ein brunnen hat keinerlei ohren (german letters)

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
pjesma

Beitragvon pjesma » 05.05.2012, 20:57

xxx
Zuletzt geändert von pjesma am 03.08.2016, 03:15, insgesamt 2-mal geändert.

Niko

Beitragvon Niko » 06.05.2012, 01:13

hallo pjesma,

diese betrachtungsweise gefällt mir. noch mehr die art, wie du die worte einsetzt. spielst mit den angenommenen standorten - nach meinem leseempfinden. bayern, afrika...-egal wo, brunnen sind überall gleich. nach afrika komme ich zu den dirndeln, dann denke ich, afrika steht da oben ja garnicht. und gehe also weiter vom allgemeinen aus, bis dann die kreuzotter auftaucht und mich wieder festnageln will. verstanden in aller tiefe - um beim brunnenbild zu bleiben - hab ich´s nicht. der letzte abschnitt so ab der wörtlichen rede, wirft mich aus der spur. ich werd es wohl noch öfter lesen müssen. denn vielleicht bin ich heute nur vernagelt.
ganz sicher aber ist ein grammatikalischer fehler drin. ein "n" zuviel. und zwar hier:
"er schweigt sich aus
über die gesichter
mit kopftüchern, über einäugigen, mit hut, oder mit der brille"

liebe grüße: niko

pjesma

Beitragvon pjesma » 06.05.2012, 15:08

lieber niko, vielen dank für deinen unvoreingenommenen spaziergang durch mein gedichtlein :-)
fehler wird gleich behoben (merci!)
auf brunnen symbol gehe ich erstmal nicht ein... ;-) ...es ist immer interessant zu erfahren was die anderen in etwas proizieren was vielleicht gar nicht gedacht war...warum auch nicht, gedicht ist des lesers ;-)...aber frage hätte ich trotzdem--wieso afrika?
lg, pjesma

Niko

Beitragvon Niko » 02.06.2012, 20:03

brunnen in wechselwirkung mit kopftücher, kreuzotter, heißer stein, rasseln an der kette.......das alles assoziiert bei mir AUCH afrika.
und wegen dem AUCH gefällt es mir ja gerade so.....

liebe grüße: niko

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 03.06.2012, 01:28

Mich erinnert die Kreuzotter vage an einige Volksmärchen, in denen es um vergiftete Brunnen geht, unter denen eine Schlange haust.
Ich weiß nicht, ob Du, liebe pjesma, dieses Bild im Kopf hattest; mir scheint Deine Schlange eine freundliche zu sein, obwohl sie den leidenden Brunnen beneidet ... Das Bild regt zum Nachdenken an, ich werde sicher noch einmal zu Deinem Brunnen zurückkommen.

Grüße zur Nacht
Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

Gerda

Beitragvon Gerda » 03.06.2012, 10:16

Liebe Pjesma,

“meinlieberherrgesangsverein!

eigentlich, mein liebster,
solltest du jetzt
einen kräftigen schluckauf haben!“


dieses Zitat aus deinem Gedicht zeigt die andere Ebene hinter den Brunnenbildern.
Das Lyrich, Liebende hat im Gegensatz zum Brunnen nämlich Erinnerungen und zwar jene an den Liebsten und wünscht sich, dass er sich auch erinnert, an Begegnungen vielleicht, die am Brunnen stattfanden, an die Geschichten, die sich dort erzählt wurden. Diese Erinnerungen werden nur durch das Lyrich lebendig, das Ohren hat zu hören, die dem Brunnen fehlen. Geheimisse kann er nicht ausplaudern.
Es gibt doch so eine Redensart, wenn jemand einen Schluckauf hat, dass dann jemand an ihn denke.
Genau deshalb müsste das angesprochene Du einen Schluckauf bekommen.

Interessant wie du die Märchenhaftigkeit hier eingesetzt hast, ausführlich vom Brunnen erzählst und nur in einem kleinen Absatz, quasi in einem Nebensatz, das nach meiner Leseart Wichtigste überhaupt benennst. Die Verbundenheit der Liebenden, die getrennt sind.

Unklar für mich ist der Klammersatz hinter dem Titel.

