Die Betonplatte

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 20.11.2012, 19:32

2. Fassung

Betonplatten

Baumärkte, wochentags und immer
das Billige
Unzerbrochene suchen, Kanten
prüfen-

Berillt, bestreut, besandet-
Ausgefugt,
liegen sie nun
jede für sich.

Sie bilden den Grund,
zu begehen.



ursprüngliche Fassung:

Sie war nicht teuer.
Sie lag inmitten andrer, unzerbrochen.
Graue Feuchte
kühles Grau, Kante
an Kante.

Nun liegt sie allein und
wird es bleiben,
befugt, bestreut, berillt, besandet.

Allein inmitten andrer,
nichts andres als ein Grund

zu begehen.
Zuletzt geändert von Renée Lomris am 12.01.2013, 16:48, insgesamt 1-mal geändert.

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Eule
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Beitragvon Eule » 27.11.2012, 17:08

Hallo Rénee, mir gefällt dieser unter einem sperrigen Sachtitel verborgene, andeutungsvolle, authentische, poetische und inspirierende Text sehr !
Ein Klang zum Sprachspiel.

Mucki
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Beitragvon Mucki » 27.11.2012, 21:31

Hallo Renée,

der Text gefällt mir auch, weil er zum Nachdenken anregt.
Allerdings hätte er mir ohne diesen Titel, der gleich verrät, worum es sich handelt, besser gefallen. ,-)

Saludos
Gabriella

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 06.12.2012, 01:48

Auf der Heimfahrt...
Danke für eure Kommentare, ich versuche nur die Worte konkreter (concrete) zu verwenden ..

DavidK88

Beitragvon DavidK88 » 04.01.2013, 17:48

Ich mag diesen Eindruck des Verschwommenen am Anfang, wenn diese quasi-Synästhesien eingeflochten werden, durch die zweifache Verwendung des "grau" allerdings die Grenzen auch gedanklich unbestimmbar werden. Danach wird das Pragmatische und Geformte der Platte gut dargestellt.
Natürlich ist man versucht, das als Dinggedicht zu lesen. Ich fände es schön, wenn das Gedicht in der Richtung noch etwas stärker ausgearbeitet würde. Dinggedichte zeichnen sich ja dadurch aus, dass Subjektivität und Objektivität in besonders starker Weise ineinander verflochten werden. Diese Vermischung könnte noch stärker profiliert werden. Das ist aber nur marginal, d.h. das funktioniert für mich auch so bereits sehr gut.

LG David

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 07.01.2013, 16:22

mir gefällt dieses gedicht sehr gut, gerade mit diesem unpoetischen titel!
Xanthi

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 07.01.2013, 20:17

Liebe Renee,

auch mich hat der Titel angezogen, ganz fein für ein Gedicht. Und den Text mag ich auch. Allerdings ist es mir minimal zu sehr reine Beschreibung. Damit meine ich nicht, dass inhaltlich andere Bezüge eingebaut werden sollen wie Personen oder ein ich oder dergleichen, aber sprachlich könnte sich das Gedicht noch etwas mehr öffnen, um nicht ganz so steif das Bild zu erklären, für mich wird es dadurch tendentiell metaphoös und verliert an Leichtigkeit. Ok, das klingt krude, aber ja, ich verlange tatsächlich etwas mehr Sprachkunst, um das Gedicht einfacher wirken zu lassen, ja, ich glaube, das will ich sagen :-)

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich gar nicht genau verstehe, was mit der Betonplatte am Anfang ist und was dann - also wie es ganz konkret gemeint ist?

liebe Grüße
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 07.01.2013, 23:58

Liebe Renée,

auch ich mag das Gedicht in seiner schlichten Dinglichkeit - es klingt wie eine ganz einfache Fabel. Aber beim näheren Hinsehen steige ich nicht mehr durch. Die Platte lag erst allein inmitten anderer und jetzt liegt sie auch wieder allein in mitten anderer. Hm. Im Baumarkt lag sie doch wohl unverfugt auf einem Stapel, jetzt liegt sie bestreut und ordentlich verfugt in einem Heim. Aber wird sie es wirklich bleiben? Unzerbrochen? Und wenn der Besitzer wechselt, das Heim umgestaltet? Oje, jetzt bin ich wohl zu spitzfindig. Oder ich stehe auf dem Schlauch. Um ein anderes Ding als Bild zu verwenden.

