Drei Tage
vor Ablauf der Probezeit
bekam Frau B. ihre Kündigung.
Man hatte bei ihr
eine akute Leukämie festgestellt.
Das hatte man natürlich nicht
als Grund angegeben,
die brauchen auch keinen Grund zu nennen.
Sie ärgert sich jetzt darüber,
diese Information nicht für sich
behalten zu haben,
drei Tage lang mindestens,
drei Tage lang ...
Frau B. II
Drei Tage
vor Ende der Probezeit
bekam Frau B. ihre Kündigung.
Ein paar Tage zuvor
hatte sie eine Lebenskündigung erhalten ...
Ist sie in der Gewerkschaft?
fragte mich meine Freundin.
Nein.
Dann ist sie in Gottes Hand.
Frau B.
-
ecb
Starker Tobak, lieber Carlos, lakonisch abgehandelt. Ich weiß ja nicht, wie die Verhältnisse in Deutschland inzwischen sind, ob die Kündigung womöglich eine Behandlung der Krankheit unmöglich macht oder deren Qualität beeinträchtigt, aber für die Lakonik gibt es eigentlich nur die Erklärung, daß du sie entweder als literarisches Mittel einsetzt, um eine moralische Reaktion hervorzurufen, oder daß Frau B. sich aufgrund der Diagnose in einem Schockzustand befindet und sich ihrer eigentlichen Lage noch nicht ganz bewußt ist, was natürlich nur zu gut gut zu verstehen wäre.
Ich weiß also noch nicht so recht, wie ich mich zu diesem Text angemessen verhalten könnte. Im Moment empfinde ich so etwas wie eine Banalisierung des geschilderten Sachverhalts.
Bin gespannt auf weitere Reaktionen.
Liebe Grüße
Eva
Ich weiß also noch nicht so recht, wie ich mich zu diesem Text angemessen verhalten könnte. Im Moment empfinde ich so etwas wie eine Banalisierung des geschilderten Sachverhalts.
Bin gespannt auf weitere Reaktionen.
Liebe Grüße
Eva
Nein, banal wirkt das auf mich nicht. Ich habe mit Menschen gesprochen, die genauso lakonisch über ihren Krebs (oder auch andere schwere Krankheiten) gesprochen haben - ich hielt das immer für eine Sehnsucht nach dem Alltag, nach dem Alltäglichen.
Was ich nicht verstehe: Am Schluss die Betonung der drei Tage. Ist das ein Zeitraum, der wichtig ist? Auf mich wirkt das wie ein merkwürdiges Schuldgefühl, so "Ich kann nicht mal drei Tage meine Klappe halten". Also - da würde ich noch "dran drehen". Sonst klingt da so ein "letztlich selbst schuld" mit, was ich sehr unfair fände.
Was ich nicht verstehe: Am Schluss die Betonung der drei Tage. Ist das ein Zeitraum, der wichtig ist? Auf mich wirkt das wie ein merkwürdiges Schuldgefühl, so "Ich kann nicht mal drei Tage meine Klappe halten". Also - da würde ich noch "dran drehen". Sonst klingt da so ein "letztlich selbst schuld" mit, was ich sehr unfair fände.
Amanita, es sind deshalb genau drei Tage, weil nach diesen drei Tagen ihre Probezeit rum gewesen wäre. Dann hätte man sie nicht mehr so einfach rausschmeißen können.
Und sie hätte über die niederschmetternde Diagnose hinaus nicht auch noch ihre Arbeit verloren.
Wobei ich mich schon ein wenig frage, ob der Verlust eines Arbeitsplatzes "auf Probe" wirklich derart schwer wiegt, wenn man praktisch das Todesurteil ausgehändigt bekommen hat. Allerdings habe ich auch zu wenig Ahnung vom Verlauf dieser Krankheit - und es soll ja auch Leute geben, die einen Beinbruch stoisch ertragen, aber in Tränen ausbrechen, wenn sie sich zusätzlich noch einen Finger quetschen.
Nachtgrüße
Zefira
Und sie hätte über die niederschmetternde Diagnose hinaus nicht auch noch ihre Arbeit verloren.
Wobei ich mich schon ein wenig frage, ob der Verlust eines Arbeitsplatzes "auf Probe" wirklich derart schwer wiegt, wenn man praktisch das Todesurteil ausgehändigt bekommen hat. Allerdings habe ich auch zu wenig Ahnung vom Verlauf dieser Krankheit - und es soll ja auch Leute geben, die einen Beinbruch stoisch ertragen, aber in Tränen ausbrechen, wenn sie sich zusätzlich noch einen Finger quetschen.
