Der Tod der Freundin

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 08.10.2012, 11:08

Fassung 2

Tod der Freundin


In ihren Körper fraß sich ein
jenes Insekt,
das wir alle fürchten,
das in uns lebt und wartet:

verwandlungssüchtig,
schäumt es Bestandteile und
stürzt machtversessen auf Übernahme
und schreitet trunken aus im Rausch
der Teilungen und Sprünge, und
jede Zelle war ihm untertan.

Und das bepanzerte Insekt,
sperrte der Freundin Anmut,
ihre samtnen Glieder ein
In rötliches Chitin.

Doch,
Ein Gesicht, ein klarer Geist
Schien durch, schien
Noch zu hören, zu fragen,
sagte selten Worte,
etwas,
noch,
zum Schluß
ich lasse euch,
sagte ihr Blick
HINTER mir.


Ursprüngliche Fassung:

Tod der Freundin

Sie war schon und doch nicht
tot.
In ihren Körper fraß sich ein
jenes Insekt,
das wir alle fürchten,
das in uns lebt und wartet:

verwandlungssüchtig
nach Schaumreizungen,
es sprudelt Bestandteile und
zehrt volltrunken von den sich
überstürzenden Übernahmeräuschen.
Im Rausch der Teilungen und Sprünge,
war ihm jede Zelle untertan.

Und das bepanzerte Insekt,
sperrte der Freundin Anmut,
ihre samtnen Glieder ein
In rötliches Chtitin.

Doch,
Ein Gesicht, ein klarer Geist
Schien durch, schien
Noch zu hören, zu fragen,
sagte selten Worte,
etwas,
noch,
zum Schluß
ich lasse euch,
sagte ihr Blick
HINTER mir.
Zuletzt geändert von Renée Lomris am 09.10.2012, 06:16, insgesamt 2-mal geändert.

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 08.10.2012, 11:27

Sehr gut lyrisch "eingefangen", Renée - finde ich!

Nur auf den Anfang(ssatz) könnte ich verzichten.

Und kannst Du mir die "Schaumreizungen" erklären? Interessantes Wort - aber ich kanns (noch) nicht nachvollziehen.

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 08.10.2012, 13:07

ja, du hast Recht, ich hab das sofort geändert, ich finde deinen Einwand sehr einleuchtend, sag mir , ob es so tatsächlich besser geworden ist ...

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 08.10.2012, 16:14

Ja, ich finde es so besser, da ich im Gedicht selbst genug Hinweise auf ein "Zwischenreich" zwischen Tod und Leben finde.

Ach, sorry, eins noch: Chitin muss es heißen.

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birke
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Beitragvon birke » 08.10.2012, 17:35

liebe renée, das ist ein wahrhaft starker text.

und ja, die überarbeitete fassung ist auch aus meiner sicht besser, sie sagt alles.

eine kleinigkeit noch, hier hab ich probleme mit der zeit, müsste es an dieser stelle, in der letzten zeile, nicht auch präsens sein?

und schreitet trunken aus im Rausch
der Teilungen und Sprünge, und
jede Zelle war ihm untertan.


chapeau, madame! :daumen:

alles liebe dir,
diana
wer lyrik schreibt, ist verrückt (peter rühmkorf)

https://versspruenge.wordpress.com/

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 09.10.2012, 06:26

eses war Absicht, Diana, jedenfalls glaube ich das vertreten zu können, einmal das Vergangene in der Vergangenheit zu benennen...
das "war" möchte ich als Vergangenheitsform stehen lassen.

Wobei mir hier sofort die grammatikalische Benennung im Deutschen Kopfschmerzen verursacht ..... Sind wir da nicht im Imperfekt? Das wäre eine unvollendete Vergangenheit?

