graue stadt

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Amanita
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Beitragvon Amanita » 07.01.2013, 16:13

und immer trägt die stadt
ihren wolkengrauen flanell
bemützt sich gegen die einsamen
nebelschwaden mit frömmigkeit
die mir das herz ausleert
ich finde nichts heiliges hier

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 08.01.2013, 21:33

warum gibt es zwei versionen? soll das eine art zyklus werden? oder sind es alternativen? das wüsste ich gern. im übrigen, also ohne diesen hintergrund zu kennen, gefällt mir die erste graue stadt besser.
allerdings frage ich mich hier, ob nebelschwaden einsam sind? sie passen schon zu der einsamkeit, man erkennt nichts, nicht einmal das eigentlich sichtbare etc. pp. ich erinnere mich dabei auch an das hesse gedicht: einsam im nebel zu wandeln, einsam ist baum und stein. voll von freunden war mir die welt als noch mein leben licht war. jetzt da der nebel fällt, ist keiner mehr sichtbar. (natürlich falsch zitiert, aber dem sinn gemäß)
dabei mag ich das mit der frömmigkeit und dann diesen letzten satz: ich finde nichts heiliges hier. (das ausgeleerte herz dazwischen bräuchte ich nicht unbedingt) ich denke, das gedicht hat wirklich potential, nur noch nicht die form in der es sich entfalten kann.
xanthi

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 08.01.2013, 23:16

Ja, vielleicht ein Zyklus, Xanthippe - weiß ich noch nicht. Es gibt vier Gedichte über diese Stadt.

Warum "nicht die Form, in der es sich entfalten kann"? Umbrüche, Zeilenabstände, was ergänzen, was wegnehmen? (Die Herzzeile soll drin bleiben - von Frömmigkeit zu nicht-heilig wäre mir der Schritt zu klein).

Danke erstmal!

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 09.01.2013, 08:29

Hallo Amanita,

durch das "immer" der ersten Zeile vergibst du für mich die Möglichkeit, von einer realen Stadt zu erzählen. Ich vermute auch über dieser Stadt scheint ab und zu die Sonne. ;-) Es wird zum reinen "Innenbild", zur Wahrnehmung des LIch, und selbst da scheint mir das "immer" eine unnötige Dramatisierung, die für mich gegen das Gedicht arbeitet. Ich würde eher ein "wieder" einsetzen.

die einsamen nebelschwaden ... hmmm, warum sind sie einsam? Und wenn die Stadt selbst die Wolken trägt, sie also sozusagen zu ihr gehören, warum bemützt sie sich dann gegen Nebelschwaden? Für mich passt das irgendwie bildlich nicht zusammen.
So wäre es für mich stimmiger:

und wieder trägt die stadt
ihren wolkengrauen flanell
bemützt sich gegen die einsamen
mit nebelschwaden der frömmigkeit
die mir das herz ausleert

ich finde nichts heiliges hier


Aber ich weiß nicht, ob ich da an deiner Intention vorbeidenke?

Vor der Schlusszeile, die ich klasse finde, bräuchte ich eine Leerzeile und ich würde an deiner Stelle unbedingt einen anderen Titel suchen. Die Herzzeile finde ich hier auch wichtig.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 09.01.2013, 08:56

Danke schön, Flora.

Die Leerzeile am Schluss ist ganz in meinem Sinne.

Aber warum der Titel nicht passt, verstehe ich nicht. Und warum es eine reale Stadt sein "muss", auch nicht. Denn es geht ja um die Vermengung von "innen" und "außen", um die Stadt und ihr Abbild im Innern, um etwas Verwachsenes. Mit dem wieder könnte ich zwar sehr gut leben, aber warum das immer nicht geht, ist mir nicht plausibel.

