Was Wirklichkeit ist

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leonie
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Beitragvon leonie » 06.09.2011, 14:38

Was Wirklichkeit ist

Der Mond sitzt im Sessel
und guckt so schief
mit seinem halben Gesicht.

Ändert der Zug die Richtung,
geht er aufs Klo.

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leonie
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Beitragvon leonie » 09.09.2011, 10:06

Hallo Sam,

ich denke schon die ganze Zeit darüber nach, ob der Mond hier in eine Metapher eingekleidet ist. Denn dann funktioniert der Text tatsächlich nicht.

Ich meine aber, dass dem nicht so ist, sondern dass der Mond im Sessel als Wirklichkeit wahrgenommen wird. Als erstaunliche...

Liebe Grüße

leonie

Sam

Beitragvon Sam » 09.09.2011, 12:38

Hallo Leonie,

dass der Mond in einem Sessel sitzt, kann man je nach optischer Perspektive womöglich als Wirklichkeit wahrnehmen. Aber ihn "gucken" zu lassen ist schon eine Metapher, ebenso das Mondgesicht.

Aber vielleicht haben wir auch eine unterschiedliche Vorstellung von dem was Wirklichkeit bedeutet. Für mich ist Wirklichkeit das, was ich als Tatsache voraussetze. Im Falle der im Gedicht beschrieben Situation: es ist Halbmond und der Blickwinkel ändert sich mit Fahrrichtung des Zuges.

Etwas anders ist die Wahrnehmung. Ich stelle mir die Situation so vor: Das LyrI sitzt im Zug, in Fahrtrichtung links, etwa in der Mitte des Wagons. Durch ein Fenster auf der rechten Seite sieht es den tiefstehen Mond und er erscheint ihm wie das Gesicht jemandes, der dort auf dem Sessel sitzt. Nun macht der Zug eine Linkskurve, was zur Folge hat, dass der Mond nun von Fenster zu Fenster wandert, als würde er den Gang entlang in Richtung Klo gehen.

Aber vielleicht empfindet es das LyrI in diesem Moment tatsächlich als Wirklichkeit. Dieses Gefühl wird sich aber sehr schnell in Luft auflösen und ich kann mir nicht vorstellen, dass das LYrI hinterher noch darüber nachdenkt, ob denn der Mond tatsächlich aufs Klo gegangen ist.

Gruß

Sam

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Beitragvon leonie » 09.09.2011, 23:17

Ich wollte eigentlich ja genau das Verständnis von Wirklichkeit hinterfragen, das auf der Wahrnehmung von "Tatsachen" beruht.
Lange galt als Tatsache, dass die Erde eine Scheibe sei und sie beruhte auf "Wahrnehmung".
Für mich ist die Frage: Was ist Wirklichkeit überhaupt? Wie hängt Wahrnehmung und "Wirklichkeit" zusammen? Können wir denn anders "Wirklichkeit" herstellen als über unsere Wahrnehmung?
Wer weiß, vielleicht wird irgendwann das, was wir als "Wirklichkeit" definieren genauso falsch sein wie das, was die Menschen damals glaubten. Kann denn überhaupt etwas "richtig" sein? Oder ist alles nur Täuschung, so wie der Mond, der im Sessel sitzt es offensichtlich ist...

Liebe Grüße

leonie

Oldy

Beitragvon Oldy » 10.09.2011, 12:22

Lange galt als Tatsache, dass die Erde eine Scheibe sei und sie beruhte auf "Wahrnehmung".

Entschuldige, wenn ich widerspreche, aber der "Glaube", die Erde sei eine Scheibe, ergab sich aus einer Mischung von Mythen, Aberglauben, mangelnder Vorstellungskraft und letztlich, vor allem im Europa des Mittelalters, durch massiven Druck der katholischen Kirche. Letztere klagte sogar jene der Ketzterei an, die Gegenteiliges behaupten.
Allerdings war diese Meinung selbst im Mittelalter nicht so verbreitet, wie man annehmen möchte. Schon die alten Grichen vermutete, dass die Erde kugelförmig ist.

lg
Uwe

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Beitragvon leonie » 11.09.2011, 11:20

Okay, aber ich denke, es ist doch deutlich geworden, was ich meine, oder?
Ich könnte auch den Satz anführen: Ich glaube nur, was ich sehe. Als wäre das, was man sieht, Tatsache an sich. Wahrnehmung, Fakten, Tatsachen, etc. sind für mich etwas, das auch hinterfragt werden muss.
Und vielleicht ist ja manches, was man nicht sieht, viel wirklicher als das, was man sieht. Wir wissen es nicht wirklich. Das will ich damit sagen.

Ich meine, wir hatten hier schonmal eine Diskussion über den freien Willen, der vielleicht so frei gar nciht ist. Gefühlt ist er aber frei. Was stimmt denn nun?

Oder: Bist Du sicher, dass, wenn Du "Blau" sagst, Du dasselbe meinst wie ich?

