Kathrin und ich ziehn in Berlin über den Karneval ...

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Louisa

Beitragvon Louisa » 12.06.2011, 11:32

Kathrin und ich ziehn in Berlin über den Karneval der Kulturen, fallera!
[Eine Collage des Abends]


Nein, nein -
ich will kein Kleid, ich will einen Jump-Suit
von einem der Stände hier! Ganz einfach:

ein Jump-Suit zum hinein-
schlüpfen, ganz leger und trotzdem (!)
elegant. Das ist der große Lohn

einer Zivilisation: der/die/das Jump-Suit -
und alles hier kostet 20 Euro:
Die Armreifen, die Afrika-Zöpfe-Köpfe,
auch die Pädagogen-Pluderhosen
(und das Jump-Suit).

Kathrin trägt eine gelbe Sonnenbrille
von Peter gegen 22 Uhr. Diese Idylle
im Kummer, denn alle unglücklichen Lieben
heißen Peter - sagen wir, ach ja!

Couscous ist ein Muss hier und die Hausfraun
wiederholen hinter mir: "Schön scharf, was?
Schön scharf! Mmm...aber schön scharf!"
Kathrin fragt, ob sie Caipirinha holen darf.

Nebenbei: Man hat den Eindruck, jede Kultur
auf der Erde trinkt ständig Caipirinha,
denn es gibt ihn ringsumher.

Leer sind unsre Teller, eine Frau aus Togo
trägt sie fort und sagt; singt beinah ganz
mantrisch hinterher: "Ihr kommt einmal
nach Wedding? Da gibt es Musik und Buffet,
ok?"

Beim Radio Multi-Kulti gewinnen wir Absinth,
zwar werden wir nicht blind, aber dennoch
erklärt uns eine Glücksrad-Frau mit Hennahaar:
"Damit ham sich die von damals schwer vergiftet,
es gab ja eine richtige Absinth-Kultur! Ja, ja!
Seid ihr morgen da? Geht mal in die Halle.
Da könnt ihr zuschauen, was die Leute machen."

Wir gehen langsam weiter und fangen an zu lachen.
Diese Frau bleibt ein Mysterium - darum kommen wir
auf eine Wiese und lehnen uns an eine Birke.

Deutsche Mitte 20 fotografieren meine Beine
und bringen uns zwei Bier. Wir,
Königinnen auf der Wiese!" meine ich
und Kathrin sagt zu einem: "Ihr seid gute Jungs!
Jawohl!"

Danach wollen Afrikaner mit uns Salsa tanzen.
Einer trinkt von meinem Bier, ich meine leise,
politisch inkorrekter Weise: "Die Afrikaner
können auch furchtbar aufdringlich sein."

Eine Gruppe Araber will uns anscheinend
telefonisch kontaktieren, doch wir sagen nein.
"Warum?"
"Ihr seid zu jung!" rufe ich genüsslich, denn
so etwas habe ich noch nie gesagt, wie zwei

Puff-Muttern sitzen wir nun an der Birke.
"Macht ihr Yoga, höhö?" werden wir gefragt.
Kathrin sagt ja, ich nein -

Schließlich werden wir magisch angezogen
von einer betörenden Trommelgruppe, das heißt,
ob es tatsächlich Trommler wären oder nicht,
sehen wir vor lauter Menschen nicht.

"Meinst du die tanzen hier rund um eine
Stereo-Anlage?"
"Weiß ich nicht." - und so drängen wir
uns ins Dickicht der Passanten

und erkannten, dass es tatsächlich Trommler
waren. Ich behaupte mal aus Afrika.
Eine Frau tanzt und zeigt dabei jedem
ihre rote Ledertasche vor ihr auf der Wiese.

"Vorsicht!" schreit sie und so tanzen Kathrin
und ich lange um die rote Ledertasche
wie um ein heiliges Opfertier. Die Dynamik
dieser Menschenmasse bringt uns dann

dazu uns alle hinzuknien. So knieen wir
und wippen allesamt im Takt. Ein Trommler
schreit: "Uga-la-la! Uga-la-la!" und wir
schreien es ihm nach.

Ich bekomme auf einmal einen Lachkrampf
wie zu Schulbank-Zeiten und stecke damit
meine Nachbarn an, sodass wir alle
aufeinander kippen

und die Trommeln werden schneller,
wir liegen auf der Wiese, die Araber, Afrikaner,
Polen und ich - und wir lachen und lachen
als gäbe es die Kulturunterschiede nicht.

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 14.06.2011, 01:25

Hallo Louisa,

bevor ichs vergesse ein Typo: Zivilasation in Str. 3.

Ich lese diese Art von Gedicht gern, in denen eine große Fülle von Eindrücken sich in einem ausführlich schildernden, gerne fast schon geschwätzigen LI sammeln. Diesen Ton finde ich recht authentisch (Stockungen bei mir waren 'politisch inkorrekt' und bei 'Dynamik dieser Menschenmassen' ), das Spiel mit den Binnenreimen finde ich auch gelungen, könnte ich mir auch noch mehr davon darin vorstellen.
Ganz unglücklich bin ich dann nur mit der letzten Zeile, da regt sich so ein pädagogischer Zeigefinger, der den ganzen Eindruck für mich platt macht und den Ton des Gedichtes verlässt, den würde ich weglassen.
Grüße
Franz

aram
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Registriert: 06.06.2006

Beitragvon aram » 14.06.2011, 01:52

hallo räuber, im gegensatz zu dir lese ich die letzte zeile ganz klar ironisch, womit sie zu einer art schlusspointe wird, die für mich nahezu den ganzen text trägt (eine un-ironische lesart ist mir durch die aus der konjunktivischen konstruktion folgenden doppelten verdrehung nicht möglich, da sie sich selbst ad absurdum führte: die erfahrung einer unterschiedslosigkeit diente dem festhalten von unterschieden)
liebe lou, genau deshalb gefällt mir der text!
(kostet da wirklich alles 20 euro und nicht 19(90)? -wenn ja, fast schon ein grund mal wieder hinzugehen.-)

Louisa

Beitragvon Louisa » 15.06.2011, 09:24

20 Piepen :smile: !

aram
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Registriert: 06.06.2006

Beitragvon aram » 15.06.2011, 10:03

.-)

pjesma

Beitragvon pjesma » 27.06.2011, 21:38

das ist schräg, das gefällt mir. das kann ich jetzt auch nicht sachlich auseinandersetzen, entschuldigt. ist wie freistyltanzen :-)


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