Mutter am Scheideweg

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 20.11.2012, 22:10

Mutter am Scheideweg


am band                       der todgraue hund

dickes mädchen im schaufenster

eine sonnenbrille gelbes haar

die giraffe hält es am plüsch

hund haar fünf angenähte finger

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 22.11.2012, 10:15

Hallo Franz,

auf jeden Fall interessant und anregend. :) Ich weiß nicht, ob die Setzung verleitet zu viel auch darin zu suchen. Die Fünf Zeilen als Finger? Aber wären es dann nicht zehn? Fünf der Mutter und Fünf der Tochter? Auflösung des Mutter-Kind-Händchenhaltens? Ein Klammern, Ausstrecken von einer Seite, der Rückzug der anderen? Aber warum ist die Mutter am Scheideweg, wenn das Kind noch so klein ist, dass es eine Plüschgiraffe hält? Krankheit / der todgraue Hund? Oder sind die Finger nur am Plüsch festgenäht? Aber wo wäre dann die Verbindung zum Scheideweg der Mutter. Hmmm... Also ich kann mir durchaus etwas Stimmigsinniges zusammendenken, aber ich bekomme nicht das Gefühl, dass ich mich da auf sicherem Boden bewege. Der todgraue Hund ist jedenfalls ein starkes Bild.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 22.11.2012, 13:30

Hallo,
ich bin mir (auch nach wiederholtem Lesen) nicht sicher, ob die Mutter überhaupt ein Kind bei sich hat. Mir kommen bei dem Gedicht nur innere Bilder von gespenstischem Spielzeug, etwa wie die cabbage dolls. Auch den todgrauen Hund halte ich spontan für ein Plüschtier, weil er "am Band" und nicht an der Leine hängt. Vielleicht hat die Mutter ein Problem, ihren Kindern Spielzeug zu kaufen? (Wenn ich Kinder mit Spielzeug zu beschenken hätte, hätte ich auch ein Problem, bei all den modernen Scheußlichkeiten ... vielleicht kommt mir deshalb als erstes diese Deutung in den Sinn.)

Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
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(Ikkyu Sojun)

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 24.11.2012, 13:47

Hallo Flora und Zefira,

ich hatte gezögert, ob ich des Titels große Keule drübersetzen soll oder irgendwas kleines Richtung Stadt-Szene.
Ob die Varianten der Bande und Bindungen durch die Setzung gewinnen ist mir auch nach den Rückmeldungen nicht klar - der Blick der Mutter ins Schaufenster, in dem sie sich spiegelt - ob er noch da ist in dem Text?

Grüße
Franz

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 24.11.2012, 15:07

Nun, bei mir ist das Spiegelungsthema insofern angekommen, als ich in den Text kein "Nebeneinander" (von Mutter und Tochter, die vielleicht gemeinsam ins Schaufenster gucken) sehe; ich sehe wie gesagt überhaupt nur eine Einzelperson, die ins Schaufenster sieht - allerdings dachte ich nicht an Spiegelung, sondern an eine Art Ambivalenz gegenüber dem, was sie sieht. Mir sind dabei, wie schon erwähnt, meine eigenen Spielzeugeinkäufe in den Sinn gekommen, als meine Kinder und Patenkinder noch klein waren und ich es immens schwierig fand, etwas zu besorgen, was ihnen gefallen sollte und mir persönlich wenigstens nicht als unzumutbarer Angriff auf den guten Geschmack vorkam (ich denke da mit Schaudern an die sog. Zauberponys, die eine Zeitlang bei uns heiß begehrt waren - scheußliches Zeug).

Grüße von Zefira
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