Stummband

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Jelena

Beitragvon Jelena » 30.09.2011, 21:02

Stummband

Unter dem Druck der Vergangenheit,
fern von nassem Papier,
das Geräusch in den Angeln gewohnt,
schmückt deine Tür ein trockener Kranz.

Du cremst deine Augen,
trägst Orange auf Weiß und
lächelst, obwohl du gequält wirst
von den Gedanken und Denkern in dir.

Ihre Neuauflagen belegen dich und
deine Stimme verleugnet ihre Abwesenheit.

Dein Echo träumt von einem neuen Wort.
Zuletzt geändert von Jelena am 02.10.2011, 05:55, insgesamt 1-mal geändert.

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Eule
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Beitragvon Eule » 30.09.2011, 23:13

Hallo Jelena, manches an diesem Text, z.B. die vierte Zeile in Strophe 1 erscheint mir bewußt brüsk oder disharmonisch in den Textfluß gesetzt, auch wenn es nur ein Vokal ist wie im genannten Beispiel.

"Stummband" finde ich einen starken Titel, die letzte Zeile bleibt mir ein wenig zu ambivalent. Soll diese auf eine naive Dummheit des lI anspielen ?

Viele Grüße !
Ein Klang zum Sprachspiel.

Jelena

Beitragvon Jelena » 01.10.2011, 05:36

Liebe Eule,

danke fürs Feedback.

Es geht um die eigene Stimme, die hier vom LI als stumm elebt wird, weil sie nichts Eigenes zur Sprache bringt, sondern stattdessen der Tradition und den Meistern, hier als die Denker genannt, verhaftet bleibt. Denen nachtrauert, die hörend gar nicht mehr anwesend sind, weil sie keine Zeitgenossen sind, aber immer wieder neu aufgelegt werden.
Das Gedicht will sagen, dass man sich auch selbst verpassen kann, wenn man sich nur damit beschäftigt, die anderen zu begreifen, die, die einem nicht so nah sind, dass sie hörend wären.
Also ist das "Stummband" mit stummen Bücherbänden belegt, das Geräusch bleibt in den Angeln der Tür, zur inneren Wohnung schmückt sie ein trockener Kranz. Eine Anspielung auf die trockene Kehle, staubtrocken, wie ein altes Buch. Die Stimme spricht also von den Nichtanwesenenden und ist damit als eigene Stimme nicht existent. Sie weint den Tauben, weil den Fernen oder Gestorbenen, hinterher. Das sieht aber nur das LI so, das LD geht in dieser Rolle ganz und gar auf, lächelt, erkennt nich die eigene Not, fühlt sich trotzdem innovativ (die Farbe Orange).
Den Titel habe ich am längsten gesucht. Schön, dass er dir gefällt.

LG, Jelena.
Zuletzt geändert von Jelena am 02.10.2011, 05:57, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitragvon Eule » 01.10.2011, 09:32

Hallo Jocelyn, danke für Deine Erklärungen. Vieles am Text hatte ich ähnlich gelesen, nun kann ich mir sicher sein. Außer der letzten Zeile finde ich ihn gelungen, das Bild der Tauben kann für mich in zu viele Richtungen gelesen werden. Vielleicht könntest Du Dir dazu noch etwas einfallen lassen.

Viele Grüße !
Ein Klang zum Sprachspiel.

Jelena

Beitragvon Jelena » 02.10.2011, 05:56

Liebe Eule,

habe den Schuss oben verändert und denke, dass das Gedicht dadurch dazugewonnen hat.

LG, Jelena

Niko

Beitragvon Niko » 02.10.2011, 12:17

hallo jelena,

wirklich ein starker text. der titel ist einfach nur genial!
im text selbst habe ich manchmal das gefühl, das einige stellen aus dem text ausbrechen. in form und / oder sprachrhythmus.


Ihre Neuauflagen belegen dich und
deine Stimme verleugnet ihre Abwesenheit.



diese zwei zeilen brechen für mich völlig aus.

wie wäre es so?

Ihre Neuauflagen belegen dich
die Abwesenheit verleugnet die Stimme


sähe dann im ganzen so gelesen aus:

Stummband

Unter dem Druck der Vergangenheit,
fern von nassem Papier,
das Geräusch in den Angeln gewohnt,
schmückt deine Tür ein trockener Kranz.

Du cremst deine Augen,
trägst Orange auf Weiß und
lächelst, obwohl du gequält wirst
von den Gedanken und Denkern in dir.

Ihre Neuauflagen belegen dich
die Abwesenheit verleugnet die Stimme

Dein Echo träumt von einem neuen Wort.


liebe grüße: niko

Jelena

Beitragvon Jelena » 02.10.2011, 14:03

Niko hat geschrieben:

Ihre Neuauflagen belegen dich und
deine Stimme verleugnet ihre Abwesenheit.



diese zwei zeilen brechen für mich völlig aus.

wie wäre es so?

