Das Land

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 14.05.2012, 15:17

GESETZE

Alt, Älter, Uralt

1. Variante:

Als ich jung war,
war das Land alt.
Älter als alt, uraltes Urgestein.

Stein war das Land,
Steinhart. Und steinigen hieß es auf den Gassen.
Beinhartes Beine-Strecken,
Reck, Reif und Rad.

Unterm Rad war das Land.
Unters Rad war es gekommen.
Lichtrad und zottige Lichtgestalt

Es sang die Hausfrau am Herd,
als es schon altmodisch war, so
zu singen
wie sie sang.

Als ich jung war, sang sie
das Lied:
Sedan,
und ich lauschte.
Wohl wissend, dass ein
Schmerz mich
niederdrückte, der nicht
meiner war.


Nun bin ich alt und das Land scheint
jung.
Jung und schwerhörig
Die Ohren dröhnen vom Gesang der
Jugend und die Gewalt der Stimmen
bricht ein ins
Altersschläfchen.

"Hier ist mein Land,
Hier mein Garten
und die Äpfel reiche ich gern."
Sagt immer noch die stolze Hausfrau,
die Männer und Söhne mutverbissen in den Krieg geschickt.

Vielleicht ist das Singen der
harten Hausfrau
vergessen.

Doch der Wortlaut des Lieds, ob laut und vernehmlich oder
verhalten unter der Erde,
im Unterboden
nährt weiterhin

die alte Quelle.


Alt, Älter, Uralt Kennzeichnet das Gesetz von der Traditon: vom Stein, der Überlieferungen nicht nur weitergibt, in Form keilförmiger Inschriften, sondern selbst Instrument der Überlieferung wird. So ist er Stein des Anstoßes, Stein, von dem Aufhebens gemacht wird, ja, sogar der harte Kern findet im Stein seinen Ursprung.

Hart ist die Schale, Hart das Herz desjenigen, der immer Recht hatte. Ich denke dabei an all diejenigen, die mit Gott auf Kains Mal blickten oder ihre Entrüstung laut werden ließen angesichts zweier Städte, die in Flammen aufgehen sollten, denn zwei Unschuldige, sagt der Engel seien nicht zu finden gewesen.

Und die harte Hausfrau versteinert oder erstarrt. In Salz.

Ursprüngliche Fassung:

Als ich jung war,
war das Land alt.
Älter als alt, uraltes Urgestein.

Stein war das Land,
Steinhart. Und steinigen hieß es auf den Gassen.
Beinhartes Beine-Strecken,
Reck, Reif und Rad.

Unterm Rad war das Land.
Unters Rad war es gekommen.
Lichtrad und zottige Lichtgestalt

So sang die Hausfrau am Herd,
als es schon altmodisch war, so
zu singen
wie sie sang.

Als ich jung war, sang sie
das Lied:
Sedan,
und ich lauschte.

Nun bin ich alt und das Land scheint
jung.
Jung und schwerhörig
Die Ohren dröhnen vom Gesang der
Jugend und die Gewalt der Stimmen
bricht ein ins
Tempelgebiet.

Hier ist mein Land,
Hier mein Garten
und die Äpfel reiche ich gern.

Das Singen der harten Hausfrau ist vergessen.
Doch der Wortlaut des Lieds, ob laut und vernehmlich oder
verhalten unter der Erde,
nährt weiterhin

die alte Quelle.
Zuletzt geändert von Renée Lomris am 07.06.2012, 06:02, insgesamt 1-mal geändert.

moonlight

Beitragvon moonlight » 15.05.2012, 21:58

Liebe Renée,
jetzt ist es wieder unterm Rad unser Land und die Mütter werden wieder singen und weinen.

Sehr berührende Worte.

Liebe Grüße
Moonlight

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 17.05.2012, 10:32

Liebe Moonlight,

Ich bin nicht sicher, dass mein Gedicht von Dir so verstanden wurde, wie ich es intendiert habe. Den ersten Teil meines Gedichts finde ich -relativ- klar und vielleicht sogar gelungen. Im zweiten habe ich etwas versucht, was nicht so ganz deutlich das sagt, was ich sagen wollte.

Diese Passagen kann ich so stehen lassen: (mMn)

Als ich jung war,
war das Land alt.
Älter als alt, uraltes Urgestein.

Stein war das Land,
Steinhart. Und steinigen hieß es auf den Gassen.
Beinhartes Beine-Strecken,
Reck, Reif und Rad.

Unterm Rad war das Land.
Unters Rad war es gekommen.
Lichtrad und zottige Lichtgestalt

So sang die Hausfrau am Herd,
als es schon altmodisch war, so
zu singen
wie sie sang.



Bis hierher kann ich zumindest alle Aussagen so verantworten, wie sie da stehen, bis zur Hausfrau, die noch lange nach 45 die Lieder sang, die sie beim BDM gelernt hatte.

Mit dem Alter meinte ich das besonders "Alte" "Altertümliche" "Traditionsverhaftete" der aus den Ostgebieten zurückgewanderte Deutschen anhaftete, die einen Lebenstil lebten, der mehr den Amish in Pennsylvania glich, als den Deutschen der Bundesrepublik.

