großmutter

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
moonlight

Beitragvon moonlight » 11.01.2012, 13:52

großmutter

einen flügelschlag lang
war ich frei und spielte
die transporte sie fuhren
dem leben vorneweg

ich spielte am tor
sah das marschieren in reihe
sie winkten und lachten
doch schöpfte die nacht

einen flügelschlag lang
war ich frei und spielte
atmete ganz europa
roch groteske leiber

ich spielte im takt
und hörte die schreie
hinter ihnen stand der tod
mit seinem gewehr

einen flügelschlag lang
war ich frei und spielte
hinter mir stand der tod
und fuhr mich ins gas


© Moonlight 2012
Zuletzt geändert von moonlight am 04.02.2012, 11:41, insgesamt 2-mal geändert.

Sam

Beitragvon Sam » 01.02.2012, 18:16

Problematisch am Zeitabstand ist nicht die Entfernung zum Geschehen, sondern die Tatsache, dass er bis zum Rand angefüllt ist mit Auseinandersetzung. Man kann nichts mehr Neues hinzufügen. Wer immer sich der Thematik auf direktem Weg nähert, tritt nicht nur auf viel belaufene Pfade, sondern setzt sich einem Vergleich aus, dem aus heutiger Sicht so gut wie kein Schriftstseller mehr standhalten kann.

Eine Annäherung ist heute nur noch über Umwege möglich. Die eigentliche Geschichte ist erzählt und was die historischen Tatsachen angeht, gibt es für unsere Generation tausendfach mehr Gründe zuzuhören, als selbst zu sprechen. Uns bleibt das Mittelbare, das Renée sehr gut zum Ausdruck gebracht hat, wenn sie ein lyrisches Ich installiert, das an ihrer statt das Gift der Geschichte ein- und ausatmet.

Ich erinnere mich an eine Diskussion mit moshe, der auch einmal ein KZ Gedicht schrieb. Mein Vorwurf damals war, dass sein Gedicht eine direkte Position einnehmen wollte, obwohl das Retrospektive deutlich zu erkennen war.
Das Gleiche ist bei diesem Gedicht zu beobachten.

Meiner Meinung nach erfordert es keinen Mut ein solches Gedicht zu schreiben. Es reicht schiere Betroffenheit. Die ist zwar gut für eine humanistische Persönlichkeitsbildung, als Fundament für ein Kunstwerk reicht sie aber nicht aus. Ein solches erfordert zumindest die Erkenntnis, dass wir heute, nachdem alles Wichtige, Richtige, und Unrichtige gesagt worden ist, unser eigene Sprache finden müssen, um an das heranzukommen, was sich jenseits unserer Erfahrung, aber dennoch in Reichweite unserer Empfindungen bewegt.

moonlight

Beitragvon moonlight » 04.02.2012, 11:47

Sam hat geschrieben:Wer immer sich der Thematik auf direktem Weg nähert, tritt nicht nur auf viel belaufene Pfade, sondern setzt sich einem Vergleich aus, dem aus heutiger Sicht so gut wie kein Schriftstseller mehr standhalten kann.

Die eigentliche Geschichte ist erzählt und was die historischen Tatsachen angeht, gibt es für unsere Generation tausendfach mehr Gründe zuzuhören, als selbst zu sprechen.



wieso?

LG
Moonlight

moonlight

Beitragvon moonlight » 04.02.2012, 11:48

Danke Eule.

LG
Moonlight

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 04.02.2012, 13:41

liebe moonlight,

ich habe keine Ahnung, wie alt du bist, aber deine Art mit diesem sehr komplexen Thema umzugehen, lässt mich auf eine relativ junge Person schließen. -

Obwohl Erfahrung nicht der einzige Weg ist, um etwas zu lernen, so ist sie doch ein sehr guter Weg. Wiederholungen und zeitliche Interpunktion (Abstand, Unveränderlichkeit) sind notwendig da Erkenntnisse zu sammeln, wo man überzeugt ist, mit Einsatz, Willen und harter Arbeit weiter zu kommen als "die andern" (global gesehen). Scheitern ist ebenfalls eine notwendige Erfahrung.

Das dritte Reich, d.h. seine Entstehung, seine Existenz und seine Wirkung auf die Menschen, die seine Geburtshelfer waren und deren Nachfahren, ist doch ein beeindruckendes Phänomen? Warum hast du darüber kein Gedicht gemacht? Du hättest dich an die Großmutter richten können, die ein STück Brot in den Waggon wirft, und die genau weiß, dass diese abgehungernten Vorbeifahrenden in ihrem Waggon den Tod sehen werden. Warum ist diese Großmutter in so wenigen Werken vorhanden?