Ihre Neuauflagen belegen dich
die Abwesenheit verleugnet die Stimme


sähe dann im ganzen so gelesen aus:

Stummband

Unter dem Druck der Vergangenheit,
fern von nassem Papier,
das Geräusch in den Angeln gewohnt,
schmückt deine Tür ein trockener Kranz.

Du cremst deine Augen,
trägst Orange auf Weiß und
lächelst, obwohl du gequält wirst
von den Gedanken und Denkern in dir.

Ihre Neuauflagen belegen dich
die Abwesenheit verleugnet die Stimme

Dein Echo träumt von einem neuen Wort.




Danke dir, Niko!

Da ich hier freie Versformen schreibe, finde ich eine Verbesserung zur Rhythmus und Form nicht zwingend notwendig. Allerdings würde dein Vorschlag erheblich den Inhalt verändern, denn das habe ich nicht gemeint, upps.
Meine Worte lauten:

Ihre Neuauflagen belegen dich und
deine Stimme verleugnet ihre Abwesenheit.


Es geht ja um die Stimme des LD, also ist das Possessivpronomen wichtig. Die Stimme wird von den Neuauflagen der Vergangenheit belegt. Damit ist die Stimme zum einem belegt, also schwach, zum anderen aber auch besetzt. Sie spricht Fremdes, das Alte, das immer wieder neu aufgelegt wird. Wie in einem Teufelskreis belegt sie sich weiter, findet nicht zu einer eigenen Stimme. Sie spricht zwar, aber sie verleugnet durch das Sprechen ihre eigentliche Abwesenheit, verdeckt sie, ebenso wie sie weiter oben lächelt. Das "ihre" kann man zweifach lesen. Sowohl die Abwesenheit der Stimme, also auch die körperliche Abwesenheit der alten Denker. Diese Denker werden das LD nie hören mit dem, was es selbst zu sagen hätte. Das wird auch mit dem letzten Vers ausgedrückt, auch wenn natürlich das Echo der eigenen Stimme genauso gemeint ist.

Ja, vielleicht ist das alles ziemlich kompliziert, aber deshalb muss es auch sehr genau gelesen werden.

LG, Jelena.

Niko

Beitragvon Niko » 02.10.2011, 14:49

nene, jelena,

ich hab das, glaube ich, richtig verstanden. aber in meiner version kann sowohl das erste als auch das zweite substantiv nominativ und akkusativ sein. ist bei dir im grunde nicht anders, aber das "ihre Abwesenheit" ans ende der zeile gesetzt, macht die sache eindeutig.
ich finde meine setzung offener. das kann auch vorteile haben. generell aber fallen diese beiden zeilen für mich aus der metrischen form. gut: kann man jetzt als bewusst eingesetztes stilmittel verkaufen und geschmacksache ist es ohnehin.

liebe grüße: niko

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Beitragvon Eule » 02.10.2011, 15:01

Hallo Jelena, so finde ich das Gedicht rundherum gelungen. Viele Grüße !
Ein Klang zum Sprachspiel.

Jelena

Beitragvon Jelena » 04.10.2011, 11:00

Niko hat geschrieben:nene, jelena,

ich hab das, glaube ich, richtig verstanden. aber in meiner version kann sowohl das erste als auch das zweite substantiv nominativ und akkusativ sein. ist bei dir im grunde nicht anders, aber das "ihre Abwesenheit" ans ende der zeile gesetzt, macht die sache eindeutig.
ich finde meine setzung offener. das kann auch vorteile haben. generell aber fallen diese beiden zeilen für mich aus der metrischen form. gut: kann man jetzt als bewusst eingesetztes stilmittel verkaufen und geschmacksache ist es ohnehin.

liebe grüße: niko


Hallo Niko,

jetzt lese ich schon zwei Tage deine Versvorschläge im Vergleich zu meinen und frage mich, wieso ich deine als komplett verändernd empfinde, obwohl du deine als offenere Setzung mir schmackhaft gemacht hast. Fühlte mich dabei, als hätte ich ein Brett vorm Kopf oder eine weiche Birne, oder so.

Inzwischen bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass das Wörtchen "Und" mir fehlt, genauso das "Deine" und "Ihre".
Bei dir verschwindet mir die Stimme komplett, als Klang und als dem LD eigene Stimme. Eine Abwesenheit kann nicht sprechen, eine Stimme kann aber verleugnen. Deshalb kommt es für mich nicht hin. Ebenso fühle ich mich beim Lesen deiner Version eben nicht mehr aufgerufen, über den Inhalt nachzudenken, Akkusativ und Nominativ zu vertauschen, über die Bedeutung der Stimme zu grübeln.

Ich bin froh, endlich eine Erklärung gefunden zu haben und klar zu sehen. Du hast mich, wie gesagt, etwas "verwirrt".

Erleichterte Grüße, Jelena.


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