wenn der himmel...

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 15.08.2011, 18:24

ihr nur ein wenig näher käme,
sie das morgenrot wie ein tuch um die schultern hätte -
dann könnte sie die andere sein;

sich mit gekrümmten fingern in den raum, die zeit, den blick eines jeden betrachters krallen,
und doch die augen aufreizend geschlossen halten, als seien die lider mit violettem zierstich vernäht.
den mund ganz klein auf die schultern legen. ein sonnenaufgang hielte sich kaum auf den mageren hüften.

aber sie ist die winzige mit störrischem haar, die verschlüsse öffnet und
am leben vorbeisehen muss.
Zuletzt geändert von allerleirauh am 15.08.2011, 22:06, insgesamt 1-mal geändert.

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 15.08.2011, 19:38

Hallo allerleirauh, Dein Text spricht mich sehr an! Ich lese geballte Unzufriedenheit, Frust, Resignation - das Ich "packts" einfach nicht (obwohl es oft kurz davor ist), was aber wiederum mit jener Portion Undankbarkeit und Humorlosigkeit und falsch verstandenem Perfektionismus zu tun hat, die es unmöglich macht, gern zu leben.

Allein das Wort "Verschlüsse" klingt für mich in diesem Zusammenhang zu alltäglich-banal. Das soll es sicher auch, ich kann da aber letztlich nicht folgen.

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 15.08.2011, 20:32

Liebe allerleirauh,

dieser Text hat ich sofort angezogen, ich finde ihn sehr gelungen, wie du dort eine Phantasie beschreibst und wie diese Phantasie wahrscheinlich sogar nur das lyr. Ich so wie es sich nicht haben will produziert (winzige = ist ja ein Verhältnis, winzig zu was). Ich mag es sehr, wie der Text das alles mithilfe seiner Sprache erreicht und nicht durch erzählte handlung, das passt zur "Figürlichkeit" des Zustands des Ichs, dieser selbstbeschwörten Winzigkeit, auch wenn die Selbstbeteiligung daran natürlich sehr tief liegt, weshalb wohl auch die Beschäftigung mit den Verschlüssen (schöner Gegensatz zum Schloss) wunderbar (leise grausam) am Wunsch vorbeigeschrieben ist.

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Oldy

Beitragvon Oldy » 16.08.2011, 10:06

Ich schleiche schon länger um diesen Text herum.
Vorab: Er gefällt mir.
Ich würde ihn unter Prosalyrik einordnen, weil er doch mehr Fließtext als Vers ist. Trotzdem finde ich, dass der Mittelteil ein wenig verdichtet werden könnte. Er erscheint mir ein wenig "schwafelig". Nicht inhaltlich, sondern der (wie ich finde) unnötigen Länge wegen.

Der erste Vers mit der Überschrift ist übrigens grandios und könnte auch für sich allein stehen.

lg
Uwe

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 16.08.2011, 12:41

Hallo a.

ich mag die Bilder, die der Text evoziert, aber ich habe Schwierigkeiten mit der Perspektive. Um es wie Lisa zu lesen, was ich gerne würde, müsste es für mich aus der Ich-Perspektive geschrieben sein. Im Moment habe ich eine Außensicht eines Erzählers auf diese Frau, also die Bilder, die sie in einem Betrachter auslöst, und nicht, wie sie sich selbst wahrnimmt. Und wenn ich es als eine Selbstbetrachtung auffasse, würde diese Distanzierung von sich selbst für mich nicht zur Haltung der gezeigten Frau passen.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 16.08.2011, 20:15

Hallo,

Und wenn ich es als eine Selbstbetrachtung auffasse, würde diese Distanzierung von sich selbst für mich nicht zur Haltung der gezeigten Frau passen.


doch für mich, gerade, es geht ja um einen Abstand zu sich, keinem Aufgehen. Auch weil dadurch die Ebene "ich erzähl mir die Geschichte, wie ich sein muss und dass ich an diesem Müssen leiden muss" ausgedrückt wird.

Für mich wäre eine Ich-Perspektive tendentiell unangenehm, zu "dick", zu eindimensional.


liebe Grüße,
Lisa
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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 16.08.2011, 22:04

hallo alle,

danke für eure rückmeldungen.

@ amanita/lisa: die verschlüsse haben einen sehr realen hintergrund und sollen deshalb unbedingt im text bleiben. es gibt ja jede menge verschlüsse im "richtigen" leben. flaschenverschlüsse, reißverschlüsse, kettenverschlüsse, bh-verschlüsse, darmverschlüsse... ich finde, dass mit jeder dieser bedeutungen die "winzige" zu einer anderen person werden kann. und: mir gefällt auch die übertragene bedeutung (>etwas lösen), auch, wenn ich die beim schreiben nicht vordergründig im kopf hatte.

@oldy: ganz sicher prosalyrik, da gebe ich dir recht. was den mittelteil angeht, so mag der "schwafelig" :-) sein, aber dort findet sich halt auch die vorstellung des lyrICHs vom soseinkönnen/soseinmüssen oder nichtseinwollen. die kann nach meinem empfinden in mehreren ansätzen umfänglicher sein. (das lyrICH phantasiert einen ist-zustand herbei, der nur als schmerzende möglichkeit existent ist.)

