Der verrückte Gärtner (II)
Alles, was er nicht mehr will
wirft er in seinen Garten
Er wartet
bis seine Wildwiese jeden
Erinnerungsteppich üppig bewächst
Wenn gelbliche Halme
im Sommersturm knicken
denkt er bereits ans Winterschwarz
das er so liebt
Dann holt er Tische und Stühle
aus dem Verschlag
lädt Gäste ein, die er längst
verabschiedet hat
Kauft Seidenblüten in tönernen Töpfen
stellt sie am Abend in den Wind
dazu das Plastikkreuz aus dem Keller
für alles, was einmal war
Der verrückte Gärtner (II)
Hallo Amanita,
das gefällt mir sehr, finde ich toll!
wüst, beängstigend, nahe, verkrüppelt, wirr, durcheinander, dabei im Verhalten mit einer speziell "Verrückten" eigenen Klarheit, der man auf keinen Fall nicht zu nahe kommen will, weil überall Plastikkreuze wachsen und Gäste zu früh verabschiedet wurden, und weil man selbst auch einen Hang hat zum Winterschwarz, das man nicht mögen, schon gar nicht lieben darf, denn es gilt, den Sommer zu huldigen, der Mehrheit zu frönen, und darüber hinaus passt das Gedicht gerade auf eine merkwürdige Art in meine ganz private Umzugs-Maschinerie, deren Rädchen immerzu am Laufen gehalten werden müssen, damit es nirgendwo stockt, und es sind so viele Rädchen!, und jedes dreht Erinnerungen durch die Luft, ein Sterben, ein Werden, ein Wachsen, ein Ausreißen, ein Wegwerfen, ein verdammtes Entscheiden in einer Tour, wie es wohin mit was weitergeht, und natürlich sind das alles Dinge (sind Pflanzen Dinge?), aber an denen hängen so viele Nicht-Dinge, Handgriffe, Gedanken, Räume, Unbeweglichkeiten, Verstimmtheiten, Bilder, Töne, Verzerrungen, dass man - wie der verrückte Gärtner? nur nicht im Negativ?) - glatt vor lauter Ausmisten zum Animisten werden könnte, wenn man wüsste, was genau das tatsächlich wäre ;)
(Gibt es auch einen ersten verrückten Gärtner? Ich komme im Moment kaum zum Lesen, hab ich das übersehen?)
"you shall love your crooked neighbour/ with your crooked heart", schrieb Auden, das gilt bestimmt auch für den Gärtner, oder?
im Ernst: das ist ein starker Text! Dabei mit leichter Hand hingetupft, unangestrengt, ein Bild gemalt, das mehr ist als ein Bild, mit all der unaufdringlichen Tiefenschärfe und Farbigkeit, die ein Lebens-Bild braucht, um eben das zu sein: Kunst.
herzlich
klara
das gefällt mir sehr, finde ich toll!
wüst, beängstigend, nahe, verkrüppelt, wirr, durcheinander, dabei im Verhalten mit einer speziell "Verrückten" eigenen Klarheit, der man auf keinen Fall nicht zu nahe kommen will, weil überall Plastikkreuze wachsen und Gäste zu früh verabschiedet wurden, und weil man selbst auch einen Hang hat zum Winterschwarz, das man nicht mögen, schon gar nicht lieben darf, denn es gilt, den Sommer zu huldigen, der Mehrheit zu frönen, und darüber hinaus passt das Gedicht gerade auf eine merkwürdige Art in meine ganz private Umzugs-Maschinerie, deren Rädchen immerzu am Laufen gehalten werden müssen, damit es nirgendwo stockt, und es sind so viele Rädchen!, und jedes dreht Erinnerungen durch die Luft, ein Sterben, ein Werden, ein Wachsen, ein Ausreißen, ein Wegwerfen, ein verdammtes Entscheiden in einer Tour, wie es wohin mit was weitergeht, und natürlich sind das alles Dinge (sind Pflanzen Dinge?), aber an denen hängen so viele Nicht-Dinge, Handgriffe, Gedanken, Räume, Unbeweglichkeiten, Verstimmtheiten, Bilder, Töne, Verzerrungen, dass man - wie der verrückte Gärtner? nur nicht im Negativ?) - glatt vor lauter Ausmisten zum Animisten werden könnte, wenn man wüsste, was genau das tatsächlich wäre ;)
(Gibt es auch einen ersten verrückten Gärtner? Ich komme im Moment kaum zum Lesen, hab ich das übersehen?)
