[ohne titel]

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Amanita
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Beitragvon Amanita » 09.07.2013, 09:16

dieses kanzerogene wort
ist nicht laut
wenn es nistet
sich langsam verästelt
im gewebe der zeit
und irgendwann
die seele durchwächst:
selbst schuld

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Eule
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Beitragvon Eule » 14.07.2013, 14:43

Hallo Amanita, der kursiv gesetzte Schluß scheint mir im Text als "verborgener" Titel des titellosen eingesetzt. Dadurch bekommt er ironische Schärfe und erinnert an den weit verbreiteten und gern als Entschuldigung oder Verdrängung benutzten Spruch oder Ausruf.
Ein Klang zum Sprachspiel.

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 14.07.2013, 20:28

Ja, Eule, das stimmt - der "Titel" kommt zum Schluss. Meintest Du, ihn auch drüber zu schreiben? Das würde mir wohl zuviel vorwegnehmen. Oder was gäbe es für eine Lösung?

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Eule
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Beitragvon Eule » 14.07.2013, 23:07

Fände ich persönlich nicht sehr relevant, lass es doch so stehen ? ;-)
Zuletzt geändert von Eule am 15.07.2013, 18:54, insgesamt 1-mal geändert.
Ein Klang zum Sprachspiel.

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 15.07.2013, 09:23

Die Trojaner, sie schleppten selbst in ihre Stadt das von den Griechen an der Küste zurückgelassenes hölzernes Pferd, in dessen Bauch sich griechische Krieger versteckt hatten. Das taten sie, obwohl man sie ausdrücklich davor warnte. Waren sie selbst schuld oder nicht?

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 15.07.2013, 16:01

die Büchse der Pandora

Dieses "Selbst schuld", das sich kanzerogen einnistet, das gefällt mir, zieht mich an, dann wieder versuche ich dem moralischen Anspruch, der hinter der Kritik des "selbst schuld" steckt auszuweichen.

Für mich gibt es Verknappungen, die auf den ersten Leseblick hin Geniestreiche sind, und auf jeden Fall stets Beachtung verdienen, auf den zweiten hin jedoch die allgemeine Aussagekraft verlieren.

Das Beispiel der Trojaner, das Klimperer anführt zeigt es: es gibt neben dem selbst schuld auch das der eigenen Verantwortung und darüber hinaus die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen. Und dann könnte man noch hinzufügen: das Resultat zählt. Dem Sieger ruft man nicht zu: selbst schuld.

Einer benachbarten alten Dame verwehrt mittlerweile die Tochter den Zugang zu ihrer (der Mutter gehörenden) Wohnung. Man munkelt "selbst schuld". Dagegen munkeln ist schwer. Man weiß nichts, wenig, zu wenig, manchmal auch zu viel ...

Das Interessante an diesem Gedicht und an dieser End/titel/zeile ist schon, dass es bis hin zur Debatte zwischen ererbter/umweltbedingter und erworbener, willentlich erstrebter Persönlichkeit führt.

Diesen vom Gedicht inspirierten Gedanken bin ich gern nachgegangen.

lG
Renée

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 15.07.2013, 17:48

Die Kritik bezieht sich - deswegen auch die Kursivschrift - auf die Aussage "Selbst schuld". Wobei nicht klar ist/ sein soll, wer diese Aussage macht, jemand von außen oder das Ich. Das ist auch egal - in jedem Fall wäre diese Pauschalisierung eben kanzerogen, weil die Dinge höchst selten so einfach liegen und es letztlich um ein Sich-Zermartern (oder Zermartertwerden) geht. Ja, Renée, Munkeln... "geschieht ihr/ ihm recht, sie haben es ja nicht anders gewollt". Wie schnell geht das - und ich habe das Gefühl (meine es zu beobachten), dass man es sich, nach einer etwas distanzierteren Phase, heute (oft) wieder einfacher macht mit dem Begriff "Schuld".


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