Glücksgedichte IV

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Louisa

Beitragvon Louisa » 09.01.2012, 14:30

Wir haben es gut. Die Decken sind hoch.
Wolken ziehen am Fenster vorbei.
Die Luft ist rein wie sein Wort.

In einer Ecke sprießen Kräuter
aus dem Parkett, darauf schläft
unser uralter Hund -

Das Nachtmahl war deliziös -
es gab Schnecken und Wein,
ich lösche das Licht

mit dem Herzschlag,
wir geben uns einen Kuss,
auf unserem Bett

wuchern Vergissmeinicht,
sie decken uns zu,
wir kichern darunter sehr viel.

Der Teddy-Bär zieht an
seiner Pfeife mit Vanille-Tabak,
ich pflücke die Blumen aus

seiner Achsel und bau mir
ein Nacht-Lager auf.
Gib Acht, gib Acht auf mich

sagen und geben wir so
voller Heute & voller Mut -
wir haben es gut.

Quoth
Beiträge: 1853
Registriert: 15.04.2010
Geschlecht:

Beitragvon Quoth » 09.01.2012, 18:42

Hallo Louisa,

wie all das Banale (die hohen Räume, die vorbeiziehenden Wolken, der alte Hund, das deliziöse Essen, das Vergissmeinnichtbett, der Teddy) sich zum Dauerhaften fügt, ohne doch so ganz stabil zu werden, alles ironisch zart unterfüttert (es kann morgen schon vorbei sein), der Warnruf am Schluss ... Und das Geheimnis gleich am Anfang: Auf wen bezieht sich das "sein"?

Dank an die Glücksfee -
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Louisa

Beitragvon Louisa » 10.01.2012, 20:04

Merci Quoth :blumen: !

"Anfang: Auf wen bezieht sich das "sein"? "

Na auf den Mann :smile: !

Schönen Abend!
l

Quoth
Beiträge: 1853
Registriert: 15.04.2010
Geschlecht:

Beitragvon Quoth » 11.01.2012, 20:28

"Anfang: Auf wen bezieht sich das "sein"? "

Na auf den Mann !


Klar. Aber diese Position am Anfang, das "rein wie sein Wort" - da ist man bei "Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei ihm". Ich unterstelle Dir nichts. Ich spreche nur von möglicherweise Mitschwingendem! Da wird "vergöttert" ... Du kannst manchmal Wasser aus Felsen schlagen - auch wenn Du es gar nicht willst!

Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Louisa

Beitragvon Louisa » 12.01.2012, 11:47

Mmm....ja....das stimmt! Sollte man evtl. stattdessen einen Namen/ein Pseudonym einfügen? König, Graf, Liebster, Liebling, Mann? :smile: Aber dann bräuchte man so einen komischen Genitiv, was?

Oder vielleicht auch: "Die Luft ist rein wie DEIN Wort"

???

Was meinst du?

Danke nochmals! Schönen Tag!
l

Quoth
Beiträge: 1853
Registriert: 15.04.2010
Geschlecht:

Beitragvon Quoth » 12.01.2012, 19:20

Nein, auf keinen Fall anreden. Das ist eine Stärke des Textes, dass er uns vom Glück erzählt. Lass doch dies Mitschwingende! Es ist subjektiv und steht jedem frei, es zu spüren, anders oder gar nicht zu spüren.

Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Louisa

Beitragvon Louisa » 12.01.2012, 21:42

Hihi... weniger Arbeit für mich :smile: !

Schwingende Grüße!
l

Gerda

Beitragvon Gerda » 13.01.2012, 10:07

Liebe Louisa,

ich lese Kindheitswünsche und Gedanken eines erwachsenen Menschen, der sich mit diesen Gedanken aufrichtet und sogar tröstet. Dieses "wir haben es gut", gleich zu Beginn, ist für mich der Schlüsselsatz.
Ein Satz, den ich selbst zumeist dann monologisiere, wenn es mir nicht wirklich gut geht.
Er hat etwas Vergleichendes. Wenn ich manchmal denke, wie viele Menschen kein Dach über dem Kopf haben, sind es bei dir die hohen Wände, die vergleichend wirken. WIR haben hohe Wände. die Betonung auf dem wir.
Im weiteren schilderst du sehr anschaulich, wie schön es die beiden haben.
Sie haben eben mehr als nur trockenenes Brot und Roten ... und dennoch habe ich das unterschwellige Gefühl werden (zu) viele Dinge erzählt, die das Glück ausmachen sollen.
Also, nicht dass du denkst, du solltest etwas streichen, nein, das meine ich nicht.
Diese Üppigkeit ist genau das Mittel, um bei mir als Leserin die Gedanken aufkommen zu lassen, warum so viel von diesem Schönen, Romantischen, ja Überirdischen erzählt wird.
Der Bruch kommt ja ... im "Acht geben", und dass es ein Teddy ist, der "Acht geben", soll zeigt auf, dass eben unter der Decke aus Vergissmeinicht (Erinnerungsdecke) eben nicht nur heile Welt ist.
Möglicherweise fehlt dem Lyrich doch etwas zum (absoluten) Glück, weshalb es dieses besonders, auf sanfte und leichte Art beschwört.

Mir gefällt es,

liebe Grüße
Gerda


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 16 Gäste