Zwielicht

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 24.07.2011, 12:45

Nun sind wir uns Dämmrung geworden.
Umflattern uns mit nadelspitzen Zähnen.

Kopfüber hängen wir tags in den Bäumen.
Schwarzes Pergament um die Ohren geschlagen.

Der Abend bringt Zehrung, wir werden nicht sterben.
Insekten, gelbblütig, sie machen nicht satt.

Verbunden im Spott über taumelnde Falter.
Erdferne Engerlinge, wir jagen, ohne hinzusehen.

Im Flug erfühlen wir jedes Zucken unserer Herzen.
Ertasten jeden Winkel an Brauen, Nase, Mund.

Wir hören nur Echo des eigenen Rufs.
Erkennen die Störung und jählings drehen wir ab.

Das feine Gehör vernähme auch anderer Lieder.
Bunter Flügel würdig wäre der wendige Tanz.

Doch unser Flug ist Wimpernschlag von Schatten.
Und wieviel Schatten quillt vor jeder einzelnen Nacht.


Nach Anregungen von Flora

1. Version:
Zwielicht

Nun sind wir uns Dämmrung geworden.
Umflattern uns mit nadelspitzen Zähnen.

Kopfüber hängen wir tags in den Bäumen.
Schwarzes Pergament um die Ohren geschlagen.

Der Abend bringt Zehrung, wir werden nicht sterben.
Insekten, gelbblütig, sie machen nicht satt.

Verbunden im Spott auf die taumelnden Falter,
erdferne Engerlinge, uns zur Übung: jagen, ohne hinzusehen.

Im Flug erfühlen wir jedes Zucken unserer Herzen,
ertasten jeden Winkel an Brauen, Nase, Mund.

Wir hören nur Echo des eigenen Rufs.
Erkennen die Störung und jählings drehen wir ab.

Das feine Gehör vernähme auch anderer Lieder.
Bunter Flügel würdig wäre der wendige Tanz.

Doch unser Flug ist Wimpernschlag von Schatten.
Und wieviel Schatten quillt vor jeder einzelnen Nacht.
Zuletzt geändert von RäuberKneißl am 08.08.2011, 22:55, insgesamt 3-mal geändert.

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Eule
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Beitragvon Eule » 24.07.2011, 13:08

Hallo Franz, mir gefällt der Text trotz seines "zwielichtigen" Inhaltes. Ich dachte beim Lesen an die unglaubliche Vielfalt der Lebenszustände und -schicksale und die Kunst, diesen etwas Positives abzugewinnen. Fantasie kann dabei ein gutes Mittel sein, Humor ebenfalls. Ganz abgesehen von den wunderbaren Leistungen mancher Lebewesen. In der ersten Zeile fehlt ein "e" im Wort Dämmerung ... Herzliche Grüße !
Ein Klang zum Sprachspiel.

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 24.07.2011, 13:15

Guten Tag, Franz,

das gefällt mir sehr, eine Melodie, der ich folgen kann. Das Zwielichtige ist sehr spürbar ... Etwas Trauriges, Desillusioniertes geht von den Worten aus ... Mir kommen dabei viele Assoziationen, die ich lieber für mich behalte.

Mich interessiert jetzt eines: welche Art von Wirkung erwartest du - oder genauer, welche Intention hattest du, als du dieses Gedicht schriebst?

Wie genau soll der Leser in die Bedeutung eindringen, die du persönlich in den Text hinein gepackt hast?

Viele der Worte, die du verwendest, haben eine starke Wirkung und finden bei mir sehr präzise Resonanz .. z.B. das Wort Engerling ... (Ich glaube, dass dein Text von Metamorphose spricht, von Wandlung im Allgemeinen, von dem was die Umwelt und das Altern, die Veränderung der Lebensweise an Verknöcherung, an totem Material mit sich bringt, ...)

Am wichtigsten aber ist mir, dass ich diese Zeilen als harmonisch und fremdartig klingen höre - jedes Wort scheint am richtigen Platz zu stehen.

