glasglobus

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 10.03.2013, 10:35

Ungereimte Fassung:

glasglobus


im globus aus glas
durchstreifen die hände ozeane
und werden nicht nass

die füsse unter gletschern wandernd
erfrieren niemals

und keine weisheit
findet sich unter den alten städten

das geschrei der straßenkinder
ist hörbar
aber wo ist der gestank
aus den hinterhöfen

und wie fühlt sich das fell des lamas an
das gefieder des truthahns
die flocken vom baumwollstrauch

wie schmeckt eine papaya
die vollreif vom baum fällt
und deren saft
das kinn herunterrinnt

manchmal möchte ich
das gehäuse zersprengen
aber ich fürchte
da draußen ist
nichts



glasglobus


ich lebe in einem globus aus glas
die hände im ozean werden nicht nass
der fuß im himalaya wird niemals blau
der kopf - selbst in cambridge - wird daraus nicht schlau

ich drehe und wende mich in einem fort
komm überall hin und bin doch niemals dort
mensch tier und blume im flimmernden licht
ich fühle und rieche und schmecke sie nicht

der globus mein uterus schließt mich fest ein
und wenn er zerplatzt hört die welt auf zu sein
Zuletzt geändert von fenestra am 13.03.2013, 20:13, insgesamt 2-mal geändert.

poeta

Beitragvon poeta » 12.03.2013, 08:08

hi fenestra,

die idee des glasglobus gefällt mir sehr :daumen: .

da ist ein LI, das ganz in seiner welt lebt, noch nicht wirklich geboren ist, das beobachtet, wissen anhäuft, die freiheit hat, hinzugehen, wohin es möchte, aber doch nicht ankommt, weil ihm echte berührung, begegnung nicht möglich ist. ich lese aus deinen zeilen ein ziemlich wertfreies beschreiben dieses 'autistisch angehauchten' zustands, weder bedauern darüber, noch sehnsucht, höchstens in 'ich drehe und wende mich in einem fort' blitzt etwas unruhe (unzufriedenheit?) auf und im letzten paarreim auch angst, die negiert, dass da draußen sonst noch etwas (von bedeutung für LI) sein könnte. so möchte es also in dem 'sich-um-sich-selbst-drehen und-wenden' verharren, bis der 'glasglobus' zerplatzt.
davon ausgehend möchte ich das LI selbst globaler fassen, als 'inhaber' eines gesellschaftlichen phänomens, eines egozentrischen weltbilds, das unfähig zu (emotionaler) begegnung nicht über seinen eigenen mokrokosmos hinauskommt, sich auch keine gedanken über darüber hinausgehende konsequenzen macht, ein 'zerplatzen' des globus achselzuckend in kauf nimmt.

So lese ich das abschließende Couple zweischneidig, einerseits schon auch als Chance, 'geboren zu werden', die glashülle zu durchbrechen und zur interaktion befähigt zu werden, andererseits als niedergang unseres planeten erde aufgrund von unfähigkeit, gedankenlosigkeit und umweltzerstörung.

mit der form hadere ich ein bisschen, liebe fenestra, der harmlose paareim, die aufzählung à la 'kinderliedchen' , das rhythmisch stolpernde ...? möchtest du damit auf die unreife deines LI hinweisen? ich weiß nicht so recht. man müsste mal ausprobieren, wie sich dein glasglobus in einem anderen kleid machen würde/könnte.

liebe grüße, poeta

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 13.03.2013, 20:11

Liebe poeta,

danke für deine ausführlichen und sehr interessanten Gedanken zu meinem Text! Ich selbst hatte einen etwas anderen Hintergrund im Kopf (vielleicht kommt ja noch jemand drauf), aber auch deine Ausdeutung ist auf jeden Fall möglich.

die aufzählung à la 'kinderliedchen' , das rhythmisch stolpernde ...? möchtest du damit auf die unreife deines LI hinweisen?


Ja, so in etwa. Aber ich hatte mir schon gedacht, dass diese Machart wenig Gefallen findet.

man müsste mal ausprobieren, wie sich dein glasglobus in einem anderen kleid machen würde/könnte.


Ja, gern, ich habe nun eine ungereimte Fassung eingestellt! Danke dir für den Impuls. Nun bin ich gespannt, wie das aufgenommen wird.

Viele Grüße
fenestra

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 13.03.2013, 20:42

Die erste Fassung ist wesentlich sinnlicher, was eigentlich dem Sinn zuwiderläuft - wie kann jemand, der keine Sinneseindrücke hat, sie so fühlbar beschwören?
Trotzdem gefällt mir die erste Fassung besser.
Geht es um die Erfahrung der Welt am Bildschirm? Computer oder Fernseher?

Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

poeta

Beitragvon poeta » 15.03.2013, 09:38

hi fenestra und zefira,

ja, ich muss auch sagen, dass mir diese zweite fassung nicht so direkt und unmittelbar erscheint, sie ist detaillreicher, aber dadurch komischerweise nicht näher dran (für mein empfinden). jedoch lenkt sie mich auch in richtung 'bildschirm', wie zefira schon angesprochen hat. ja, ich denke, das ist als deutungsansatz sehr stimmig! :smile:

liebe grüße,
poeta

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Beitragvon fenestra » 15.03.2013, 16:58

wie kann jemand, der keine Sinneseindrücke hat, sie so fühlbar beschwören?


Genau, und deswegen kam mir die gereimte, irgendwie mechanisch wirkende Fassung passender vor.

Mit der Bildschirmdeutung hast du auf jeden Fall einen meiner Ausgangsgedanken erfasst, liebe Zefi. Die "Flimmerkiste", die uns die Armut in anderen Ländern, fremde Tiere, Wetterextreme usw. zeigt, aber eben nicht erleben lässt.

Tja, wie bekomme ich jetzt einen Text, der formal reizvoll ist und trotzdem auch von der Form her diese Distanz wiederspiegelt? Da muss ich noch nachdenken. Gern weiterhin mit eurer Hilfe!

poeta

Beitragvon poeta » 16.03.2013, 08:05

hi, ich noch mal.
wie kann jemand, der keine Sinneseindrücke hat, sie so fühlbar beschwören?

Genau, und deswegen kam mir die gereimte, irgendwie mechanisch wirkende Fassung passender vor.


siehst du, dieser 'mechanische' eindruck wollte sich bei mir nicht so recht einstellen, weil ich nicht sofort ins metrum gefunden habe. wenn man mal dahinter gekommen ist, kann mans es schon im amphibrachys (xXx) lesen, es wäre aber hilfreich, wenn du in den ersten paar versen, die betonung eindeutig vorgeben würdest, meine ich:
ich lebe in einem globus aus glas
x Xx x Xx Xx x X - oder u.U. auch x Xx X xx Xx x X
(schon aus 'in einem' ein 'im' zu machen würde da helfen, allerdings ist der vers dann um eine hebung verkürzt)
(ich lebe im globus aus glas)

die hände im ozean werden nicht nass
x Xx x Xxx Xx x X (hier ists o.k.)
der fuß im himalaya wird niemals blau
x X x xXxx X Xx X od. x X x xXxx X xx X ('niemals' unbetont zu lesen, empfinde ich aber als nicht sehr glücklich)
der kopf - selbst in cambridge - wird daraus nicht schlau
x X / X x Xx / X xX x X od. x X / x x Xx / x Xx x X ( 'selbst' unbetont und 'daraus' sind aber ungewöhnlich)

fazit: es lässt sich rhythmisch lesen, wenn man den schlüssel gefunden hat, das 'mechanische', wie von dir beabsichtigt stellte sich jedenfalls bei mir nicht ein.
ich drehe und wende mich in einem fort
x Xx x Xx X x Xx X od. x Xx x Xx x X xx X ( 'in einem fort'?)
komm überall hin und bin doch niemals dort
x Xxx X x x X xx X od. x Xxx X x X x Xx X
mensch tier und blume im flimmernden licht
X X x Xx x Xxx X od. X x (od. x X?) x Xx x Xxx X (in jedem fall fehlt eine silbe - unsicherheit, ich würde mensch und tier gern betont lesen - hebungsprall)
ich fühle und rieche und schmecke sie nicht
x Xx x Xx x Xx x X (o.k.)

das sind alles kleine unsicherheiten und wenn sie einzeln auftreten, das metrum gut eingeführt ist, auch leicht zu überwinden.
das abschließende couplet ist über jeden zweifel erhaben :-)
wenn du so loslegen würdest, glaube ich, wäre vieles einfacher.

zusammen mit dem paarreim ergab sich für mich subjektiv ein eher 'simpler' eindruck, den ich auch versucht habe, einem unreifen, sich berieseln lassenden LI zuzuordnen, dazu passen mir dann wiederum die kritische selbstreflexion, der latent spürbare wunsch, aus diesem unterus auszubrechen, und die angst vor dem danach nicht so ganz. siehst du, was meine?

liebe grüße,
poeta

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 17.03.2013, 13:15

das sind alles kleine unsicherheiten und wenn sie einzeln auftreten, das metrum gut eingeführt ist, auch leicht zu überwinden.


Liebe poeta, du hast mit deiner Analyse vollkommen recht. Ich ruhte mich auch darauf aus, dass diese kleinen Schlampigkeiten überwindbar sind, wenn man anfängt, zu sprechen. Aber es bleibt wohl doch der Eindruck eines eher schlecht gemachten Gedichts und ich kann mich nicht herausreden, dass es mir nur darum geht, die Naivität des lyrischen Ichs darzustellen.

Vielleicht kommt mir ja noch eine Idee, in welche Form ich das Motiv bringen kann.

Danke dir für deine gründliche Analyse!


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