was bleibt

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Oldy

Beitragvon Oldy » 30.06.2011, 11:39

jeder atemzug
ein letzter
gedanke
ein
aus

tilgt im takt
was war
nichts bleibt
spurlos
das tun
und
lassen
kein bedauern
vor dem letzten

aus
Zuletzt geändert von Oldy am 02.07.2011, 17:44, insgesamt 1-mal geändert.

Jürgen

Beitragvon Jürgen » 01.07.2011, 13:25

Hallo Oldy,

Das habe ich gern gelesen. Das Thema mag ja nun wirklich omnipräsent sein, aber die Umsetzung gefällt mir. Die Umbrüche sind gut gesetzt. Auch das abgesetzte Aus zum Schluss hat was, obwohl ich mir den Text auch ohne das Wort vorstellen könnte.

Schöne Grüße

Jürgen

Oldy

Beitragvon Oldy » 01.07.2011, 16:53

Danke für den freundlichen Kommentar.
Omnipräsenz ist etwas, was mich weder interessiert noch vom Schreiben abhält. Ich schreibe meist aus dem Moment, aus einem Gedanken heraus, der sich dann zu einen Werk entwickelt. Mehr Bauch als Kopf.
Diese Thematik interessiert mich stark und daher sind auch viele meiner Werke (auch die Kurzgeschichten) dort angesiedelt.
Es ist meine Art der Auseinandersetzung.

Das "aus" am Ende lasse ich nun stehen, obwohl ich deinen Einwand dazu schon öfter gehört habe. Ich mag diese "Abschlussworte".

lg
Uwe

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 01.07.2011, 17:29

Oldy hat geschrieben:jeder atemzug
ein letzter
gedanke


ein - der Brustkorb hebt sich letzter Atemzug, der Brustkorb füllt sich - ein letzter Gedanke ...

ein
aus


vielleicht würde ich dieses Ein/Aus irgendwo reproduzieren?

tilgt im takt
was war


ticktack -- tilgt im Takt - eine sehr schöne Lautmalerei zur Zeit ...

nichts bleibt
spurlos


Diese Aufeinanderfolge von "Nichts bleibt" (irgendwie schrecklich banale Aussage, die aber durch das Hinzufügen von spurlos" aus der Banalität gerettetwird


das tun
und
lassen

idem


kein bedauern
vor dem letzten

aus


da wird es zu ... ich weiß nicht, wie ich es sagen soll .... das Gedicht driftete beständig in eine Richtung, die du nicht bestimmst, und das macht es dem Leser schwer, deinem Mäandern zu folgen ... Trotzdem bleibe ich dabei, dass es mir gefällt trotz dieser von mir festgestellten Mängel, weil es eine eigene Sprache hat un vielleicht auch, weil die Ausssage trotz aller Kritik reltiv eindeutig festgestellt ist.


Lieber Uwe,

ich glaube, wir begegnen uns hier zum ersten Mal - Ich bin weder hauptsächlich an Lyrik interessiert, noch schätze ich diese von dir gewählte Form,, die mir scheint wie ein Anklang an die - trockenen - Lyriktöne der 50iger Jahre ... das ist die kritische Einleitung, denn dein Gedicht gefäööt mir gut. Dir ist mMn gelungen, etwas aus diesen trockenen (pfeifemden? - aus dem letzten Loch pfeifen) Atemzügen etwas zu schaffen, einelautmalerische Folge von ein und aus ---

siehe oben

Oldy

Beitragvon Oldy » 02.07.2011, 16:24

Hallo Renee,

danke für den freundlichen Kommentar und die Auseinandersetzung mit meinen Werk.
Ich versuche, meine Werke nach Möglichkeit mit einem Sprechtakt zu schreiben, der meist recht fließend ist. Die hier gewählte Form ist also einen Sprechtakt geschuldet.
Ich bin ein Freund der Reduktion und versuche daher, mit wenigen Zeilen viel auszudrücken. Manchmal gelingt mir das nicht recht. Hier denke ich eine Form gefunden zu haben die sowohl meiner Denkweise als auch meinem Sprachgefühl entspricht.
das Gedicht driftete beständig in eine Richtung, die du nicht bestimmst, und das macht es dem Leser schwer, deinem Mäandern zu folgen
Hier habe ich ein Verständnisproblem. Einerseits driftet das Werk beständig in eine Richtung, andererseits mäandert (sich schlängeln) es. Was genau meinst du damit?

lg
Uwe

Niko

Beitragvon Niko » 02.07.2011, 17:19

mir gefällt gerade das nochmals durch absetzen unterstrichene "aus", oldy. schön, dich wieder mal zu lesen. oder hast einen anderen namen gehabt und bist jetzt wieder virtuell umgetauft? man wird ja langsam unsicher diesbezüglich...