Viele Grüße
fenestra

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 08.01.2013, 16:50

Liebe fenestra,

ja, genau das habe ich auch nicht nachvollziehen können!

liebe Grüße
Lisa
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Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 09.01.2013, 15:06

Die „Betonplatte“ war ein Versuch, die Hohe Sprache zu verlassen, um ihr die Sprache des Obi-Kleinbürgers entgegen zu setzen. Die Betonplatte ist und bleibt allein. Gleich anfangs liegt sie (aufgeschichtet) inmitten anderer, unzerbrochen – viele Betonplatten weisen kleine Fehler auf, sie gehören zu den billigsten Materialien für den Ausbau von Einfahrten. Sie erfährt dennoch eine (kleine) Veränderung: sie hat ihre Bestimmung gefunden, statt auf einem Stapel auf Käufer zu warten.

„Inmitten anderer „ kommt hier zwei Mal vor: einmal, zu Beginn liegt die Betonplatte so sehr inmitten anderer, dass sie im Stapel gesehen wird. Denn da sie durch die über ihr und unter liegenden Betonplatten geschützt wird, kann sie als unversehrt gesehen werden, was zum Kauf führt. Man mag sich vorstellen, dass die Betonplatte nicht die einzige ist, die gekauft wird. Sie ist jedenfalls das Objekt, das nun in einer neuen Anordnung wieder allein liegt. Doch dieses Mal hat eine neue Lage eine neue Wirkung auf ihr Dasein. Wo sie unverfugt war, liegt sie jetzt verfugt, wo sie zerbrechlich war, weil sie ihre Bestimmung noch nicht erreicht hatte, ist sie jetzt im Schutz angelangt, den ihr die Verankerung im Boden verleiht. Berillt, bestreut, besandet drücken das "Machtverhältnis" aus, in dem die passive Bodenplatte gesehen wird. Obwohl die billige Bodenplatte (banal, leicht zu haben) außerordentlich stabil, tragfähig und leicht herzustellen ist, ist ihr Ruf doch sehr negativ. Wer setzt sich gerne Betonplatten in den Garten?

Ein Grund, zu begehen ? Das ist einmal ein Grund, den man begehen kann, andererseits ein Grund – ein „Richtfest „ zu begehen, Ein Grund zu feiern, und ein Grund, der begangen werden kann. Damit beginnt – so lese ich das Gedicht jedenfalls – die dahinter wahrnehmbare Bedeutung des „Konkreten“. Im Englischen heißt „concrete“Beton und für mich hat dieses Wort eine neue, private Bedeutung, die ich nicht aufschlüsseln möchte, die aber angedeutet ist. Beton ist ein Gemisch aus Zement und Zuschlagstoffen (z.B. Sand oder Kies in bestimmten Körnungen, dazu kommt Baustahl zur Armierung – dadurch wird die Tragfähigkeit erhöht). Für alle Bauprojekte spielt Beton eine sehr große Rolle und mir schien, dass die Betonplatte – wegen ihrer Banalität – einen Platz in (meiner) Lyrik verdient.

Ein Grund, zu begehen, weist m.M.n. darauf hin, dass eine feste Grundlage, eine gewisse Standfestigkeit, nicht nur am Bauwerk oder im Bau eine Rolle spielt, sondern auch in dem, was der Mensch im Laufe seiner Bewusstwerdung des Materiellen, des Konkreten, des Stofflichen im weitesten Sinne erfährt.

Das Dingliche ist also hier schon als Metapher gemeint. Was mich nicht stört. Ich kann mir das reine „Dinggedicht“ nicht vorstellen.


Hallo David,
Dein Kommentar war sehr interessant für mich, weil ich mir bei dieser Gelegenheit Material über das „Dinggedicht“ zusammengesucht habe. Man unterliegt, wohl oder übel, dem Einfluss der Zeit, in der man lebt. Das „Dinggedicht“ kam durch eine gewisse Opposition zustande, hat aber noch eine andere, versteckte Bedeutung, die nur schwach durchsickern soll. Was ich nicht verstehe, und ich bitte dich, mir das zu erklären, sind deine Anmerkungen über das „Verschwommene am Anfang?“. Und was bedeutet Subjektivität und Objektivität verflechten?
Liebe Lisa,
Danke für deinen Kommentar… Mir war nicht bewusst, dass ich minimalistisch eine reine Beschreibung abgeliefert hatte. Metaphorös, an Leichtigkeit verlierend: Ja!, durch den schweren Stoff…
An der Betonplatte ist nicht viel Leichtes, … und dem Plattenbau mangelt es ebenso an der Leichtigkeit des Seins, wie der Beton-Bodenplatte …

