heute den mund voll asche und zöpfe wie schnürsenkel
heute den mund voll asche und zöpfe wie schnürsenkel
da war gras grün
da war erde braun
da war himmel blau
und alle augen schwarz in der mitte
das waren andere zeiten
da war ein boden
unter den füßen
sie weiß es genau
denn sie stand
dick bezopft vor kahlen köpfen
die zogen an ihr vorbei
wie neulich an der bushaltestelle
höhnte es im genick
heil
so
sang sie im chor
ihr hals ein schornstein
so
hat sie überlebt
unter den füßen ziehen
noch immer die toten in den tod
jeder trägt seine asche am leib
und schlägt sie die flatternden lider darüber
wird sie aufgewirbelt
füllt ihren faltigen mund
sie kann ihn nicht schließen
sie singt und singt
sie durchs tor
sie
(so
vielleicht
ich friedhofskind
gieße nur worte
über einen staubigen stein)
(ein Versuch zu moonlights "großmutter" viewtopic.php?p=178028#p178028 und jelenas "im auge" viewtopic.php?f=101&t=12812 und der Diskussion dazu)
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)
Hallo Flora,
erster Eindruck:
unglaublich gut geschrieben. Macht sprachlos, schnürt mir die Kehle zu. So treffend, aufrüttelnd, ohne Pathos, dennoch alles gesagt. Auch die Verbindung zum Heute finde ich sehr gelungen.
Deine Zeilen sprechen, zeigen, klagen und beweisen, dass man sehr wohl darüber schreiben kann.
Liebe Grüße
Gabi
erster Eindruck:
unglaublich gut geschrieben. Macht sprachlos, schnürt mir die Kehle zu. So treffend, aufrüttelnd, ohne Pathos, dennoch alles gesagt. Auch die Verbindung zum Heute finde ich sehr gelungen.
Deine Zeilen sprechen, zeigen, klagen und beweisen, dass man sehr wohl darüber schreiben kann.
Liebe Grüße
Gabi
-
Gerda
Liebe Flora,
eine beeindruckende Bearbeitung dieses Themas.
Leider lässt es meine Zeit nicht zu, auf den Text genauer einzugehen.
Aber die Rückmeldung, dass ich die Bearbeitung für gelungen (das Wort soll der Form Rechnung tragen) erachte, lasse ich dir zukommen.
Es bleibt nach dem Lesen Nachdenklichkeit, rein gefühlsmäßig störte mich nichts, im Gegenteil, ich meine, du hast treffende Worte gefunden für etwas, das "unsagbar" ist.
Liebe Grüße
Gerda
Gestern hörte ich in einem lit. Text ein Lutherzitat : ... ein Tod fraß und fraß den anderen ... daran wurde ich durch deinen Text auch noch einmal erinnert.
eine beeindruckende Bearbeitung dieses Themas.
Leider lässt es meine Zeit nicht zu, auf den Text genauer einzugehen.
Aber die Rückmeldung, dass ich die Bearbeitung für gelungen (das Wort soll der Form Rechnung tragen) erachte, lasse ich dir zukommen.
Es bleibt nach dem Lesen Nachdenklichkeit, rein gefühlsmäßig störte mich nichts, im Gegenteil, ich meine, du hast treffende Worte gefunden für etwas, das "unsagbar" ist.
Liebe Grüße
Gerda
Gestern hörte ich in einem lit. Text ein Lutherzitat : ... ein Tod fraß und fraß den anderen ... daran wurde ich durch deinen Text auch noch einmal erinnert.
Liebe Flora,
ich halte Deinen Text auch von denen, die zu diesem Thema eingestellt wurden, für mit Abstand am meisten gelungen.
Schwierig finde ich die Überschrift im Kontrast zum letzten Absatz. Denn das eine scheint zu suggerieren, dass die, um die es geht, noch lebt, während der andere zeigt, dass sie bereits gestorben ist und das "Ich" des Textes am Grab über die Frau nachdenkt/sich einfühlt. (Oder verstehe ich das falsch?)
Richtig gut finde ich den Bezug ins Heute. Es hat eben noch nciht aufgehört, es gibt sie immer noch, die Nazis.
Schwierig finde ich die Zeile "ihr Hals ein Schornstein". Für mich entsteht dadurch ein merkwürdiges Bild, wenn man es weiterdenkt. Zum einen frage ich mich: Sieht die Sprecherin des Textes die, die sie beschreibt als "Krematorium"? Für mich wäre das eine schwierige Aussage.
Zum anderen sehe ich förmlich, während sie singt, Rauchwolken aus dem Mund kommen. Und das empfinde ich als skurril und dem Text unangemessen.
Dann ist hier der Bezug für das "sie" sehr unklar:
und schlägt sie die flatternden lider darüber
wird sie aufgewirbelt
Einmal meint "sie" die beschriebene Person, das andere Mal die Asche. Das ist verwirrend, finde ich.
Trotzdem: Wie gesagt: Für mich ein gelungener und überzeugender Versuch, sich zum einen einzufühlen, aber auch deutlich zu machen, dass es ein Versuch ist und von daher auch relativierbar ist.
Liebe Grüße
leonie
ich halte Deinen Text auch von denen, die zu diesem Thema eingestellt wurden, für mit Abstand am meisten gelungen.
Schwierig finde ich die Überschrift im Kontrast zum letzten Absatz. Denn das eine scheint zu suggerieren, dass die, um die es geht, noch lebt, während der andere zeigt, dass sie bereits gestorben ist und das "Ich" des Textes am Grab über die Frau nachdenkt/sich einfühlt. (Oder verstehe ich das falsch?)
