Unbequemes

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Rita

Beitragvon Rita » 25.08.2013, 08:36

Unbequemes

An allem soll man zweifeln, weiß ich doch.
Und wer’s nicht tut, hat seinen festen Glauben.
Ich würde so gern glauben, noch und noch.
Bloß - der Verstand, der müsste es erlauben.

Ich schriebe nur von Liebe, Frühlingswetter,
von grünen Auen und von Blumenwiesen.
Das freut den Leser, liest sich einfach netter,
ich weiß, er sehnt sich nach den Paradiesen.

Doch ewig steht der Zweifel mir im Wege.
Das ganze Liebesseufzen lässt mich kalt,
mir kommt das Nachher schon mal ins Gehege.
Ich kann nichts tun, reine Naturgewalt.

Ach ja, mit Glauben lebte es sich besser.
Ich könnte neidisch werden auf die Leute,
wohl keiner schimpft sie böse Menschenfresser.
Bloß immer mich, des Zweifels dumme Beute!

Rita

Beitragvon Rita » 03.09.2013, 14:30

Du hast recht, Birke, der Anfang lag bei Klopstock, auch Goethe, auch Hölderlin und etliche andere. Aber das ist lediglich ein Beweis dafür, dass man Gedichte auch reim- und metriklos schreiben kann, weiter eigentlich nichts. Die Entwicklung wurde aber durch die Zeit der Romantik nicht weitergeführt und schlug dann um in die schreckliche deutsch-nationale Vaterlandsdichtung, von deren einem Erzeugnis wir noch heute zehren, nämlich dem "Lied der Deutschen", auch "Deutschland über alles" genannt.

Ich habe absolut nichts gegen freie Rhythmen, ich habe sie ja selber lange genug geschrieben, und ich setze sie auch ein, wenn ich es für angebracht halte. Nur, was es gegenwärtig an freien Rhythmen zu lesen gibt, begeistert mich nicht unbedingt, eher im Gegenteil (ich meine jetzt nicht den Salon), es stößt mich ab, und ich glaube, ich wäre überhaupt nie zur Lyrik gekommen, wenn ich diese Art Lyrik als erste kennengelernt hätte. Zum Glück aber habe ich von kleinauf mit guter Lyrik zu tun gehabt, so dass ich vor solchen Geschmacksverirrungen bewahrt geblieben bin, wobei das ja nicht nur Geschmacksverirrungen sind, es ist ja ein viel größeres Spektrum gerade, was das Verständnis von Welt angeht.

Lieben Gruß, Rita

Rita

Beitragvon Rita » 03.09.2013, 15:11

Lieber verkabelter Niko,

nein, vierzig oder mehr Jahre sind in der Literatur doch bloß Katzensprünge, zumal es innerhalb der ungereimten Lyrik ja ständig wechselnde Entwicklungen gab. Wenn du überlegst, wie lange sich dagegen die Reimlyrik gehalten hat - und sich weiter halten wird - kann man doch nur müde lächeln. Ich würde auch nicht generell behaupten wollen, dass in der Nachkriegszeit nicht gereimt wurde. Gernhardt zum Beispiel war ein Reimer, und er hat sich behauptet, auch Kästner usw. usw. Ganz abgesehen sowieso von der DDR-Lyrik, die viel öfter den Reim einsetzte. Ich mag zum Beispiel Kunert unheimlich gern, der beides kann und sehr oft gereimt hat, auch noch in seiner westdeutschen Zeit.

Goethe und Schiller waren Vertreter der Klassik, und Goethe hat die Anfänge der Veränderungen durch die Industrialisierung ja noch erlebt, die dann zur Romantik hinführten, als Gegenbewegung. Von der Klassik als einer Modeerscheinung würde ich nun wahrlich nicht reden wollen, ganz abgesehen davon, dass sie der Gipfel einer sehr langen Entwicklung war.

Niko, du unterliegst einem Irrtum. Als ich reimlos schrieb, gab es viel weniger vor allem negative Äußerungen zu meinen Texten als jetzt. Reimen, wird von den meisten angenommen, ist doch ein Kinderspiel. Und so sehen die Gedichte dann auch aus, und jeder, der schon mal vier Zeilen zusammengereimt hat, fühlt sich berufen, Urteile abzugeben. Was gerade auf diesem Gebiet bei den Autoren, und das vor allem im Internet, für eine Verwirrung und Unwissen herrscht, das ist erstaunlich. Ich will nicht behaupten, dass ich die Weisheit mit Löffeln gefressen habe, aber ein paar Kenntnisse habe ich mir doch schon erarbeitet, so dass ich halbwegs einschätzen kann, ob eine Kritik berechtigt ist oder nur eine Mäkelei, mit der meist auch ganz andere Beweggründe verbunden sind.

