paris (nach chagalls bild)

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
pjesma

Beitragvon pjesma » 13.09.2012, 14:53

paris

ich kann kein französisch
meine nase ist frei
so steht dein paris kopf
für mich
liegt auf dem pflaster
wie böhmische dörfer

gehütet verstockt und luftgetrieben

ich kenne die seine nicht
was fließt ist: ein stück heimat
im regenbogen
ein licht im fenster
ein fenster im licht
und eine katze mit menschlichen zügen

ich sehe paris
nicht
nur die winzigen russischen blumen, gebunden am stuhl
und ein geteiltsein im blau
wie das meer

zucktest du jetzt mit der augenbraue: „vergiss den turm!
er ist ein geist!“
so wurde ich es auf der stelle tun, dir glauben,
da du dein herz offen trägst

es liegt auf der hand:

ein dach aus papier
fliegt am schnellsten
mit dem menschen dran

über jerusalem
über petrovgrad
über paris eben
oder gelsenkirchen.
Zuletzt geändert von pjesma am 14.09.2012, 22:39, insgesamt 2-mal geändert.

ecb

Beitragvon ecb » 13.09.2012, 22:16

Nur schnell eine ganz kurze Rückmeldung heute abend, pjesma - ich finde dieses Gedicht ganz wunderbar, geht mir schon beim ersten Lesen vollkommen unter die Haut:

ein licht im fenster
ein fenster im licht


Morgen mehr, und dann mache ich dir auch ein paar kleine Korrekturen dazu.

Liebe Grüße
Eva Bild

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 14.09.2012, 08:19

ich mag chagall nicht, aber dieses gedicht mag ich sehr.

Gerda

Beitragvon Gerda » 14.09.2012, 09:36

Liebe Pjesma,

ich habe das Gedicht jetzt mehrere Male gelesen, aber bisher keinen Kommentar.
Ich komme nicht klar damit. Kann es aber nicht wirklich begründen nur allgemein schreiben, es wirkt auf mich, nicht in sich geschlossen. Also, ich meine nicht die Form, sondern den Inhalt.
Bei mir entwickelt sich kein konsistentes Bild.
Vielleicht liegt es daran, dass ich dieses Kunstwerk von Chagall nicht kenne und keine Chagall-Freundin bin :frage:

Ich bin gespannt, was andere geschrieben haben oder noch schreiben.

Liebe Grüße
Gerda :smile:

ecb

Beitragvon ecb » 14.09.2012, 13:59

Zunächst einmal glaube ich, das Bild gefunden zu haben, das du meinst, pjesma - es ist dieses hier, nicht wahr?

http://www.google.com/imgres?um=1&hl=de ... 4,s:0,i:85

Und dann erwähne ich gerechterweise auch gleich, daß ich Chagalls Bilder liebe. So.

Und nun füge ich auch gleich erstmal eine Fassung deines Gedichts mit meinen Korrekturvorschlägen ein, von denen ich hoffe, daß sie deinen Absichten gerecht werden, es wären aber auch Abwandlungen davon denkbar:

paris (nach chagalls bild)


ich kann kein französisch
meine nase ist frei
so steht dein paris kopf
für mich
liegt auf dem pflaster
wie böhmischen dörfer

gehütet verstockt und luftgetrieben

ich kenne die seine nicht
was fließt ist: ein stück der heimat
im regenbogen
ein licht im fenster
ein fenster im licht
und eine katze mit menschlichen zügen

ich sehe paris
nicht
nur die winzigen russischen blumen, festgebunden am stuhl
und ein geteiltsein im blau
wie das meer

zucktest du jetzt mit der augenbraue: „vergiss den turm!
er ist ein geist!“
so würde ich es auf der stelle tun, dir glauben,
da du dein herz offen trägst

es liegt auf der hand:

ein dach aus papier
fliegt am schnellsten
mit dem menschen dran

über jerusalem
über petrovgrad
über paris eben
oder gelsenkirchen.



