abriss

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
pjesma

Beitragvon pjesma » 31.08.2012, 19:01

da werden kieferdampfschwaden
die körper herauf kriechen
als regen zurück
auf die böden tropfen
über den unsichtbaren warmen
labyrinthkonstrukten
unter dem holzparkett

eine zukunft
bauscht sich schon auf
im gerodeten garten
da wird später
der rasen ausgerollt
und in regelmäßigen abständen
studentenblumen gepflanzt

jetzt aber noch
fällt der blick
auf die vergewaltigten
eingeweide
auf nacktes gemäuerinneres
und ein blasses viereck
auf gelber tapete

da hing wahrscheinlich die familie
über dem frühstückstisch
Zuletzt geändert von pjesma am 01.09.2012, 17:13, insgesamt 1-mal geändert.

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nera
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Beitragvon nera » 31.08.2012, 23:55

ja

Gerda

Beitragvon Gerda » 01.09.2012, 05:50

Liebe Pjesma,

ich muss aufpassen, dass ich mich bei deinen Texten nicht mit Lob überschlage ;-)
und ständig mit positiven Attributen wiederhole.
Auch dieser Text springt mich regelrecht an.
Die erste Strophe hat Ähnlichkeit im Ton, mit der Bibelsprache, hier denke ich an die „Sieben Plagen“. Etwas Drohendes.
Genau deshalb meine ich, passt sie nicht ganz rund zu den folgenden Strophen, die insgesamt nicht so erdenschwer beladen wirken, aber vielleicht passt es gerade eben auch hierdurch besonders gut. :frage:
Ich vermute, dass du in Str. 1 vom Bauplan einer Sauna sprichst, die Beschreibung ist toll, poetisch und auch so, als würde Unheil heraufbeschworen. Das "Unheil entsteht bei mir im Kopf" weil ich mir vorstelle, dass für einen Neubau, ein altes Haus, in dem gelebt, gelacht und geweint wurde, abgerissen werden soll und hier sehe ich die Außergewöhnlichkeit deines Textes. Du schreibst nichts von einer Abrissbirne oder Baggern die kommen (werden) du entwickelst das Gefühl bei mir als Leserin sehr subtil in dem du einen besonderen, den unheilvollen Ton gewählt hast.
Bitte Labyrinth.
Nur scheinbar lapidar hingeworfene Bemerkungen „Rasen ausgerollt“, „Studentenblumen gepflanzt“ (hier würde ich eine Blume nehmen die tatsächlich gepflanzt wird, Tagetes werden meines Wissens gesät), z. B. Rosenstöcke in Reih und Glied, oder noch besser m. E. Rhododendren, zeichnen ein Bild, davon, wie wenig übrig bleibt, von dem alten Haus, was vermutlich Charme hatte und nicht so „gekämmt“ aussah, wie moderne Neubauten.
Ich kann mir das alles sehr gut vorstellen und dann setzt du noch einen Schlussakkord, der zunächst unheimlich und auch tiefer geht, als das was ich mir zuvor gedacht habe ….Du erinnerst an einen Fleck an der Wand, wo ehemals ein Foto gehängt hatte.
(Ich denke an die alten Bauten im Osten Deutschlands, die nicht saniert wurden, sondern nach dem Fall der Mauer einfach abgerissen wurden usw. usf., aber auch einen kurzen Moment an eine Wohnung, die ehemals Juden gehörte und die diese Menschen verlassen mussten).
Vermutlich hing das Foto dort „Ewigkeiten“ und möglicherweise war auf dem Foto ein besonders schönes Ereignis festgehalten, eine Hochzeit zum Beispiel (früher wurde ja nicht dauernd herumgeknipst), vielleicht von einem Fotografen inszeniert und … ich spinne mal weiter, erinnerte es die Familie an alte Werte wie Beständigkeit und Treue. Davon, ist ja nicht allzu viel übrig in der schnelllebigen Zeit. Ich finde, es liegt nahe, diese Übertragung zu wagen.
In diesem Moment tritt dein Text für mich aus der Subjektivität heraus und erreicht eine allgemeingültige Qualität, die ihn für mich ganz besonders macht.
Wunderbar! :daumen:

Frühfrische Grüße nach Orschel
Gerda :-)

ecb

Beitragvon ecb » 01.09.2012, 08:04

Dein Text, liebe Pjesma, hat in mir ganz ähnliche Gedanken ausgelöst wie bei Gerda, ich empfinde ihn als sehr lebendig, er setzt dem "Sterben" eines Lebenshauses, wie Thomas Mann das genannt hätte, etwas entgegen oder auch ein Denk-Mal.

Eine kleine Korrektur für die vorletzte Zeile der ersten Strophe: "labyrinthkonstrukten".
Sonst habe ich nix zu meckern an diesem schön plastisch-bildhaften Gedicht.

Liebe Grüße
Eva

pjesma

Beitragvon pjesma » 01.09.2012, 17:24

vielen herzlichen dank fürs lesen und betrachten, ihr lieben
besser hätt ich es nicht erklären können als du, gerda :-)
so ein schönes haus unterwegs zur arbeit, halb abgerissen...mit veranda, wie alte amihäuse...und dann kommt anstatt dem da ein mehrstöckiges klotz...naja, gang der welt. ich lass die tagetes drinne, gerda,weil eigentlich sie, wie auch graß gesät werden...aber eben in generation des altes hauses...:-(, bei neuemhaus und "neuen leuten" muss nicht irgendwann schön werden, sondern gleich schön sein...nix wird beim wachsen liebevoll beobachtet sondern fertig draufgepappt und wenns verreckt, mit neuem ausgetauscht...schneller, höher, weiter...ich glaub, ich werd langsam alt....
lg, pjesma

ps. dank euch für labyrinth, habs verbessert

Mucki
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Beitragvon Mucki » 01.09.2012, 21:29

...
Zuletzt geändert von Mucki am 30.05.2016, 19:14, insgesamt 1-mal geändert.

scarlett

Beitragvon scarlett » 02.09.2012, 19:22

gut gesehen, gut in worte gebracht.
eine kalte szenerie, die nicht kalt lässt.

gelungen!

kleine korrektur noch:

die körper HINAUF kriechen

lg
scarlett


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