Angenommen

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Benutzeravatar
Amanita
Beiträge: 5886
Registriert: 02.09.2010
Geschlecht:

Beitragvon Amanita » 07.07.2012, 09:20

Angenommen


Jedesmal frage ich mich,
welche der beiden Mütter mir
zur Stunde die Torte schmückt,
Eisenhutblüten sammelt,
Namen verschenkt aus träufelnder Liebe,
Abwesenheit in mein Leben schichtet
und süßredet.
Ich schwanke so oft:
zwischen kunstvollem Brotstück
und ranzigem Kuchen.

Niko

Beitragvon Niko » 07.07.2012, 10:58

das malen und das schreiben. mir drängen sich diese assoziationen auf, amanita. vielleicht hau ich da voll daneben. aber ich lese das darin. (bei mir wäre es dann statt malen das singen). dazu passt für mich auch der titel hervorragend.
mehr kann ich zu deinem text garnicht sagen. weil ich auch nicht weiß, wohin dieser text will.

liebe grüße: niko
(is mir alles zu kryptisch heute ;-) )

Benutzeravatar
Amanita
Beiträge: 5886
Registriert: 02.09.2010
Geschlecht:

Beitragvon Amanita » 07.07.2012, 11:02

GANZ interessante Sichtweise, Niko, die sogar passen könnte!

Es geht aber eigentlich um was völlig anderes ... schau mal in die Überschrift.

Niko

Beitragvon Niko » 07.07.2012, 11:06

angenommen........hm.......im sinne von "adoptiert", angenommen im sinne von "mal angenommen ich würde/hätte", angenommen als: ich habe es angenommen......die möglichkeiten sehe ich darin. oder ich steh mächtig auf dem schlauch...

niko auf dem c-rohr------

Benutzeravatar
Amanita
Beiträge: 5886
Registriert: 02.09.2010
Geschlecht:

Beitragvon Amanita » 07.07.2012, 11:07

genau: adoptiert

Niko

Beitragvon Niko » 07.07.2012, 11:27

diese möglichkeit kamm mir natürlich erst. aber habe sie wieder verworfen.
Angenommen


Jedesmal frage ich mich,
welche der beiden Mütter mir
zur Stunde die Torte schmückt,
Eisenhutblüten sammelt,

ich lese darin zwei musen, zwischen denen lyrich hin-und hergerissen ist. torte schmücken als bekränzen des lyrichs, es hervorheben. was ein schreiben, malen, singen - was auch immer - ja mit einem selbst macht. eisenhutblüten stehen für verbotene liebe und als blume der rache - auch das passt ins bild für mich. die instrumentalisierte kunst um rache zu üben. eine kunst, die vielleicht (brotlose kunst) von kindheit an nicht geduldet wurde.

Namen verschenkt aus träufelnder Liebe,
Abwesenheit in mein Leben schichtet
und süßredet.

kunst als ausdruck von liebe, die man vielleicht nirgendwo offener und doch versteckt genug zeigen kann, wie durch ein bild, ein gedicht, durch musik...... sie wird vermisst, weil sie nicht abrufbar ist und oft genug (gerade dann, wenn man meint, sie zu brauchen) durch abwesenheit glänzt.

Ich schwanke so oft:
zwischen kunstvollem Brotstück
und ranzigem Kuchen.

kunstvolles brot versus ranziger kuchen. das eine ist zb. auftragswerke. kunst, die man macht um den lebensunterhalt zu sichern. der ranzige kuchen - mich erinnert das an mein subjektives empfinden über mein eigenes schreiben und singen - es ist nie gut genug.

das ist das, was ich beim lesen empfinde....

liebe grüße: niko

Benutzeravatar
Amanita
Beiträge: 5886
Registriert: 02.09.2010
Geschlecht:

Beitragvon Amanita » 07.07.2012, 11:31

Niko, das finde ich wunderbar, dass ich - scheint's - eine "Mehrschichtigkeit" hingekriegt habe; dass ich nicht das Korsett Adoption anlege. So ist mir das am liebsten.