Liebe Grüße
Gerda

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 03.06.2012, 12:24

Liebe Pjesma,

diesen Text habe ich jetzt erst entdeckt - das liegt wohl am Titel, aber dazu später.

Deine vielschichtigen Bildassoziationen, die du rund um das Brunnenbild hervorrufst, finde ich sehr sehr schön. Eindrucksvoll beschreibst du die Gleichgültigkeit, mit der der Brunnen sowohl Schmähungen, als auch sinnliche Reize entgegennimmt. Metapher für eine stoische Attitüde, die uns meistens fehlt. Stattdessen sehen wir sogar in einem Brunnen Bilder des Leidens - mit der rasselnden Kette und dem Rad, mit dem kraftvollen Gegensatzpaar "festgenagelt" und "zerteilt". Toll!

Gerda hat auf einen Angelpunkt des Gedichts hingewiesen, der mir so noch gar nicht aufgefallen war: Ein Hinweis auf jemanden, der das lyrische Ich wohl vergessen hat. Und nun hofft es, vom Brunnen lernen zu können, um dieses Leid zu ertragen.

Ich finde den Text rund und Wort für Wort gelungen! Was mir allerdings nicht einleuchtet, ist die Art des Umbruchs in Form eines Gedichts. Für mich ist das Prosa, eine sehr bildhafte lyrische Prosa.

Außerdem denke ich, dass der Titel weniger vorweg zu nehmen brauchte. Dieser Titel ist ja schon eine Art Fazit, eine Moral oder Gebrauchsanleitung und nimmt dadurch etwas die Spannung. Ach, denke ich, wenn ich den Titel lese, da will sich mal wieder jemand am Brunnen ausweinen. Und warum der Zusatz "german letters"? Ist deine Muttersprache denn Englisch?

Viele Grüße
fenestra

Gerda

Beitragvon Gerda » 03.06.2012, 12:37

... vom Brunnen lernen ...

Ein Gedanke, auf den ich nicht gekommen wäre, danke fenestra.

pjesma

Beitragvon pjesma » 03.06.2012, 23:49

huch, da hat sich aber was getan, danke!!!
um allen gerecht zu antworten, muss ich entweder gleich den versuch aufgeben (was echt nicht fair wäre)---oder muss ich ausholen.
also ausholen---wenn auch durcheinander.


es ist ein gedicht...(?), ein kurzes brief, der wie viele meine g. neueres datums als ein teil des erinnerungszyklus kommen. fb hin und her, gut oder schlecht, bei mir hat fb aber bewirkt dass ich manche vergessene und verlorengeglaubte fäden wieder gefangen habe, im heimat, und es rührt mich in moment sehr auf... da ich aber schon ewig hier bin, ist mir die deutsche sprache näher,alltäglicher, bzw. sind meine kontakte mehr hier eingesiedelt und meine gefühle leichteer auf deutsch zu fassen sind...und daher kam dies (antwort an fenestra &und gleichzeitig paradox) ausweichen auf englisch...(mensch wie schwer es zu erklären ist!)
es gibt nähmlich in kroatisch-slang ein spruch der sagt dass einer wenn er tut als verstande er etwas nicht "tut als wäre er ein engländer, macht eins auf engländer "...oder noch "mimmt ein pilz", spielt in einer vorstellung ein baum...usw, usw, fällt mir jetzt nicht deutsches vergleich. ich habe dieses wort "letters" aus englischem nehmen müssen für dies "zyklus"---weil es doppeldeutig ist, bedeutet sowie brief so auch die buchstaben...weil mir manche meine heimatliche freundschaften vorgeworfen haben (zwar nicht arg, aber schon) dass ich überwiegend dort in fb meine meldungen in deutsch schreibe. da ist im letters alles drinn, ihr gefühl dass ich was anderes vorgebe zu sein, mein gefühl dass mein gefühl denen gegenüber dasselbe geblieben ist, aber ausdrucksmittel ein anderer...und auch gefühl dass ich mit der vergangenheit dort gehöre, aber mein jetztiges und zukunftiges nicht mehr....der titel kam eigentlich von bemerkung einer freundin die meinte "wenn ich diese ü, ä, ö-s sehe in deiner meldung, blättere ich gleich weiter, weil ich genervt bin". was ich verstehe und nicht verstehe...20 jahre dazwischen kann man ausblenden, aber nur bei anderem ;-)...sie können es nicht wissen wie es mich leben hiergeprägt hat, sehen mich halt noch im schulbank...und womöglich ich sie auch...mit unterschied dass ich dort lebte, und sie hier nicht...schwierig, verwirrend.
jedenfalls ist dieser zyklus ein mischkind, meine "kroatische" gefühle und erinnerungen und wehwehchen, aber in deutsch. nur so kann ich es...zur zeit.