Richtig gut finde ich den Bezug ins Heute. Es hat eben noch nciht aufgehört, es gibt sie immer noch, die Nazis.
Schwierig finde ich die Zeile "ihr Hals ein Schornstein". Für mich entsteht dadurch ein merkwürdiges Bild, wenn man es weiterdenkt. Zum einen frage ich mich: Sieht die Sprecherin des Textes die, die sie beschreibt als "Krematorium"? Für mich wäre das eine schwierige Aussage.
Zum anderen sehe ich förmlich, während sie singt, Rauchwolken aus dem Mund kommen. Und das empfinde ich als skurril und dem Text unangemessen.
Dann ist hier der Bezug für das "sie" sehr unklar:
und schlägt sie die flatternden lider darüber
wird sie aufgewirbelt
Einmal meint "sie" die beschriebene Person, das andere Mal die Asche. Das ist verwirrend, finde ich.
Trotzdem: Wie gesagt: Für mich ein gelungener und überzeugender Versuch, sich zum einen einzufühlen, aber auch deutlich zu machen, dass es ein Versuch ist und von daher auch relativierbar ist.
Liebe Grüße
leonie
-
Renée Lomris
Flora hat geschrieben:
Liebe Flora,
ich erlaube mir, zu dem Thema - nach langem Schweigen - etwas zu schreiben. Eine Antwort.
Das Geschick der Sprache allein scheint mir nicht zu genügen, um sich eines so schwierigen Themas amzunehmen. Da ich über vierzig Jahre lang mit Menschen zu tun hatte, die direkt aus einer Familie abstammen, die nur teilweise überlebt hat, hatte ich oft Gelegenheit ihre Reaktion zu studieren, wenn sich deutsche Besucher um den Ausdruck ihrer Betroffenheit bemühten. Selten ein irritiertes Wort. Meist eine Art Staunen. Sehr viel Schweigen. Aber ein so genaues Beobachten, dass es mir manchmal die Sprache verschlug. Das hat auf mich eine sehr große Wirkung gehabt. Es ist mir unmöglich geworden, den Bereich der Betroffenheit in irgendeiner Form zu betreten. Ich halte die allermeisten Versuche für misslungen. Auch diesen,
Aber ich würde niemandem untersagen etwas dazu zu äußern. In schlechter Literatur kann sich echtes Mitgefühl verbergen und umgekehrt, Herzlosigkeit und Kälte haben oft Raum in den edelsten Sprachhütten.
liebe Grüße
Renée
(ein Versuch zu moonlights "großmutter" viewtopic.php?p=178028#p178028 und jelenas "im auge" viewtopic.php?f=101&t=12812 und der Diskussion dazu)
Hallo ihr Lieben,
danke für die Rückmeldungen, das ist mir hier sehr wichtig. Auch Kritik zu hören. Ich bin froh, dass es zumindest für manche ein gelungener Ansatz ist. Ich fang mal von hinten an.
Hallo Renée,
Hallo Leonie und Amanita,
Vielleicht muss das so schwierig sein dürfen?
Das ist für mich aber eine wichtige Rückmeldung. Ich grüble weiter.
Auf jeden Fall zeigt der ganze erste Abschnitt bis zur Klammer für mich eine "vermutete" oder zugeschriebene Innensicht dieser Frau und keine Außensicht auf jemanden.
Auch dir natürlich danke für die Rückmeldung, Gerda.
Liebe Grüße euch
Flora
danke für die Rückmeldungen, das ist mir hier sehr wichtig. Auch Kritik zu hören. Ich bin froh, dass es zumindest für manche ein gelungener Ansatz ist. Ich fang mal von hinten an.
Hallo Renée,
Was denkst du, was es braucht und was hier fehlt oder nicht genügend im Text thematisiert wäre?Das Geschick der Sprache allein scheint mir nicht zu genügen, um sich eines so schwierigen Themas amzunehmen.
Für mich wäre natürlich sehr interessant zu wissen, warum du diesen Versuch für misslungen hältst und wie es sich für dich mit dem Klammerabsatz am Ende verhält, ob das nicht auch etwas deiner Gedanken dazu aufgreifen kann?Ich halte die allermeisten Versuche für misslungen. Auch diesen,
Diese Verquickung von Autor und Text finde ich wieder schwierig und weiß auch nicht, wie ich das auf die Beurteilung und das Lesen von Texten, oder meinen Text anwenden sollte. Es könnte genausogut das Gegenteil der Fall sein und ich wollte darüber nicht mutmaßen wollen und es würde auch am Text nichts verändern?In schlechter Literatur kann sich echtes Mitgefühl verbergen und umgekehrt, Herzlosigkeit und Kälte haben oft Raum in den edelsten Sprachhütten.
Hallo Leonie und Amanita,
Mir wäre sehr wichtig, dass durch den letzten Absatz deutlich wird, dass die Frau und das was ihr hier zugeschrieben wird, eine Vorstellung des erzählenden Ich ist. Es ist "ein" Stein, nicht "ihr" Stein. Das scheint zumindest für dich nicht klar zu werden, hm ... muss ich drüber nachdenken, ob und was ich da noch ändern könnte.Schwierig finde ich die Überschrift im Kontrast zum letzten Absatz. Denn das eine scheint zu suggerieren, dass die, um die es geht, noch lebt, während der andere zeigt, dass sie bereits gestorben ist und das "Ich" des Textes am Grab über die Frau nachdenkt/sich einfühlt. (Oder verstehe ich das falsch?)