Die Stelle mit den einsamen/ nebelschwaden hatte ich bewusst indifferent gelassen. Mit Deiner Fassung käme ich aber auch zurecht.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 09.01.2013, 09:55

Aber warum der Titel nicht passt, verstehe ich nicht.
Weil ich den Titel immer mitlese und er für mich die ersten Zeilen "kaputtmacht", zur Wiederholung werden lässt und damit das entstehende Bild und die sprachliche Gestaltung schwächt.
graue stadt
und immer trägt die stadt
ihren wolkengrauen flanell


Und warum es eine reale Stadt sein "muss", auch nicht. Denn es geht ja um die Vermengung von "innen" und "außen", um die Stadt und ihr Abbild im Innern, um etwas Verwachsenes. Mit dem wieder könnte ich zwar sehr gut leben, aber warum das immer nicht geht, ist mir nicht plausibel.
Ja, natürlich spricht es auf beiden Ebenen, aber ohne "reale" (real im Gedicht, was natürlich nicht heißen muss, dass man diese Stadt auch auf einer Landkarte finden können muss .-)) Stadt, ohne das "außen", ist eben auch keine Vermengung und kein Verwachsensein möglich und es entsteht kein Bild? Und auf das Außen (und für die meisten Menschen wohl auch auf das Innen) bezogen widerspricht es eben jeder Erfahrung, dass eine Stadt immer unter Wolken und Nebel liegt. Das "immer" ist dann einfach schief und kann mir so nur etwas über LIch erzählen und darüber, wie es dem Leser/sich die Stadt zeigen möchte und es trägt dann für mich eine Übertreibung und auch etwas "Jammeriges" oder auch "Vorwurfsvolles" hinein und ich sehe nicht, dass das Gedicht mit dieser Haltung arbeitet, dass es den (zu erwartenden) Widerspruch evozieren möchte?

Die Stelle mit den einsamen/ nebelschwaden hatte ich bewusst indifferent gelassen.
Aber man muss es doch zeilenübergreifend lesen, worin siehst du dann die Indifferenz?
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 09.01.2013, 10:28

Indifferenz: nur geringfügig - einsame menschen und/ oder einsame nebelschwaden

wieder wäre für mich genauso "jammerig" wie immer, aber danke, ich würde es austauschen, wenn es anderen Lesern eher geht wie Dir.

Welche Überschrift wäre denn passend? (Auch ins Plenum gefragt ...)

scarlett

Beitragvon scarlett » 09.01.2013, 10:41

ich musste sofort an storm denken und das ist ja die schlechteste assoziation nicht ...

mich stört nichts an deinem text, amanita, ich würde weder einen anderen titel suchen, noch etwas ändern-
aber das will ja nichts heißen, wollt ich nur mal rückmelden.

scarlett

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 09.01.2013, 11:06

Danke, Monika, für Deine Stimme - ich "sammle" ja jetzt erstmal ...

(die Leerzeile würdest Du auch nicht setzen? Im Zusammenhang mit der Überschrift, natürlich auch durch - mindestens - eine Leerzeile getrennt, fände ich das ganz gut)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 09.01.2013, 11:07

ach ja, Storm: Hier eine graue Stadt ohne Meer - fernab davon

bekannt u. a. für ihren Regenreichtum

scarlett

Beitragvon scarlett » 09.01.2013, 11:12

doch, die leerzeile würde ich setzen, entschuldigung, das vergaß ich zu erwähnen, das ist eine gute idee.

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 10.01.2013, 15:12

Mit Form, Amanita, meine ich ja nicht lediglich die äußere Form, sondern eben auch die Formulierungen, es scheinen mir noch nicht ganz die richtigen Worte zu sein, mir scheint es müsste bessere geben, um den Sinn zu transportieren, so war es gemeint.
Ein großer Gewinn ist ja schon die von Flora vorgeschlagene Leerzeile, die könnte mich u.U. mit dem Herzen versöhnen...
Und was den Titel angeht, ich mag "graue Stadt".
Xanthi


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