meiste gedichte sind bestimmten menschen gewidmet, dieses da, einem brunnen. da wird der brunnen vermenschlicht...bleibt für mein gefühl aber brunnen, (ist nicht unbedingt ein synonym für eine verlorene liebe...außer man zählt die heimatliebe dazu???)-den ich samt land drumherum verkaufte und wird nie mehr meins. wo wirklich eine schlange im stein lebte (jetzt demistifiziere ich aber was solls)...um zefira zu beantworten auch: in vielen slawischen mythen kommt schlange als was gutes vor...schlangen könig zbspl. der sich mit dem kinde das milch teilt)...es gibt auch böse bedeutungen, meistens haben schwiegertöchter schlangenzunge ;-))), aber in grunde, gilt es als unheilbringend eine schlange umzubringen. mein opa meinte eine schlange, eine schwalbe und eine biene darf man nicht umbringen,sie hüten das heil des heimes. so haben wir immer, als wir zum brunnen gingen, richtig laut getrampelt in der nähe, damit die schlange sich verzieht und man nicht zufällig drauf tritt. die schlange nahm ich dann , weil sie lebewesen ist, as vorleser meines briefes an brunnen...welches eigentlich ein sentimentales quatsch wäre, schriebe ich: denkst du auch so oft an mich, wie ich an dich denke?kannst auch du mich vermissen? hast du schluckauf wenn ich dich erwähne? (gut gelesen, gerda ;-)...diese spruch vom schluckauf war hier die brücke zwischen der sprachen...weil es ihn in beiden sprachen gibt :-)

diese german letters geschichten sind sehr schnellschüßig, sehr aus dem moment entstanden und ich bitte darum dass ihr mich nicht als undankbar ansieht wenn ich nicht gleich "richtig" dran arbeite...die sprüdeln erstmal, gefiltert werden die später...
ich danke euch herzlich für die komms und beschäftigung damit :-)

lg, pjesma
http://www.pjesma.twoday.net ---da reihe ich die...

pjesma

Beitragvon pjesma » 04.06.2012, 00:34

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Beitragvon fenestra » 04.06.2012, 20:41

Liebe Piesma,

herzlichen Dank für diese ausführliche und persönliche Erläuterung! Ja, jetzt verstehe ich den Text noch besser und kann deine Erinnerung an den Brunnen noch mehr schätzen. Und die Antwort des Brunnens, die neuere Veränderungen wie Asphalt und Flugzeuge nicht ausblendet, gefällt mir ebenfalls sehr gut. Es ist toll, dass du deinen weit zurückliegenden Erinnerungen und deinen nur in der Sprache, aber nicht in der Essenz verlorengegangenen Bindungen an die Heimat auf diese Weise Ausdruck verschaffen kannst! Über den Einblick in manch andere Sichtweise - z.B. zu den Schlangen - habe ich mich auch sehr gefreut. So etwas macht Literatur spannend. Nicht nur die Sprache, auch die Symbolik ist keine feste unverrückbare Einrichtung und es braucht schon einiges Hin- und Herpendeln, Übersetzen, Miteinander reden, um nach und nach gemeinsame Kerne freizulegen. Dafür ist die Lyrik (oder die lyrische Prosa halt) sehr gut geeignet. Ich werde deine "german letters" jetzt alle nochmal bewusster lesen.

Viele Grüße
fenestra

P.S.: In der vorletzten Zeile hast du "Verränkungen" geschrieben. Du meinst vermutlich Verrenkungen. Verränkungen wäre ein Kunstwort, das auf Ränke schmieden anspielt - falls du diesen Ausdruck kennst.


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