Hier habe ich das Gefühl, als habest du dir ein Bild er-lebt, pjesma, als seist du eine ganz tiefe Verbindung damit eingegangen, mit dem Bild und mit der Seele, die sich das Bild vorstellte und erschuf.
Was du mit Chagall teilst, ist vorallem das, was in der Kunst mit "naiv" beschrieben wird, und was für mich der kindlich offene, freie, selbst-verständliche ("es liegt auf der hand") Blick auf die Dinge ist, der ohne Scheu die Welt auf sich selbst bezieht, das heißt, der sich mit der Welt in ein intimes, höchstpersönliches Verhältnis setzt (gelsenkirchen) und auf diesem Wege an ihr zutiefst teilhat.
Dabei muß ich nicht unbedingt jedes Detail deiner Nachempfindung verstehen, so wie ich auch nicht jedes Teil des Bildes genau verstehe. Es kommt auf den Geist an, der aus ihm und aus deinen Worten spricht. Und der ent-spricht mir von ganzem Herzen.

Mehr möchte ich dazu gar nicht sagen, um das zart-papierne Gebilde, das da nächtilich herumfliegt, nicht aus Versehen zu zerknittern. Ich mag dein Gedicht einfach, wie es ist, und das Apokoinu durch die Zeile "nicht" ist ziemlich genial.

Liebe Grüße
Eva

pjesma

Beitragvon pjesma » 14.09.2012, 22:28

vielen herzlichen dank fürs lesen, insbesonders auch für die korrektur, eva :-)
ja, das ist der bild.
mir geht es beim chagall so, dass ich andere maler vielleicht mehr schätze- als maler, aber chagall schätze ich als dichter und erzähler...seine bilder erzählen mir von sich aus unzählige gedichte...hier versuchte ich vieles unterzubringen, aber ich suche mich selbst zu entschuldigen damit dass auch chagall in diesem bild vieles unterzubringen vermochte...
mehr als durch naive, fühle ich mich mit ihm verbunden durch die art wie er überall wo er hinging sein ursprung mitschleppte---das russische, das judentum, aber auch die weltoffenheit, freiheitliebe...wenn er von zu hause ging, nahm er sein dach mit ;-)...und so war er wohl niergendwo heimatlos...
lg euch!!!
pjesma

Gerda

Beitragvon Gerda » 16.09.2012, 08:16

Danke für die Erläuterungen, liebe Eva, die mir ein besseres Textverständnis ermöglichen.
Jetzt, liebe Pjesma, verstehe ich besser, wie der Text gemeint ist und kann deiner Intention folgen.
Nur mit dem Dach aus Papier ... Aber es könnte damit vielelicht gmeint sein, dass das, was auf Papier geschrieben oder gemalt wird, zum Dach/Haus/Heimat des Lyrich wird...

Liebe Grüße euch beiden in den Sonntagmorgen
Gerda

ecb

Beitragvon ecb » 16.09.2012, 15:13

Gerda hat geschrieben:Nur mit dem Dach aus Papier ... Aber es könnte damit vielelicht gmeint sein, dass das, was auf Papier geschrieben oder gemalt wird, zum Dach/Haus/Heimat des Lyrich wird...

Liebe Grüße euch beiden in den Sonntagmorgen
Gerda


Auf dem Bild ist das "Dach", an dem der Mensch hängt, sowohl Dach als auch Papierflieger als auch eine Art Fallschirm und somit tatsächlich, was es für pjesma ist:

... die art wie er überall wo er hinging sein ursprung mitschleppte---das russische, das judentum, aber auch die weltoffenheit, freiheitliebe...wenn er von zu hause ging, nahm er sein dach mit ...und so war er wohl niergendwo heimatlos...
Bild

Liebe Grüße
Eva

Gerda

Beitragvon Gerda » 18.09.2012, 06:27

Dankeschön, liebe Eva, :smile: für den expliziten Hinweis. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass ich mich so konkret an das Kunstwerk halten muss.
Aber nun habe ich es verstanden.

