leoniden

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 21.10.2012, 21:08

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scarlett

Beitragvon scarlett » 21.10.2012, 21:16

klasse franz, ganz ganz toll, BIS auf die letzte verszeile, die ist - entschulidge bitte - furchtbar.
bitte geh da nochmal drüber!

scarlett

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 22.10.2012, 13:15

hallo, franz,

ja, da sind sehr starke passagen drin und die herrlich klaren Nächte atmen aus diesem gedicht. dennoch bleibe ich an einigen stellen hängen und finde, es würde sich lohnen, den text etwas zu überarbeiten:

der kinderatem liest sich komisch. ich lese immer kin-de-ra-tem. und mag das wort auch nicht wirklich.

unzählbar sind einstweilen tags


weil das hier am ende der zeile steht, abgesetzt durch den umbruch, lese ich es immer als nomen: TAGS (von dem begriff TAG aus der informatik). es ist ja durchaus heute nicht ungewöhnlich, solche begriffe in gedichten zu finden. vielleicht besser "tagsüber" oder "am tag".

galaxien schwarzer brombeeren - naja, ein bisschen dick aufgetragen und trifft es auch nicht wirklich. galaxien sind spiralnebel.

und sind denn diese galaxien eingeschlossen im glaskörper? auch hier stockt für mich der sinnfluss ein wenig.

der lichtnägel zartes kratzen

das zarte kratzen der lichtnägel wäre mir lieber, als dieser altertümliche genitiv.

mit der letzten zeile gebe ich scarlett recht: das ist hier wirklich nicht nötig. es ist einfach nur kitschig und ausgeleiert. entweder BIN ich beim betrachten der sterne glücklich, oder eher ehrfürchtig, vielleicht sogar etwas ängstlich, verloren. du schreibst anfangs ja selbst, sie seien "noch ohne gewalt". wer weiß, irgendwann schlägt hier einer ein ...

das gefühl, dass sich einstellt, sollte sich aus dem text selbst heraus ergeben und nicht mit der letzten zeile dem leser aufgedrückt werden.

findet - mit vielen Grüßen -
fenestra

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 22.10.2012, 22:01

Danke für den Kommentar, Fenestra, der mich diesmal etwas überrascht - ich hätte z.B. eher das Hotel als kleinen Störenfried gesehen und nicht den warmen Hauch eines schlafenden Kindes, den ich hier vor Augen hatte. Mit dem tags und dem Genitiv werde ich nochmal ins Gericht gehen. Galaxien ist dick, das stimmt, stehen für das definitiv unelegante Wort Sternhaufen (Spiralnebel sind, wenn ich richtig erinnere, ein Spezialfall einer Galaxie), aber ich wüßte nicht, wie ich die Brombeeren sonst im Gedicht halten sollte ...

Tja, und der Reiz des letzten Satzes hat sich nicht erschlossen, was mich etwas betrübt.


Ich werde mich besinnen.
Danke und Grüße
Franz

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 22.10.2012, 22:30

Vielleicht kann man die Sterne in ihrer Unzählbarkeit mit den winzigen Reflektionen der Sonne auf den Sammelfrüchtchen der Brombeeren vergleichen (jaja, die Botanik). ;)
Es gibt dieses Jahr wirklich sehr viele Brombeeren!

fenestra (gespannt auf das Ergebnis der Besinnung)

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birke
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Beitragvon birke » 23.10.2012, 14:58

Hallo Räuber,

der erste Teil gefällt mir richtig gut!

Im zweiten verlässt mich dann das Verständnis ein wenig … bzw. ich weiß nicht recht, ob ich die Bilder richtig deute.
Eingeschlossen im Glaskörper? Bei Glaskörper denke ich an Auge … und überhaupt – was ist eingeschlossen darin? Das LIch? Auch die Lichtnägel erschließen sich mir nicht wirklich … das einzige Bild, was sich mir auftut, sind die (ja nur in unserer Wahrnehmung vorhandenen) Sternzacken? Die das Auge ritzen, schneiden? (da passt ja dann wieder der „Augenblick“) – dann bekomme ich aber erst recht die letzte Zeile sinnmäßig nicht unter … abgesehen davon, dass sie tatsächlich auch in meinen Augen (Ohren) ;)) kitschig klingt.

Im ersten Teil fiel mir noch auf, dass vielleicht die „schwarzen Brombeeren“ redundant sind? Sie sind ja doch immer schwarz, zumindest im reifen Zustand. Insofern vielleicht eher „reifen Brombeeren“?

Sodann scheint mir das „sind“ in der sechsten Zeile überflüssig …

unzählbar sind einstweilen tags

(Mit dem "tags" hab ich übrigens keine Probleme.)