Ich habe beim Nachdenken über die anderen Gedichte gemerkt, dass mir dieser Bezug, wenn man sich heute als Autor an das Thema wagt, ein wichtiger Punkt zu sein scheint. Ich bin sehr froh, wenn das so aufgehen kann.Richtig gut finde ich den Bezug ins Heute. Es hat eben noch nciht aufgehört, es gibt sie immer noch, die Nazis.
Das ist auch für mich die schwierigste Zeile, über die ich immer wieder nachgrüble. Der Bezug zum Krematorium ist natürlich da, damit verknüpft auch das Bild des Feuers in ihrem Inneren, das Vernichtende und Verzehrende, die Frage nach Schuldgefühlen, Hilflosigkeit ... Und auch wenn ich dein Bild vor mir sehe, dass Rauch aus ihrem Mund aufsteigt, hat es für mich in diesem Kontext nichts "skurriles" im Sinne von witzig und dadurch unangemessenes, ich sehe ein Gesicht dazu, das das nicht zulässt.Schwierig finde ich die Zeile "ihr Hals ein Schornstein". Für mich entsteht dadurch ein merkwürdiges Bild, wenn man es weiterdenkt. Zum einen frage ich mich: Sieht die Sprecherin des Textes die, die sie beschreibt als "Krematorium"? Für mich wäre das eine schwierige Aussage.
Zum anderen sehe ich förmlich, während sie singt, Rauchwolken aus dem Mund kommen. Und das empfinde ich als skurril und dem Text unangemessen.
Vielleicht muss das so schwierig sein dürfen?
Das ist für mich aber eine wichtige Rückmeldung. Ich grüble weiter.
Auf jeden Fall zeigt der ganze erste Abschnitt bis zur Klammer für mich eine "vermutete" oder zugeschriebene Innensicht dieser Frau und keine Außensicht auf jemanden.
Das ist mir bewusst, für mich steckt aber gerade in dieser Irritation sehr viel, und es scheint mir im Moment zumindest noch wichtig für das Gedicht, damit zu arbeiten. Diese "Verwirrung" wird ja im nächsten Absatz weitergeführt und durch die bewusste Einzelstellung des "sie" auch thematisiert. Vielleicht geht das nur für mich auf, ich werde nach deinem/eurem Hinweis auf jeden Fall weiter darüber nachdenken.Dann ist hier der Bezug für das "sie" sehr unklar:
und schlägt sie die flatternden lider darüber
wird sie aufgewirbelt
Einmal meint "sie" die beschriebene Person, das andere Mal die Asche. Das ist verwirrend, finde ich.
Auch dir natürlich danke für die Rückmeldung, Gerda.
Liebe Grüße euch
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)
-
Renée Lomris
Liebe Flora,
danke dafür, dass diese Gedanken aufgegriffen wurden. Ich glaube, dass die Problematik von Auschwitz, Shoah und Holocaust, wie diee verschiedenen Bezeichnungen bereits zeigen, ein so schwieriges Wortproblem darstellt, dass es für mich (ich sage es absichtlich nur mich betreffend) wegen oder trotz intensivster Auseinandersetzung mit dem Thema, das im übrigen untergründig in vielen meiner Texten auftaucht (ohne thematisiert zu werden) unmöglich geworden ist, noch eine Zeile mehr direkt dazu zu schreiben oder zu lesen. Wir atmen die Schuld- und Opfer- und Täterluft jeden Tag. Mir scheint, dass solche Versuche der Poetisierung ins Leere laufen.
Ich verstehe sehr gut, dass dir das lapidare: halte ich für misslungen, nicht genügt. Es wird schwer sein, das was ich für misslungen halte (du bist selbstverständnlich damit nicht als Dichterin visiert, sondern all diejenigen, die sich der Sache annehmen und bei mir auf Widerstand stoßen.
Als ich 1963/64 begann, mich mit der Vergangenheit zu befassen, war ich zutiefst beeindruckt von der Todesfuge. Das hat sich nicht geändert. Sie ergreift mich immer noch. Aber sie ist zu einer Art Hymne geworden, die nicht etwa durch die Häufigkeit ihres EInsatzes immer unempfindlicher macht, sondern durch den Apparat, der ihr zugeteilt wird. Als Celan seine Todesfuge schrieb, war er ein zwischen Deutschland und Frankreich zerrissener Überlebender.
Wenn sich also der Zugang zur Sprache ändert, dann hat das weniger mit der Sprache selbst zu tun, als mit der Aufgabe, die man ihr zuteilt. Und wenn die Sprache zum Ausdruck bringt, dass sie diese Aufgabe erfüllt, dann ist sie nicht mehr primär Sprache als künstlerisches Mittel, dann ist sie aufgabenerfüllendes Mittel.
Diese moralische Sendung lehne ich ab. Ich glaube nicht, dass Paul Celan die Todesfuge geschrieben hat, um irgend etwas Politisches Gesellschaftliches, Moralisches oder sonstwie Orientiertes auszudrücken. Er hat diesen Text geschrieben, weil es für ihn notwendig war, diesen Text zu schreiben.
Dass er zudem Poet war, hat ihm erlaubt dies im Umfange seiner Kompetenz als Dichter zu schreiben.
Ich habe aus diesem Grund, nicht nur speziell diese "Aufgabe betreffend" Probleme mit der Lyrik. Mir scheint, dass Poesie oder Lyrik oder Dichtung mehr sein sollte, als ästhetisierende, dichtertechnisch durchformte Sprache.
