Frau B.

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Klimperer

Beitragvon Klimperer » 23.08.2013, 18:44

Drei Tage
vor Ablauf der Probezeit
bekam Frau B. ihre Kündigung.
Man hatte bei ihr
eine akute Leukämie festgestellt.

Das hatte man natürlich nicht
als Grund angegeben,
die brauchen auch keinen Grund zu nennen.

Sie ärgert sich jetzt darüber,
diese Information nicht für sich
behalten zu haben,
drei Tage lang mindestens,
drei Tage lang ...


Frau B. II

Drei Tage
vor Ende der Probezeit
bekam Frau B. ihre Kündigung.
Ein paar Tage zuvor
hatte sie eine Lebenskündigung erhalten ...

Ist sie in der Gewerkschaft?
fragte mich meine Freundin.

Nein.

Dann ist sie in Gottes Hand.
Zuletzt geändert von Klimperer am 28.08.2013, 09:49, insgesamt 1-mal geändert.

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 27.08.2013, 10:41

Lieber Klimperer,
ich bin zwar nicht Pjotr, aber trotzdem dazu noch ein paar Gedanken:
Ich wollte sagen, und ich sage es, wie egoistisch, wie erbarmungslos die Menschen sind.


... genau das habe ich persönlich aus dem Gedicht nicht herausgelesen. Um Egoismus und Erbarmungslosigkeit bestimmter Menschen (gemeint ist doch wohl der Arbeitgeber?) herauszulesen, bietet für mich persönlich der Text zu wenig Info; vor allem kann ich nicht erkennen, ob die Weiterbeschäftigung der Frau B. für den Arbeitgeber ein finanzielles Opfer gewesen wäre und wenn ja, ein wie großes Opfer. Das hängt von vielen Umständen ab - wie stark Frau B.s Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist, wie die weitere Prognose lautet, vermutlich auch wie groß der Betrieb ist und wie leicht oder schwer er eine erkrankte Arbeitnehmerin "mittragen" kann.

Nein, was ich aus dem Text herauslese, ist genau das, was Nifl wohl meinte, wenn er von dem Spiel mit Bedeutungsverhältnissen spricht. Welche Bedeutung hat der Arbeitsplatzverlust überhaupt angesichts einer solchen Diagnose? Sollte Frau B., statt sich über ihr Verhalten zu ärgern (dass sie die Info nicht für sich behalten hat) nicht etwas nachsichtiger mit sich selbst sein? Was, wenn ihr spontanes Mitteilungsbedürfnis, nachdem sie die Diagnose bekommen hat, stärker war als die Vernunft? Wie wichtig sind solche Fragen überhaupt noch, wenn es um eine solche unmittelbare Erfahrung der eigenen Begrenztheit geht?

Wenn Du wirklich das Verhalten des Arbeitgebers anprangern willst, musst Du, glaube ich, einen anderen Weg gehen ...

Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

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Beitragvon Pjotr » 27.08.2013, 10:48

Lieber Carlos,

die zweite Strophe klingt für mich nicht lyrisch, und nicht besonders "literarisch". Ich sagte ja, verzichte doch auf diese "Sachlichkeit". Verwirrend ist jetzt, was genau wir beide mit "Sachlichkeit" meinen.

Nun, in einem Literatur Forum soll man sich mit Literatur und nicht mit Politik beschäftigen.

Nun, in einer Pizzeria soll man sich mit Pizzas und nicht mit Mozarella beschäftigen?

Mit anderen Worten, Literatur soll nur sich selbst zum Thema haben? Pizza ohne vier Jahreszeiten? Natürlich nicht. Liebe und Betroffenheit, zum Beispiel, sind beliebte Themen in der Literatur. Aber es kann doch nicht sein, dass das die einzigen sein dürfen. Für mich darf Literatur alles behandeln; wenn die Worte ästhetisch geschmiedet sind, ist es Literatur. Darauf kommt es (mir) an. Nicht auf das Thema. Auch nicht auf die Lautstärke. Jede Lautstärke soll der Literatur erlaubt sein.


Ahoy

P.

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 28.08.2013, 09:44

Liebe Zefira,

ich danke dir für deine einleuchtende, einfühlsame Worte.

Auch dir, Pjotr, danke ich.

Ich habe beschlossen, eine neue Version des Gedichtchen zu schreiben. Harmloser als vorher? Wer weiß!

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Beitragvon Pjotr » 28.08.2013, 11:05

Die zweite Version klingt sehr interessant!

Sie beginnt feinfühliger, geheimnisvoller ...

Die letzte Zeile allerdings, Donnerlottchen, da dreht plötzlich eine Kathedralenorgel ganz mächtig auf. Von der Politik zur Religion, und bei diesem Themenwechsel ist nun auch noch die Wucht erhöht.

Wolltest Du, dass die letzte Zeile leise klingt? Darin stecken allzu mächtige Begriffe, um sie leise klingen zu lassen, glaube ich.


P.S.: Nach mehrmaligem Lesen wird sie leiser, die letzte Zeile. Beim ersten Lesen hat sie mich aber wirklich überrascht, wie ein Paukenschlag in einem Monumentalfilm.

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Beitragvon Amanita » 28.08.2013, 11:16

Ich finde die drei Pünktchen nicht gut.

Und überhaupt gefällt mir die erste Version deutlich besser.

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Beitragvon Pjotr » 28.08.2013, 11:38

Amanita hat geschrieben:Ich finde die drei Pünktchen nicht gut.

Warum nicht?

Ich finde es gut, wenn Fortführungspunkte eingesetzt werden an Stellen, wo das Gefühl des Weitergehens, des Offenen vermittelt werden will.

Magst Du dieses Weitergehen/Offen-Gefühl nicht? Oder magst Du die Pünktchen visuell nicht?

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Beitragvon Amanita » 28.08.2013, 11:47

Für mich sieht es hier sehr "gewollt" aus.

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Beitragvon Pjotr » 28.08.2013, 11:57

Wenn da ein Satzende wäre (Punkt oder leer), würde es für mich wie ein "gewollter" Hammerschlag-Effekt aussehen.


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