basilidianische rhapsodie

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Quoth
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Beitragvon Quoth » 16.12.2011, 17:03

wenn wir es überstanden haben,
ist uns so leicht und wohl,
ein wenig trauernd blicken wir zurück auf das,
was nun vergangen ist und dort,
in der vergangenheit,
gut aufgehoben und so schön umzirkt,
als raschle laubenlaub uns überm kopf,
als spiele sonnenlicht auf einem hund,
der schlafend zuckt und gar nichts weiß,
als dass er ist.

wenn wir es überstanden haben,
sind alle sorgen abgeperlt, wir staunen,
wie leiden leuchtet von innen her,
seit es zuende ging. gerad, als ob
nun abgerundet und vollkommen sei, was uns
zuvor misslungen und zerfahren schien,
ja, wie der schluss dem stück den anfang schenkt,
beginnt nun alles noch einmal von vorn,
doch sanfter und mit einer stimme, die
in schlaf uns singt.

wenn wir es überstanden haben, schrinnt
so manche wunde noch und lispelt:
war’s denn nicht schön, verletzt zu werden?
nicht schön auch, zu verletzen? mit kampher labt
dich eine hand, die dich zerquetschen könnte,
doch tut sie’s nicht, es ist ein lachen
in ihrem tändeln, und der blick zurück
erledigt sich, er war anfängerhaft.
schau hin, wohin sich’s lohnt, zu schaun,
und zögre nicht.
Zuletzt geändert von Quoth am 19.12.2011, 11:25, insgesamt 1-mal geändert.
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

pjesma

Beitragvon pjesma » 18.12.2011, 18:48

hallo lieber quoth,
ich dreh mich um das gedicht. er zieht mich an und stößt mich ab. muss noch ein paar mal lesen bevor ich mehr sagen kann. was ich schon mal als negativ empfunden aussondern kann (ja, man ist geneigt als erstes zu meckern ;-) ..und die frau, erst!) ist der vokativ am ende...ich hab meine schwierigkeiten damit, wahrscheinlich "historisch vorbelastet" reagiere ich immer etwas allergisch auf zurufe "komm, wir tuns, wir machens, machen wir es und tun wir es!) wie in gedichten so auch in liedern. vor allem auch weil das gedicht aus einem verallgeminerndem "wir" an dieser stelle auch in ein "du" umschlägt.
was ich wundervoll finde sind die bilder, wie:
als spiele sonnenlicht auf einem hund
wendungen wie: ja, wie der schluss dem stück den anfang schenkt
und überraschende, nachdenklichstimmende gedanken wie:
war’s denn nicht schön, verletzt zu werden?
nicht schön auch, zu verletzen?

auf alle fälle ist die lese und nachdenke-zeit mit deinem gedicht nicht dumpf vertrödelt ;-)

lieben gruß

Quoth
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Beitragvon Quoth » 19.12.2011, 11:25

Ich ersetze "und juble mit" durch "und zögre" nicht. Danke, Pjesma.
Quoth
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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 19.12.2011, 21:33

Hallo Quoth,

mir geht es ganz ähnlich wie Pjesma und ich hätte die gleichen Stellen hervorgehoben.

Für mich persönlich wäre das Gedicht allerdings durchgängig feiner, wenn es aus der Ich-Perspektive heraus geschrieben wäre und nicht in einem verallgemeinernden und dadurch behauptenden und etwas "übergriffigen" wir.
wie leiden leuchtet von innen her,
beginnt nun alles noch einmal von vorn,
Rhythmisch würde mir hier Gedankenstriche helfen.
wie leiden leuchtet – von innen her
beginnt nun alles - noch einmal von vorn,
und der blick zurück
erledigt sich, er war anfängerhaft.
schau hin, wohin sich’s lohnt, zu schaun,
und zögre nicht.
Diesen erhobenen Zeigefinger am Ende würde ich am liebsten gestrichen sehen, auch klanglich klappert das für mich nur noch hinterher, vor allem das "anfängerhaft".
es ist ein lachen
in ihrem tändeln
Das wäre für mich ein sehr gelungenes Ende.