Lass mich mal reimen, solange es mir Spaß macht. Noch habe ich ja gar nicht alles ausprobiert, was es auf diesem Gebiet gibt. Ich muss mir noch eine Menge erarbeiten, und solange ich mich dabei nicht langweile, bleibe ich dran. Wenn ich es dann mit einer gewissen Nonchalance beherrsche, kann ich dann auch wechseln, was mir dann sicher doppelten Spaß machen wird.

Lieben Gruß, Rita

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nera
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Beitragvon nera » 03.09.2013, 15:20

verstehe ich das richtig? die reimlose dichtung wurde durch die zeit der romantik ncht weitergeführt und schlug dann um in vaterlandsdichtung? das deutschlandlied ist doch auch gereimt?

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nera
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Beitragvon nera » 03.09.2013, 15:25

liebe rita
ich denke, du musst hier bei niemanden das reimen verteidigen. wir haben uns wohl alle schon damit beschäftigt und uns an limmericks, sonetten usw. versucht. es gehört einfach zum handwerk.
also immer drauf los!

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 03.09.2013, 21:13

Liebe Rita,

vielen Dank für deine ausführlichen und teilweise sehr interessanten Gedanken zum Reimgedicht durch die Jahrhunderte. Wenn du meinen Kommentar richtig gelesen hast, habe ich keineswegs das Reimen an sich kritisiert. Ich habe dir nur widersprochen, als du schriebst, dass die meisten Autoren reimen. Man muss sich nur die zeitgenössischen Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien, dem Jahrbuch der Lyrik usw. anschauen, um zu sehen, dass fast ausschließlich in freien Versen geschrieben wird. Mein Ding ist dieser Mainstream allerdings nicht immer. Mir fehlen sehr oft Struktur, Klang und Rhythmus in solchen Gedichten. Die Sprache ist ein faszinierendes Material, mit dem sich tolle Effekte erzielen lassen, jenseits der reinen Gedankenlyrik. Diejenigen hier im Salon, die mich schon länger kennen, wissen, dass ich sehr gern strukturierte Gedichte schreibe, nicht selten mit Binnenreimen oder auch Endreimen. Gerade deswegen hatte ich dich ermuntert, von der Gleichform der 5-hebigen Jamben auch mal abzuweichen (was du ja mit der Dezime nun auch getan hast). Ich wünsche mir, ich suche geradezu, nach Autoren, die interessante, zeitgemäße Reimgedichte schreiben können. In diesem Sinne werde ich deine Gedichte gern weiterhin lesen, aber auch kritisch kommentieren, wenn es recht ist.

Viele Grüße
fenestra

Rita

Beitragvon Rita » 04.09.2013, 09:37

Hallo nera,

natürlich, das Deutschlandlied ist gereimt, mit einer unsäglich nationalistischen Aussage im Geist der Zeit, gegen die "die Deutschen" offensichtlich auch heute noch nichts haben. Mich trifft es immer, wenn ich mal eine Doku im Fernsehen sehe und das Deutschlandlied wird gespielt, und wenn ich weiß, dass es auch heute Nationalhymne ist, dann kommen mir schon Assoziationen.

Nein, ich bin auch der Ansicht, dass eine Verteidigung des Reimens überflüssig ist. Es ist nur so, dass mir hier nicht zum ersten Mal der Vorwurf gemacht wurde, ich würde "altmodisch" schreiben, weil ich mich auf das Reimen geschmissen habe. Ich jedenfalls habe meine Freude daran, und solange mir die Reimerei Spaß macht, reime ich. Ich glaube, jede Form, gereimt oder nicht, hat ihre Vor- und Nachteile.

Lieben Gruß, Rita

Rita

Beitragvon Rita » 04.09.2013, 09:48

Hallo Fenestra,

nun schreiben wir hier über allerhand, nur nicht über mein Gedicht. Eigentlich schade. Denn wenn die User hier vom Reimen zu freien Rhythmen gekommen sind, könnten sie sich doch dazu äußern. Wenn du das tun würdest, würde ich mich freuen. Ich habe zum Beispiel das Oder-Gedicht in eine Lira umgeschrieben. Deine Meinung würde mich interessieren. Ich stell die Umarbeitung mal ein.

Wo habe ich denn geschrieben, dass die meisten heute reimen? Muss ein Tippfehler sein. Im Gegenteil, ich habe da eine MRR-Anthologie aus den siebziger Jahren, die haut mich vom Stuhl, was der Gute uns da als moderne Lyrik anbietet. Nicht der einzige, aber auch ein Grund für mich, lieber zu reimen.

Dankeschön aber für dein Eingehen aufs Thema.

