Haiku

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Gerda

Beitragvon Gerda » 09.11.2011, 13:27

Ein Reiher, lautlos
allein im kahlen Geäst.
Sein Hals nur ein Strich.

©GJ20111103

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 12.11.2011, 16:09

Hallo Gerda,

der Umstand, dass du dir bei "lautlos", "allein", "kahl" und "nur" etwas gedacht hast, ändert ja nichts daran, dass diese Überfülle an Ergänzungen den Text breiig macht. Träge. Ein Haiku muss scharf sein und wach, und dein Text leistet das einfach nicht.

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

carl
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Beitragvon carl » 13.11.2011, 12:35

Liebe Gerda,

ich finde Ferdis Reduktion schon sehr hilfreich!
Sie zeigt das Grundgerüst des Haiku und wirft für mich die Frage auf:
Was ist der Auslöser für das Gedicht? Welches Bild will es denn zeigen/entwerfen?
Die stille Novemberstimmung mit dem Reiher als personifizierte Einsamkeit?
Eine statische, scheinbar unbelebte Landschaft, in der das Auge überraschend einen Reiher ausmacht? Wodurch hat er sich verraten?
Oder beides?

Im kahlen Gesträuch
bewegt sich plötzlich ein Ast -
ein einzelner Reiher.

Im kahlen Geäst
Stille. Unter den Zweigen
der Hals des Reihers.
(bzw.: ein einzelner Reiher)

Irgendwas in der Art.
Der "einzelne Reiher" ist im 1. Fall schon wichtig, weil normalerwesie die Alternative "ein Reiher und kein Kranich" heißt und nicht "zwei Reiher".
Die letzte Zeile enthält eine überraschende Neu- bzw. Umdeutung. Das würde ich nicht Brechung nennen. Deswegen befriedigt mich "der Hals ein Strich" nicht so...

LG, Carl

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Eule
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Beitragvon Eule » 13.11.2011, 17:52

Hallo Gerda, habe noch ein wenig in meinem wiedergefundenem "Handbuch" nachgelesen (Haiku Japanische Gedichte Ausgewählt, übersetzt und mit einem Essay herausgegeben von Dietrich Krusche, dtv 1994, 8. Aufl. November 2002): ein Titel wäre als so etwas wie ein Rahmen oder Hintergrund zwar erlaubt oder denkbar - aber wie Du schriebst, eher ungebräuchlich und bei strenger Auslegung unnötig oder störend.

Hatte vor einigen Jahren (als ich mich intensiver damit beschäftigte) auch noch Quellen aus der öffentlichen Bibliothek verwendet. Für mich ist Dein Haiku, auch wenn er an der oberen Grenze für Silben - und Wortreichtum kratzt, in Deinem eigenen Stil perfekt - gerade in den Nuancen findet sich doch der individuelle künstlerische Ausdruck.
Ein Klang zum Sprachspiel.

Gerda

Beitragvon Gerda » 14.11.2011, 19:41

Lieber Carl,
ich habe deinen Kommentar gelesen und finde deine Vorschläge für ein Haiku sehr schön, was aber dann dein Haiku wäre ;-)
Ich habe mich gefreut dich hier zu lesen und danke dir, für die Beschäftigung mit dem Dreizeiler.
Vielleicht werde ich noch weich ;-) und ändere doch noch etwas, aber im Moment, habe ich die authentische Begegnung so vor Augen, wie ich sie beschrieben habe.

Liebe Grüße
Gerda
Zuletzt geändert von Gerda am 14.11.2011, 19:48, insgesamt 1-mal geändert.

Gerda

Beitragvon Gerda » 14.11.2011, 19:47

Lieber Eulerich,

... bei "lieber Eule", tanzt mir das "r" bei lieber immer auf der Nase herum ;-)
Dankeschön für deine Rückmeldung.

Zum Titel.
Mir schwebt etwas vor, wie Vögel im Herbst (Winter) auf Nahrungssuche ...
unter diesem Titel würde ich mehrere Haiku zusammen fassen wollen.
Bisher bin ich noch nicht dazugekommen, mal wieder in Haikuforen zu lesen.
Aber die Idee für ein weiteres habe ich.

Liebe Grüße
Gerda

carl
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Beitragvon carl » 17.11.2011, 18:09

Liebe Gerda,

meine Vorschläge dienten nicht zur "Verbesserung", sondern als Illustration der Frage: Was ist das auslösende Element?
Kannst/willst du dazu noch was sagen?

Grüße, auch an deinen Sohn ;-)
Carl

Gerda

Beitragvon Gerda » 17.11.2011, 19:04

Sorry ... lieber Carl, etwas zu kurz gedacht von mir.