Gestern habe ich einen Spielfilm über Ruanda und den Genozid der Tutsi gesehen. Der Film war mittelmäßig. Trotzdem habe ich ihn mit großem Interesse angeschaut. Hätte ich ein Gedicht über die junge frau schreiben können, die mit ihrem Kind unter den Macheten verblutete? Vermutlich ja, aber ich hätte mich doch gefragt, warum ich das tue.

Ich finde, dass es möglich ist, dich mit der Frage zu konfrontieren: Warum diess Perspektive, warum dieser Standpunkt. Dann kannst du auch in aller Ruhe deine Begründung angeben.

Ich persönlich fand dein Gedicht interessant. denn es zeigt immer wieder eine sprachliche Unsicherheit, die etwas darüber aussagt, dass Politik und demokratisches Bewusstsein auch mit Sprache zu tun haben.

Kurz eine Antwort auf deine Frage, die du mir zwar nicht direkt gestellt hast, die aber eine Antwort fordert:

Es gibt in vielen deutschen Familien Photoalben, in denen auffallend viele Photos fehlen. Als Kind merkt man es möglichweise nicht, später haben sich unter Umständen diese Lücken wieder gefüllt.

Man muss sich immer fragen, was ein Fehlen, eine Abwesenheit bedeutet.

Bei den GI's waren es Photos von gefolterten Vietkong. Angeberische Photos von Soldaten, die sich ihre mesnchlichen Trophäen gegenseitig "abschossen" (mit dem Gewehr und mit xder Kamera). Auch sie wurden nicht ins offizielle Photoalbum mit hineingenommen.

Vielleicht hätte ich diesen Satz weglassen können. Aber mir lag daran, zu erinnern, dass die Grausamkeit der Soldaten solche Photos bewirkt. Wenn man sucht, findet man bestimmt in fast jeder deutschen Familie solche "Harmlosigkeiten". Mich persönlich interessiert einfach mehr, diese Dinge zur Sprache zu bringen.

Ich hoffe, du verstehst mich nicht falsch. Ich persönlich bin gegen Tabus. Jeder darf, soll, kannn schreiben worüber er will. Wenn ich aber über die Pferde der schweigenden Armee Chinas etwas schreiben will, muss ich mit dem Thema ein wenig befassen, bevor ich darüber schreibe.

liebe Grüße
Renée

PS ich denke auch: lieber eine Debatte, als keine.

moonlight

Beitragvon moonlight » 04.02.2012, 22:35

Liebe Renée,
vielen Dank für deine Worte.

Man sollte immer gegen das Vergessen schreiben.
Denn viele junge Menschen können sich unter dem Holocaust gar nichts mehr vorstellen.
Wenn ich nur eine einzige Person mit meinem Gedicht berühre war es Grund genug.

Das Schweigen ist der erste Schritt zur Holocaustleugnung.



Liebe Grüße
Moonlight

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 04.02.2012, 23:18

Liebe Moonlight,

dann muss ich deutlicher werden: genau das, was du schreibst, ist eine Art Vergessen des Holocaust. Sich an die Stelle der Opfer (fast auschließlich) zu setzen, das bringt eben nur eine Hälfte des Wahnsinns zum Ausdruck. Ich fürchte, dass viele, allzu viele vergessen, dass die Opfer deswegen Opfer waren, weil es Täter gab.

Für mich ist dieses sich Einklinken ins Opfersein oder Gewesensein eine Bequemlichkeit, die den Täter mal wieder "vergisst" im Grunde ist das Vergessen ein Vergessen des Täters... den gibts nicht mehr, seine Spuren, das Blut, das er vergoss, die <Knöpfe, die er drückte, das alles vergessen im Namen des allmöchtigen Lamms, das in uns stecken mag.

Da fühlt man sich dann ... belämmert ...

lg
R.

