wie dieser Text in ihren Augen aussieht.


moshe.c

Jürgen

Beitragvon Jürgen » 17.07.2006, 08:18

Hallo moshe

Dieses Thema ist und bleibt wichtig gerade im Zusammenhang mit dem biologisch bedingtem Verschwinden dieser Generation. Der Monolog beinhaltet meines Erachtens alle wesentlichen Aspekte, die eine solch beschönigende und verdrehende Haltung eines alten Soldaten mit sich bringt.

Gerne gelesen.

Jürgen

Trixie

Beitragvon Trixie » 17.07.2006, 08:44

Guten Morgen Moshe!

Auch ich finde dieses Gedicht samt Thema sehr gelungen. Ich in meinem Alter habe es noch schwerer, Menschen zu finden, die überhaupt daran beteiligt waren. Ich habe bisher noch keinen einzigen getroffe, der so oder üerhaupt irgendwie über dieses Thema gesprochen hätte. Außer meiner Oma. Die selbst Flüchtling im ehemaligen Ostpreußen war. Und damals gerade mal acht Jahre alt war. Von daher finde ich es interessant und überzeugend, was du da schreibst. Danke, dass du es wenigstens schreibst und öffentlich machst, auch für meine Generation, die sich das heute gar nicht mehr vorstellen kann, dass da überhaupt jemand dran beteiligt war.

lg Trixie

Birute

Beitragvon Birute » 17.07.2006, 09:09

Also, mein Daddy hat auf die Frage nach Vorgängen im Krieg geantwortet:
"Was soll ich über den Krieg erzählen? Ich weiß gar nicht, wieviele Menschen meine Kugeln trafen. Glaubst du etwa, ich wäre stolz darauf?"

Birute

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 19.07.2006, 12:51

Auch ich stamme mütterlicherseits von einer ostpreußischen Ader ab, und beginne komischerweise erst jetzt im hohen Alter, mich dafür wirklich umfassend zu interessieren. Vielleicht deswegen, weil ich erst kürzlich erfuhr, dass meine Großmutter vor den Augen ihrer Töchter von Russen vergewaltigt wurde.

Viele Hintergründe liegen mir noch im Unklaren, aber einige Tagebücher aus der Zeit (Gräfin von Dönhoff, Graf von Krockow, Graf von Lehndorff als Lazarettarzt) schildern schon eindringlich, und auf erfreulich unpathetische und sachliche (bis bitterkalte) Weise die Grausamkeiten aus der Zeit der Vertreibungen.

Und dieser Text hier gibt wohl eine weit verbreitete Ansicht unter deutschen Soldaten wieder. Propaganda sei dank! Stimmt sehr nachdenklich. Und ist gut geschrieben.

Tom.
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

Nihil

Beitragvon Nihil » 27.07.2006, 16:34

Hallo Moshe,

ich persönlich empfinde es immer als problematisch Menschen dieser Generation als die ewig Schuldbeladenen und Uneinsichtigen zu brandtmarken .. Wohl dem, der nicht zu dieser Generation innerhalb dieser Strukturen gehören musste .. rückblickend ist immer alles klar, der historische Überblick ist gegeben und gut und böse stehen sich wohl getrennt gegenüber .. letztlich sind es die Strukturen, in denen der Mensch entsprechend handelt d.h. es sind die Strukturen, welche im Menschen jene destruktiven Anteile aktivieren und ihn entsprechend handeln lassen und wenn Du sicher sein kannst, dass Du in entsprechenden Strukturen und unter dengemäßen Indoktrinationen etc. anders gehandelt hättest, dann umso besser. Dem Menschen einen freien Willen zu unterstellen, empfinde ich grundsätzlich als naiv. Wer seine Schuld nicht einsieht und sie z.B. an Obrigkeiten delegiert, der hat zumeist gute Gründe dafür - schließlich muss er mit der Schuld leben und da ist es zuweilen vorteilhafter selbige zu verdrängen .. abgesehen davon klingt es für mich immer wie eine Fokussierung auf die Vergangenheit, so als sei das absolut Böse damals geschehen und würde sich nicht, wie es in der Natur des Menschen liegt, unter anderen Vorzeichen und Indoktrinationen im Hier und Jetzt und in Zukunft in mannigfaltiger Variation immer und immer wiederholen .. und macht die Anzahl von gequälten und getöteten Menschen das Grauen aus oder ist es nicht vielmehr der Einzelne, der gegen Tausend gleich viel wiegt? Eine andere Sichtweise empfinde ich als zynisch .. dennoch - gut geschrieben, auch wenn vielleicht die Form den Inhalt für mein Empfinden zu stark ästhetisiert.

mfg

Nihil

moshe.c

Beitragvon moshe.c » 27.07.2006, 19:40

Hallo Nihil!

danke für dein ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Ich schrieb es nicht, um nun auschließlich diese Generation zu kennzeichen, sondern als ein naheliegendes Beispiel.

Seit einiger Zeit arbeite ich an einem Theaterstück, das sich sehr tiefgündig mit dieser Problematik insgesamt auseinandersetzt.

Ein Bruchstück kommt da zum nächsten. Dieses ist eines, und wie es dann insgesamt einmal aussehen wird, weiß ich heute noch nicht.

Unter 'Zehn Gebote' in der Humor-Abteilung findest du ein anderes Bruchstück, das ich bei entsprechender Geduld von dir, als Hinweis geben möchte.

moshe.c

steyk

Beitragvon steyk » 30.08.2006, 19:30

Lieber moshe,

ein Text, der uns nachdenklich machen muß, denn es gibt diese Leute noch immer.
Sie sind überall, handeln genauso wie du den einen hier reden läßt. Nur die Opfer sind inszwischen andere.

