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Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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leonie
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Beitragvon leonie » 06.09.2011, 14:31

Heute las ich
von einem, der
einen Engel
in seine Kleider näht.

Ich sah ihn da sitzen
im Schein einer Lampe,
sah die kleinen Stiche
und fragte mich

ob denn ein Engel
keinen Schmerz verspürt.

Ich kann nicht nähen.

Hätte ich
einen Engel,
ich glaube, ich trüge ihn
unter der Haut.

Oldy

Beitragvon Oldy » 06.09.2011, 16:02

... machmal machts aber auch gleich Klick bei mir.

Das gefällt mir ausserordentlich wegen seiner Schlichtheit.
Damit meine ich das (übertragene) Bild und besonders die Sprache. Fast schon ein wenig kindlich und positiv naiv.
Beides im positiven Sinne.

sehr gerne gelesen
Uwe

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leonie
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Beitragvon leonie » 06.09.2011, 16:49

Lieber Oldy,

das ist schön, dass es hier "klick" gemacht hat, ich freue mich und danke Dir!

leonie

Max

Beitragvon Max » 06.09.2011, 21:58

Liebe Leonie,

die Grundvorstellungen des Textes, der nähende Engel gefällt mir.
Allerdings ist der Text auch in meinen Augen nahe daran, sich in einer gewissen Niedlichkeit zu verlieren. Dieser nähende Engel erinnert mich an eine Bemerkung in einem (auch viel zu niedlichen) Buch, dass wir Gott so lange schrumpfen, bis wir ihn fassen können ..

Liebe Grüße
max

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leonie
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Beitragvon leonie » 06.09.2011, 22:51

Lieber Max,

es ist aber doch gar nciht der Engel, der näht... Er wird eingenäht in die Kleidung...

Liebe Grüße

leonie

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 07.09.2011, 10:24

Hallo Leonie,

das geht für mich leider überhaupt nicht auf. Durch die Frage, ob der Engel keinen Schmerz verspürt, lässt du ihn ja für LIch "lebendig" sein. Einen solchen "lebenden" Engel unter die Haut zu implantieren finde ich dann aber auch nicht gerade eine angenehmere oder menschlichere Vorstellung, als ihn irgendwo einzunähen?

Der verniedlichende Eindruck entsteht für mich auch durch Strophe zwei, vor allem durch den märchenhaften "Schein einer Lampe".

Ohne die letzte Strophe und mit einer zweiten Strophe, die irgendwie mehr in der Gegenwart "geerdet" ist, fänd ich den Ansatz sehr gelungen, weil es einen überrascht mit dieser Wendung und dem Engelsglauben/vorstellung des LIch und somit auch einen Anreiz für eigene Gedanken dazu bieten würde.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 07.09.2011, 10:47

Hallo leonie! Flora hat fast genau das notiert, was ich mir die ganze Zeit gedacht habe. Ich will immer Autsch rufen, der arme Engel (oder armes Ich)! Das erste Bild finde ich noch vielversprechend - bis, inclusive, Schmerz verspürt. Bis dahin sehe ich eine angenehme, überzeugende Balance zwischen einer abstrakten Ebene und alltäglicher Wahrnehmung.
Aber "unter der Haut" im Zusammenhang mit der Näherei vorher: Da kommt man nicht umhin, ans Implantieren zu denken. Und ich sehe den Menschen im Schein einer Lampe, wie er stümperhaft seinen Engel in seine Haut operiert. Da gruselts mich nur noch, ich merke also, dass ich da nicht mitkomme.

Oldy

Beitragvon Oldy » 07.09.2011, 10:55

Ich scheine nur deswegen kein Problem mit dem Text zu haben, weil ich ihn nicht wörtlich nehme, sondern im übertragenen Sinne lese.
Mein Bild ist ein ganz anders.

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Beitragvon leonie » 07.09.2011, 11:49

Oh, ich habe ein Zeile im Text vergessen, das fällt mir jetzt erst auf, wo ich die Rückmeldungen lese. Aber ich weiß nciht, ob sie hilft.