Nifl
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Beitragvon Nifl » 05.02.2012, 11:12

Na ja, das käme ja dann doch einer Zensur gleich, nicht die Perspektive der Opferrolle beschreiben zu dürfen, weil Opa oder Uropa zu den Bösen gehörte. Diese Ansicht teile ich nicht. Und ist die Opfereinfindung nicht auch nachhaltiger und intensiver? Mich lässt es jedenfalls mehr erschaudern, wenn ich mir vorstelle, Opfer gewesen zu sein. Und direkte Täter waren nur sehr wenige, weil es ein ausgeklügeltes Tötungssystem war. Diese Wenigen könnte man auch heute in dieser Gesellschaft ohne Probleme akquirieren. Ich werfe meinem Opa jedenfalls nicht vor, dass er im Krieg war. Ich bin der Überzeugung, dass ich auch losgezogen wäre in der damaligen Zeit, nicht aus Überzeugung vielleicht, sondern aufgrund der Repressionen, die sonst über meine Familie und mich herniedergegangen wären. Ich denke, es fände wirkungsvollere Prävention statt, wenn man sich aktiv gegen Armut, soziale Ungerechtigkeit, Meinungsfreiheitsbeschneidung, staatliche Kontrollmechanismen und Ausländerhass stellt, als dass man hier die Moralkeule übers Dritte Reich schwingt.
Zuletzt geändert von Nifl am 05.02.2012, 11:30, insgesamt 3-mal geändert.
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 05.02.2012, 11:18

Es geht mir nicht um eine Moralkeule.

Aber die wird ja vielfach geschwungen, in unterschiedlichster Weise. Ich stelle nur fest, dass aus dieser Thematik mehrheitlich ein Aspekt betrachtet wird. Der andere Aspekt ist schlicht und einfach schwieriger für diejenigen unter uns, die ihre Eltern (mit Verlaub) weder aburteilen noch auf subtile Weise für unschuldig erklären.

moonlight

Beitragvon moonlight » 07.02.2012, 18:18

Eidesstattliche Aussagen von Beteiligten des Massakers von Babi Jar nach 1945:

Aussage des Kraftfahrers Höfer:
"Eines Tages bekam ich den Auftrag, mit meinem Lkw vor die Stadt zu fahren. Als Begleiter hatte ich einen Ukrainer bei mir. Es mochte so gegen 10.00 Uhr gewesen sein. Auf dem Wege dorthin überholten wir zu Fuß gehende Juden, die mit Gepäck in meiner Richtung marschierten. Es waren ganze Familien. Je mehr wir aus der Stadt herauskamen, desto dichter wurden die Kolonnen. Auf einem großen freien Feld lagen Haufen von Kleidungsstücken. Diese waren mein Fahrziel. Ich wurde von dem Ukrainer dorthin gelotst. Nach dem Anhalten auf dem Platz, in der Nähe der Kleiderhaufen, wurde der Lkw sofort mit Bekleidungsstücken beladen. Dies wurde von den dort befindlichen Ukrainern ausgeführt. Ich beobachtete auf diesem Platz, dass die angekommenen Juden – Männer, Frauen und Kinder – von den Ukrainern in Empfang genommen wurden. Sie wurden an verschiedenen Plätzen vorbeigeleitet, wo sie nacheinander zunächst ihr Gepäck, die Mäntel, Schuhe und Oberbekleidung und auch die Unterbekleidung ablegen mussten. Genauso mussten sie an einer bestimmten Stelle ihre Wertsachen ablegen. Für jedes Kleidungsstück war ein besonderer Haufen gebildet worden. Das ging alles sehr schnell vor sich, und wo der Einzelne zögerte, wurde von den Ukrainern mit Fußtritten und Stößen nachgeholfen. Ich glaube, dass der Einzelne keine Minute brauchte, bis er von der Abgabe des Mantels vollkommen nackt da stand. Es wurde hier kein Unterschied zwischen Männern, Frauen und Kindern gemacht. Die nachkommenden Juden hatten wohl Gelegenheit, angesichts dieser Entkleidung kehrt zu machen. Ich wundere mich noch heute, dass dies nicht geschehen ist.
Die entkleideten Juden wurden in eine Schlucht geleitet, die die Ausmaße von etwa 150 m Länge, 30 m Breite hatte und gut 15 m tief war. Zu dieser Schlucht führten zwei oder drei schmale Eingänge, durch die die Juden hinunter geschleust wurden. Wenn sie am Rande der Schlucht ankamen, wurden sie von Beamten der Schutzpolizei ergriffen und auf bereits erschossene Juden gelegt. Dies ging alles sehr schnell.
Die Leichen wurden regelrecht geschichtet. So wie ein Jude da lag, kam ein Schütze von der Schutzpolizei mit der Maschinenpistole und erschoss den daliegenden durch Genickschuss. Die Juden, die in die Schlucht kamen, waren von dem Anblick dieses grausigen Bildes so erschrocken, dass sie vollkommen willenlos waren. Es soll sogar vorgekommen sein, dass sie sich selbst in Reih und Glied legten und den Schuss abgewartet haben.
Es waren nur zwei Schützen da, die die Erschießungen vornahmen. Der eine Schütze war auf dem einen Ende der Schlucht in Aktion und der andere auf dem anderen. Ich sah die Schützen auf den bereits aufgeschichteten Leichen stehen, während sie nacheinander geschossen haben. Sowie ein Jude durch einen Schuss tot war, ging der Schütze auf den Leibern der Erschossenen zum nächsten inzwischen hingelegten Juden und erschoss diesen. So ging das am laufenden Band, ohne Unterschied zwischen Männern, Frauen und Kindern. Die Kinder wurden bei ihren Müttern gelassen und mit ihnen erschossen.