Soweit meine Gedanken hierzu,

lg, birke


ps - fenestra, viele brombeeren?? hier leider nicht ... im gegenteil!
wer lyrik schreibt, ist verrückt (peter rühmkorf)

https://versspruenge.wordpress.com/

ecb

Beitragvon ecb » 23.10.2012, 15:36

Nun ja, eigentlich sollte, entsprechend dem Titel, die Rede von jenem Meteoritenschwarm sein, den die Erde um diese Jahreszeit passiert. Da es im Text selbst um Sterne und nicht um Sternschnuppen geht, wird der Leser ein wenig abgelenkt. Weiß man aber, was die Leoniden sind, so wirkt die letzte Zeile, mit Verlaub, etwas dick aufgetragen. Von den Leoniden zu den Brombeergalaxien kann ich leider den bildlichen Gedankensprung nicht nachvollziehen. Die Bibel im Hotel ist mir auch etwas weit hergeholt und willkürlich. Vielleicht soll sie auf etwas wie Glauben hindeuten, im Zusammenhang mit der letzten Zeile, aber das klappt bei mir nicht wirklich.

Als störend empfinde ich die doppelten "nahe", "sind" und "unzählbar", sie stellen mir den Text als unnötig repetitiv und nicht genügend komprimiert dar.

der lichtnägel zartes kratzen

feine schnitte im augenblick


Diese beiden Zeilen wiederum sind für mich wahre Poesie, wie sie eine Leonidennacht hervorbringen kann, die möchte ich gern gerettet sehen (die beiden Zeilen, also).

Das sind so etwa meine Gedanken dazu. Es tut mir leid, daß ich das Gedicht nicht so recht als Ganzes empfinden kann.

Liebe Grüße
Eva

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Beitragvon fenestra » 23.10.2012, 18:51

Vielleicht soll sie auf etwas wie Glauben hindeuten, im Zusammenhang mit der letzten Zeile,


Stimmt, das könnte sein! Aber die letzte Zeile ist einfach zu abgedroschen, um noch zu wirken. Ich fand die Bibel nicht störend (d.h. ich finde sie doch störend, aber im Hotel und nicht hier im Gedicht). Irgendwie assoziierte ich: So nah und doch so fern. Genau wie der Sternenhimmel. ;)

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 23.10.2012, 22:31

@birke: mit dem Glaskörper liegst du schon richtig, er kommt (altmodisch) metaphorisch beschwert angerollt und lässt erst mit Schnitten oder dem Kratzen von Nägeln gewaltsam den Blick frei. Diese Schnitte/Kratzer beziehen sich auf die Sternschnuppen-Bahnen, die süßen Sternlein der alltäglichen Nächte schaffen das nicht. Soweit meine mutwillige Selbst-Interpretation, ob sie ausreicht, das vermutlich übermütige letzte Sätzchen zu retten bezweifle ich nach der allgemeinen unmißverständlichen Reaktion.
Reife Brombeeren würde rhythmisch gehen, geht aber vom beobachteten etwas weg - reif kann man nicht sehen, nur wissen, erinnern; ich finde es nicht redundant, die Information 'reif' durch das beobachtbare 'schwarz' auszudrücken.
@eva: auf das 'weit herholen' zu verzichten würde mir schwerfallen, u.a. weil es mir als Lesenden oft viel Spaß macht, wenn schräge Dinge sich plötzlich ergänzen.
Zu den 'rettenswerten' Zeilen: Schnitte/Kratzen sind Verletzungen, sie schmerzen - die verbindest du poetisch mit einer Leonidennacht. Das klingt ja prinzipiell nach einem verwandten Ansatz, es wäre für mich spannend, darüber etwas zu hören.
Grüße
Franz

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 26.10.2012, 23:58

Ich fände es jetzt wirklich schade, wenn wir diesen eigentlich sehr schönen Text zerredet hätten. Jedesmal, wenn ich ihn lese, sehe ich wieder diese schwarze Kuppel des Sternenhimmels vor mir - wie in einer Glaskugel eingeschlossen. So wie diese Schneekugeln. Aber sind wir nun innen oder außen?

Hier mal ein Spiel mit den Zeilen (schwierige Aufgabe, die Brombeeren da einzubinden):


leoniden

von süden der wind beharrlich lau
wie kinder atmen
wie nebelverhangene brombeergebüsche

die nächte nahegelegt
griffbereit wie die bibel im hotel

eingeschlossen im glaskörper sterne
reichlich, noch ohne gewalt
zartes kratzen der lichtnägel


feine schnitte im augenblick
und das wünschen

erlischt

carl
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Beitragvon carl » 27.10.2012, 09:45

Hallo Räuber,

mir gefällt das Gedicht sehr!
Manches würde ich vorsichtig umformulieren:

leoniden

nun sind die nächte nahegelegt
griffbereit wie die bibel im hotel

von süden beharrlich lau
ein kinderatem von wind

sterne reichlich, noch ohne gewalt
unzählbar sind galaxien

schwarzer brombeeren tagsüber
entlang der wegränder

eingeschlossen im glaskörper
reichen die sterne nicht heran

so nah dann aber nachts
der lichtnägel zartes kratzen

feine schnitte im augenblick
unzählbare wege zum glück


Habe weder Probleme mit der Bibel noch mit dem Kinderatem noch mit dem tags. Die feinen Schnitte sindklar, wenn man weiß, dass die Leoniden ein Kometenschwarm sind.
Den letzten Satz würde ich nicht schreiben, wenn ich gelesen werden will.
Aber für mich wird er durch die vorhergehenden Zeilen neu gedeutet.