Woher kommen die Missverständnisse auf der Welt? Warum erzählt ein Mensch etwas ganz anderes als der andere, wenn sie doch meinen, dasselbe erlebt zu haben?

Deutung von "Wirklichkeit" ist meiner Meinung nach nie etwas, was "stimmt". Sondern eben immer Deutung.

Es gibt ganz sicher Dinge, die als Fakten erscheinen, weil ziemlich viel Indizien für sie sprechen. Ich will nur sagen: Sei Dir nicht zu sicher. Es könnte auch alles anders sein als es scheint...

Liebe Grüße

leonie

poeta

Beitragvon poeta » 07.10.2011, 09:51

hallo allerseits, hallo leonie,

ich weiß ja nicht, ob dieser zug hier schon abgefahren ist!? ich hol ihn jetzt erst mal wieder in den bahnhof zurück, zum einen weil ich mit deiner idee und auch der umsetzung sehr viel anfangen kann und ich die wimpernzwinkernde klobürste am schluss sehr mag, für mich vollkommen in ordnung ist, dass jede der wirklichkeiten nur eine scheinbare ist - entspricht genau meiner erfahrung (scheint auch schon eine sehr alte erkenntnis zu sein, wenn man an das höhlengleichnis denkt) - ..., wo war ich jetzt? zweitens, weil ich zum titel und der sesselstelle anregungen da lassen möchte, weil ich auch glaube, dass sich da noch was machen ließe.
ich könnte mir statt der behäbigen und etablierten wirklichkeit, das adjektiv wirklich (am besten gleich mit fragezeichen) sehr gut vorstellen.
den "sessel" könnte man durch ein simples "gegenüber" ersetzen, würde zum zug und nachhimmel gleichermaßen passen. was meinst du?

für mich schwingt in deinen worten auch etwas wie: "du darfst alles in frage stellen und musst nichts tierisch ernst nehmen ", und "ab und zu die richtung zu ändern, bringt festgefügte dogmen ins wanken" mit.

jedenfalls entlässt mich dein gedicht durch seine humorvollen realtivierung mit einen grinsen, wo ist es denn, ah hier :mrgreen: .

liebe grüße, poeta

Jelena

Beitragvon Jelena » 07.10.2011, 10:09

Poeta hat es hoch geholt, so dass ich das jetzt auch mal gelesen habe, Leonie!

Der "Klogriff" hat mich so "geohrfeigt", dass ich das Gedicht spontan erst einmal "Scheiße" fand. Dann kam aber eine interessante Assoziation in mir auf. Ich sah ein "fettgefressenes Mondgesicht" im Fernsehsessel, dass seine Haltung nur verändert, wenn es pinkeln gehen muss. Damit bekam dein Gedicht etwas Gesellschaftkritisches. Allerdings störte dann der enthaltene Zug etwas, aber würde ein einfaches "Er" an seine Stelle treten, passte es.

Sehr amüsant, aber keine Lyrik, die wirklich "mein Ding" wäre, jedenfalls mit dem Wort "Zug" darin, lG, Jelena.

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Beitragvon leonie » 07.10.2011, 10:46

Liebe poeta, liebe Jelena,

ich danke Euch für die späten und spannenden Rückmeldungen. Ich starte jetzt doch nochmal einen Verscuh, indem ich die Vorschläge aufnehme:

Wirklich?

Der Mond sitzt gegenüber
und guckt so schief
mit seinem halben Gesicht.

Ändert er die Richtung,
geht er aufs Klo.


Ich bin mir noch nicht sicher, ob das wirklich funktioniert (vor allem ohne den Zug). Darüber muss ich nochmal nachdenken....

Danke Euch und liebe Grüße

leonie

poeta

Beitragvon poeta » 07.10.2011, 11:47

hi,

ich denke, es ist unötig, beides zuändern, wenn du zug weglässt, kann der sessel ruhig bleiben - darin sähe ich den einzigen vorteil aussteigen aus dem zug.
mir gefällt allerdings, wenn der zug und nicht das mondgesicht die richtung ändert und ich glaube, dass es auch nicht wirklich funktioniert, weil der mond ja zuerst sitzt und dann geht, das wäre dann mehr eine tätigkeits- denn eine richtungsänderung und die urprüngliche aussgae finde ich auch nicht mehr.
mir fällt jetzt erst auf, dass in deiner ersten version auch ein unklarer bezug drin ist, denn

Ändert der Zug die Richtung,
geht er aufs Klo

könnte auch den zug aufs klo gehen lassen. wieder eine neue variante.

Wenn du dich entschließt, im zug zu bleiben und den mond auf klo wandern zu lassen, wäre vielleicht das eine möglichkeit

...geht aufs Klo,
sobald der zug die richtung ändert.

mich stört die schwammigkeit hier aber nicht wirklich, weil ja beides absurd ist!

liebe grüße noch mal und grüble schön, poeta

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Beitragvon leonie » 07.10.2011, 12:48

Wie wäre denn einfach:

Wechselt die Richtung,
geht er aufs Klo.

LG leonie


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