Totentanz im bewohnten Mondlicht

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 25.12.2011, 11:09

Inspiriert durch Louisas Mädchen im mondlosen Garten: viewtopic.php?f=2&t=12709&start=0

Spaziergänge bei Nacht sind sehr zu empfehlen,
nur setze man sich nicht zu lange dem Mondlicht aus,

Ich wollte zu viel, sagte meine Mutter als sie starb,
das ist der Grund, warum ich nichts bekommen habe,
außer den Tod.
Der Tod, sagte meine Mutter, ist eine schnell
heilende Wunde. Die Narben, die er hinterlässt,
sind Sache der Lebenden.

Meine Lippen formen merkwürdige Laute.
Wenn jetzt der Mond zu mir hinabsteigt,
um mit mir zu tanzen,
öffnet sich eine Leere
und nimmt alles auf.
Zurück bleibe ich -
eine Narbe, die im Mondlicht leuchtet.
Zuletzt geändert von Xanthippe am 02.01.2012, 20:53, insgesamt 1-mal geändert.

pjesma

Beitragvon pjesma » 27.12.2011, 13:53

mittelteil gefällt mir am besten. ich frage mich, obs für sich stehen könnte? hätte ich es so, als in sich rund empfunden bevor ich das ganze gelesen hab, hätt ich gefühlt dass da was fehlt? kann ich jetzt nicht mehr sagen ;-), jetzt gehörts zusammen...neugierig, wie die anderen es sehen :-)
lg

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 29.12.2011, 12:43

Stimmt, jetzt wo du es sagst, habe ich auch das Gefühl, der Mittelteil könnte allein stehen. Fehlen würde wohl nichts, ich bin manchmal ein wenig geschwätzig. Werde mal drüber nachdenken, ob ich streiche, oder ob ich die "geschwätzigere" Version mag. Danke für Deine Gedanken dazu.
Xanthi

Quoth
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Beitragvon Quoth » 31.12.2011, 11:59

Der Anfang enthält eine literarhistorische Anekdote. Wer ist Dr. S.? Steiner, der Begründer der Anthroposophie? Kafka soll ihm einen Besuch abgestattet haben - bei dem sie sich sicherlich aber nur im übertragenen Sinne entblößten ... Ja, wie Pjesma sagt: Der Mittelteil könnte für sich stehen.

Gruß
Quoth
Zuletzt geändert von Quoth am 01.01.2012, 12:23, insgesamt 1-mal geändert.
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 31.12.2011, 12:41

Ja stimmt, Quoth, Dr. S. ist Steiner, von dem Besuch bei ihm schreibt Kafka in seinem Tagebuch. Ich glaube auch Anfang und Ende kann weg. Warum soll für Dichter anderes gelten als für Erzähler. Gerade gestern habe ich gelesen, dass Chechov gesagt haben soll: "Meiner Meinung nach sollte man, wenn man eine Erzählung geschrieben hat, den Anfang und den Schluß streichen. Da reden wir Belletristen den meisten Unsinn..."
Danke für Deine Rückmeldung
Xanthi

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 31.12.2011, 13:43

Hallo Xanthi,

mir geht es ein wenig anders. Die ersten beiden Zeilen würde ich gerne behalten, sie öffnen das Gedicht auf eine ganz andere weise, als wenn man in die zweite Strophe hineingeworfen wird. Und die ganze dritte Strophe würde mir auch fehlen, vor allem die letzte Zeile.
Doktor S. und Franz Kafka hingegen gehen mir zu weit weg, lenken ab.
Und ich hadere mit diesen beiden Zeilen:
Die Toten bewohnen das Leben der Menschen.
Wer aber wohnt im Gedächtnis der Toten?
Das ist mir zu platt und zu philosophisch/religiös... ausholend mit einem Lehrerhaften-Tata, das das Gedicht in seiner Bildhaftigkeit gar nicht nötig hat.

Meine liebste Version wäre also diese:

Spaziergänge bei Nacht seien sehr zu empfehlen,
nur setze man sich nicht zu lange dem Mondlicht aus.

Ich wollte zu viel, sagte meine Mutter als sie starb,
das ist der Grund, warum ich nichts bekommen habe,
außer den Tod. (steh ich auf dem Grammatikschlauch, warum "dem"?)
Der Tod, sagte meine Mutter, ist eine schnell
heilende Wunde. Die Narben, die er hinterlässt,
sind Sache der Lebenden.

Meine Lippen formen merkwürdige Laute.
Wenn jetzt der Mond zu mir hinabsteigt,
um mit mir zu tanzen,
öffnet sich eine Leere
und nimmt alles auf.
Zurück bleibe ich -
eine Narbe, die im Mondlicht leuchtet.


Der Titel ist für sich genommen schön, allerdings ist er mir schleierhaft. Der Mond ist doch offensichtlich da? :blink2: Oder soll das noch eine extra Drehung sein? Das wäre mir zu viel Belastung für den Titel, ohne es im Text auszuführen. Auch Spaziergang und Garten beißen sich für mich bildlich, was ich schade finde.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

pjesma

Beitragvon pjesma » 31.12.2011, 13:49

na ja, mir tut es immer ein bisschen leid wenn ich eine gedanke verwerfen muss, weil es zu dem hauptgedanke nicht passt ;-)... ich würde es an deiner stelle einfach aufheben und woanderes einflechten, wenn sich der passender schriftstuck findet. aus dir wichtigem und dir bekanntem grund war dir dieses gespräch zwischen den beiden aufgefallen, hat dich angesprochen und womöglich dir gar den impuls zum gedicht gegeben, hebs auf für dann irgendwann ;-)
lg

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 01.01.2012, 13:36

Ja, pjesma, das kann ich gut nachvollziehen, es fällt schwer sich zu trennen, aber ich fürchte, es gehört immer wieder dazu, nicht nur zum Leben, sondern auch zum Schreiben ;-)

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 01.01.2012, 13:38

vielen Dank, Flora, für Deine Mühe und Deinen Alternativvorschlag, ich werde mal in Ruhe darüber nachdenken, dem ist ein ganz klarer Grammatikfehler meinerseits, über den Rest denke ich gerne nach.
Ein dickes Dankeschön an Dich
Xanthi

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 02.01.2012, 20:50

Totentanz im bewohnten Mondlicht, dachte ich gerade. Ansonsten finde ich Deine Version so überzeugend, dass ich sie am liebsten genau so übernehmen würde. mach ich einfach mal. Du bist ein Goldstück.
Xanthi

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 03.01.2012, 19:38

Oh, *lach* ich ergolde. :d040: Schön so!
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)


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