ONKEL KARL

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Klimperer

Beitragvon Klimperer » 27.07.2013, 13:50

Zu seinem 93sten Geburtstag
schenkten wir Onkel Karl
eine etruskische Vase,
eine Abbildung davon
auf einer Postkarte.

"Es fehlen nur die Blumen!"
schrieben wir dazu.

Zum ersten Mal
hat er sich nicht bedankt.
Zuletzt geändert von Klimperer am 30.07.2013, 12:45, insgesamt 2-mal geändert.

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 27.07.2013, 14:49

:mrgreen:

Das erinnert mich an eine Versteigerung bei Ebay, in der "ein Traum von einem Notebook" angeboten wurde.
Es stand ausdrücklich dabei: "Achtung! Angeboten wird NICHT das Notebook selbst, sondern der Taum davon!"

Dank kann man totzdem zu Recht erwarten, finde ich.

Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

ecb

Beitragvon ecb » 27.07.2013, 21:04

Für eine solche Grabbeigabe, noch dazu ohne Blumen, hätte ich mich mit 93 allerdings auch bedankt, beziehungsweise nicht ... :pfeifen:

Liebe Grüße
Eva

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 27.07.2013, 21:21

Ach so, Onkel Karl ist schon tot. Ja, dann kann er sich natürlich nicht bedanken, aber auf einem Grab taugt eine Postkarte tatsächlich nichts, da sollte schon eine echte Vase hin.

:a045:
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(Ikkyu Sojun)

scarlett

Beitragvon scarlett » 27.07.2013, 21:30

das gefällt mir sehr, wunderbar offen die Pointe ...
coole Idee!

scarlett

aram
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Beitragvon aram » 27.07.2013, 23:32

lieber klimperer,

ich finde den text letztlich unverständlich, da er zum einen zu unbestimmt ist, um sinnerfassend lesbar zu sein - es wäre denn, leser erfände kontext.

es werden zum anderen auch keine (z.b. etwa auch chargierenden, einander ausschließenden, oder dgl.) kontextmöglichkeiten angedeutet, die leser als solche identifizieren /am text festmachen könnte.

auch derartig aussagesinnfreie texte können mich ansprechen, wenn sich daran bemerkenswerte ästhetische strukturen und/oder abbilder prozessuraler strukturen finden - hier finde ich solche nicht herausgearbeitet (die großschreibung des titels allein reicht mir da nicht.-); der text bleibt auch in solcher möglichen deutungshinsicht zu unbestimmt. (ohne die letzten 2 zeilen schiene er mir konziser.)

liebe grüße!

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 28.07.2013, 10:46

Hallo Zefira, Eva, Scarlett,

vielen Dank für eure Rückmeldungen.

Es freut mich zu sehen, dass Zefira wieder aktiv dabei ist, ich hatte mir schon Gedanken gemacht. Vielleicht macht jeder mal eine Pause.

A bientôt

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 28.07.2013, 10:48

Lieber Aram,
lange habe ich gebraucht, um zu verstehen, dass es für kleine lyrische Beiträge eine Extra-Rubrik vorgesehen ist. Irgendwann mal ist das mir aufgefallen, und seitdem bringe ich kleine Beiträge nicht mehr, wie früher, unter die Rubrik "Freies Weben" unter.
Warum ich das erwähne? Um den Moderatoren ein Kompliment zu machen. Für ihre Geduld. Pädagogisch gesehen finde ich ihre Vorgehensweise sehr klug: Abwarten, dass man von selbst drauf kommt ... Ich bin ziemlich langsam, aber irgendwann habe ich es doch selbst verstanden und mich gebessert. Demzufolge, wenn ich mal einen politischen Text hätte, würde ich ihn unter die dafür vorgesehene Rubrik bringen, und nicht unter "Freies Weben", denn da würde ich keine Resonanz finden.
Nun, es gibt diese Rubrik für humoristische Texte ... Dort habe ich meinen "Onkel Karl" untergebracht. Ein kleiner, anspruchsloser Text, der zum Schmunzeln bewegen sollte.
Wie bei einem Witz, es hat keinen Sinn, es im Nachhinein zu erklären ...
Ich bin dir wirklich dankbar für deine Beschäftigung mit meinem Beitrag, mir gefällt sehr gut, wie du schreibst. Ich habe deine konstruktive Kritik eigenhändig für mich abgeschrieben. Sie ist nicht ins Leere gefallen.
Was ich da erzähle ist eine wahre Begebenheit. Ich vermute, Onkel Karl, beim Anblick dieser Vase, wurde an eine Urne erinnert. Andererseits ist er ein humorvoller Mensch, der gerne makabre Witze erzählt.
Zu seinem 90-ten Geburtstag gab es eine sehr große Feier, bei der viele Prominente anwesend waren. Ein Chor trat auf und sang ein schönes Lied. Als sie mit dem Lied fertig waren trat er auf die Sänger zu und sagte: "Ich hätte noch einen Wunsch: dass Sie mir dieses Lied nochmal vorsingen ... nicht jetzt, in zehn Jahren!"