Carl hat geschrieben:Die stille Novemberstimmung mit dem Reiher als personifizierte Einsamkeit?
Eine statische, scheinbar unbelebte Landschaft, in der das Auge überraschend einen Reiher ausmacht? Wodurch hat er sich verraten?


Genauso. Der Reiher hat sich verraten, weil er allein ist. ("Einsam" hätte schon wieder ein zu Viel beinhaltent und wäre nicht aus einer Beobachtung zwangsläufig hervorgegangen. Außerdem weil er still ist, Reiher schreien gern herum.
Die Landschaft ist schon ein wenig winterlich, graubraun.
Jahreszeitlich bedingt, kommt hinzu, dass er länger auf Nahrung ansitzen muss.
Es spielt im Haiku auch das Wissen der Autorin um Nahrungsverknappung im Winter mit. Allerdings muss ich mich auf die Beobachtung verlassen, den dünnen Hals, der Anstoß fürs Herunterwürgen von Fischen oder sonstigem Getier sein soll. Ich habe lange probiert, etwas mit Silhouette oder eben dem Schereschnitt zu formen, aber das war mir alles zu oberflächlich. Der dünne Hals wartet auf Futter. ;-)

Ich hoffe, dass ich etwas beitragen konnte, zum Verständnis meiner Intention.

Die Grüße richte ich gern aus, dankeschön.

Einen schönen Abend
Gerda

Wolfgang

Beitragvon Wolfgang » 18.11.2011, 15:30

Hallo Gerda,

ich muss sagen, die Diskussion über Dein Haiku ist sehr lebendig! Nachdem ich mir alle Kommentar durchgelesen habe, greife ich mir ein Buch aus meinem Bücherschrank heraus. Es heißt: Haiku und wurde von Imma von Bodmershof geschrieben. Ihr Buch ist ein Meilenstein in der deutschsprachigen Dichterlandschaft und wirkt noch heute nach. Nicht zuletzt durch ihren Mann Wilhelm, der eine kluge Studie über das Haiku geschrieben hat. Es ist im Anhang ihres Werkes abgedruckt.

Keine Bange, ich werde jetzt keinen Vortrag über diese Studie halten!

Was ich möchte, ist Klarheit. Im Moment weiß ich auch noch nicht, was ich von Gerdas Haiku halten soll. Ist es gut? Ist es schlecht? Mal sehen.

Wilhelm von Bodmer nennt vier Merkmale eines gelungenen Haiku:

Bild, eine kurze Impression.

Bewegung, eine Wendung von Zustand A. in Zustand B.

Gegensätzliche Pole, die Zustände A. und B.

Verborgener Sinn: eine Andeutung, die über das gesagte des Gedichts hinausweist; quasi, der höhere Sinn des Haikus.

Hoffentlich seid ihr noch nicht eingeschlafen!

Was bedeuten die angesprochenen Merkmale, bezogen auf Gerdas Haiku?

Sie schreibt:

Ein Reiher, lautlos
allein im kahlen Geäst.
Sein Hals ein Strich.


Bild: ein Reiher im Geäst.

Bewegung: Reiher - Hals.

Pole: der Kranich gilt in der Mythologie als Symbol für Wachsamkeit, Klugheit und Beharrlichkeit.
Der dünne Strich, eine Anspielung für seinen dünnen Hals, weist demnach auf seine Beharrlichkeit und Wachsamkeit hin. (Der Sommer ist vorbei, nun beginnt die magere Zeit, und er muss beharrlich und wachsam auf Beutejagt gehen.)

Die höhere Bedeutung des Haiku weist somit auf das Schicksal derjenigen, die trotz Klugheit Hunger leiden müssen. Wenn man überleben will, muss man wach und beharrlich sein. Klugheit allein macht nicht satt.

Nun will ich aber zum Ende kommen!

Nur eins noch: einige Diskussionsteilnehmer haben kritisiert, das Haiku sei "geschwätzig", weil: "lautlos" "allein" und "nur" entbehrliche Worte seien.

Diese Behauptung kann ich nicht teilen. Mann sehe:

durch das lautlos wird die Wachsamkeit des Reihers unterstrichen. Reiher schreien gern, wenn sie schweigen, dann konzentrieren sie sich.

durch das allein, wird ebenfalls auf die Wachsamkeit angespielt. Wäre der Reiher in einer Gruppe, müsste er selbst weniger aufpassen. Irgendein anderer Reiher würde durch sein Jagen Fische aufscheuchen, die er bequem jagen könnte.

und das nur weist auf die Beharrlichkeit des Reihers, mit der er jagen muss, trotz seiner ihm nachgerühmten Klugheit.

