aufgabe [M]

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
ecb

Beitragvon ecb » 10.06.2013, 16:11

eine möglichkeit wäre
wenn die sackgasse
gähnend sich auftut
die losung für die
gegensprechanlage
den eingang und den ausgang
zum innenhof
und den aufzug
zum nächsten dach
nicht stimmt
eine möglichkeit wäre

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 11.06.2013, 09:50

Hallo Eva,

schon oft habe ich dein Gedicht gelesen, ich kann es aber nicht knacken.

Ich würde gerne sehen, wie Andere damit umgehen.

Wo "losung" steht lese ich schon "lösung" ...

Wenn die Losung nicht stimmt?

Geht es hier vielleicht um den möglichen Zugang zum inneren Ich?


LG

Carlos

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 11.06.2013, 10:06

Liebe Eva,
ich meine eine Deutung für die "Losung" zu haben: Du wohnst ja in Schweden, und da sind m.W. die Eingangstüren von Mehrfamilienhäusern oft mit Türcodes gesichert statt mit Schlüsseln. Die Tür öffnet sich nach Eingabe des richtigen Codes.

Wer also die falsche Losung hat, kommt nicht hinein. Wie steht es aber mit dem Herauskommen? Es heißt "den eingang und den ausgang zum innenhof". Das verstehe ich nicht. Sind der Innenhof und das Dach als Ausgang gedacht?

Der Titel ist schön doppeldeutig: Man kann also aufgeben oder das Problem als Aufgabe verstehen, richtig?

Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 11.06.2013, 14:05

Hallo, ich teste gerade dieses Layout:

eine möglichkeit wäre

wenn die sackgasse gähnend sich auftut
und die losung für die gegensprechanlage
den eingang und den ausgang zum innenhof
den aufzug zum nächsten dach
nicht stimmt

eine möglichkeit wäre


Außerdem habe ich das "und" testweise nach oben verschoben; verschoben, nicht kopiert, da es sicherlich nur einmal vorkommen soll. Ich finde, dieses Layout macht den Inhalt ein bisschen verständlicher; dennoch nicht allzu einfach, denn der Inhalt ist schon ziemlich abstrakt, oder möglicherweise sogar allmöglich im Sinn von: Wenn es keinen Ausweg gibt, ist die Ausweglosigkeit der Ausweg.

Oder so: Ich habe Durst und finde aus der Wüste nicht heraus, ich stille meinen Durst indem ich sterbe.

Zwar können Aufzüge nicht nur hinauf, sondern auch hinab gehen. Aber hier scheint der Aufzug zum nächsten Dach, intuitiv gelesen (Aufzug, Dach), nach oben zu gehen. Wir haben also drei Vektoren, zwei seitliche und einen nach oben. Nicht erwähnt ist der Abgang zum Keller. Die Alternative könnte also die Hölle sein, oder das Grab ...

Ein weitere mögliche Dimension wäre die Zeit: Wenn alles versperrt ist im Raum, dann warte in der Zeit. Zeit heißt Veränderung. Auch sie kann Möglichkeiten entstehen lassen.


Ahoi

P.

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Beitragvon Mucki » 11.06.2013, 14:21

Pjotr hat geschrieben:denn der Inhalt ist schon ziemlich abstrakt, oder möglicherweise sogar allmöglich im Sinn von: Wenn es keinen Ausweg gibt, ist die Ausweglosigkeit der Ausweg.

In diesem Sinne habe ich auch schon versucht, deinen Text zu verstehen, Eva.
Oder in Kurzform:

eine möglichkeit wäre
wenn die sackgasse
eine möglichkeit wäre


Dann würde der Titel das Aufgeben implizieren, vllt. im Sinne von Loslassen?

Ziemlich kryptisch, deine Zeilen. Vermutlich denke ich zu kompliziert. ,-)

Saludos
Gabriella

pjesma

Beitragvon pjesma » 11.06.2013, 15:27

bei mir kommt es an als eine gedankenspiel, im sinne von verlassen..."wenn du mich nicht rein lässt, eine möglichkeit wäre auch weg zu gehen..." wobei man sich nicht traut die mögleichkeit laut auszusprechen und als alternative zuzulassen, bleibt ungesagt in der (interpunktionslosem) luft hängen (mag sein dass ich es total verkehrt lese)...
lg, pjesma

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Beitragvon Zefira » 11.06.2013, 15:39

So wie Du habe ich es auch zu lesen versucht, Gabi. Aber irgendwie war die Grammatik im Wege, ich weiß jetzt nicht mehr genau inwiefern, aber etwas in dem Gedicht stand dieser Lesart im Wege (bei mir jedenfalls).

Grüße von Zefira
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(Ikkyu Sojun)

Niko

Beitragvon Niko » 11.06.2013, 16:31

hallo ecb,

dieses stadtgedicht fasse ich so auf, dass du zeigen möchtest, wie verschachtelt eine stadt ist, ein labyrinth aus ein und ausgängen aus aufzügen und hinterhöfen. das alles ist verworren, für fremde nicht erschließbar. und ich glaube, dass du genau das ausdrücken willst.
es gibt eben unzählige möglichkeiten von a nach b-z zu kommen.

liebe grüße: niko

ecb

Beitragvon ecb » 12.06.2013, 18:51

Du kennst doch bestimmt von irgendwoher die Berliner Wohnblöcke, im Wedding zum Beispiel (wo ich mal eine ganze Weile gewohnt habe), die durch den unteren Flur hindurch zu einem Hinterhof oder Innenhof und dem dahinterliegenden zweiten Wohnblock hinausführen - das ist mit "eingang und ausgang" gemeint, Zefira. Gegensprechanlagen und Türcodes haben sie dort zum Teil auch.
In der Wortwahl "Losung" ist noch eine weitere Bedeutungsschicht angedeutet.

So etwa, Pjotr, die Zeilenbrechung ist allerdings beabsichtigt als Ausdruck der Panik und Atemnot, die die Einsicht in die Situation auslöst. Der Fluchtweg ist ja gedacht, aber von vornherein vereitelt. Auch der Abstieg in eine mögliche Unterwelt.

Auch deine Deutung gefällt mir, Gabriella. Und deine, pjesma. Und deine, Niko. Cool, daß der Text solche Gedanken bei euch auslöst. Haben sie dich ein bißchen weitergeführt, Carlos?

Ich kann ja noch hinzufügen, daß das Gedicht sozusagen einem klaustrophobischen Alptagtraum geschuldet ist, ausgelöst durch die Lektüre von Murakamis "Hard-boiled Wonderland" - wer das Buch kennt, wird sicher Bescheid wissen.

Vielen Dank für eure Reaktionen, die haben mich allesamt richtig gefreut. :daumen:

Liebe Grüße
Eva


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