Liebe Pjesma, :smile:

ich bin nicht sicher, ob ich ohne die Hinweise auf das Bild und die Erläuterungen Evas den Text hätte rezipieren können, so wie du ihn verstanden haben möchtest. Ohne das Kunstwerk zu kennen, geht es wohl überhaupt nicht.

Liebe Grüße
Gerda

ecb

Beitragvon ecb » 18.09.2012, 06:47

Mich hat das Gedicht unmittelbar als Gedicht angesprochen, und ich habe das Bild aus Neugier erst nachträglich herausgesucht.
Es kommt ja darauf an, was man gedanklich aus einer bildlichen Vorstellung macht, wenn man sie in Worte fassen will, und es ist das, was an pjesmas Text wesentlich ist. Ich glaube nicht, daß die genaue Kenntnis des Bildes von Chagall unbedingt notwendig ist, um zu einem Verständnis des Gedichtes zu gelangen.
Allerdings ist es sicher hilfreich, wenn ein wenig Kenntnis von der Art hat, wie Chagall Bilder machte.

Liebe Grüße
Eva

pjesma

Beitragvon pjesma » 18.09.2012, 07:56

ich hab das gedicht erstmal ohne bild reingestellt, grad weil ich wissen wollte ob es auch ohne bild funktioniert. mmn. müsste es eigentlich, nicht nur in anbetracht der art wie der chagall malte, sondern auch anders: ---mehr als bild, benötigt man, als wegweißung, ein paar eckdaten aus seiner biografie...ich hab versucht seine biografie ausfindig zu machen in seinem bild---und da sind sie, die eckdaten---da sind geteilte meere und flucht und sehnsucht (fenster), russische herkunft und eigen und ursprunglich bleiben in eine kunst-mode-metropole...so in etwa...
lg, pjesma

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Beitragvon Eule » 18.09.2012, 09:34

Hallo pjesma, mir gefällt Dein Text, aber auch ich kann Dir nicht rückmelden, ob das ohne Kenntnisse der betreffenden Kunstwerke auch so wäre.

Aber Deine künstlerische Interpretation weckt keinen Widerspruch bei mir, es entstehen Bilder, die mit denen des Malers korrespondieren.

Eine grammatikalische Korrektur (schon von Eva angemerkt): In Str 5 Z 3 fände ich den Konjunktiv ("würde") passender.
Ein Klang zum Sprachspiel.

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Beitragvon birke » 18.09.2012, 21:05

hallo pjesma,

also, für mich funktioniert dein text nur im direkten bezug zum bild.

die zweite zeile:
meine nase ist frei

stößt mir ehrlich gesagt etwas auf ... ich finde sie etwas ... hm ... abwertend ... diskriminierend? ;)

diese hingegen mag ich sehr:

ein licht im fenster
ein fenster im licht


liebe grüße
diana
wer lyrik schreibt, ist verrückt (peter rühmkorf)

https://versspruenge.wordpress.com/

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 18.09.2012, 23:37

liebe Pjesma,

ich kenne von dir zwei Arten von Texten, solche, die unheimlich originell, knapp und mit viel untergründigem Humor an ganz alltägliche Bilder anschließen.

Dieses Gedicht hat es bei mir aus zwei Gründen schwer: einmal ist Chagall für mich kein absoluter Vertreter von Kunst oder Malerei, er stellt für mich nicht mehr dar als viele andere. Zum andern ist schon Chagall einer Paris-Träumerei zum Opfer gefallen, zumindest zu Beginn. Aber in dem damaligen Viertel um Montparnasse (wenn das stimmt, aber ich glaube schon, dass er zu dieser Einwanderungsgruppe gehört, die in den sehr prekären Ateliers um La Rüche Unterkunft gefunden haben) wird er auch Not und Mangel erlebt haben.

Ich bin da vielleicht allergisch geworden. Tut mir leid --- ich überreagiere wahrscheinlich - in 30 Jahren Paris habe ich die Fähigkeit verloren aus Paris bildnerische oder lyrische Metaphern zu gestalten.

lG
Renée


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