Meiner Meinung nach, Gerda, hast Du alles richtig gemacht. Ich hoffe, mein Beitrag war unterhaltsam und erhellend. Und wenn nicht - jetzt ist es eh` zu spät!

Viele Grüße

Wolfgang

carl
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Beitragvon carl » 19.11.2011, 11:43

Hallo Wolfgang und Eule,

wir hatten schon öfter eine Diskussion über Haiku.
viewtopic.php?f=38&t=1296

LG, Carl

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leonie
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Beitragvon leonie » 19.11.2011, 12:33

Hm, also mein Haupteinwand gegen den Text ist, dass Reiher doch eigentlich fast immer einzeln zu sehen sind, zumindest das typische Graureiherbild ist für mich, wie er allein an einem Ufer steht und vermutlich auf Jagd ist. Ich habe gelesen, dass manche Reiher zwar in Kolonien leben, aber meist einzeln jagen. Der Lebensraum ist in Gewässernähe. Schreien ist nach meiner Information eher selten, also nichts, was sie "gerne tun". Wäre auf der Jagd ja auch eher kontraproduktiv.

lautlos und allein scheinen mir deshalb Beschreibungen zu sein, die fast immer auf einen Reiher zutreffen. Das finde ich für einen Text völlig in Ordnung, ist eine Beobachtung, bei der ich gut mitgehen kann, ebenso bei dem schmalen Strich. Irritierend ist für mein Empfinden das kahle "Geäst". Wo soll das sein. Ist der Reiher im Baum (wäre eher ungewöhnlich)?

Liebe Grüße

leonie

Gerda

Beitragvon Gerda » 19.11.2011, 12:34

Herzlichen Dank, dir, Wolfgang, für die asuführliche Analyse meines Haiku.
Du hast mkich mit der Beschäftigung keineswegs gelangweilt, sondern erfreut.
Jetzt stellt sich mir aber gerade aufgrund dieses Satzes

Gerda hat geschrieben:Meiner Meinung nach, Gerda, hast Du alles richtig gemacht.


aus deinen Tasten, die Frage, reicht es"alles richtig" zu machen?

Du siehst, obgleich ich mich bisher nicht von meinem Ursprungshaiku habe abbringen lassen, dass ich dennoch hinterfrage.



Meine Güte, Carl, wo hast du das denn ausgegraben ... leicht zu erkennen, wer der "Gast" ist ;-)
Ich meine ja, dass wir einen noch umfangreicheren Faden in den Salontiefen haben müssten, aber ich bin wahrscheinlich nocht nicht ausreichend tief getaucht.

Sonnige Früße an euch beide
Gerda

Gerda

Beitragvon Gerda » 19.11.2011, 12:42

Liebe leonie,

vielen Dank für dein Feedback.

leonie hat geschrieben:Hm, also mein Haupteinwand gegen den Text ist, dass Reiher doch eigentlich fast immer einzeln zu sehen sind, zumindest das typische Graureiherbild ist für mich, wie er allein an einem Ufer steht und vermutlich auf Jagd ist. Ich habe gelesen, dass manche Reiher zwar in Kolonien leben, aber meist einzeln jagen. Der Lebensraum ist in Gewässernähe. Schreien ist nach meiner Information eher selten, also nichts, was sie "gerne tun". Wäre auf der Jagd ja auch eher kontraproduktiv.


Dann sind das deine Erfahrungen, meine sind anderer Natur und decken sich mit den angaben, die ich recherchiert habe. Ich wohne ganz in der Nähe eines breiteren Bachlaufs und man sieht zumeist immer mehrere Reiher, meist im Flug.

leonie hat geschrieben:lautlos und allein scheinen mir deshalb Beschreibungen zu sein, die fast immer auf einen Reiher zutreffen. Das finde ich für einen Text völlig in Ordnung, ist eine Beobachtung, bei der ich gut mitgehen kann, ebenso bei dem schmalen Strich. Irritierend ist für mein Empfinden das kahle "Geäst". Wo soll das sein. Ist der Reiher im Baum (wäre eher ungewöhnlich)?


Ufergehölze haben auch kahle Äste, ;-) dennoch war ich selbst erstaunt, als ich den Reiher aus einiger Entfernung tatsächlich im Gehölz ansitzen sah.
Auch diesbezüglich musste ich mich belehren lassen, dass es so ungewöhnlich ich es auch empfand, ihn nicht am Boden oder im Wasser zu sehen, wohl "normal" ist.

Das "kahle Geäst" ist als Kigu (Jahreszeitenwort) passend.

Liebe Grüße
Gerda


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