Versuch einer Kritik des Gedichts selbst:
heute den mund voll asche und zöpfe wie schnürsenkel
----------- den Mund voll Asche verstehe ich, aber die Zöpfe wie Schnürsenkel?
da war gras grün
da war erde braun
da war himmel blau
und alle augen schwarz in der mitte
------------- diese Strophe kann ich gut nachvollziehen
das waren andere zeiten
da war ein boden
unter den füßen
sie weiß es genau
denn sie stand
dick bezopft vor kahlen köpfen
die zogen an ihr vorbei
wie neulich an der bushaltestelle
höhnte es im genick
heil
so
stünde dies Gedicht nicht in direktem Zusammenhang mit der Shoah würde ich auch hier mit mehr Interesse und Neugier, oder anders rum, mit weniger Widerstand reagieren.
sang sie im chor
ihr hals ein schornstein
so
hat sie überlebt
----------------- der Hals ein Schornstein erscheint auch mir fragwürdig,
unter den füßen ziehen
noch immer die toten in den tod
jeder trägt seine asche am leib
und schlägt sie die flatternden lider darüber
wird sie aufgewirbelt
füllt ihren faltigen mund
sie kann ihn nicht schließen
sie singt und singt
sie durchs tor
dieses Singen der Frauen, das Orchester, die bachhörenden Nazikommandos, das alles gehört für mich geradezu in die Requisitenkiste der heutigen Darstellung dieser Thematik, und wir können dem KONtext einfach nicht entfliehen.
sie
(so
vielleicht
ich friedhofskind
gieße nur worte
über einen staubigen stein)
--------------- wenn mir klar würde (und dieser schlüssel fehlt mir vielleicht) was du mit "friedhofskind" als lytrischen Ich genau meinst, hätte ich vielleicht einen Zugang zu deinem Gedicht.
So aber bleibt es für mich : lettre morte.
wie gesagt, Danke für die Auseinandersetzung.
herzliche
Grüße
Renée
danke dafür, dass diese Gedanken aufgegriffen wurden. Ich glaube, dass die Problematik von Auschwitz, Shoah und Holocaust, wie diee verschiedenen Bezeichnungen bereits zeigen, ein so schwieriges Wortproblem darstellt, dass es für mich (ich sage es absichtlich nur mich betreffend) wegen oder trotz intensivster Auseinandersetzung mit dem Thema, das im übrigen untergründig in vielen meiner Texten auftaucht (ohne thematisiert zu werden) unmöglich geworden ist, noch eine Zeile mehr direkt dazu zu schreiben oder zu lesen. Wir atmen die Schuld- und Opfer- und Täterluft jeden Tag. Mir scheint, dass solche Versuche der Poetisierung ins Leere laufen.
Ich verstehe sehr gut, dass dir das lapidare: halte ich für misslungen, nicht genügt. Es wird schwer sein, das was ich für misslungen halte (du bist selbstverständnlich damit nicht als Dichterin visiert, sondern all diejenigen, die sich der Sache annehmen und bei mir auf Widerstand stoßen.
Als ich 1963/64 begann, mich mit der Vergangenheit zu befassen, war ich zutiefst beeindruckt von der Todesfuge. Das hat sich nicht geändert. Sie ergreift mich immer noch. Aber sie ist zu einer Art Hymne geworden, die nicht etwa durch die Häufigkeit ihres EInsatzes immer unempfindlicher macht, sondern durch den Apparat, der ihr zugeteilt wird. Als Celan seine Todesfuge schrieb, war er ein zwischen Deutschland und Frankreich zerrissener Überlebender.
Wenn sich also der Zugang zur Sprache ändert, dann hat das weniger mit der Sprache selbst zu tun, als mit der Aufgabe, die man ihr zuteilt. Und wenn die Sprache zum Ausdruck bringt, dass sie diese Aufgabe erfüllt, dann ist sie nicht mehr primär Sprache als künstlerisches Mittel, dann ist sie aufgabenerfüllendes Mittel.
Diese moralische Sendung lehne ich ab. Ich glaube nicht, dass Paul Celan die Todesfuge geschrieben hat, um irgend etwas Politisches Gesellschaftliches, Moralisches oder sonstwie Orientiertes auszudrücken. Er hat diesen Text geschrieben, weil es für ihn notwendig war, diesen Text zu schreiben.
Dass er zudem Poet war, hat ihm erlaubt dies im Umfange seiner Kompetenz als Dichter zu schreiben.
Ich habe aus diesem Grund, nicht nur speziell diese "Aufgabe betreffend" Probleme mit der Lyrik. Mir scheint, dass Poesie oder Lyrik oder Dichtung mehr sein sollte, als ästhetisierende, dichtertechnisch durchformte Sprache.
Versuch einer Kritik des Gedichts selbst:
heute den mund voll asche und zöpfe wie schnürsenkel
----------- den Mund voll Asche verstehe ich, aber die Zöpfe wie Schnürsenkel?
da war gras grün
da war erde braun
da war himmel blau
und alle augen schwarz in der mitte
------------- diese Strophe kann ich gut nachvollziehen
das waren andere zeiten
da war ein boden
unter den füßen
sie weiß es genau
denn sie stand
dick bezopft vor kahlen köpfen
die zogen an ihr vorbei
wie neulich an der bushaltestelle
höhnte es im genick
heil
so
stünde dies Gedicht nicht in direktem Zusammenhang mit der Shoah würde ich auch hier mit mehr Interesse und Neugier, oder anders rum, mit weniger Widerstand reagieren.
sang sie im chor
ihr hals ein schornstein
so
hat sie überlebt
----------------- der Hals ein Schornstein erscheint auch mir fragwürdig,
unter den füßen ziehen
noch immer die toten in den tod
jeder trägt seine asche am leib
und schlägt sie die flatternden lider darüber
wird sie aufgewirbelt
füllt ihren faltigen mund
sie kann ihn nicht schließen
sie singt und singt
sie durchs tor
dieses Singen der Frauen, das Orchester, die bachhörenden Nazikommandos, das alles gehört für mich geradezu in die Requisitenkiste der heutigen Darstellung dieser Thematik, und wir können dem KONtext einfach nicht entfliehen.
sie
(so
vielleicht
ich friedhofskind
gieße nur worte
über einen staubigen stein)
--------------- wenn mir klar würde (und dieser schlüssel fehlt mir vielleicht) was du mit "friedhofskind" als lytrischen Ich genau meinst, hätte ich vielleicht einen Zugang zu deinem Gedicht.