Niko

Beitragvon Niko » 07.07.2012, 11:38

ich finde, du kriegst die mehrschichtigkeit hin. sie schimmert - für mich - durch. ebenso wie - immer : für mich) das "offensichtliche" auch "nur" durchschimmert. eine offensichtlichere mehrschichtigkeit - das wär´s!
ich bin gespannt, wie andere kollegInnen dein gedicht aufnehmen (oder: annehmen)

grüße: ich

Mucki
Beiträge: 26644
Registriert: 07.09.2006
Geschlecht:

Beitragvon Mucki » 07.07.2012, 20:43

Hallo Amanita,

der Titel zeigt m.E. schon klar in Richtung Adoption, wenn man die zweite Zeile "der beiden Mütter" gelesen hat.
Und dennoch lese ich aus deinem Gedicht, dass auch das LI die Situation auf seine Weise angenommen hat, durch das "Ich schwanke so oft". Da ist also keine totale Ablehnung des LIs. Insofern ist der Titel doppeldeutig, was mir gut gefällt.
Inhaltlich werden hier nach meiner Lesart zwei Mütter, und ich lese hier die personifizierten Mütter, die leibliche und die, von der das LI adoptiert wurde, gegenüber gestellt. Die eine schmückt eine Torte, liebt das LI. Die andere ist "giftig" wie Eisenhut für das LI und ist nie da "Abwesenheit in mein Leben schichtet" --> klasse formuliert!
Die eine backt liebevolles Brot. Ich stelle mir bei "kunstvollem Brotstück" z.B. eine Art Hefezopf (aber eben Brot) vor. Die andere backt nicht selbst. Sie kauft alten Kuchen.
Gelungen!

Liebe Grüße
Gabi

Benutzeravatar
Amanita
Beiträge: 5886
Registriert: 02.09.2010
Geschlecht:

Beitragvon Amanita » 07.07.2012, 21:53

Vielen Dank, liebe Gabriella. Ich habe versucht, eine Polarität zu finden, die nicht klischeehaft, sondern ineinander verwoben ist.

Mucki
Beiträge: 26644
Registriert: 07.09.2006
Geschlecht:

Beitragvon Mucki » 07.07.2012, 22:07

Die Polarität ist dir hier sehr deutlich gelungen. Und klischeehaft finde ich hier nichts. Dafür hast du ziemlich gute Worte gefunden, um diese Polarität zwischen "Guter Mutter/böser Mutter" zu vermitteln.

Benutzeravatar
Amanita
Beiträge: 5886
Registriert: 02.09.2010
Geschlecht:

Beitragvon Amanita » 08.07.2012, 20:41

Na ja - beide sind beides, denn es könnte ja immer auch umgekehrt sein ...

Mucki
Beiträge: 26644
Registriert: 07.09.2006
Geschlecht:

Beitragvon Mucki » 08.07.2012, 20:53

Ja klar. Aber man kann es eben auch abwechselnd lesen, das macht für mich gerade den Reiz aus.

Benutzeravatar
Ylvi
Beiträge: 9473
Registriert: 04.03.2006

Beitragvon Ylvi » 09.07.2012, 11:00

Hallo Amanita,

ich finde auch, dass das gut aufgeht, nicht ins Verurteilende abdriftet und auch nicht ins Klischee. Da es nicht konkret zugeordnet wird, wird für mich auch das Hin- und Hergezogensein zwischen Polen, die aber auch ihre Polarität wechseln können, die nicht so einfach "bestimmbar" sind, schön spürbar.

Das einzige kleine Wehmutströpfchen ist für mich hier die Torte, die das schönen Zusammenspiel von Brotstück und Kuchen überlagert und aus meiner Sicht nicht wirklich "trifft". Man könnte zwar lesen, dass LIch sich eine Torte wünscht, aber von keiner der Mütter bekommt, aber dann wäre da aus der Erfahrung heraus wohl nicht die Frage, wer sie gerade schmückt. Ich fände an der Stelle einen gedeckten Tisch oder ein geschmücktes Zimmer o.ä. daher stimmiger.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 4 Gäste