Während einer fehlt

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Klara
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Registriert: 23.10.2006

Beitragvon Klara » 07.10.2026, 09:08

Während draußen der Herbst ausbricht
Mache ich Fotos von meiner Seele
Wie der Mann am See mit der Kamera

Während er unermüdlich sich müht
Als wäre egal, dass er nie berühmt wird
Bin ich furchtbar müde, so müde

Während Geheimdienste warnen vor Gewalt von außen
Und sie im Innern ausüben
Wird mein Fotoapparat zum Wegwerfagenten

Während die Vögel still werden
Glänzt golden das Licht wie Stuck in alten Bauten
Und die braungrauen Schwäne schwimmen in ihr Erwachsensein

Einer fehlt

MaxDernet
Beiträge: 8
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Beitragvon MaxDernet » 10.10.2026, 13:28

Hallo Klara
Kurz und bündig :
Für micb die Stärken des Gedichts
Das Anapher-Prinzip "Während"
Du baust viermal einen Kontrast: Draußen passiert etwas Großes, Drinnen passiert etwas Kleines, Erschöpftes. Das ist ein klassisches Herbst-Mittel, aber du nutzt es zeitgenössisch. Nicht Natur gegen Gefühl, sondern Weltgeschehen gegen Innenleben. Das gibt dem Gedicht sofort einen Sog.
Die Brüche sind bewusst
Zeile 2 "Fotos von meiner Seele" ist fast kitschig, und du weißt es. Du brichst es sofort mit dem sehr konkreten, fast dokumentarischen "Mann am See mit der Kamera". Dieser Wechsel zwischen Pathos und Beobachtung ist deine stärkste Stimme hier
Der Schluss
"Einer fehlt" - nach den braungrauen Schwänen ist das brutal effektiv. Fünf Silben, kein Bild mehr, nur noch Lücke. Das ist der beste Moment des Gedichts, weil du endlich nicht mehr erklärst. Du zeigst die Lücke.

Schwächer finde ich:
Die zweite Strophe erklärt die erste.
"Wie der Mann am See" ist ein gutes Bild. Dass du danach noch sagst "Als wäre egal, dass er nie berühmt wird / Bin ich furchtbar müde, so müde" nimmt dem Bild seine Arbeit. Du sagst, was das Bild schon bedeutet: Vergeblichkeit, Müdigkeit. Die Doppelung von "so müde" wirkt dann nicht verstärkt, sondern ratlos.
Die Geheimdienst-Strophe will eine andere Ebene aufmachen und schafft es sprachlich nicht.
"Wegwerfagenten" ist ein starkes Wortspiel - Wegwerfkamera / Agent, der weggeworfen wird. Aber der Gedanke davor "warnen vor Gewalt von außen / Und sie im Innern ausüben" ist ein politischer Leitartikel-Satz. Er hat einen ganz anderen Ton als "golden das Licht wie Stuck". Das Gedicht kippt hier kurz in These statt in Bild. Wenn du das Politische drin behalten willst, braucht es dieselbe Bildschärfe wie die anderen Strophen. Die Licht-Zeile ist überladen.
"Glänzt golden das Licht wie Stuck in alten Bauten" - drei schwere Bilder in einer Zeile: glänzt, golden, Stuck in alten Bauten. Das ist zu viel Gold auf einmal. Und "braungraue Schwäne" und "schwimmen in ihr Erwachsensein" sind wieder zwei große Abstraktionen direkt hintereinander. Du hast vorher so karg geendet, hier wirst du plötzlich barock.

Gruß

Max

Klara
Beiträge: 4564
Registriert: 23.10.2006

Beitragvon Klara » 10.10.2026, 14:33

Danke, Max!
Ich denke drüber nach, vor allem über den Leitartikel.
ich bin mir noch nicht sicher, ob das schlimm ist.
Aber ich fürchte, das lyrische Ich, müde hin oder her, ist nunmal ein barockes, so wie das Licht an gewissen, sommersatten nichtmehrSommertagen.
Und ich weiß nicht, ob die Müdigkeit unerwähnt rüberkommt, denn es geht nicht primär um Müdigkeit, sie ist nur die Folge - von Trauer (einer fehlt).
Na, mal sehen, ob das noch anders hinkriege, ohne das Barocke zu verraten.
Danke!

Klara
Beiträge: 4564
Registriert: 23.10.2006

Beitragvon Klara » 10.10.2026, 14:38

Max, ich weiß nicht, wie du darauf kommst, dass die jungen Schwäne und das Erwachsensein Abstraktionen sind - ich schreibe und lese sie sehr konkret.

Klara
Beiträge: 4564
Registriert: 23.10.2006

Beitragvon Klara » 10.10.2026, 14:45

hab mal ein bisschen geändert, bin mir aber noch nicht sicher, ob das wirklich die bessere Fassung wäre - oder ob das eigentlich zwei Gedichte in einem sind.

Während einer fehlt

Während draußen der Herbst ausbricht
Mache ich Fotos von meiner Seele
Wie der Mann am See mit der Kamera

Während Geheimdienste sich von Berufs wegen verraten
Begehe ich Verrat an mir selbst
Mein Fotoapparat ist mein Wegwerfagent

Während die Vögel still werden
Glänzt golden das Licht wie alter Stuck
Und die braungrauen Schwäne gucken nicht hin in ihr Erwachsensein

Während einer fehlt
Schwimmen sie mit müden Flügeln
In ihr Erwachsensein

MaxDernet
Beiträge: 8
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Beitragvon MaxDernet » 10.10.2026, 17:09

Ich finde diese Version deutlich stärker. Du hast die richtige Entscheidung getroffen, die Müdigkeit rauszunehmen und den Titel an den Schluss zu holen. Damit machst du aus dem Schluss einen Rahmen. Das Gedicht beginnt und endet mit derselben Lücke.
Vorher war "Einer fehlt" ein Effekt, jetzt ist es das Thema.

Klara
Beiträge: 4564
Registriert: 23.10.2006

Beitragvon Klara » 10.10.2026, 17:30

danke dir sehr!


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