So aber bleibt es für mich : lettre morte.
wie gesagt, Danke für die Auseinandersetzung.
herzliche
Grüße
Renée
Hallo Flora,
gut geschrieben. Warum glaube ich es nicht?
Ich weiß nicht.
Hab dann Renées Kommentare gelesen. Ich glaub, sie trifft den Punkt, ohne zu treffen, weil das, was zu treffen wäre, sich den Worten entzieht.
Ich fürchte, der Text will zu schön sein. Er will geliebt werden. Anerkannt fürs Betroffensein und das-dann-auch-noch-sehr-gut-ausdrücken-Können. DAs sit kein VOrwurf, nicht mal eine Unterstellung, sondern so gemeint: Dass ich das fürchte. Weil man es ja nie ganz ausschließen kann, Verquickung Autor-Text hin-oder-her (wobei ich die erste wäre, die Stopp schreit, sobald jemand diese Distanz ignoriert), nur: Kann man diese Distanz überhaupt aufbauen, die Mauer zwischen Schreiber und Text, zwischen Angehöriger von schuldiger oder von Verfolgter "Gruppe"? Zu dieser oder jener gehört man dazu, ob man will oder nicht, und schreibt aus dieser oder jener Perspektive, sei es noch so verschlüsselt oder "poetisch", seinen Text. Der nie allein steht - noch weniger als es je ein Text zu einem anderen "Thema" (mein Gott) könnt. Kein Text steht für sich, er reiht sich ein, ordnet sich unter, schwingt sich auf, vergleicht (sich), lässt (sich) vergleichen, jedes Wort, jeder Buchstabe hat eine Geschichte.
Nach Auschwitz kann man keine Gedichte mehr schreiben, hat Adorno gesagt.
Ich habe daran stets versucht zu zweifeln - und komme immer mehr zu der Überzeugung, dass er auf gewisse Weise doch Recht hat, der Philosoph. Zumindest kann, fürchte ich, ein deutscher Angehöriger der Täter"gruppe" AUF DEUTSCH keine Gedichte ÜBER Auschwitz schreiben, ohne Bezug zu nehmen auf x andere Texte. Für mich funktioniert das einfach nicht. Ich habe zwar weder, wie Renée, engsten Kontakt zu den Angehörigen oder Nachkommen Verfolgter und Ermordeter, noch deren Lebenserfahrung, habe aber auch einigermaßen intensive Auseinandersetzung mit diesem "Thema", das ja heute gerade durch die Medien gedenktaggeistert, hinter mir. Es lässt mich nie los. Jetzt fragen die Töchter, was hat denn der Vater von Opa gemacht, "damals". Wo war er. Wer. Wer sind wir. Was war. Und ich weiß es nicht. Ich habe mal Philosophie studiert, vor allem aus diesem Motiv: Ich wollte herauskriegen, warum so etwas "passieren" konnte, wie es dazu kommen konnte, dass so etwas geschieht. Massenhaft, geplant, gewollt, geduldet, propagiert. Zwangsläufig bin ich bei Adorno gelandet, er versucht es zu erklären, schlägt den großen kulturkritischpessimistischen Bogen etc., das würde jetzt zu weit führen, aber ich weiß es immer noch nicht.
Habe ich jetzt zu viel geredet, ohne Gedichtbezug?
Es ist ein Versuch, Flora, zu "erklären", warum es für mich nicht funktioniert. Berührt mich nicht. Lässt mich kalt, der Text. Warum? Zu viel gesagt darüber? Zu viel geschrieben von den falschen Leuten? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es einfach der Rahmen: Der Text reagiert auf ein - offenbar mäßiges (habe die Diskussion nicht verfolgt) - Gedicht, das - offenbar - gut gemeint und schlecht gemacht ist. Dieses hier ist gut gemacht, aber nicht vollständig gut, nciht NUR gut gemeint, weil es - fürchte ich - besser sein will als die anderen, schlecht gemachten, die es in gewisser Weise "toppen" will. Das stimmt wahrscheinlich nicht. Es war wohl nur eine Anregung dazu. Wie auch immer: Für mich funktioniert es nicht.
Herzlich
Klara
gut geschrieben. Warum glaube ich es nicht?
Ich weiß nicht.
Hab dann Renées Kommentare gelesen. Ich glaub, sie trifft den Punkt, ohne zu treffen, weil das, was zu treffen wäre, sich den Worten entzieht.