mir gefällt das gedicht sehr. zwar hätt ich mir gut vorstellen können, zwischen "aus" und "tilgt" eine leerzeile zu setzen, aber du wahrscheinlich nicht. :pfeifen:

liebe grüße: niko

Oldy

Beitragvon Oldy » 02.07.2011, 17:29

Hallo Niko,
ich bin schon jener welcher. Danke für den freundlichen Kommentar.
zwischen "aus" und "tilgt" eine leerzeile zu setzen
Ich bin mir nicht sicher, welche Stelle im Text du für die Leerzeile meinst. Kannst du das Werk einfach mal mit der Leerzeile hier posten?

lg
Uwe

Niko

Beitragvon Niko » 02.07.2011, 17:31

hier, uwe!

jeder atemzug
ein letzter
gedanke
ein
aus

tilgt im takt
was war
nichts bleibt
spurlos
das tun
und
lassen
kein bedauern
vor dem letzten

aus

Oldy

Beitragvon Oldy » 02.07.2011, 17:43

Diese Gedankenpause, dieses kurze Innehalten, gefällt mir.
Mir ist gerade beim Lautlesen aufgefallen, dass ich beide Fassungen gleich gelesen habe, mit der von dir vorgeschlagenen Trennung, einem kurzen Moment lang. Das habe ich ganz unbewusst getan. Komisch das.
Ich werde die Leerzeile gerne übernehmen.
Danke für deine Aufmerksamkeit.

lg
Uwe

Oldy

Beitragvon Oldy » 02.07.2011, 17:46

Hallo Renee,

gerade fiel mir noch deine Frage auf, fast überlesen. Entschuldige.
vielleicht würde ich dieses Ein/Aus irgendwo reproduzieren?

Ich weiß nicht recht, wie das aussehen soll. Hast du einen Vorschlag?

lg
Uwe

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 03.07.2011, 08:00

Lieber Uwe,


Es geht mir neuerdings darum, die Kommentierfunktion des Forums so gewissenhaft wie möglich auszuüben, da mir daran liegt, dass nicht nur Eingeschworene sich untereinander kommentieren, sondern auch Ausflüge (und Einflüge) in Bereiche möglich sind, für die man sich weniger Kenntnisse oder Einsichten zutraut. Im Vertrauen darauf, dass eine Meinung ausgedrückt werden darf, die auf der Begründung des Kommentierenden aufbaut.

Das nur als grundsätzliche Bemerkung ...

zu deiner Frage diesen Satz betreffend:

.. das Gedicht driftete beständig in eine Richtung, die du nicht bestimmst, und das macht es dem Leser schwer, deinem Mäandern zu folgen ...


Die ständige (sehr spannende und interessante) Doppeldeutigkeit wie etwa in "nichts bleibt" .... "spurlos" - ständig ist in einem so kurzen Gedicht gerechtfertigt, wenn das zwei Mal vorkommt ... habe ich als ein Hin-und Her empfunden, was dem Pendelschlag der Zeit entspricht, aber auch eine Zerrissenheit ausdrückt, ein Hin- und Her Gerissensein, den Atemzug selbst als geradezu qualvolle Metapher des Lebens:Nichtlebens ... kann dies zB sehr gut nachvollziehen ...

Da du dieses Hin- und Her inszenierst, im Grunde aber dem atmenden Ich keine Stelle gibst, bleibt für mich der Haupteindruck dieses Schwanken.

Im übrigen wirkt der Text jetzt, nachdem ich ihn für mich so aufgeschlüsselt habe, wesentlich stärker.


zu deiner zweiten Frage ... vielleicht hätte ich selbst einen ganz anderen Text geschrieben, vielleicht hätte ich das EIN/AUS noch verstärkt

zB so: (mit deiner Erlaubnis)


jeder atemzug
ein letzter
gedanke
ein
aus

tilgt im takt
was war
ein
aus
nichts bleibt
spurlos
ein
aus
das tun
und
lassen
ein
aus
kein bedauern
vor dem letzten

aus


Wie du siehst, neige ich zum Überflüssigen ... (da mir die gestrichenen Worte Leid tun ... :rolleyes: :rolleyes: :rolleyes:

liebe Grüße
Renate

Oldy

Beitragvon Oldy » 03.07.2011, 10:51

Hallo Renee,

danke für deine Erklärung.
Deine Version ist interessant, besonders, wenn man sie mit Betonung auf das "ein.aus" liest. Überflüssig würde ich das nicht nenne, eher lautmalerisch.
Ich bin jedoch eher ein Freund der Reduktion und daher würde zumindest hier so nicht schreiben, sondern mich auf das Wesentlichen konzentrieren. So hier geschehen.
Ich danke dir für die Auseinandersetzung und deine Interpretation / Umsetzung.

lg
Uwe


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