Danke im Voraus
liebe Grüße
Renée

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 24.07.2011, 13:49

Hallo Arne,
dem Dämm'rung fehlt vermutlich ein Apostroph, die Dinger benutze ich so ungern. Das fehlende e ist der Metrik geschuldet, eine früher Fassung hatte da ein festes Schema, das dann wie so oft bei mir wieder über Bord gekippt wurde.
Oh Renée, mit deinen Fragen fühle ich mich etwas überfordert (abgesehen vom 'soll', gegen das ich mich sperre) - das wäre ja schon eine kleine Poetologie, nach der du fragst.
Bei Art der Wirklung erwarte ich nichts anderes als bei anderen Texten, die eingestellt werden: Diskussion über Eingängigkeit, sprachliche Struktur, Nachvollziehbarkeit etc. Im Text ist ja nur das Nachspüren eines einzigen Bildes, die Tierchen sind wohlbekannt, hoffe ich, und das war auch die Intention: das Bild transparent machen für Kommunikationsprobleme, die mindestens die lebenserfahreneren unter uns kennen dürften.
Grüße
Franz

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Eule
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Beitragvon Eule » 24.07.2011, 14:28

Hallo Franz, das Argument mit der Metrik überzeugt mich nicht, da diese u.a. von der individuellen Betonung abhängt. Und es gelingt mir nicht so recht, die erste Strophe, so wie sie da steht, flüssig zu betonen. Vom Leserhythmus her gefiele mir eine Pause (durch Apostroph oder einem schwach betonten "zur") besser.
Ein Klang zum Sprachspiel.

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 24.07.2011, 14:57

Hallo,

da ich anderswo schon damit angefangen habe: Metrik = die Lehre vom Metrum - ich habe auch hier den Verdacht, dass ihr beiden Metrik schreibt, wo ihr Metrum meint (Entschudigung!). Wobei aber sowohl Metrik als auch Metrum eben nicht von der "individuellen Betonung" abhängen, Eule - das ist ja der Trick :-) Egal, ich würde die ersten beiden Zeilen so lesen:

Nun sind wir uns Dämmrung geworden.
Umflattern uns mit nadelspitzen Zähnen.

x X x x X x x X x
x X x x x X x X x X x

Bei "Dämmerung" würde, denke ich, der erste Vers in die Alternation rutschen und den zweiten gleich mitziehen:

Nun sind wir uns Dämmerung geworden.
Umflattern uns mit nadelspitzen Zähnen.

X x / X x / X x / X x / X x
x / X x / X x / X x / X x / X x

Und da wäre dann auch wirklich ein Metrum erkennbar. Aber ich glaube, die weiteren Zeilen machen deutlich, dass der Text an einem solchen kein übermäßiges Interesse hat :-)

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

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Eule
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Beitragvon Eule » 24.07.2011, 15:20

Hallo ferdi, da hast Du recht - Metrik ist die Wissenschaft vom Metrum - (in meinem Lexikon steht: 1. Lehre vom Vers u. den Versmaßen, kunstgerechter Gebrauch der Versmaße 2. [musikalisch] Lehre vom Takt). Um Betonung geht es in dieser aber schon, man könnte auch sagen, ohne Lesevortrag keine Lesekunst. ;-)

Ich las:

Nun sind wir uns Dämmrung geworden.
X x x x X x x x X

Umflattern uns mit nadelspitzen Zähnen.
X x x x X x X X x X x

und das wirkte auf mich (da ich, trotz der metrischen Symmetrie in den ersten sechs Silben der Zeilen, keinen regelmäßigen Versfuß finden konnte) und meine Lesevarianten es nicht hinbekamen, reichlich holperig. Und wie man hier auch sehen kann, betonte ich anders als ferdi.

2.Lesefassung:

Nun sind wir uns Dämmrung geworden.

x X X x X x X x x

Umflattern uns mit nadelspitzen Zähnen.
X x x X x X x X x X x

was in der Gesamtbewertung auch nicht viel mehr rhythmische Symmetrie ergibt.


Mit meinen Textänderungsvorschlägen würde ich aber:

1a. Nun sind wir uns Dämm`rung geworden.
X X x X X x x x x

Umflattern uns mit nadelspitzen Zähnen.
X X x x X X x X x X x

bzw.