Wie seht Ihr die sechs deutschen Zeitformen?

ich bin ....................... Präsenes
ich war ...................... Imperfekt (!)
ich bin gewesen........... Perfekt
ich war gewesen .........Plusquamperfekt
ich werde sein ............ Futurum
ich werde gewesen sein.. Futurum exaktum ....

es gibt im Französischen ein Buch allein übers imparfait ... irgendwo muss sich doch auch im Deutschen etwas von der unvolllndeten Vergangenheit ablesen können?
bitte um Erklärung...
frühnachtmorgen Grüße
Renée

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birke
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Beitragvon birke » 09.10.2012, 09:16

liebe renée,

also meines wissens ist das imperfekt (oder vielmehr präteritum) nicht unbedingt "unvollendete vergangenheit", sondern eine art "erzählende vergangenheit", die oft im schriftlichen bereich angewendet wird, und die abgeschlossene ereignisse beschreibt.
das perfekt stellt die "vollendete gegenwart" dar, während dann das plusquamperfekt die "vollendete vergangenheit" bezeichnet.

nun ist es aber meiner meinung nach in deinem text so, dass du ja in der zweiten strophe eine art exkurs machst, der kurz aus der vergangenheit in die gegenwart führt:

In ihren Körper fraß sich ein
jenes Insekt,
das wir alle fürchten,
das in uns lebt und wartet:

verwandlungssüchtig,
schäumt es Bestandteile und
stürzt machtversessen auf Übernahme
und schreitet trunken aus im Rausch
der Teilungen und Sprünge, und
jede Zelle war ihm untertan.


erst danach gehst du wieder auf die zuerst genannte zeitebene zurück, jedenfalls verstehe ich es so.
oder soll bereits die letzte zeile hier schon wieder auf die zu anfang gewählte zeit verweisen??
für mich holpert das etwas ... zeitlich ... aber vielleicht hab ich auch nur einfach nen knoten im gehirn ;)))

herzlich
diana
wer lyrik schreibt, ist verrückt (peter rühmkorf)

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Elsa
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Beitragvon Elsa » 09.10.2012, 10:44

Hallo Renée,

Super Idee. Aber ein paar EInwände möchte ich anbringen.

Innerer Fraß durch Krebs. Wobei Krebs kein Insekt ist (ist er ja auch nicht) sondern Scheren hat, die reißen und nagen, das würde ich überdenken.

Ich würde auch Titel und Zeile 1 anders gestalten, da ich die Zeile der 1. Version eindringlicher finde:

Die Freundin

Sie war schon und doch nicht
tot.


wäre meine Wahl, wenns mein Text wäre.

Liebe Grüße
ELsa
Schreiben ist atmen

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 09.10.2012, 15:43

liebe Diana, das muss ich noch einmal wirken lassen. ... später also ?

liebe Elsa, danke für deine Rückmeldung. Das Insekt muss aus bestimmten Gründen so bleiben, denn mir war schon klar, dass der Krebs zwar ein Schalentier ist, aber sonst kein Insekt. Vielleicht kommt das Bild von Alien, dem außerirdischen Wesen, das sich durch viel Schaum und Schleim hindurch bemerkbar macht. Was Krebs mit dem menschlichen Körper machen kann, habe ich bisher nie erlebt und dieses Erleben war für uns alle etwas Erschreckendes. Etwas, das uns stumm gemacht hat. Vielleicht hätte ich das Gedicht gar nicht einstellen sollen, sage ich mir immer wieder. Vielleicht eine Art, etwas "hinzustellen", ein kleines (An)Gebinde.

Danke für Deine und Eure Aufmerksamkeit.
lG
Renée

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 17.10.2012, 18:58

Liebe Renee,

ich bin jemand, den sowas wie Insekt und Krebs (im Sinne Elsas Einwand) schnell stört, selbst wenn es nicht um die konkrete biologische Ebene geht, auf der sich die Bilder bewegen; hier jedoch stört es mich übrhaupt nicht. Ich habe in keinem Moment gedacht, dass es falsch gemeint sein könnte, dein Text spricht so evozierend sinnlich, dass da dieses Wesen vor mir aufsteigt und völlig stimmig erzählt ist.

Ich finde den Text sehr gelungen und frei von für den Text klebrig sein könnender Befänglichkeit, aber eben doch noch spürbar mit Beteiligung/Anteilnahme geschrieben. Ich kann dann auch gar nicht mehr mehr schreiben.

Selten, dass solch ein "Thema" erzählt werden kann.

(Allein wie die Groß- und Kleinschreibung der Zeilenanfänge variiert, irritiert mich?)

liebe Grüße
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.


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