Glaubensbekenntnis

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Amanita
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Beitragvon Amanita » 29.04.2013, 18:44

Glaubensbekenntnis

Was glauben Sie denn
sprechen kann Gott ja wohl nicht
oder hörten Sie jemals etwas
von göttlichen Stimmbändern
hahaa formalintriefend
inmitten goldener Tröge
hinpilgern würden Sie – das weiß ich
Sie beten ja auch zu einem Stück Brot
und der Einsilbige zeigt sich praktisch
wenn Sie nicht weiter wissen
sprechen Sie doch mal
Ordnung und Aleatorik gleichzeitig aus
oder buchstabieren Sie Hoffnung
ach lieber rufen Sie Gott an
(klingt so erhaben)
Ich nutze mein Handy

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 07.07.2013, 15:31

Hallo Amanita,

ein Text, den ich zuerst mit Interesse gelesen habe, dem ich die Empörung, Bissigkeit aber nicht abnehme. Es entsteht für mich, vor allem wohl durch das Zusammenspiel von Titel und den letzten beiden Zeilen, der Eindruck, dass der Autor den Sprecher lediglich nutzt, vorführt, um mir als Leser ein anderes Thema unterzuschieben, und meine Sichtweise auf die Haltung des Sprechers zu "lenken". Ein pädagogischer Kniff. .-) Das macht mir wenig Lust, mich rückblickend noch einmal darauf einzulassen, was ich schade finde.

Ohne diesen Rahmen (Titel-Schlusszeilen) fände ich den Text wesentlich reizvoller.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 07.07.2013, 19:45

Hallo Flora, das muss ich jetzt erstmal sacken lassen... so richtig verstehe ich es (noch) nicht. Ohne Titel und die letzten Zeilen?

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 08.07.2013, 08:44

Hallo Amanita,

so richtig verstehe ich es (noch) nicht. Ohne Titel und die letzten Zeilen?
Ja, so:

Was glauben Sie denn
sprechen kann Gott ja wohl nicht
oder hörten Sie jemals etwas
von göttlichen Stimmbändern
hahaa formalintriefend
inmitten goldener Tröge
hinpilgern würden Sie – das weiß ich
Sie beten ja auch zu einem Stück Brot
und der Einsilbige zeigt sich praktisch
wenn Sie nicht weiter wissen
sprechen Sie doch mal
Ordnung und Aleatorik gleichzeitig aus
oder buchstabieren Sie Hoffnung
ach lieber rufen Sie Gott an


Oder meinst du die Begründung?

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 08.07.2013, 09:05

Ich meinte beides.

Also findest Du es titellos besser?

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 08.07.2013, 09:08

Der Schluss müsste dann wohl auch geändert werden.


Ich verstehe nicht, warum die Bissigkeit jetzt plausibler ist (wenngleich ich im Prinzip mit dieser Fassung sehr gut leben könnte / eben bis auf den Schluss).

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 08.07.2013, 09:14

Der Schluss müsste dann wohl auch geändert werden.
Warum?

(Zum Plausiblen schreibe ich gerne später noch etwas.)
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 09.07.2013, 09:50

Der Schlusssatz gefällt mir "als solcher" nicht, ich kanns begründen.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 09.07.2013, 10:35

Amanita hat geschrieben:Der Schlusssatz gefällt mir "als solcher" nicht, ich kanns begründen.
Die Begründung würde mich interessieren, vielleicht hängt sie auch mit meinem Eindruck zusammen.

Ich versuche auch noch einmal zu erklären. Ohne Titel und Schlusszeile bin ich ganz beim Sprecher. Ich sehe/höre seine Empörung, er wirft mir/einem Gegenüber Fragen ins Gesicht, Vorwürfe, Spitzen (neue Schlusszeile), ohne selbst Antworten zu geben, oder in den Mittelpunkt gestellt zu werden. Durch den Titel "Glaubensbekenntnis" und deine Schlusszeilen ändert sich das jedoch. Die Klammer ist schon eine sichtbare Distanzierung, eine Kommentierung von außen, die ich in dieser zurückgenommenen Form dem Sprecher nicht zuordnen würde. Der Autor als dritte Person mischt sich ein. Durch das Handy-Ende, das ich als platt und bewusst den Sprecher lächerlichmachend empfinde, wird dann der Glaube des Sprechers (sein Bekenntnis) in den Fokus der Kritik gestellt und die Position des Autors deutlich. Dadurch wird die Bissigkeit aber nur noch zum Mittel des Autors und ist für mich nicht mehr aus sich heraus glaubhaft, oder wirkungsvoll. Wenn ich mir den Text beispielsweise als Ausgangspunkt für eine Diskussion vorstelle, würde sich für mich die Blickrichtung und Fragestellung deutlich verschieben. Wird es so klarer?

