Über die Unwissenden

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 13.10.2011, 08:05

De Idiotis

Wir sind diese Berganstarrer-Sorte unter den Wanderern. Verloren
ohne die Bescheidwisser, die Namennenner am Gipfelkreuz.
Der Karwendel, die Zillertaler, dort hint‘, des
müasst d’Jakobspitzn sei, ned, Horscht?
Mit uns kennt die liebe Natur keine Gnade,
hüllt das Weißhorn in Nebel und wir kehren
übers Gerölljoch
talwärts.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 13.10.2011, 08:46

Hallo Räuber,

danke, schon der Sprung zwischen den Titeln hat mir ein breites Grinsen beschert und die Szene ist herrlich eingefangen.
Das "talwärts" irritiert mich, weil ich vorauseilend immer schon "heim" höre und mich dann korrigieren muss. Aber ich denke, das ist genau richtig so, und nimmt auch die andere "Farbe" des Titels: "Über die Unwissenden", des "Weißhorn im Nebel" und des "Verloren" auf, so dass das Ganze sich fein die Waage hält und nicht ins Klamaukige oder Abschätzig abstürzt, sondern etwas über uns erzählen kann.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

poeta

Beitragvon poeta » 13.10.2011, 14:02



Hallo RäuberKneißl,

das halte ich insgesamt für ein gelungenes gedicht :smile: !

herausragend, sozusagen der gipfel samt gipfelkreuz
"...wir kehren übers Gerölljoch talwärts."
weil in diesem talwärts kehren was von fegen mit drinsteckt, und sich mir da sehr viele assoziationen anbieten von die-unordentliche-natur-in-ordnung-halten wollen bis hin zu störung, zerstörung... und dabei will man doch eigentlich nur eins: wieder heim.

gelungen finde ich auch den wechsel in die "expertensprache" hier der alpenländler, doch könnte es in einem anderen umfeld genauso gut irgend ein anderes fachchinesisch sein... :mrgreen:

manche zeilenumbrüche verwirren mich ein bisschen. "verloren" so verloren am ende von V1 kann ich mir ja noch erklären, doch warum "des" so verwaist am schluss von V3, frage ich jetzt mal den autor, der muss es schließlich wissen? :mrgreen:

ich bin sehr gern mit dir auf den gipfel gewandert und wieder talwärts gekehrt, auch wenn ich keine ahnung habe, auf welchen gipfel...?

liebe grüße, poeta


RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 14.10.2011, 01:08

Hallo,
danke Flora - in meinem verschütteteten Lateingedächtnis rumort noch ein etwas zarteres Wortgespenst, das nicht ans Licht will: profanus? laius? Idiota ist zwar korrektes Mittelalterlatein für die Unwissenden, aber doch per se etwas grob.
@ Poeta - zum Zeilenumbruch: nach 'des' hatte ich eine nachdenkliche Sprechpause vor Augen/Ohren. Tja, und Gipfel ist ja nich, wegen dem Nebel .... (aber eines der vielen Weißhörner liegt im Südtiroler Sarntal, wo es auch eine Jakobspitze gibt .... )
Grüße
Franz

Jelena

Beitragvon Jelena » 14.10.2011, 05:06

Hallo RK,
das Gipfelkreuz ist wunderbar gewählt. Da schmeckt die Gnade gar nicht und der Gipfel wird zur Endstation. Geröll oder Gipfelkreuz, unwissend oder Bescheid wissen. Die Tiefgründigkeit in Humor gebettet, das macht das Gedicht zu einer gelungenen Mischung.
Gefällt mir sehr gut, lG, Jelena.

Sam

Beitragvon Sam » 17.10.2011, 12:09

Hallo Franz,

auf gute Art böse, dein Gedicht. Der erste Satz für sich schon ein Genuss. Aber es sind ja nicht die Berganstarrer, die hier schlecht wegkommen, sondern die Namennenner. Und solche "Idioten" sind die Berganstarrer auch nicht, denn woher wüssten sie sonst, dass es eben das Weißjoch ist, das im Nebel eingehüllt ist, und dass es übers Gerölljoch talwärts geht.

Gerne gelesen!

Gruß

Sam

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 29.10.2011, 19:26

Lieber FRanzlräuber,

genau, auf gute Art böse, so hab ich es auch gelesen und genossen, der Text hat den richtigen Grad, dass man sich zu den zweifach Titulierten hinzuzählt ohne erboßt zu werden, er macht einen irgendwie ehrlich :-). Vielleicht auch wegen dem Thema "Berg", das sowohl sehr exemplarisch als auch ganz genau/konkret gemeint sein kann ...

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Max

Beitragvon Max » 30.10.2011, 22:42

Lieber Franz,

kurz und knapp: Ich mag diesen feinen ironischen Ton sehr, sehr gern gelesen!

Liebe Grüße
Max


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