Ich habe diesen Anblick nur kurz gehabt. Als ich an die Grube heran kam, war ich so erschrocken von dem grauenvollen Anblick, dass ich nicht lange hinschauen konnte. Ich sah in der Grube bereits 3 Reihen Leichen in einer Länge von etwa 60 m aufgeschichtet. Wieviele Schichten bereits übereinander waren, konnte ich nicht sehen. Der Anblick der zuckenden, mit Blut verschmierten Körper war einfach nicht zu fassen, so dass ich Einzelheiten nicht so recht erfassen konnte. Außer den beiden Schützen waren an jedem Eingang zur Schlucht je ein "Packer", ein Schutzpolizist, der das Opfer so auf die anderen Leichen legte, dass der vorbeigehende Schütze nur noch den Schuss abgeben brauchte. Wenn die Opfer durch die Wege zur Schlucht kamen und im letzten Augenblick das grauenvolle Bild sahen, stießen sie Entsetzensschreie aus. Aber im nächsten Augenblick wurden sie schon von den "Packern" umgerissen und zu den anderen gelegt. Die Nachfolgenden konnten dieses entsetzliche Bild nicht gleich sehen, weil es um eine Ecke ging. Bei der Entkleidung der einzelnen Personen wehrten sich die meisten, und es gab viel Geschrei. Die Ukrainer nahmen darauf keine Rücksicht. Sie trieben sie in größter Eile nur schnell zur Schlucht, durch die Zugänge.

Vom Entkleidungsplatz aus konnte man die Schlucht, die etwa 150 m vom ersten Kleiderhaufen weg war, nicht erkennen. Außerdem wehte ein scharfer Wind, und es war auch sehr kalt. Die Schüsse in der Schlucht waren nicht zu hören. Daraus erkläre ich mir, dass die Juden nicht rechtzeitig den eigentlichen Vorgang erkennen konnten. Ich wundere mich noch heute darüber, dass von Seiten der Juden nichts dagegen unternommen wurde. Es kamen immer neue Massen aus der Stadt zu diesem Gelände, das sie scheinbar ahnungslos betraten, immer in der Meinung, dass sie umgesiedelt werden."

Aussage Kurt Werner, Mitglied des SK 4a:
"Das ganze Kommando, mit Ausnahme einer Wache, ist damals gegen sechs Uhr morgens zu diesen Erschießungen ausgerückt. Ich selbst saß auf einem Lkw. Es musste alles ran, was verfügbar war. Wir sind damals etwa 20 Minuten lang in nördlicher Richtung gefahren. Wir hielten auf einer gepflasterten Straße im freien Gelände an, die dort aufhörte. Dort waren unzählige Juden versammelt, und dort war auch eine Stelle eingerichtet, wo die Juden ihre Kleidung und ihr Gepäck ablegen mussten. Nach einem Kilometer sah ich eine große, natürliche Schlucht. Es war sandiges Gelände. Die Schlucht war ca. 10 m tief, etwa 400 m lang, oben etwa 80 m breit und unten etwa 10 m breit.
Gleich nach meiner Ankunft im Exekutionsgelände musste ich mich zusammen mit anderen Kameraden nach unten in diese Mulde begeben. Es dauerte nicht lange, und es wurden uns schon die ersten Juden über die Schluchtabhänge zugeführt. Die Juden mussten sich mit dem Gesicht zur Erde an die Muldenwände hinlegen. In der Mulde befanden sich drei Gruppen mit Schützen, mit insgesamt etwa 12 Schützen. Gleichzeitig sind diesen Erschießungsgruppen von oben her laufend Juden zugeführt worden. Die nachfolgenden Juden mussten sich auf die Leichen der zuvor erschossenen Juden legen. Die Schützen standen jeweils hinter den Juden und haben diese mit Genickschüssen getötet. Mir ist heute noch in Erinnerung, in welches Entsetzen die Juden kamen, die oben am Grubenrand zum ersten Mal auf die Leichen in der Grube hinunterblicken konnten. Viele Juden haben vor Schreck laut aufgeschrien. Man kann sich gar nicht vorstellen, welche Nervenkraft es kostete, da unten diese schmutzige Tätigkeit auszuführen. Es war grauenhaft...
Ich musste den ganzen Vormittag über unten in der Schlucht bleiben. Dort musste ich eine Zeitlang immer wieder schießen, und dann war ich damit beschäftigt, Magazine der MPi mit Munition zu füllen. Während dieser Zeit wurden andere Kameraden als Schützen eingeteilt. Gegen Mittag wurden wir aus der Mulde herausgezogen, und nachmittags musste ich mit anderen oben die Juden der Mulde zuführen. In dieser Zeit haben dann andere Kameraden unten in der Mulde geschossen. Die Juden wurden von uns bis zum Muldenrand hingeleitet, dort sind sie dann von selbst die Abhänge hinunter gelaufen. Die ganze Erschießung an diesem Tage mag etwa bis ... 17.00 oder 18.00 Uhr gedauert haben. Anschließend wurden wir wieder in unser Quartier zurück gezogen. An diesem Abend hat es wieder Alkohol (Schnaps) gegeben."