Dann wird es unklar, wie ich aus deiner Interpretation ersehe.

Diese Mutter weint nicht ... Tränen kommen ihr keineswegs. Diese Mutter drückt auf Trnendrüsem, ... das ja ... bei anderen ...

Ich finde dass ich mich sehr unverständlich ausgedrückt habe, wenn verstanden werden kann, dass heute wieder die selbe Herrschaft ausgeübt wird. Ich werde versuchen, den Schluss umzuschreiben, damit er klarer wird.


Vielen Dank für deinen Kommentar, es war sehr interessant für mich, deinen Gedankengängen zu folgen.

liebe Grüße
Renée

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Beitragvon fenestra » 17.05.2012, 13:22

Liebe Renée,

insgesamt finde ich deinen Text mit seinen nicht zu klischeehaften Assoziationen sehr vielschichtig und sprachlich äußerst gelungen. Dennoch kann man vielleicht den zweiten Teil noch konsequenter durchgestalten.

Ja, die Zeilen, die du oben noch einmal zitierst, sind klar und können auch meiner Meinung nach auf jeden Fall so stehen bleiben.

Was mich dann irritiert: Das Wort Tempelgebiet. Damit kann ich in unserem Kulturraum wenig anfangen. Etwas Heiliges? Aber was? Das Motiv mit den lauten Gesängen der Jugend dagegen ist stark, ich würde es auf jeden Fall so lassen.
Dann: Die harte Hausfrau. Ich würde sie nicht als hart bezeichnen. Eher als stumpf, gedankenlos, unverbesserlich. Das ist nicht das Gleiche, wie hart. Was du in deiner Anmerkung über das Drücken auf die Tränendrüsen anderer schreibst, finde ich in dem Text gar nicht wieder.

Dann die Anbindung der Strophe mit dem lyrischen Ich und den Äpfeln. Werden diese Äpfel auch aus den alten Quellen bewässert? Das meinst du sicher nicht, aber man könnte es leicht daraus lesen.

Viele Grüße
fenestra

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 17.05.2012, 14:11

Liebe Fenestra,

ach wie schön, wieder deine Signatur zu lesen ...

Danke fürc deinen sowohl ausführlich-kritischen sowie überhaupt ausführlichen Kommentar. Wenn dir der erste Teil so zusagt, wie ich ihn geschrieben und "gegen"gezeichnet habe, dann habe ich doch einiges ausdrücken können.

Das Problem ist im Grunde, dass ich mich mit der Jugend in ein Konzept verlaufen habe, das philosphisch und soziologisch dermaßen komplex ist - obwohl ich einen Essai dazu schreiben könnte - dass mir schwer fällt, etwas zu Papier zu bringen, das nicht sofort ins Klischee absinkt und von dort nie wieder auftaucht. Ich weiß ungefähr was ich mit Tempelgebiet meinte ... Etwa Iphigenie auf Tauris .... das Bild von der Insel, auf der man ankommt, von der man nicht mehr wegkommt, dort aber die Reife erfährt, während die Jugend (der Bruder) davonstürmt ... aber das ist nur eine winzige Spitze dessen, was mir vorschwebte ...

ich werds noch mal versuchen, nicht heute.

liebe Grüße
Renée

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 07.06.2012, 06:06

Liebe Fenestra,

Nun habe ich versucht, etwas Gesetzmäßiges in die harte Hausfrau einzufügen. Es geht dabei ja nur um die "harte" Variante der guten Hausfrau, um die Tilgerin, umd die unbarmherzige Ungezieferjägerin ...

Ich war gestern in einer Ausstellung in der Villa Rot (Jäger und Gejagte) .... wunderschöne Arbeiten über die Feinheit der Insekten und ihrer Gespinste.

liebe Grüße
Renée

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Beitragvon fenestra » 07.06.2012, 23:33

Liebe Renée, schön, dass du hier weiter gearbeitet hast, es schält sich immer deutlicher der Kern heraus. ;)
Das Gedicht finde ich jetzt noch stimmiger. Vorher hatte ich nicht verstanden, dass es die Hausfrau ist, die singt: "Hier ist mein Land ..." Ich dachte, es wäre das lyrische Ich und daher konnte ich es nicht richtig einordnen. Nun ist der zweite Teil für mich klarer geworden.

Den Prosa-Nachtext finde ich in seinem ersten Teil sehr schön mit den Überlegungen zu Kern und Stein. Der zweite Teil ist mir dann ein wenig zu richtend/moralisierend, da fehlen mir die Zwischentöne. Es gibt ja nicht nur weiche und harte Herzen. Harte Herzen sind oft zum Schutz gepanzert. Entrüstung kann auch Angst, Unsicherheit, Mitläufertum sein. Wer wirft den ersten Stein?

Viele Grüße
fenestra

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 20.07.2012, 18:18

spät aber doch: danke für deinen Kommentar, Fenestra. Z. Zt etwas erschöpft, grüße nach Norden

Renée


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