2. Nun sind wir uns Dämmrung geworden.
X x x X X x X x x

Umflattern uns mit nadelspitzen Zähnen.
X x x X X X x X x X x
lesen

oder:

3. Nun sind wir uns zur Dämmerung geworden.
X X x x x X x x X x x

Umflattern uns mit nadelspitzen Zähnen.
X X x X x X x X x X x

4. Nun sind wir uns zur Dämmerung geworden.
Umflattern uns mit nadelspitzen Zähnen.

X X x x X X x x X x x
X x x X x X X x x X x

lesen, was zwar auch kein regelmäßiges Versmaß ergibt, meinem Sprachgefühl aber mehr entgegenkommt.
Ob die für mich akustisch schon am besten klingende Lösung dabei wäre, müßte ich noch mit richtigen Tonaufnahmen überprüfen.
Ein Klang zum Sprachspiel.

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 24.07.2011, 18:09

Hallo Eule!

Am Ende darf natürlich jeder betonen, was er möchte, aber die böse Prosodie macht da ein paar ganz beachtenswerte Vorgaben ;-) "nadelspitzen"? :pfeifen:

Außerdem musst du aufpassen, dass du keine Bedeutungsverschiebungen bekommst!

"Umflattern" meint "um jemanden herum flattern" "Umflattern" aber eher "jemanden über den Haufen flattern"... (Geht auch andersrum: Jemanden umrennen = ihn über den Haufen rennen, jemanden umrennen = um jemanden herumrennen... Nur bei "umkreisen" wird's haarig... "Umdenken"?! Ein weites Feld ;-))

Auf der Wiese

Es scheißt die Kuh
Die Blumen zu -
Der Falter hasst
Ihr Tun, schon hattern
Plan gefasst:
Sie umzuflattern!


Äh... ja. Franz, zurück zu den ernsthafteren Gedanken über dein Gedicht :pfeifen: Ich könnte z.B. anmerken, mit dem "Zehrung" nicht so ganz glücklich zu sein, das wirkt doch recht gesucht. Und bei "Zwielicht" denken die jungen Leute wahrscheinlich erstmal an Vampire ;-)... Aber eigentlich gefällt mir die Art, wie du das Thema hier entfaltest, gut. Das "vor" der Schlusszeile ist ein kleiner Stolperstein, der den Leser etwas aus dem Gedicht straucheln lässt - was aber sehr wohl etwas hat!

Ferdigruß.
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 24.07.2011, 21:04

Hallo,

das ursprüngliche Metrum hatte ein Frage-Antwort-Spiel: Daktylen mit Auftakt im Anfangsvers und Trochäen mit Auftakt in der Replik, dann fing es an, dass trochäische Zeilen inhaltlich besser als Erstvers passten etc. (und mein Formtrieb [und -Können] so viel schwächer ist als mein Spieltrieb).
x Xxx Xxx Xx
x Xx Xx Xx Xx Xx

Tja, die Zehrung, sie wich der prosaischen Nahrung und schien mir hier soviel passender (da es um das nicht-nährende, auszehrende geht). Für deinen sehr berechtigten Einwand, Ferdi, kann das arme, sterbende Wort nichts, ich führe es hier quasi im Krankenhausgarten nochmal durchs Licht.

Schöne Grüße
Franz

PhönixBerlin

Beitragvon PhönixBerlin » 25.07.2011, 07:51

Da Fledermäuse meist in Höhlen oder anderen dunklen Unterkünften zu finden sind, handelt dein Text vermutlich von Flughunden, die an den Ästen von Bäumen hängen, wobei ich nicht weiß, ob die auch mit Echolot ausgestattet sind. ;-)
Interessant ist dein Text allemal. Was die Metrik betrifft, so ist sie wohl meiner Meinung nach in ungereimten Gedichten nicht so wichtig wie in gereimten, zumal sie jeder nach seinem eigenen Rhythmus liest.
Gruß aus Berlin

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Ylvi
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Registriert: 04.03.2006