"you shall love your crooked neighbour/ with your crooked heart", schrieb Auden, das gilt bestimmt auch für den Gärtner, oder?
im Ernst: das ist ein starker Text! Dabei mit leichter Hand hingetupft, unangestrengt, ein Bild gemalt, das mehr ist als ein Bild, mit all der unaufdringlichen Tiefenschärfe und Farbigkeit, die ein Lebens-Bild braucht, um eben das zu sein: Kunst.
herzlich
klara
Hallo Amanita, bin von dem Gedicht auch begeistert, denn vieles, was wir im ersten Augenblick nicht verstehen, hat doch oft eine Logik oder persönliche Bedeutung. Und diese Rätsel und Merkwürdigkeiten machen keinen geringen Teil der Lebensspannung und -intensität aus, auch wenn sie manchmal ins genaue Gegenteil oder völlige Unberechenbarkeit umschlagen könnten.
Ein Klang zum Sprachspiel.
Liebe Klara, ich danke Dir, wollte meinen Text nämlich fast schon wieder verwerfen, weil er mir plötzlich "zu normal" vorkam!
Ja, es gibt auch einen Verrückten Gärtner I, ich finde ihn bloß nicht wieder, weiß nicht einmal mehr, ob ich ihn hier ein- bzw. vorgestellt habe. Dieser erste Text hat meinen Sohn völlig fasziniert, als er mit war auf einer Lesung, und er prägte den Begriff Nachtgärtner.
Was Du von der Umzugs-Maschinerie schreibst, habe ich ja im letzten halben Jahr mit der Auflösung meines Elternhauses erlebt; das war eine ganz ähnliche Rädchen-Geschichte, die mir (vermutlich ähnlich wie Dir) ziemlich viel Energie genommen hat, andererseits meine Perspektiven auch erweiternd verändert hat. Und ich kam mir manchmal ähnlich verrückt vor wie dieser Gärtner.
Inzwischen hat sich auch Arne gemeldet! Dir auch vielen Dank. Also - lach - scheint der Text ja doch nicht zu normal zu sein.
Ja, es gibt auch einen Verrückten Gärtner I, ich finde ihn bloß nicht wieder, weiß nicht einmal mehr, ob ich ihn hier ein- bzw. vorgestellt habe. Dieser erste Text hat meinen Sohn völlig fasziniert, als er mit war auf einer Lesung, und er prägte den Begriff Nachtgärtner.
Was Du von der Umzugs-Maschinerie schreibst, habe ich ja im letzten halben Jahr mit der Auflösung meines Elternhauses erlebt; das war eine ganz ähnliche Rädchen-Geschichte, die mir (vermutlich ähnlich wie Dir) ziemlich viel Energie genommen hat, andererseits meine Perspektiven auch erweiternd verändert hat. Und ich kam mir manchmal ähnlich verrückt vor wie dieser Gärtner.
Inzwischen hat sich auch Arne gemeldet! Dir auch vielen Dank. Also - lach - scheint der Text ja doch nicht zu normal zu sein.
Liebe Amanita,
da ist er, dein erster Text vom verrückten Gärtner:
viewtopic.php?f=43&t=11749
Ich fand ihn origineller, als diesen hier. Dabei fängt er mit der ersten Strophe total interessant an. Ich stellte mir gleich vor, was da so alles im Gras landet und womit es wohl überwachsen oder bewohnt wird, welche Formen und Farben es annimmt. Aber dann kam nichts mehr in dieser Richtung. Im Sommer an Winter denken, Stühle in den Garten stellen und Gäste einladen, das ist mir zu sehr 1:1 erzählt. Seidenblumen, wenn alles rundherum blüht? Warum?
Viele Grüße
fenestra
da ist er, dein erster Text vom verrückten Gärtner:
viewtopic.php?f=43&t=11749
Ich fand ihn origineller, als diesen hier. Dabei fängt er mit der ersten Strophe total interessant an. Ich stellte mir gleich vor, was da so alles im Gras landet und womit es wohl überwachsen oder bewohnt wird, welche Formen und Farben es annimmt. Aber dann kam nichts mehr in dieser Richtung. Im Sommer an Winter denken, Stühle in den Garten stellen und Gäste einladen, das ist mir zu sehr 1:1 erzählt. Seidenblumen, wenn alles rundherum blüht? Warum?
Viele Grüße
fenestra
Seidenblumen, wenn alles rundherum blüht? Warum?
Ja, das frage ich mich auch. Der typische Kleingärtner macht so was eben nicht...