Ich fürchte, der Text will zu schön sein. Er will geliebt werden. Anerkannt fürs Betroffensein und das-dann-auch-noch-sehr-gut-ausdrücken-Können. DAs sit kein VOrwurf, nicht mal eine Unterstellung, sondern so gemeint: Dass ich das fürchte. Weil man es ja nie ganz ausschließen kann, Verquickung Autor-Text hin-oder-her (wobei ich die erste wäre, die Stopp schreit, sobald jemand diese Distanz ignoriert), nur: Kann man diese Distanz überhaupt aufbauen, die Mauer zwischen Schreiber und Text, zwischen Angehöriger von schuldiger oder von Verfolgter "Gruppe"? Zu dieser oder jener gehört man dazu, ob man will oder nicht, und schreibt aus dieser oder jener Perspektive, sei es noch so verschlüsselt oder "poetisch", seinen Text. Der nie allein steht - noch weniger als es je ein Text zu einem anderen "Thema" (mein Gott) könnt. Kein Text steht für sich, er reiht sich ein, ordnet sich unter, schwingt sich auf, vergleicht (sich), lässt (sich) vergleichen, jedes Wort, jeder Buchstabe hat eine Geschichte.
Nach Auschwitz kann man keine Gedichte mehr schreiben, hat Adorno gesagt.
Ich habe daran stets versucht zu zweifeln - und komme immer mehr zu der Überzeugung, dass er auf gewisse Weise doch Recht hat, der Philosoph. Zumindest kann, fürchte ich, ein deutscher Angehöriger der Täter"gruppe" AUF DEUTSCH keine Gedichte ÜBER Auschwitz schreiben, ohne Bezug zu nehmen auf x andere Texte. Für mich funktioniert das einfach nicht. Ich habe zwar weder, wie Renée, engsten Kontakt zu den Angehörigen oder Nachkommen Verfolgter und Ermordeter, noch deren Lebenserfahrung, habe aber auch einigermaßen intensive Auseinandersetzung mit diesem "Thema", das ja heute gerade durch die Medien gedenktaggeistert, hinter mir. Es lässt mich nie los. Jetzt fragen die Töchter, was hat denn der Vater von Opa gemacht, "damals". Wo war er. Wer. Wer sind wir. Was war. Und ich weiß es nicht. Ich habe mal Philosophie studiert, vor allem aus diesem Motiv: Ich wollte herauskriegen, warum so etwas "passieren" konnte, wie es dazu kommen konnte, dass so etwas geschieht. Massenhaft, geplant, gewollt, geduldet, propagiert. Zwangsläufig bin ich bei Adorno gelandet, er versucht es zu erklären, schlägt den großen kulturkritischpessimistischen Bogen etc., das würde jetzt zu weit führen, aber ich weiß es immer noch nicht.
Habe ich jetzt zu viel geredet, ohne Gedichtbezug?
Es ist ein Versuch, Flora, zu "erklären", warum es für mich nicht funktioniert. Berührt mich nicht. Lässt mich kalt, der Text. Warum? Zu viel gesagt darüber? Zu viel geschrieben von den falschen Leuten? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es einfach der Rahmen: Der Text reagiert auf ein - offenbar mäßiges (habe die Diskussion nicht verfolgt) - Gedicht, das - offenbar - gut gemeint und schlecht gemacht ist. Dieses hier ist gut gemacht, aber nicht vollständig gut, nciht NUR gut gemeint, weil es - fürchte ich - besser sein will als die anderen, schlecht gemachten, die es in gewisser Weise "toppen" will. Das stimmt wahrscheinlich nicht. Es war wohl nur eine Anregung dazu. Wie auch immer: Für mich funktioniert es nicht.
Herzlich
Klara
-
pjesma
sehr schön und sehr behutsam. und ich wurde das wort schornstein nicht rausschmeissen, bitte nicht---grad diese stelle ist so vielkonnotierend und schmerztransportierend---singen mit "verbrannter" kehle, in mitten des rauchs und horror, schmerz ertragen... es kommt nicht als unangemessener vergleich rüber, mindestens nicht für mich.
lg
lg
-
Renée Lomris
Liebe Flora,
Ich fand Klaras Worte interessant, insofern, als sie die Idee des Gefallenwollens, oder Gefälligseins oder zumindest des geistigen Korrektdenkens ins Spiel bringt. Der Satz von Adorno spielt nur insofern eine Rolle, als er doch die Nachkriegsgeneration geprägt hat, ob er nun von Adorno widerrufen wurde oder nicht. Dass Gedichte geschrieben worden sind, hatten wir genügsam Gelegenheit festzustellen, da unsere damaligen Bücherbretter beladener scheinen, im Nachhinein, als so manches der uns nachfolgenden Kommentargenies.
Es ging doch darum: gelingt es, ein Gedicht zu schreiben, das auf würdige und vertretbare Weise (also mit der entsprechenden Sensibilität) das ausdrückt, was in einem mehr oder weniger geschickten Versuch misslungen ist - oder scheint.
Mir war wichtig, den Eindruck, den ich beim Lesen hatte, auf deine berechtigte Anfrage hin zu begründen.
Das war nicht ganz einfach, aber im Wesentlichen glaube ich darauf hingewiesen zu haben, dass der Text nicht allein besteht, sondern ein KONtext hereinspielt, der dem Text eine Färbung gibt.
Was Nifl im Nelly Sachs Zitat anführt, ist die schwere Erde, die wir bepflügen. Diejenigen, die das Eisen hineingelegt haben, sind andere.
Vieles von dem, was von uns begrüßt, kritisiert, verdammt und hochgelobt wird, hängt von den Umständen ab, in denen solche Äußerungen verfasst werden. Dasselbe gilt für die Texte. Erst der lange Weg von einem Kontext zum andern, das Durchwandern der Kontexte macht - vielleicht - aus, was eventuell! in den Texten steckt.