Beitragvon Ylvi » 26.07.2011, 19:26

Hallo Franz,

gefällt mir gut, die Flughundbetrachtung mit ihren inneren Bezügen und Klängen. Eine schnörkellose und angenehm kühle, unaufgeregte Sprache, die auch mit Worten wie Herz, Tanz und Schatten ganz natürlich umgehen kann. Liest sich toll, ich bleibe jedoch an ein paar Stellen hängen, ohne dass ich dafür einen Grund finden kann, vielleicht übersehe ich etwas?
Nun sind wir uns Dämmrung geworden.
Umflattern uns mit nadelspitzen Zähnen.
Klanglich habe ich mit der Dämmrung kein Problem, aber mit dem doppelten "uns". In der zweiten Zeile fände ich ein "einander" schöner gelöst?
Verbunden im Spott auf die taumelnden Falter,
erdferne Engerlinge, uns zur Übung: jagen, ohne hinzusehen.
Diese Zeilen scheinen mir ein wenig aus den anderen herauszufallen, vielleicht weil sie zu viel Information enthalten müssen und dadurch arg verdreht sind, was die "erdfernen Engerlinge" dann noch zusätzlich zungenverknotet. :) Ist das "uns zur Übung" wichtig? Im Vergleich mit den anderen Zeilen hätte ich hier eher etwas erwartet wie: Erdferne Engerlinge, wir jagen sie, ohne hinzusehen.
(Sagt man wirklich "im Spott auf"?)
Gibt es einen Grund, warum du hier und im nächsten Verspaar zum Komma hinter der ersten Zeile wechselst?
Wir hören nur das Echo des eigenen Rufs.
Erkennen die Störung und jählings drehen wir ab.
Das Abdrehen ist klasse umgesetzt!
Doch unser Flug ist ein Wimpernschlag von Schatten.
Und wieviel Schatten quillt vor jeder einzelnen Nacht.
Sehr schön bildhaft!

Die fehlenden Artikel bringen mich beides Mal zum Stolpern. Beim Echo könnte ich mir das noch irgendwie durch einen Bezug zur "Störung" erklären, aber da es beim "Wimpernschlag" auch fehlt, vermute ich einen anderen Grund?

Den Titel finde ich weniger gut gewählt. "Zwielicht" und "Dämmrung" treten so kurz aufeinander für mich in Konkurrenz und schwächen sich gegenseitig. Auch kann er für mich nicht mit den starken Zeilen des Gedichtes mithalten, oder eine zusätzliche Ebene eröffnen.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 26.07.2011, 23:12

Hallo Flora,

danke für die Anmerkungen, sie sind sehr hilfreich und gut begründet.
(von unten nach oben:)
Der Titel gefiel mir selbst nicht aus denselben Gründen, die du nennst, ich habe nur immer noch keine andere Idee - vielleicht nehme ich doch nur die erste Zeile - oder lasse den Titel ganz weg.
Die fehlenden Artikel ergaben sich aus dem lauten Sprechen und korrespondieren für mein Gefühl zu den Zweizeilern. Etwas von dem Schlaglichtartigen, das Fledermäuse im Flug zeigen, wollte ich drin haben - nicht soweit, dass der Leser 'rausfliegt', aber es sollten abrupte Sentenzen sein.
Die nächsten Anregungen habe ich dein Einverständnis vorausgesetzt und eingebaut, dein Vorschlag zur Jagd ist besser.
Das doppelte "uns" am Anfang verstärkt für mein Empfinden das verhakelte, bei "einander" stört mich sowohl das Metrum etwas, als auch die enge Vokalfolge einander mit nadelspitzen - also a e i a e i (was in anderem Kontext sicher reizvoll sein kann).

Vielen Dank nochmal und Grüße
Franz

Max

Beitragvon Max » 30.07.2011, 00:03

Lieber Franz,

das finde ich einen sehr intensiven Text, zumal er hinter der ersten, offensichtlichen Bedeutung noch sehr viele andere birgt. Gerade die erste Zeile mag ich, dies aber vielleicht eher aus persönlichen Gründen, manch Abend ließe sich damit überschreiben.

Eine sehr guter Text
;Max

pjesma

Beitragvon pjesma » 07.08.2011, 10:34

Bunter Flügel würdig wäre der wendige Tanz. !!!

neulich im schwimmbad, eine kleine, verwirrte, dürstige...fast 10 minuten dicht übers wasser...ja, fast wie ein schmetterling:-)
werd ich jetzt sehr verpöhnt, wenn ich nur ein "ich mag das gedicht" reinwerfe? es bringt mir bilder, die ich, mit erkennen aufnehmen und mir fürs länger merken kann...


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