Anton Heidborn (SK4a) über die Tage danach:
"Am dritten Tag nach der Exekution wurden wir noch einmal an die Exekutionsstelle gefahren. Bei der Ankunft sahen wir, dass eine Frau an einem Busch saß und die Exekution anscheinend unverletzt überstanden hatte. Diese Frau wurde von dem uns begleitenden SD-Mann – Name unbekannt – erschossen. Weiter haben wir gesehen, dass aus einem Leichenhaufen heraus noch eine Person mit der Hand winkte. Ob es eine Frau oder ein Mann war, weiß ich nicht. Ich nehme an, dass auch diese Person von dem SD-Mann vollends erschossen wurde, gesehen habe ich es allerdings nicht. An diesem Tage wurde nun damit begonnen, die Leichenhaufen zuzudecken. Hierzu waren Zivilisten eingesetzt. Teilweise sind die Wände auch abgesprengt worden. Nach diesem Tage kam ich nicht mehr an die Exekutionsstelle. Wir waren danach einige Tage damit beschäftigt, Geldscheine zu glätten, die aus dem Eigentum der erschossenen Juden stammten. Ich schätze, es muss sich um Millionenbeträge gehandelt haben. Was mit dem Geld geschehen ist, weiß ich nicht. Es wurde in Säcke verpackt und weggeschickt."

Zeugentabelle



http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/arti ... 810d86b7c7
Zuletzt geändert von moonlight am 09.03.2012, 10:25, insgesamt 1-mal geändert.

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 07.02.2012, 19:42

Ja, das ist ein Weg, der dorthin führt, wo dichten nicht unmöglich aber doch sehr schwer ist. Die Archive, Dorthin sollte man im Zweifelsfall immer hingehen. Vielleicht würde der Zufall es wollen, dass dort ein bekannter Name auftaucht. SD Mann Meyer Anton. Dein oder mein Onkel. dann wären wir ein Stück näher an dem, was unsere Verantwortung ist. Es wäre weniger Ausweichen möglich,

Und nach und nach würde dieses Monstrum verblassen, vermutlich vor anderen, die noch kommen werden. Und dann irgendwann würde "das Thema" seinen Platz einnehmen in den Themen, im unendlichen Ablauf der Geschichten der Geschichte. Dieser Punkt ist fast schon da, aber diese Texte zu schreiben ist dennoch eine schwierige Übung. Niemand behauptet, dass Dichten leicht sei.

lG
Renée

moonlight

Beitragvon moonlight » 13.02.2012, 16:39

Danke Renée für deine Offenheit.

LG
Moonlight

Estragon

Beitragvon Estragon » 25.08.2012, 16:48

:rolleyes:

Estragon

Beitragvon Estragon » 25.08.2012, 16:58

ich kommentiere lieber nimmer

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 25.08.2012, 18:10

Also ehrlich gesagt, Estragon: Einen alten "Faden hochzuholen", um zu melden, dass man nicht(s) kommentieren will, scheint mir sinnlos. Klar, dass ich - und sicher noch ein paar andere - nun wissen wollen, was Du gesagt hättest, wenn ...


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