Gruß Stefan

Gast

Beitragvon Gast » 10.09.2006, 00:44

Hallo moshe,
ein toller Text, ich finde du hast das hervorragend eingefangen. Aus beruflicher Erfahrung (Historikerin) kann ich bestätigen, dass es genau den Punkt trifft. Kollegen von mir machten Oral-History-Interviews und erzählten genau solche Dinge. Auch wenn die Generation "am Aussterben" ist, finde ich es wichtig, darüber zu reden. Totschweigen ist gefährlich. Es geht ja nicht um Schuldzuweisungen an alte Männer. Es geht darum, zu verstehen, was da passierte und warum es passieren konnte.
Ästhetisierend, wie Nihil meint, finde ich deinen Text überhaupt nicht.

Zwei kleine Details (tschuldige, ich bin eine notorische Erbsenzählerin): "geschossen" schreibt man mit "ss" (ähm, gerade fällt mir auf, dass das in diesem Zusammenhang zynisch wirkt, aber die Orthografie ist ja eigentlich politisch unverdächtig) (kommt 2x vor) und "zusammengetrieben" würde ich eher zusammenschreiben, ich glaube, das darf man jetzt wieder nach der Reform der Reform der Reform... oder so. Mich irritiert diese Auseinanderschreibung immer. In diesem Fall aber besonders, weil ich das Wort oft in älteren Texten las und es in meinen Augen wie nur wenige andere Worte die Menschenverachtung der Nationalsozialisten ausdrückt.

LG Mel

moshe.c

Beitragvon moshe.c » 12.09.2006, 19:38

Hallo Melusine!

Die Bestätigung aus deiner fachlichen Perspektive erfreut mich natürlich ganz besonders. Nachdem Stefan dies nun auch noch in Sprache umsetzt hat, bin sehr froh diese Aussage eingefangen zu haben.

Ansonsten aber nun folgende Zitate:

Autor entscheidet - Schulbücher stellen um
In der Literatur wird auch künftig der Schriftsteller in der Regel das letzte Wort über die Rechtschreibung in seinem Werk haben. Die meisten Verlage in Deutschland wollen zwar nach dem 1. August die dann verbindlichen Rechtschreibregeln übernehmen, Wünsche ihrer Belletristik-Autoren nach den alten Schreibweisen aber respektieren. Dies ergab eine Umfrage unter großen Verlagshäusern. Anders sieht es hingegen bei Sach-, Kinder- und Schulbüchern aus. Die Schulbuchverlage wollen die Schreibreform möglichst schnell umsetzen.

"Der Autor entscheidet"
Bei den Belletristik-Verlagen wird sich nicht viel ändern. "Letztendlich entscheidet der Autor, in welcher Rechtschreibung sein Buch erscheint", sagt Martin Spieles, Sprecher der Verlagsgruppe S. Fischer in Frankfurt am Main. Wer als Autor unbedingt auf die alte Rechtschreibung Wert lege, erhalte seinen Willen. Genauso ist es bei Eichborn: "Wir kommen den Wünschen der Autoren nach", sagt Sprecher Dieter Muscholl in Frankfurt.

Einhellige Meinung
Diese Linie verfolgen auch die Verlage Hoffmann & Campe (Hamburg), Ullstein (Berlin) und Kiepenheuer & Witsch (Köln) sowie der Luchterhand Literaturverlag und der Goldmannverlag, die beide zu Random House (München) gehören. Beim Münchner Verlag DVA/Manesse darf der Autor nach der alten oder einer eigenen Rechtschreibung *** schreiben. Von Suhrkamp war keine Stellungnahme zu erhalten.


Ich bin da sehr resistent und werde es auch bleiben, denn der Duden schreibt von mir ab, vom Volk, sonst gäbe es ihn nicht.
In der Schreibwerkstatt gibt es von mir gleich auch noch einen sehr interessanten Link.

Viel Dank und liebe Grüße

Moshe

aram
Beiträge: 4515
Registriert: 06.06.2006

Beitragvon aram » 12.09.2006, 19:55

...aber moshe:
Wünsche ihrer Belletristik-Autoren nach den alten Schreibweisen aber respektieren.
Wer als Autor unbedingt auf die alte.Rechtschreibung Wert lege, erhalte seinen Willen.

diese aussagen beziehen sich nur auf die alte rechtschreibung.

Beim Münchner Verlag DVA/Manesse darf der Autor nach der alten oder einer eigenen Rechtschreibung ***

- in diesem fall wäre es "eigene rechtschreibung", da 'geschossen' ja nie mit ß geschrieben wurde (da kurzer vokal vorangeht) -

also gut, aus welchem grund?

abendgrüße, aram


p.s. von wo kommen die zitate?
Zuletzt geändert von aram am 12.09.2006, 19:58, insgesamt 1-mal geändert.

Gast

Beitragvon Gast » 12.09.2006, 19:58

Ui. Heihst dass, wier dürfen bald schreipen wie wir wohlen? Seltsahme Forschtellung.
"Geschossen" ist nicht neue Rechtschreibung - *smile*. Aber wenn du es lieber mit "ß" schreibst - mir soll's Recht sein.

cu in the Schreibwerkstadt :-)
Mel


P.S.: Sehe grad, dass aram mir da zuvorgekommen ist ... hm.


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