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 09.07.2013, 10:56

Sorry, das NICHT ist mir abhanden gekommen... das ist jetzt wirklich doof :)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 09.07.2013, 10:58

Ja, jetzt sehe ich klarer, was Du meinst - so ganz teile ichs zwar nicht, aber ich kann es nachvollziehen. Vielen Dank!

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 09.07.2013, 11:06

P. S. Jetzt würde ich gern mal erfahren

1. wie andere Leser/innen das sehen
2. ob es andere Änderungsvorschläge gibt statt nur wegzustreichen (v. a. Schlusssatz)

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nera
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Beitragvon nera » 10.07.2013, 23:59

hi amanita
für mich ist dieser text ein zynisches statement, in dem auch ein kern hilflosigkeit steckt. das, was ich in der überschrift lese, wird von anfang an lächerlich gemacht. allerdings auf einer ebene, die ich als (sagen wir mal) agnostiker ablehne. hier wird gar nicht auf den glauben an sich eingegangen, sondern hauptsächlich darauf gezielt, ob dieser gott, an den der angesprochene glaubt, reden kann oder nicht und es gibt wortspielchen mit "sprechen, ordnung,, aleatorik und hoffnung(?) und anrufung und schließlich mit diesem pragmatischen handy-vergleich. vielleicht würde eine überschrift wie "anrufung" besser passen? aber letztendlich mag ich den ganzen text wegen seiner grundhaltung nicht. das ist aber ein subjektives urteil, das mit textarbeit nichts zu tum hat.

lg

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 11.07.2013, 02:55

Amanita hat geschrieben:P. S. Jetzt würde ich gern mal erfahren

1. wie andere Leser/innen das sehen

In einem in der Ich-Form geschriebenen Text ist -- für mein Empfinden -- das Ich und der Autor immer eins. Anders als Flora, kann ich das nie trennen -- egal ob der Text als autobiografisch oder fiktiv deklariert ist. Das ist wie in der Schauspielerei. Ich meine echte Schauspieler, nicht Darsteller. Die Gefühle eines echten Schauspielers sind im Moment des Schauspiels wahrhaftig. Wenn ein Schauspieler ohne Zwiebelhilfe weint, dann ist er in diesem Augenblick wahrhaftig traurig. Wenn er Wut in sich aufbaut, ist er wahrhaftig wütend. Wenn der Take im Kasten ist, dauert es noch eine Weile, bis diese Gefühle, diese wahren, wieder abklingen. Da muss ich nicht trennen zwischen Schauspieler und Mensch im Sinn von Technik versus Mensch, beziehungesweise im Sinn von Autor versus Text-Ich. Ich gehe noch weiter und behaupte, dass sogar bei den Texten von Sam, dem Meister der Neutralität und des Respekts vor sozialexotischen Menschen, im Moment ihrer Niederschreibung sich etwas höchst empathisches ereignet. Da sind das Ich und der Autor eins.

Sicherlich empfinde ich diese Einheit nur dann, wenn der Text authentisch wirkt. Ich meine aber, selbst wenn er konstruiert ist, vermeintlich kaltberechnet konstruiert, selbst dann ist er, wenn er authentisch wirkt, eben nicht wirklich bloß kaltberechnet, sondern genau in diesem Moment des Konstruierens ist dieser schreibende Konstrukteur empathisch mit dem geschriebenen Ich verschmolzen. Genau so, wie der echte Schauspieler empathisch, emotional mit der Rolle verschmolzen ist, im Augenblick des Ausdrucks.

Emotionen sind immer wahr. Selbst im Nachttraum. Viele Leute behaupten, Träume seien nicht real. Natürlich sind sie real! Ich habe es doch erlebt! Meine Gefühle waren echt!

Daher würde ich an dem Gedicht "Glaubensbekenntnis", was die Problematik der Autor-Ich-Trennung betrifft, nichts ändern.

Das Gedicht drückt eine Empörung aus, die auf mich echt wirkt. Ich lese das so: Die Klagende ist wahrhaftig(!) sauer auf diejenigen Kritiker, die bei der Frage um die Existenz Gottes mit wissenschaftlichen Argumenten daherkommen. Die Wissenschaftlichkeit an dieser Stelle ist ja Blödsinn, weil es geht ja um Glauben, nicht um Wissen. Für mich Agnostiker funktioniert dieses Gedicht genauso gut bei der Frage um die Abstinenz Gottes. Die kann ebenso schlecht wissenschaftlich belegt werden. Somit ist das Gedicht für mich eine runde Sache. Ich sehe keinen Zynismus, keine Hilflosigkeit, keine Pädagogik im abwertenden Sinn. Passt alles.


Ahoi

P.



Edit: Nochmal konkret. Ich glaube zu verstehen, was Flora sieht, sie sieht die Titelzeile und die letzte Zeile als eine zusätzliche personale Ebene oder Schale. Ich sehe das nicht so. Für mich ist da kein Bruch. Alles eins.
Zuletzt geändert von Pjotr am 11.07.2013, 09:58, insgesamt 1-mal geändert.


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