"Ich kann nicht nähen" gehört vor die letzte Strophe. Ich änder das mal ganz schnell....

Ändert das fürs Lesen etwas, Flora und Amanita? Oder bleibt der "Implantat-Eindruck?

Liebe Grüße und danke schonmal!!!

leonie

Oldy

Beitragvon Oldy » 07.09.2011, 12:10

"Ich kann nicht nähen" gehört vor die letzte Strophe.

.. und schon geht meine Interpretation zum Teufel.

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Beitragvon Amanita » 07.09.2011, 16:58

Hallo leonie, es geht mir zwar mit dieser Version etwas besser, jedoch noch nicht richtig gut. Noch immer kann ich die Brücke zwischen ob denn ein Engel keinen Schmerz verspürt. und ich glaube, ich trüge ihn unter der Haut. nicht so recht hinkriegen. Noch immer fühle ich - auch wenn das Ich nicht nähen kann - Nähstiche in meiner Haut.

Wenn es hieße "ich glaube, ich trüge ihn in meinen Gedanken" (oder so - etwas völlig "Immaterielles") jedenfalls, dann könnte ich damit leben. Aber die Haut ist mir nach wie vor zu real.

Sam

Beitragvon Sam » 07.09.2011, 18:59

Hallo Leonie,

ich finde das Bild, das dein Gedicht zeichnet sehr eindrücklich und klar. Der dahinter liegende Gedanke (so wie ich ihn verstehe) gefällt mir sehr gut:

Da näht jemand einen Engel in sein Kleid. So heimelig sich das anhört, unter dem Schein der Lampe, ist es doch ein gewaltsamer, ein erzwunger Akt. Das LyrI dagegen kann nicht nähen, wobei "kann" genausogut auch "will" bedeuten mag. Es möchte nicht etwas an sich zwingen, das nicht von selbst zu ihm kommt oder bei ihm ist. Wenn es denn einen Engel haben möchte, dann keinen, der angenäht wurde, sondern einen, der unter der Haut gewachsen ist, also Teil von einem selbst ist und nicht unter Stichen dazu gemacht wurde.

Zur sprachlichen Umsetzung kann ich nicht viel sagen, weil ich es vermutlich ganz anders machen würde. Was aber nichts daran ändert, dass mir das Gedicht doch sehr zusagt, durch den weiten gedanklichen Raum, den es eröffnet.

Gruß

Sam

Max

Beitragvon Max » 07.09.2011, 20:22

Liebe Leonie,

oh, dann habe ich irgendetwas an dem Gedicht nicht verstanden.
Scusa
Max

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Beitragvon leonie » 07.09.2011, 20:37

Lieber Max,

vielleicht kommt das ja noch :-) ...

Lieber Sam,

ich bin sehr froh über das, was Du schreibst. Denn darum ging es eigentlich: einen weiten gedanklichen Raum. Auch Deine Interpretation freut mich!

Liebe Amanita, liebe Flora,

ich denke, das Problem des Textes ist, dass er eine Art "Vexierbild" enthält und wenn das beim Leser nicht "kippt" und die andere Seite sichtbar wird, dann entsteht vermutlich dieser "Autsch"-Effekt. Zudem spielt er mit der Redewendung "Etwas geht mir unter die Haut", die ja auch nciht wörtlich zu nehmen ist.

Ich selber empfinde es so, dass der eingefügte Satz das "kippen" etwas unterstützt, ich bin mir aber nicht sicher, ob er wirklich nötig ist.

Lieber Oldy, magst Du etwas zu Deiner Deutung (ohne eingefügten Satz) schreiben? Sonst ist es für mich schwer nachzuvollziehen, wieso dieser Satz sie dahinschwinden lässt. (Schade, dass es so ist...).


Ich danke Euch für die Rückmeldungen!

Liebe Grüße

leonie


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