Vielleicht fehlt mir aber auch der Zugang über den Titel, um deine Intention des Endes nachvollziehen zu können.

Die "alten" Worte scheinen hier ganz natürlich gesetzt und tragen das Gedicht und seinen Klang mit, das gefällt mir gut.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 19.12.2011, 21:43

Flora hat geschrieben:Für mich persönlich wäre das Gedicht allerdings durchgängig feiner, wenn es aus der Ich-Perspektive heraus geschrieben wäre und nicht in einem verallgemeinernden und dadurch behauptenden und etwas "übergriffigen" wir.



Hallo Flora! Ich weiß, dass das von einigen so - "übergriffig" - empfunden werden kann, konnte das aber nie wirklich mit-empfinden. Das wir bezieht doch nicht den Leser mit ein (außer dass er eben Leser ist und hoffentlich in den "Sog" eines Gedichts gerät), und da möchte ich gern anfragen, welche Möglichkeit es denn in Euren Augen gibt, dieses wir zu ersetzen, wenn es um eine Gruppe, Gemeinschaft oder was auch immer geht, in die das ich eingeschlossen ist? Ich bin da ziemlich ratlos ... wir als Tabu in der Lyrik?

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 19.12.2011, 22:11

Hallo Amanita,

für mich entsteht dieser Eindruck der Übergriffigkeit glaube ich nur, wenn ich den Eindruck habe, dass mir (wie hier) über den Mensch an sich (also mich eingeschlossen :) ) etwas erzählt werden soll.
Wenn ich eine bestimmte Gruppe, Gemeinschaft oder auch zwei Menschen ausmachen kann, sie benannt, gezeigt, oder sichtbar werden, habe ich mit dem "wir" (zumindest in diesem "Leserkontext") keine Schwierigkeiten.

Mag sein, dass die "wir-Gruppe" im "basilidianisch" steckt, da fehlt mir schlicht das nötige Hintergrundwissen, um das beurteilen zu können. Die letzten "auffordernden" Zeilen würden für mich jedoch auch gegen diese Leseweise arbeiten.

Liebe Grüße
Flora
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Amanita
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Beitragvon Amanita » 19.12.2011, 22:25

Lach, Flora, mit gehts genauso mit dem basilidianisch, was mich aber in jedem Fall abgrenzt. Die letzten beiden Zeilen führen mich nur aus dem fast-hermetischen hinaus, sind - da empfinde ich wohl ähnlich wie Du - ein Verbindungsstück zwischen dem wir und dem Leser. Aber das ist für mich wie ein Ausguck ins Weltoffene und zwingt mich nicht zu dem Rückschluss, ich könnte in irgendeiner Weise in dem wir enthalten sein.

Quoth
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Beitragvon Quoth » 20.12.2011, 12:06

Hallo Flora, hallo Amanita,
welches Recht hätte ich, mit dem "wir" irgendjemanden hier aus dem Forum einzubegreifen? Wie Ihr schon vermutet, liegt der Schlüssel im Titel. Basilidianer nannten sich gnostische Christen im 2. Jahrhundert, die der Lehre des Basilides anhingen, eines einflussreichen Häresiarchen der kirchlichen Frühgeschichte. Gedacht ist also an eine solche untergegangene Gemeinde, zu deren Sprecher der Autor sich versuchsweise macht.
Aber ich verstehe den Vorbehalt. Ich mochte früher auch Liebesgedichte nicht, die in Foren gepostet wurden und die den Geliebten oder die Geliebte mit "du" ansprachen, weil ich mich gleichsam "angemacht" fühlte. Ich war der Meinung, das seien Liebesbriefe in Versen, die in den Briefkasten des Adressaten/der Adressatin gehören ...
An der Schlusswendung hänge ich noch, dieser Aufforderung, vom bloßen Rekapitulieren des Vergangenen abzusehen und den Blick in die entgegengesetzte Richtung zu wenden - auch wenn da auf die Basilidianer nicht viel Gutes zukam.

Mit Dank für Befassung
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.


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