Jedenfalls ist Ästhetisierung nicht alles.
liebe Grüße
Ich fand Klaras Worte interessant, insofern, als sie die Idee des Gefallenwollens, oder Gefälligseins oder zumindest des geistigen Korrektdenkens ins Spiel bringt. Der Satz von Adorno spielt nur insofern eine Rolle, als er doch die Nachkriegsgeneration geprägt hat, ob er nun von Adorno widerrufen wurde oder nicht. Dass Gedichte geschrieben worden sind, hatten wir genügsam Gelegenheit festzustellen, da unsere damaligen Bücherbretter beladener scheinen, im Nachhinein, als so manches der uns nachfolgenden Kommentargenies.
Es ging doch darum: gelingt es, ein Gedicht zu schreiben, das auf würdige und vertretbare Weise (also mit der entsprechenden Sensibilität) das ausdrückt, was in einem mehr oder weniger geschickten Versuch misslungen ist - oder scheint.
Mir war wichtig, den Eindruck, den ich beim Lesen hatte, auf deine berechtigte Anfrage hin zu begründen.
Das war nicht ganz einfach, aber im Wesentlichen glaube ich darauf hingewiesen zu haben, dass der Text nicht allein besteht, sondern ein KONtext hereinspielt, der dem Text eine Färbung gibt.
Was Nifl im Nelly Sachs Zitat anführt, ist die schwere Erde, die wir bepflügen. Diejenigen, die das Eisen hineingelegt haben, sind andere.
Vieles von dem, was von uns begrüßt, kritisiert, verdammt und hochgelobt wird, hängt von den Umständen ab, in denen solche Äußerungen verfasst werden. Dasselbe gilt für die Texte. Erst der lange Weg von einem Kontext zum andern, das Durchwandern der Kontexte macht - vielleicht - aus, was eventuell! in den Texten steckt.
Jedenfalls ist Ästhetisierung nicht alles.
liebe Grüße
Hallo Klara,
Glaubst du mir als Autorin nicht die Auseinandersetzung mit dem Thema, oder glaubst du dem Gedicht nicht das erzählende Ich, oder glaubst du dem erzählenden Ich nicht seine Vorstellung der Frau?
Ich danke dir jedenfalls sehr, dass du dich dazu zu Wort gemeldet hast, auch wenn ich an deinem Eindruck zu knabbern habe! .-)
Hallo Renée,
(Das ist jetzt auch OT: Ich fände es sehr schade für diese Rubrik, und wäre überhaupt nicht auf die Idee gekommen, wenn die Texte und Autoren, die sich mit anderen Texten auseinandersetzen so angeschaut und beurteilt würden.)
Danke für die Rückmeldung, Pjesma, auch zum Schornstein!
Liebe Grüße euch
Flora
Meine erste Frage wäre vor allem: Was glaubst du nicht?gut geschrieben. Warum glaube ich es nicht?
Glaubst du mir als Autorin nicht die Auseinandersetzung mit dem Thema, oder glaubst du dem Gedicht nicht das erzählende Ich, oder glaubst du dem erzählenden Ich nicht seine Vorstellung der Frau?
Kannst du das "schön-sein-und –geliebt-werden-wollen" und dieses Fürchten an irgendetwas im Text festmachen, oder hat das nur mit deiner grundsätzlichen Haltung diesem Thema gegenüber oder mir als Autorin zu tun? (Ehrliche Frage!) Natürlich wollte ich einen Text schreiben, der so "gut" ist, wie es mir zum jetzigen Zeitpunkt nur möglich ist. Etwas anderes wäre ja seltsam und auch dem Thema nicht angemessen, oder?Ich fürchte, der Text will zu schön sein. Er will geliebt werden. Anerkannt fürs Betroffensein und das-dann-auch-noch-sehr-gut-ausdrücken-Können. DAs sit kein VOrwurf, nicht mal eine Unterstellung, sondern so gemeint: Dass ich das fürchte.
Nein, für mich ist es auch völlig in Ordnung, wenn sich daraus eine Diskussion ergibt, die auch vom Text wegführt. Ich möchte da im Moment nicht näher einsteigen, aber ich lese gerne mit und denke darüber nach.Habe ich jetzt zu viel geredet, ohne Gedichtbezug?
Da wird es allerdings für mich schwierig, weil ich tatsächlich den textimmanenten Grund nicht verstanden oder in deinem Kommentar gefunden habe. Und ich würde es wirklich gerne verstehen. Alles, was du anführst, hat aber entweder mit deinen Befürchtungen um meine vermutlich "niederen" Beweggründe (was ich zugegeben schon hm ... seltsam und ziemlich unangenehm und unangemessen finde, und auch vom Gedankengang her nicht nachvollziehen kann?), oder mit anderen Texten oder dir selbst zu tun.Es ist ein Versuch, Flora, zu "erklären", warum es für mich nicht funktioniert. Berührt mich nicht. Lässt mich kalt, der Text. Warum? Zu viel gesagt darüber? Zu viel geschrieben von den falschen Leuten? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es einfach der Rahmen: Der Text reagiert auf ein - offenbar mäßiges (habe die Diskussion nicht verfolgt) - Gedicht, das - offenbar - gut gemeint und schlecht gemacht ist. Dieses hier ist gut gemacht, aber nicht vollständig gut, nciht NUR gut gemeint, weil es - fürchte ich - besser sein will als die anderen, schlecht gemachten, die es in gewisser Weise "toppen" will. Das stimmt wahrscheinlich nicht. Es war wohl nur eine Anregung dazu. Wie auch immer: Für mich funktioniert es nicht.