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 28.07.2013, 11:03

Ich dachte an Karl Valentin, fand aber keine rechte Stütze für meine Vermutung.
Es hat was Grobes, so ne Message - unser Bild für Dich / von Dir: ein hohler, leerer Körper, dem das Leben (=die Blumen) abhanden kam ...

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 28.07.2013, 12:00

Mir ist dabei ein Problem in den Sinn gekommen, ein recht banales Problem, mit dem ich aber, seit ich die 50 überschritten habe, schon mehrmals konfrontiert war: Geschenke für alternde Leute. Die Leute meiner eigenen Elterngeneration sind schon so alt, dass sie meistens gar nichts mehr geschenkt haben wollen und ihre Ablehnung manchmal deutlich zum Ausdruck bringen - oft schwingt da eine gewisse Verbitterung mit, als sei die eigene Bedürfnislosigkeit eine Kränkung. Die Angehörigen geraten in eine Art "No-Win"-Situation: auf jedes Geschenk reagiert der Beschenkte sauer, weil er es nicht braucht, schon hat, nicht mag oder was auch immer; fragt man nach Wünschen, kommt ein säuerliches "Nichts!", schenkt man dann nichts, wird auch gebrummt. Im Grunde ist das Gedicht ein treffendes Bild dieser Situation.

Übrigens färbt das auch auf mich schon ab, ich überlege bei größeren Anschaffungen immer, ob sich das in meinem Alter noch lohnt.

Tattrige Grüße!
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aram
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Beitragvon aram » 28.07.2013, 12:18

lieber klimperer,

zugegeben, die rubrik habe ich nicht berücksichtigt. (das ist hoffentlich nicht so schlimm - wenn ich was witzig finde, muss es dazu ja nicht erst in einem satiremagazin erscheinen.-)

ist dir bewusst, dass "ONKEL KARL" für den leser keine identifizierbare oder bekannte figur ist? - in einem vereinzelten kurztext, der in sich keine weiteren hinweise (keinen kontext) anbietet, könnte 'onkel karl' genau so gut auch ein papagei solchen namens sein.

du bist da als autor, wie deine rückmeldung zeigt im vorteil, und der geht hier klar auf kosten des lesers._)
(ich hatte beim lesen vermutet, dass möglcherweise dem autor nicht bewusst ist, dass er über zusätzliche bestimmende elemente verfügt, die dem text fehlen, um ihn ausreichend bestimmt lesen zu können)

guck auf die kommentare zum text - in den wenigen rückmeldungen wird z.b. schon spekuliert, ob onkel karl am leben oder tot ist, u dgl - wenn der leser die ganze kontext-imaginationsarbeit machen soll, kann der autor auch "der wolf - das lamm!" schreiben - und gut isses.-)

dann noch meine frage zur letzten strophe - welche funktion hat sie für dich im text? (wie gesagt im text, im werk - nicht in der geschichte dahinter) (ich empfinde sie als zusätzlich irritierendes anhängsel - sie ergäbe nur sinn, wenn man als leser z.b. grund zur annahme hätte, dass onkel karl üblicherweise makabere scherze liebt, o.dgl.)

(bitte entschuldige, falls diese nochmaligen fragen/bemerkungen unnötig waren)

liebe grüße!

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 28.07.2013, 13:46

Lieber Aram,

vielleicht hast du Recht ...

Wie fändest du als Titel: "Das falsche Geschenk?"

Die Tatsache, dass Onkel Karl nicht antwortete, bestätigte mich in meiner Befürchtung, diese Vase, die wie eine Urne aussah, ihn irritiert hatte. Das spürte ich in dem Moment, in dem ich die Postkarte in den Briefkasten warf.

Ich muss darüber denken.

Ich danke dir

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Beitragvon Pjotr » 28.07.2013, 18:32

Hallo Aram,

wenn Du den Begriff "Onkel" liest, verbindest Du das intuitiv nicht erst einmal mit einem Menschen anstatt einem Papageien?

Sollten trotzdem Zweifel bleiben, sind die dann nicht bereinigt nach der Mitteilung, dass dem Wesen eine Vase geschenkt wurde?

Wenn immer noch zweifelhaft, hilft dann auch die Postkarte nicht? Welchen Wesen schenkt man Postkarten?

Ich finde den Text gescheit, denn er enthält immerhin mindestens drei mögliche Pointen.

- Karl ist beleidigt
- Karl ist aus Empörung tot umgefallen
- Karl ist an schleichendem Liebesentzug gestorben, noch bevor die Karte ankam; die Kartenidee ist ein Indiz der sozialen Situation. Diese Pointe funktioniert aber nicht, wenn man weiß, dass Karl solche Karten lustig findet.
- ...


Cheers

P.

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 28.07.2013, 18:47

Ich füge Pjotrs Liste noch, wie oben erklärt, hinzu: Karl hat behauptet, kein Geschenk zu wollen ("Ich hab ja schon alles und sterb eh bald") und war dann beleidigt, als die Schenker das wörtlich nahmen. Vielleicht war er sogar tödlich beleidigt.
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