Das waren Zeiten

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Gerda

Beitragvon Gerda » 19.10.2012, 23:34

Version II

Das waren Zeiten

Hauptbahnhof Düsseldorf
der Geschmack der Erinnerung:
Bratwurst mit Sauce
im Gewölbe unter den Schienen
„Stons Foß“*
am weiß gescheuerten hohen Tisch
(ich reichte gerade so ran).
Untrennbar verbunden mit dir.
Lange ist das her.

Heutzutage sind solche
Würste nirgends mehr zu finden.
Der Bahnhof, an dem ich ankomme
oder abreise ist
ein anderer
Ohne Imbiss im Gewölbe. Du
bist schon lange nicht mehr.

Ich steh jetzt auf Butter-Croissants.
©GJ20121021

*„Stons Foß“ = "im Stehen"

Edit: Ich habe eine andere Setzung versucht. Dank an fenestra für die Hinweise
Streichung auf Carls Vorschlag


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Zuletzt geändert von Gerda am 17.01.2013, 10:25, insgesamt 2-mal geändert.

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 20.10.2012, 17:14

Liebe Gerda,

das ist schön, vielleicht hast du mit deinem Vater oder Großvater früher einmal solche Würste gegessen? Du warst ja so klein, dass du "gerade so ran" reichtest an den Imbussbudentisch.

Eine schöne kleine Miniatur, die ein stimmiges Bild erzeugt von vergangenem Geruch/Geschmack. Vergangen in doppeltem Sinn, weil es ihn so nicht mehr zu kaufen gibt und weil man seinen Geschmack auch geändert hat.

Mir geht es ein bisschen so mit Pommes frites. Früher mit meinen Eltern im Urlaub an der Nordsee gab es kaum etwas Leckeres. Und es war übrigens ein seltener Luxus. Jetzt kannste mich mit den altfettgetränkten Fritten jagen.

Ein schwieriges Thema auch für mich bei solchen Gedichten ist die Interpunktion. Gestutzt habe ich bei dem Komma hinter Du. Grammatikalisch ist es falsch. Wenn du eine Pause möchtest, könntest du einen Umbruch wählen. Dann fiel mir auf, dass es noch zwei versprengte Kommata gibt. Das Komma hinter Foß auf keinen Fall. Das andere könnte man ebenfalls durch einen Umbruch ersetzen. Ein Kennzeichen für Lyrik ist für mich gerade die Gliederung durch Umbrüche und weniger durch Zeichen. Aber es ist bei jedem Gedicht wieder neu zu überlegen.

In der letzten Zeile würde ich schreiben: ich steh jetzt auf Buttercroissants.

Viele Grüße
fenestra

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Hetti
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Beitragvon Hetti » 20.10.2012, 17:49

Hallo Gerda,

auch mich hat dein Text angenehm berührt. Ich komme nämlich ursprünglich aus Solingen und habe als Kind mit meinem längst verstorbenen Vater viele Ausflüge ins Bergische Land unternommen. Bei diesen Gelegenheiten haben wir als Imbiss manch eine Currywurst genossen.

Außerdem gab es in Solingen eine Kneipe, die hieß "Stons". Eine Stehkneipe, versteht sich. Habe ich ewig nicht mehr daran gedacht. Darin verkehrten die "Langhaarigen", meine jugendlichen Freundinnen und ich haben zuweilen ehrfurchtsvolle "Expeditionen" in dieses Lokal unternommen.

LG Dede

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 20.10.2012, 19:36

Hallo Gerda, solche Erinnerungen hat sicher jeder hin und wieder!

Auch wenn ich sehe, dass die erste Strophe nicht alleinstehen kann (jedenfalls nicht "so"), könnte ich durchaus auf die zweite verzichten; für mich ist sie deutlich schwächer als der erste Teil.

Gerda

Beitragvon Gerda » 21.10.2012, 07:29

Liebe fenestra,

herzlichen Dank für deine Rückmeldung und vor allem auch für die Interpunktions Hinweise. Ich habe mal eine Überarbeitung vorgenommen. Danke auch für den Tipp das "stehe" in "steh" zu ändern. Das fließt besser.
Es freut mich, dass dir der Text gefällt und dass du dich, aufgrund des Textes an eigene Kindheitserlebnisse erinnerst. Wenn der Text das schafft habe ich dich als Leserin erreicht.

Sonntagsgrüße gen Norden :smile:
Gerda

Gerda

Beitragvon Gerda » 21.10.2012, 07:35

Liebe Dede,

wir hatten noch nicht das Vergnügen miteinander zu korrespondieren, deshalb erst einmal: Herzlich Willkommen.
Vielen Dank für deine positive Rückmeldung. Es freut mich auch in deinem Fall, dass es mir gelungen ist, eigne Erinnerungen zu wecken.

Liebe Grüße
Gerda

Gerda

Beitragvon Gerda » 21.10.2012, 07:40

Liebe Amanita,

dankeschön für die Schilderung deines Eindrucks. Wenn der Text bei dir eine ähnlich geartete Erinnrung hervorruft würde mich das freuen.
Vielleicht ist ja der zweite Teil tatsächlich etwas schwächer, weil im ersten die Erinnerungsbruckstücke und der -geschmack schon benannt wurden. Aber ich kann meinem Text nicht das Herz herausreißen. Überdies hast du auch geschrieben, dass du nicht wüsstest, wie die erste Strophe ohne die zweite auskommen sollte.
Sie fällt vielleicht etwas hinter die erste zurück, macht aber für mich die Miniatur überhaupt erst rund.

Liebe Grüße
Gerda

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 22.10.2012, 13:03

Hallo, Gerda,

freut mich, dass du meine Anregungen aufgenommen hast! Mir gefällt es vom Umbruch her besser so. Besonders das freigestellte "Stons Foß". Ein schöner, deftiger lokaler Ausdruck, der so erst richtig zum Klingen kommt.

Viele Grüße
fenestra

carl
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Beitragvon carl » 14.01.2013, 09:24

Hallo Gerda,

habe das Gedicht gerade gelesen und gestern, dass
Lachse ihren Geburtsort schmecken.
Nix mit GPS im Gehirn, sie
folgen dem Geschmack ihrer Kindheit...

Ich habe keine Kindheitserinnerungen.
Wohin soll ich zurückkehren?

Sehr schön dein Gedicht!
(Ich würde es noch knapper formulieren, etwa
...Würste nicht mehr zu finden.
Der Bahnhof, ein anderer
ohne Imbis im Gewölbe. Du ...

aber das ist Geschmacksache ;-))

LG, Carl

Gerda

Beitragvon Gerda » 17.01.2013, 10:24

Danke Carl,
deine Idee dieses
"... an dem ich ankomme
oder abreise ist ..."

wegzulassen hat etwas ...

Was du über den Geschmackssinn der Lachse schreibst ist interessant und neu für mich.

Liebe Grüße
Gerda


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