{Ergänzung: Heraus kommt eine merkwürdig-abschreckende Ästhetik: Künstliche Blumen in einem nicht-gepflegten Garten, das sieht wirklich ätzend aus. Diesen Garten gibt es wirklich, und er regte mich zu den Texten an; bisher sind es drei. Immer wenn ich dran vorbeikomme, ist wieder eine Änderung vorgenommen worden, die der Garten "schlucken" muss. Wenn im November eine Sitzgruppe im Vorgarten aufgestellt wird - mit Blümchenvase auf dem Tisch -, dann ... s. o.: Überschrift}
Finde diesen zweiten Text bei weitem lebendiger. Er ist ausfürlicher, beschreibt mehr die seltsame Stimmung und erklärt diese auch. Da können dann die eigenen Gedanken der Leser/innen ansetzen ...
Zuletzt geändert von Eule am 21.06.2011, 11:52, insgesamt 1-mal geändert.
Ein Klang zum Sprachspiel.
Hallo Amanita,
das gefällt mir auch sehr! Ich finde es eindrücklicher als den ersten Gärtner. Ich glaube die Perspektive, das nicht wertende und dadurch nahe, fast liebevolle "Hinschauen" und "Wahrnehmen" eines Erzählers erscheint mir hier stimmiger, als die Ich-Perspektive.
Einzig der "Erinnerungsteppich" sticht für mich heraus, weil er sich auf einer anderen Ebene bewegt, benennt anstatt zu zeigen, was der Rest des Gedichtes so natürlich und leicht (er)schafft. Zudem macht er das zuvor evozierte Bild des "Hinauswerfens" von Gegenständen und des Wartens für mich schwierig, weil ich plötzlich nur noch einen Teppich sehe und mich dann auch frage, wie auf diesem eine Wiese wachsen kann, ohne ihn vorher zu "begraben" und Wildwiesensamen darauf zu streuen, was aber wieder eine ganz andere innere Haltung des LIchs für mich bedeuten würde. Ich würde ihn streichen und dafür die Wildwiese üppig über die Dinge wachsen lassen.
Liebe Grüße
Flora
(P.s. ... auch ein sehr feines flitterflatterKrötenschnatterElfchen gerade :) )
das gefällt mir auch sehr! Ich finde es eindrücklicher als den ersten Gärtner. Ich glaube die Perspektive, das nicht wertende und dadurch nahe, fast liebevolle "Hinschauen" und "Wahrnehmen" eines Erzählers erscheint mir hier stimmiger, als die Ich-Perspektive.
Einzig der "Erinnerungsteppich" sticht für mich heraus, weil er sich auf einer anderen Ebene bewegt, benennt anstatt zu zeigen, was der Rest des Gedichtes so natürlich und leicht (er)schafft. Zudem macht er das zuvor evozierte Bild des "Hinauswerfens" von Gegenständen und des Wartens für mich schwierig, weil ich plötzlich nur noch einen Teppich sehe und mich dann auch frage, wie auf diesem eine Wiese wachsen kann, ohne ihn vorher zu "begraben" und Wildwiesensamen darauf zu streuen, was aber wieder eine ganz andere innere Haltung des LIchs für mich bedeuten würde. Ich würde ihn streichen und dafür die Wildwiese üppig über die Dinge wachsen lassen.
Liebe Grüße
Flora
(P.s. ... auch ein sehr feines flitterflatterKrötenschnatterElfchen gerade :) )
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)
Danke, liebe Flora (auch fürs ausnahmsweise-mal-kommentierte Elfchen
.
Den Erinnerungsteppich möchte ich gern erhalten; erstens wegen des Klangs, zweitens möchte ich darauf hinweisen, dass irgendwas in früheren Jahren/ in der Erinnerung bei dem Typen schon schiefgelaufen sein muss; und drittens schmeißt er wirklich Teppiche in den Garten - was zwar eher unwichtig ist fürs Gedicht, mich in dem Fall aber irgendwie "begeistert"; denn es wächst tatsächlich "Gras drüber", (ist nur eine Frage der Zeit!).
Ich empfand das Wort als Pendant zu Winterschwarz - also nicht als "Ausreißer".
. Den Erinnerungsteppich möchte ich gern erhalten; erstens wegen des Klangs, zweitens möchte ich darauf hinweisen, dass irgendwas in früheren Jahren/ in der Erinnerung bei dem Typen schon schiefgelaufen sein muss; und drittens schmeißt er wirklich Teppiche in den Garten - was zwar eher unwichtig ist fürs Gedicht, mich in dem Fall aber irgendwie "begeistert"; denn es wächst tatsächlich "Gras drüber", (ist nur eine Frage der Zeit!).
Ich empfand das Wort als Pendant zu Winterschwarz - also nicht als "Ausreißer".
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