Nachtgrüße
Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
(Ikkyu Sojun)
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
(Ikkyu Sojun)
In meinem Bekanntenkreis gibt es eine Frau, die ihre Leukämie losbekommen hat. Allerdings weiß ich nicht, ob das Wort "akut" hier in diesem Text bedeuten soll, dass es eben keine Rettung geben wird.
Ist das ein politischer Text? Wenn ja, will er sagen, dass die nun voraussichtlich im Hospital verbleibende Frau bis zu ihrem Tod aus moralischen Gründen hätte weiter angestellt bleiben sollen?
Ist das ein zynischer Text? Wenn ja, will er sagen: Knapp daneben, so ein Pech aber auch?
Ist das ein emotionaler Text? Wenn ja, in welchen Worten oder Zeilenwischenräumen steht die Emotion geschrieben?
Gruß
P.
Ist das ein politischer Text? Wenn ja, will er sagen, dass die nun voraussichtlich im Hospital verbleibende Frau bis zu ihrem Tod aus moralischen Gründen hätte weiter angestellt bleiben sollen?
Ist das ein zynischer Text? Wenn ja, will er sagen: Knapp daneben, so ein Pech aber auch?
Ist das ein emotionaler Text? Wenn ja, in welchen Worten oder Zeilenwischenräumen steht die Emotion geschrieben?
Gruß
P.
Der Text spielt für mich mit "Bedeutungsverhältnissen". Da ist eine plötzlich greifbar gewordene Restlebenszeit im Verhältnis zu einem halben Jahr und drei Tagen.
Und da ist eine Arbeitsstelle, deren Wichtigkeit gegen das Leben gestellt wird.
Durch die astronomischen Unterschiede wirkt der Text erstmal trivial und laut. Andererseits schwingt auch Hoffnung durch die Zeilen, eine Kampfbereitschaft, eine Nichtaufgabe. (sonst würde sie sich darüber nicht ärgern).
Das "akut" halte ich auch für überflüssig.
Dann zweimal "hatte" ist nicht gerade melodisch.
Und wie hätte sie das denn verheimlichen können, sie war doch krankgeschrieben?
Gruß
Und da ist eine Arbeitsstelle, deren Wichtigkeit gegen das Leben gestellt wird.
Durch die astronomischen Unterschiede wirkt der Text erstmal trivial und laut. Andererseits schwingt auch Hoffnung durch die Zeilen, eine Kampfbereitschaft, eine Nichtaufgabe. (sonst würde sie sich darüber nicht ärgern).
Das "akut" halte ich auch für überflüssig.
Dann zweimal "hatte" ist nicht gerade melodisch.
Sie ärgert sich jetzt darüber,
diese Information nicht für sich
behalten zu haben,
Und wie hätte sie das denn verheimlichen können, sie war doch krankgeschrieben?
Gruß
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)
Davon steht nichts in dem Text, Nifl. Um ein paar Laborproben abzugeben, braucht es keine Krankschreibung. Und wenn sie sich zuvor einfach nur müde und schlapp gefühlt hat - deshalb lässt man sich auch nicht unbedingt krankschreiben, schon gar nicht in der Probezeit ...
Sonnige Grüße
Zefira
Sonnige Grüße
Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
(Ikkyu Sojun)
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
(Ikkyu Sojun)
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Klimperer
Frau B. war im Krankenhaus wegen einer Galle Operation, die sie gut überstanden hatte. Nachträglich entdeckte man, dass sie an eine "akute" (sic) Leukämie leide.
Ich habe versucht, darüber so sachlich wie möglich zu berichten, ohne selbst zu werten ...
Das Einzige, was ich bei meinem Bericht als "lyrisch" empfinde, ist die Wiederholung der Worte "drei Tage lang".
Eva, Amanita, Zefira, Pjotr, Nifl, ihr alle habt, teilweise mindestens, Recht mit euren Interpretationen. Ich danke euch für eure Rückmeldungen.
Carlos
Ich habe versucht, darüber so sachlich wie möglich zu berichten, ohne selbst zu werten ...
Das Einzige, was ich bei meinem Bericht als "lyrisch" empfinde, ist die Wiederholung der Worte "drei Tage lang".