@flora: ich hatte den text auch in ich-perspektive versucht, aber dann geht es mir wie lisa. zu wuchtig. ich finde, es bedarf eines abstandes und einer verschiebung der perspektive.

lga

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 17.08.2011, 09:30

Hallo a. und Lisa,

@flora: ich hatte den text auch in ich-perspektive versucht, aber dann geht es mir wie lisa. zu wuchtig. ich finde, es bedarf eines abstandes und einer verschiebung der perspektive.
Vielleicht geht es auch nur mir so, aber ich bräuchte dann zumindest im Text oder in einem Untertitel einen Hinweis darauf, dass es eine Selbstbetrachtung ist. Sonst lese ich es als Betrachtung eines Erzählers, was mir dann unangenehm ist.
Lisa hat geschrieben:Für mich wäre eine Ich-Perspektive tendentiell unangenehm, zu "dick", zu eindimensional.
Ich denke auch, dass es angenehmer ist, wenn jemand aus einer Distanz heraus über sich erzählt und man dann bereits gemeinsam eine "Geschichte" anschauen kann und nicht mehr die "Klage" zu hören bekommt. Aber wenn diese Distanz erst einmal möglich ist, verschiebt sich meiner Erfahrung nach auch meist die Selbst-Wahrnehmung. So gelesen läge für mich in den letzten zwei Zeilen schon ein selbstironischer Klang und ich sehe die Frau über sich schmunzeln.

Liebe Grüße
Flora
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Klara
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Beitragvon Klara » 17.08.2011, 09:45

Hallo allerleirauh,

das finde ich ganz wunderbar. Daran ist, finde ich, überhaupt nichts zu werkeln, zu verteidigen, zu "verbessern". Es ist offen und doch klar, es könnte ein Kind sein, oder ein erwachsenes Mädchen, eine Alte oder eine von den praktischen Notwendigkeiten mit Beschlag belegte Frau mit vielen Pflichten, die nicht dazu kommt, sich selbst zu öffnen, sondern Reiß- oder sonstige Verschlüsse, all die Handgriffe, ohne die ein Leben nicht funktioniert, sogar eines, das sich dem Himmel näher wähnt, nicht funktioniert, denn einer - eine! - muss es ja tun. Und eine sehnt sich doch. Und wie bringt man das zusammen, das Ferne und das Nahe, das Wünschen und das Erfüllen, das Geben und das Fortstreben, die Pflicht und die Neigung, das alte Thema, die ganze verdammte Metaphysik der Sitten, über die nicht nur Kant und Schiller stritten.

Bleibt die dumme Hoffnung (ist sie dumm? oder klug? oder schlicht ebenso Pflicht wie jede andere Notwendigkeit?), dass es trotz allem etwas dazwischen gebe, dass das doch möglich sein müsse: zu leben wie das Leben gebietet! Das sind Himmel und Erde!
Das Trotzallemwegenallem.

Vielleicht ist das Gegenteil der Verwahrlosung nicht nur, Verschlüsse zu öffnen und all die Knöpfe wieder anzunähen, die im Eifer des Alltagsgefechts sich gelöst haben.
Vielleicht lautet die Losung Wahrlosung. Wahrheit. Loslassen. Eine Lösung. Von anderen Verschlüssen.

Vermutlich liegen meine Gedanken arg daneben, was die Intention betrifft. Vermutlich führen meine Assoziationen weit fort von deinem Gedicht, das sie mir dennoch brachte.

Danke.
klara

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 17.08.2011, 21:54

Liebe a.,

ja, ich bin unbedingt auch für die Verschlüsse, falls das anders angekommen ist. Ich mag sie gerade!

Flora:

aber sie ist die winzige mit störrischem haar, die verschlüsse öffnet und
am leben vorbeisehen muss.


Ne, ich kann das nicht selbstironisch und erst recht nicht schmunzelnd lesen, dafür sind mir die Zeilen zu schmerzvoll, zu tief in Bezug darauf, was das Ich nicht ist, das würde sich für mich widersprechen. Klar ist da Distanz und diese besteht auch in einer Negativhaltung zu sich, aber erstere ist eben für mich gerade das Symptom.


liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
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Max

Beitragvon Max » 20.08.2011, 23:45

Liebe a.,

ich glaube, über den wahren Schmerz kann man schlecht in der Ich-Perpsektive schreiben: Man muss sich auf sich zu distanzieren, um ihn plastisch zu machen.
Und dieser Text spielt sehr fein auf den straff gespannten Saiten zwischen dem Wünschen und der eigenen Wahrnehmung.
Ich würde ihn genau so lassen.

Liebe Grüße
Max

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 22.08.2011, 08:40

Hallo Max,

ich glaube, über den wahren Schmerz kann man schlecht in der Ich-Perpsektive schreiben: Man muss sich auf sich zu distanzieren, um ihn plastisch zu machen.
Das verstehe ich nicht so ganz, kannst du das nochmal erklären? Und was ist "wahrer" Schmerz?

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Max

Beitragvon Max » 24.08.2011, 19:10

Ich lese hier ein leiden am Ich .. das ist das, was ich als wahren Schmerz bezeichne.

Liebe grüße
Max

Max

Beitragvon Max » 24.08.2011, 19:10

PS: Wie du siehst bräuchte ich auch den von Dir gewünschten Untertitel nicht ... ;)


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