Lieben Gruß, Rita

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 04.09.2013, 11:22

Nun ja, Rita, das klingt etwas pauschal. Was Modernität angeht ist die Schwierigkeit bei Reimen sehr groß - die Reimpaare oben enthalten Beispiele für abgeklapperte Pärchen genug (noch - doch, Glauben - Erlauben ....). Bei denen, wo die Verbindung etwas seltener ist, z.B. besser - Menschenfresser oder Leute-Beute stellt sich die Frage nach einem inhaltlichen Zusammenhang sehr vehement. Die Argumente, die etwa Heinz Schlaffer ('Geistersprache' - Hanser 2012) zusammengestellt hat, sind bezüglich des Reims nicht leicht zu widerlegen (dass Klangnähe über dürftige Sinnzusammenhänge hinwegheben muss). Ich würde nicht sagen, dass Reimen an sich unmodern ist, Krolows Texte, aber auch diverse Neuere sind zum Staunen - aber die obigen Verse finde ich trivial und natürlich unmodern - das verwendete Reim-Material dürfte sich unverändert so durch die Reimlexika der letzten 200 Jahre bewegt haben.

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Beitragvon Amanita » 04.09.2013, 11:42

"Das Reimgedicht dagegen wird es immer geben, es wird niemals 'unmodern' und rennt keiner wie auch immer gearteten 'Modernität' hinterher" schreibst Du, Rita. Deine Aussage verteidigt ja geradezu eine anachronistische Haltung, denn vor diesem Hintergrund ist das Experiment wohl ausgeschlossen.
Außerdem verstehe ich nicht, dass hier eine Form(alie) dermaßen im Vordergrund steht. Es geht doch auch darum, welche Sprache gesprochen wird; ob gereimt oder ungereimt, sei erstmal dahingestellt. Du sprichst (oft) eine andere als die unserer Gegenwart, und ich frage mich: Warum eigentlich?

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Beitragvon fenestra » 04.09.2013, 13:17

Liebe Rita,

du hast geschrieben:

Nun ist es so, dass in der Tat die meisten existierenden Texte entweder im Kreuzreim oder im umarmenden Reim geschrieben werden, und das nicht nur von mir, das findest du durchgängig.


Wenn die meisten "existierenden Texte" im Kreuz- oder umarmenden Reim geschrieben sind, sind also die meisten Texte gereimt. Oder? Vielleicht habe ich das auch einfach falsch verstanden.

ich habe da eine MRR-Anthologie aus den siebziger Jahren


Seitdem ist allerdings einiges passiert bzw. geschrieben worden.

So, und nach diesen Grundsatzüberlegungen bin ich allerdings auch dafür, dass wir zur Textarbeit übergehen. Werde mich nachher gerne mit deiner Lira beschäftigen und melde mich dazu noch.

Viele Grüße
fenestra

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nera
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Beitragvon nera » 04.09.2013, 21:08

rita, wenn ich hier alles richtig lese, dann geht es in den kritiken nicht darum dass du reimst, sondern wie du reimst. das ist nämlich recht fad, für mich zumindest.
lg

Rita

Beitragvon Rita » 05.09.2013, 08:15

Hallo Fenestra,

danke, wenn du dich mal um die Lira kümmerst. Da wurde ja eine Menge drumherum geredet, aber zum Text selbst kein Wort. Mit Textkritik hat das für mich wenig zu tun. Leider.

Hallo nera,

ich weiß jetzt nicht, was du mit "fade" meinst. Du müsstest dich schon näher erklären, vielleicht ein paar Beispiele für das "Fade"?

Lieben Gruß, Rita

aram
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Beitragvon aram » 05.09.2013, 09:12

hallo rita,

der text spricht mich nicht an - bzw. etwa so, als fände ich ein aufgelöstes sudoku gepostet. er wird durch die mühsam wirkende überformung einer möglichen unterhaltsamkeit beraubt. das im detail zu erläutern, ist schwierig - es fehlt einfach an esprit. als hätte man einen teller mit einer mischung halbgaren und zerkochten gemüses vor sich, und sollte darüber spekulieren, ob man auch was anderes machen hätte können.

begriffe wie "reine naturgewalt" oder "böse menschenfresser" kommen im gegebenen kontext nicht als witzige, sondern als überzogene übertreibungen an, als bloße reimschemaerfüllungsgehilfen.


Rita hat geschrieben:Mit Textkritik hat das für mich wenig zu tun. Leider.
hey - guck vielleicht erst mal nach, was 'textkritik' bedeutet .-)

take it easy.-)

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nera
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Beitragvon nera » 05.09.2013, 18:14

aram hat es wunderbar erläutert, rita. das meine ich mit fade.


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