Eva, Amanita, Zefira, Pjotr, Nifl, ihr alle habt, teilweise mindestens, Recht mit euren Interpretationen. Ich danke euch für eure Rückmeldungen.
Carlos
Das hatte man natürlich nicht
als Grund angegeben,
die brauchen auch keinen Grund zu nennen.
Dieser Abschnitt klingt für mich sarkastisch, vorwurfsvoll gegen den Arbeitgeber; dieser Abschnitt müsste, glaube ich, anders formuliert werden, wenn der Bericht einen sachlichen, wertfreien Eindruck hinterlassen soll.
P.
als Grund angegeben,
die brauchen auch keinen Grund zu nennen.
Dieser Abschnitt klingt für mich sarkastisch, vorwurfsvoll gegen den Arbeitgeber; dieser Abschnitt müsste, glaube ich, anders formuliert werden, wenn der Bericht einen sachlichen, wertfreien Eindruck hinterlassen soll.
P.
Du könntest die Strophe auch drinlassen und stattdessen auf den Sachlichkeits-Anspruch verzichten.
Der Text verrät, dass Du einen Vorwurf machen willst. Warum den hinter Sachlichkeit verstecken? Lass es doch raus. Lass es krachen. Wenn es um zwischenmenschliches geht, bin ich ein Fan von Klarstellungen. Aber das ist natürlich Geschmackssache.
P.
Der Text verrät, dass Du einen Vorwurf machen willst. Warum den hinter Sachlichkeit verstecken? Lass es doch raus. Lass es krachen. Wenn es um zwischenmenschliches geht, bin ich ein Fan von Klarstellungen. Aber das ist natürlich Geschmackssache.
P.
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Klimperer
Lieber Pjotr,
in der globalisierten Welt, in der wir leben, bekommen wir durch die Medien viel mehr Katastrophen-Berichten, als wir in der Lage wären, zu verarbeiten. Wir könnten uns ruhig aussuchen, für welche Art von Kalamitäten wir uns interessieren, für was oder wogegen wir uns engagieren möchten.
Dabei sind wir nach wie vor jeweils nur eine Person, niemand ist in der Lage, alles zu bewältigen, nicht mal alles, was in der Welt passiert, zu wissen. Wir sind überfordert.
Vielleicht flüchten wir auch vor den kleinen Miseren, mit denen wir tagtäglich in unserer kleinen, wirklichen Welt leben indem wir unseren Blick auf die ganze Welt richten ...
Nun, in einem Literatur Forum soll man sich mit Literatur und nicht mit Politik beschäftigen. Das wollte ich auch nicht, ich habe diesen Bericht unter der einzigen Rubrik, in die es passen könnte, untergebracht. Es soll so anonym wie möglich, so still wie möglich sein. Ich wollte sagen, und ich sage es, wie egoistisch, wie erbarmungslos die Menschen sind. Aber wenn ich das ausdrücklich sagen würde, das wäre Politik, das wäre ein Pamphlet, und keine Literatur, geschweige denn Lyrik.
LG
Carlos
in der globalisierten Welt, in der wir leben, bekommen wir durch die Medien viel mehr Katastrophen-Berichten, als wir in der Lage wären, zu verarbeiten. Wir könnten uns ruhig aussuchen, für welche Art von Kalamitäten wir uns interessieren, für was oder wogegen wir uns engagieren möchten.
Dabei sind wir nach wie vor jeweils nur eine Person, niemand ist in der Lage, alles zu bewältigen, nicht mal alles, was in der Welt passiert, zu wissen. Wir sind überfordert.
Vielleicht flüchten wir auch vor den kleinen Miseren, mit denen wir tagtäglich in unserer kleinen, wirklichen Welt leben indem wir unseren Blick auf die ganze Welt richten ...
Nun, in einem Literatur Forum soll man sich mit Literatur und nicht mit Politik beschäftigen. Das wollte ich auch nicht, ich habe diesen Bericht unter der einzigen Rubrik, in die es passen könnte, untergebracht. Es soll so anonym wie möglich, so still wie möglich sein. Ich wollte sagen, und ich sage es, wie egoistisch, wie erbarmungslos die Menschen sind. Aber wenn ich das ausdrücklich sagen würde, das wäre Politik, das wäre ein Pamphlet, und keine Literatur, geschweige denn Lyrik.
LG
Carlos
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