Ich danke dir jedenfalls sehr, dass du dich dazu zu Wort gemeldet hast, auch wenn ich an deinem Eindruck zu knabbern habe! .-)
Hallo Renée,
Das kann ich als persönliche Entscheidung gut annehmen. Trotzdem gibt es doch noch Menschen, die sich damit auseinandersetzen müssen und wollen, schreibend und lesend und immer auch welche, die gerade erst anfangen sich mit dem Thema zu beschäftigen, Jugendliche. Ich finde es sehr wichtig, ihnen dann auch diese Möglichkeit der Auseinandersetzung nicht zu "verweigern" oder ihre Texte pauschal abzuurteilen.Ich glaube, dass die Problematik von Auschwitz, Shoah und Holocaust, wie diee verschiedenen Bezeichnungen bereits zeigen, ein so schwieriges Wortproblem darstellt, dass es für mich (ich sage es absichtlich nur mich betreffend) wegen oder trotz intensivster Auseinandersetzung mit dem Thema, das im übrigen untergründig in vielen meiner Texten auftaucht (ohne thematisiert zu werden) unmöglich geworden ist, noch eine Zeile mehr direkt dazu zu schreiben oder zu lesen.
In welche Leere? Dass sie nichts mehr bewirken können, oder dass du nicht mehr von ihnen "berührt" werden kannst? Ich weiß auch nicht, ob Texte zu diesem Thema überhaupt gelingen können. Ich bin da selbst sehr kritisch, selbst bei Celan .-) und natürlich besonders meinen eigenen Text gegenüber. Aber ich finde es wichtig es trotzdem zu versuchen. Und sie dann auch manchmal einer kritischen Betrachtung auszusetzen.Mir scheint, dass solche Versuche der Poetisierung ins Leere laufen.
Welches "mehr"? Meinst du persönliches Erleben, Betroffensein, therapeutisches Schreiben? Und an was kannst du das am fertigen Text erkennen, oder festmachen? Ich gehe davon aus, dass dieses "mehr" deiner Ansicht nach meinem Gedicht fehlt?Ich habe aus diesem Grund, nicht nur speziell diese "Aufgabe betreffend" Probleme mit der Lyrik. Mir scheint, dass Poesie oder Lyrik oder Dichtung mehr sein sollte, als ästhetisierende, dichtertechnisch durchformte Sprache.
Das ist für mich in erster Linie einfach das Bild einer sehr alten Frau mit dünnem Haar und bildet gemeinsam mit den dicken Zöpfen die Zeitspanne, weil mir wichtig war, das "Heute" zeitlich festzulegen.----------- den Mund voll Asche verstehe ich, aber die Zöpfe wie Schnürsenkel?
Ja. Das erzählende Ich kommt aus diesem "Heute".dieses Singen der Frauen, das Orchester, die bachhörenden Nazikommandos, das alles gehört für mich geradezu in die Requisitenkiste der heutigen Darstellung dieser Thematik, und wir können dem KONtext einfach nicht entfliehen.
Im Friedhofskind schwingen für mich viele Assoziationen durch die Worte "Friede, Friedhof, Kind" mit. Wichtig war mir vor allem daran, dass man einen "jungen" Menschen sieht und deutlich wird, dass er von dieser Zeit nichts persönlich erlebt hat.-- wenn mir klar würde (und dieser schlüssel fehlt mir vielleicht) was du mit "friedhofskind" als lytrischen Ich genau meinst, hätte ich vielleicht einen Zugang zu deinem Gedicht.
Ähm, mein rostiges Französisch, bevor ich es falsch verstehe, was genau meinst du damit?So aber bleibt es für mich : lettre morte.
Mir ging es vor allem darum schreibend zu erkunden, wie ich mit dem Thema umgehen kann und möchte und so auch herauszuschälen, wo für mich die schwierigen Punkte liegen, wo ich für mich Grenzen ziehen würde, was und wie es von mir gesagt werden könnte ... Für mich ist dieser Prozess wichtig, (nicht nur hier) auch um dann einen anderen Blick für Texte, die sich der gleichen Thematik annehmen zu bekommen.Es ging doch darum: gelingt es, ein Gedicht zu schreiben, das auf würdige und vertretbare Weise (also mit der entsprechenden Sensibilität) das ausdrückt, was in einem mehr oder weniger geschickten Versuch misslungen ist - oder scheint.
(Das ist jetzt auch OT: Ich fände es sehr schade für diese Rubrik, und wäre überhaupt nicht auf die Idee gekommen, wenn die Texte und Autoren, die sich mit anderen Texten auseinandersetzen so angeschaut und beurteilt würden.)
Darüber hatten wir ja schon oft diskutiert. :) Ich sehe das anders. Der Kontext färbt nicht den Text, der ist, wie er ist, sondern das persönliches Lesen.Das war nicht ganz einfach, aber im Wesentlichen glaube ich darauf hingewiesen zu haben, dass der Text nicht allein besteht, sondern ein KONtext hereinspielt, der dem Text eine Färbung gibt.
Natürlich gilt das auch für Texte, nicht nur die Umstände, auch wir, unser Lesen und Denken verändern sich. Aber das macht für mich eine Momentbetrachtung, Kritik und Lob nicht unmöglich, oder wertet sie ab. Anders wäre denke ich weder ein Schreiben, noch eine Auseinandersetzung mit Texten für mich möglich.Vieles von dem, was von uns begrüßt, kritisiert, verdammt und hochgelobt wird, hängt von den Umständen ab, in denen solche Äußerungen verfasst werden. Dasselbe gilt für die Texte.
Danke für die Rückmeldung, Pjesma, auch zum Schornstein!
Liebe Grüße euch
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)
Wer ist online?
Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 18 Gäste