Soll ich meine Änderungsvorschläge noch erläutern?

LG, Carl

pjesma

Beitragvon pjesma » 27.10.2012, 15:01

ich hatte hier bisher gar nicht reagiert, weil mir dies gedicht komplet so wie da steht gefällt . nun vielleicht sollte ich das den trotzdem sagen ;-)

vor allem, überlege ich schon die ganze zeit warum ich speziell in diesem gedicht (wiedermal die amanithas berühmte blaue bananen!!!) mit letzten zeilen AUCH gut leben kann, obwohl ich sie woanders vielleicht angeprangert hätte als zu süßlich. eben weil um leoniden geht, ein stern fällt, viele sterne fallen....man wünscht sich was, was ihm glücklich machen würde. dennoch ist der glück für jeder mensch etwas anderes...viele menschen, viele wege zum glück, viele sternen...von mir aus dürfte es bleiben :-)

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 27.10.2012, 16:07

RäuberKneißl hat geschrieben:
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Hallo Franz,

Mit solchen Gedichten kann ich persönlich nicht viel anfangen. Ich mag zwar einige Fundstücke, besonders die Galaxien schwarzer Brombeeren --- man sieht sie am Strauch traubenartig sich ausbreiten --- aber ich verstehe nicht, warum die Nächte nahegelegt sind: ein besonderer Sinn, gewiss, der mich aber nicht überzeugt - das Wort trockengelegt schleicht sich ein ... nein dieses nahegelegt will mich nicht "mitnehmen" wie hier so häufig steht: Das schmeißt mich raus - so sagt man doch in salongetreuem Lyrikvokabular ...

griffbereit die Nacht? wie die Bibel im Hotel? die Nacht ... nun denn, auch das bleibt eher unterhalb meines Aufmerksamkeitspegels.

Dann kommt das Laue --- nicht sehr originell, passt aber hier mMn - auch den "Kinderatem" mag ich . Das kann ich mir sehr gut vorstellen, olfaktiv, affektiv, ...

(Wie subjektiv doch solche Wahrnehmungen sind, sagt eine selbstkritische Stimme in mir ...)

Abgesehen von der Zeile "noch ohne Gewalt", mag ich die folgende Sequenz, die sich um die Galaxien entwickelt. Bis ich dann wieder unwirsch werde, Widerstand gegen deine poetische Sprachführung entwickle und vom Glaskörper bis zum Glück eine wachsende Unlyrik in mir hochkommen spüre.
Glück und Glas - wie leicht bricht das.

Ich dachte, ich schreib auch mal, was mir so einfällt. Vielleicht ist der eine oder andere Gedanke interessant für dich.

Sehr herzliche Grüße
Renée

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 29.10.2012, 00:36

Hallo,

viele Anmerkungen, Leseeindrücke, es ist schön, so allmählich ein ganzen Strauß von Eindrücken zu bekommen.
Fenestra, deine Version verzichtet auf den erzählerischen Ablauf und lässt das Ende offener (ob das Wünschen erlischt, weil es sinnlos ist oder weil es durch das Gesehene in irgendeiner Art erfüllt wurde ...) , dafür entschwindet mir das Motiv etwas ins Nebulöse, ich würde eine leicht resignativ angehauchte Natur-/Himmelsbetrachtung daraus lesen und würde vermutlich einiges vor mich hin kritisieren (die Wie's, das reichlich, der Glaskörper -versus Nebel - irritiert für mein Gefühl hier noch mehr ...) - dem Sehen, als dem Thema des Gedichts würde ich hinterhertrauern, es scheint mir hier verlorengegangen.
Carl, deine Version hat etwas für sich, ich hatte die Zweizeilen-Form (und auch alles in einer Strophe) auch schon mal versucht. Die Zäsur vor 'eingeschlossen im Glaskörper' schien mir die Zeile etwas hervorzuheben und einen Wechsel im Ton sichtbarer zu machen - der wohl noch mehr Stärkung braucht - mehr Radikalität, nicht weniger. Natürlich würde mich interessieren, was du in den Änderungen besser gelöst siehst?
@pjesma: die vielen Glücks dienten für mich etwas als Pepperoni, es war ja nicht als Stimmungsgedicht gedacht, trotz der Anknüpfung im kindlichen Wünsch-dir-was, wenn man eine Sternschnuppe sieht.
@Renee: danke für einen Kommentar, der vielleicht schon heute anders ausfallen würde, zumindest was den ersten Teil angeht - sind die Nächte jetzt nicht elend nahe, drücken den Tag zu? Was die 'Unlyrik' in den letzten Teilen, die du in dir spürst angeht, so finde ich den Punkt gut identifiziert, das 'Eingeschlossen im Glaskörper' bräuchte wohl noch Stärkung (dieses Gefühl des Abgekapselt-seins ist ja leider nicht so zerbrechlich wie Glas ...).
Momentan komme ich nicht zu einem neuen Text (heute abend war wieder ein englischer Essay fällig 'Why I Am Not A Painter - von Frank o'Hara).
Danke
Franz


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