Liebe Fenestra,
ein Grund zu begehen … Ich habe vielleicht zu intensiv und zu oft bestimmte Texte gelesen, so dass mir sofort Heidegger in den Sinn kommt, sowie ich das Wort „Grund“ höre. „Der Satz vom Grund“ von Heidegger ist für mich programmatisch. Auch die Betonplatte ist ohne Grund ….und braucht doch einen, um genug Festigkeit zu besitzen, das ist soweit klar. Vielleicht hat nicht jeder diesn Bezug, aber es könnte möglich sein, dass sich dieser Bezug durch dieses Gedicht eröffnet.

Herzlichen Dank
Renée Lomris




Sollte ich eine Variante finden, die mir zusagt, werde ich sie wohl einstellen. Im Moment fällt es mir eher schwer ...

Liebe Grüße an alle
Renée
Zuletzt geändert von Renée Lomris am 12.01.2013, 23:53, insgesamt 1-mal geändert.

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 12.01.2013, 16:49

nun? Ich habe eine Änderung vorgenommen. Es passiert mir selten, aber diese Änderung mißfällt mir nicht ...

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 13.01.2013, 00:00

Das Dingliche, Stoffliche der Bodenplatte stellt immer aufs Neue die Frage, die Bourdieu bei jeder Aktion des Einzelnen aufzeigt: die absolute Unfreiheit des Seins, das dem Dinglichen Ausgeliefertsein. Die Bodenplatte ist ein Objekt scheinbarer Freiheit. Jeder hat die Wahl. Jeder steht irgendwann einmal vor der Bodenplatte, der Marmorplatte, der Terracotta Befliesung, und jeder wird in gewisser Weise seinen Status begründen oder nicht. Jede Platte, jeder Stein, jede Fliese, jedes Edelholz verrät die Absicht des Wählenden. Die Betonplatte spielt hier herein als Ausweichmöglichkeit für alle - sie ist die Billigste, allen zugänglich. ... Aber auch hier gilt: der Kontext macht aus der Bodenplatte ein Objekt der Distinction, letztlich sind wir dann wieder da angelangt, wo der Kreis sich schließt: Letztlich werden wir eingefangen in einem begrenzten Kreis von Möglichkeiten.

Das begründet unser Sein.

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 13.01.2013, 09:58

Liebe Renee,

deine Gedanken sind interessatn zu lesen :-). Allerdings ist ir Version 1 deutlich lieber. Version zwei ist mir deutlich zu deutlich - wozu das als Gedicht anstatt eines Gespräches? Das sehe ich da nicht mehr.

liebe Grüße
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 13.01.2013, 10:57

Liebe Lisa,
da stellt sich sowieso für mich die Frage nach dem Grund für ein Gedicht. Sehr sehr wenige Gedichte sind wirklich so interessant in jeder Hinsicht, dass sie als solche Bestand haben. Viele sind entweder vom wortartistischen, vom wortklang her überfrachtet und wenn sie nicht leer sind, dann sind sie zu voll.

Vielleicht ist das hier nur eine sprachliche Spur, die versucht die Gegenwart in ihrer Banalität, in ihrer kläglichen Banalität festzuhalten. Eine soziologische Spur, in diesm Fall. Ich merke so oft wie die Sehnsucht nach Außergewohnlichem, nach Ausgeschmücktem, vergessen will, dass irgendwann jeder ... im Baumarkt steht.

liebe Grüße
Renée

ach, kurz noch zum zweiten Gedicht: ich finde es immer noch sehr erstaunlich, wie meine ersten Würfe immer schwächer werden, wenn ich ans Verbessern gehe ... das entmutigt mich schon. Ich vermute, dass ich dann weiter arbeiten müsste, obwohl auch das nicht klappen will. Mal sehen, vielleicht gelingt mir irgendwann wieder ein anderer Text.

(Damit will ich nicht sagen, dass ich einknicke, aber ich sehe ein, dass das Schreiben und Neuschreiben für mich nicht so einfach ist.)

lG
R


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