Anleitung Schneeofen

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 05.06.2011, 11:48

Anleitung Schneeofen


Schneekacheln sind sechseckig, sommers schwer zu finden.
Kinder entdecken sie nie, weil der Fingerzeig fehlt;
dabei gibt es sie reichlich, liegen über kreuz und quer,
blinzeln verrückt und machen es noch schwerer.

Autoabgase setzen ihnen sehr zu.
Gerne schmiegen sie sich an Gänseweiher,
oder hinter verborgene Berghütten, in denen
Schlitten mit handgebogenen Kufen modern.

Schneekacheln dürfen nur mit speziellem
Schneekachelkleber befestigt werden. Fugen
traditionell in Lapislazuli, gibt es in allen Lidschattenfarben.
Sie werden nur innen verbaut, nicht auf Holzböden zulässig.

Überhaupt sind Schneekacheln Männersache.
Frauen räkeln sich aber abends gern nackt
auf einem Eisbärenfell vor dem Sommerofen,
dann hört man ihn leise schnattern.


- erste Version: -
Anleitung Schneeofen

Schneekacheln sind sechseckig , sommers schwer zu finden.
Kinder entdecken sie nie, weil der Fingerzeig fehlt,
dabei gibt es sie reichlich, sie liegen kreuz und quer,
blinzeln verrückt und machen es noch schwerer.

Sie schmiegen sich gerne in Höhlen unter Gänseweihern.
Oder hinter abgelegene Berghütten,
an die handgebogene Buchenskier genagelt sind.
Autoabgase setzen ihnen sehr zu.

Schneekacheln dürfen nur mit speziellem
Schneekachelkleber befestigt werden. Fugen,
traditionell in Lapislazuli, gibt es in allen Lidschattenfarben.
Sie werden nur innen verbaut, dabei trinkt man Bier.

Überhaupt ist Schneeofenbau Männersache.
Frauen lieben es aber erfahrungsgemäß
sich abends auf einem Eisbärenfell
nackt vor dem Sommerofen zu räkeln.
Zuletzt geändert von RäuberKneißl am 14.06.2011, 01:39, insgesamt 2-mal geändert.

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 06.06.2011, 11:54

Hallo Franz,

so ganz klar komme ich mit diesem deinem Werk nicht... Ich muss z.B. gestehen, keine wirkliche Vorstellung von einem "Gänseweiher" zu haben ;-) Was mich da aber vor allem stört, ist das "Sie schmiegen sich unter Gänseweiher" - wie soll ich mir das vorstellen?! Oder gehören die "Gänseweiher" zu den "Höhlen" - dann müsste es aber doch "in Höhlen unter Gänseweihern" heißen, oder? Ist "Gänseweiher" vielleicht eine Ortschaft?? Du siehst, ich rätsele :-)

Im dritten Abschnitt habe ich das "Sie werden verbaut" im ersten Moment zu "Fugen" stellen wollen, aber das macht keinen Sinn - der Neuansatz hat's dann richtig gemacht (Aber fehlt hinter "Fugen" nicht ein Komma?)

Der Einsatz - Schneekacheln sind sechseckig - gefällt mir von der Bewegung her: — — v, v — — v. Das ist schön gegen die Erwartung gesetzt. Da finde ich es dann schade, dass der Text im weiteren fast vollständig auf die Prosabewegung zurückfällt (so dass eben auch ein wenig der Gedicht-Eindruck verlorengeht)... Immerhin, die zweite Zeile ist ein schöner, wenn auch nach dem fünften Fuß abbrechender Hexameter ;-) Weiter unten habe ich noch die Entsprechung von Schneeofenbau und Eisbärenfell genossen: — — v — ist immer nett zu hören!

Hm... Das war jetzt keine sehr hilfreiche Rückmeldung, fürchte ich. Schon weil ich den Text nicht wirklich verstanden habe. Aber gerne gelesen habe ich ihn trotzdem :-)

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 07.06.2011, 21:51

Hallo Ferdi,
danke für das ausführliche Feedback. Gänseweiher sind nicht sehr reinliche Gewässerchen oder Tümpel, oft hinter dem Hof, etwas abgelegen, an dem Bauern (früher) ihre Gänse hielten. Höhlen an Weihern sind auch ein altes Motiv, denn dort würde früher Eis 'geerntet', in Blöcken aus dem zugefrorenen Tümpel gesägt und für den Sommer eingelagert. Dem Dativ werde ich gleich Genüge tun.
Mit den Versfüßen triffst du eine Stelle, an der ich immer schwanke, einerseits reizen sie, anderseits drängen sie sich leicht in den Vordergrund. Das Stückchen ist vor allem dem sehr heißen Nachmittag und dem Versuch geschuldet, handwerklichen Pflichten durch Tagträume von einem Konvektionskühle spendenden Schneeofen zu entrinnen. Den Hinweis auf die prosaischen Passagen werde ich nochmal bedenken, es kommt die ganze männliche Handwerkereitelkeit durch dieses Stilmittel allein nicht rüber, so sagt auch mir mein inzwischen vom Regen gekühlter Verstand.
Grüße
Franz

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 07.06.2011, 22:23

Hallo Franz,
jetzt, wo Du ausdrücklich von "männlicher Handwerkereitelkeit" sprichst, weiß ich endlich, was mir an dem Gedicht so gefällt :o) Es ist genau dieser "Hornbach-Ton", den es anschlägt, der aber zugleich ironisch gebrochen wird, am krassesten durch die "Lidschattenfarben" - ich sehe die biertrinkenden Handwerker vor mir, die lidschattenfarbenes Fugenbreit zwischen die Kacheln schmieren.
Nur die letzte Strophe ist mir irgendwie logistisch zu kompliziert, wenn ich das so sagen darf - erfahrungsgemäß, abends, auf einem Eisbärenfell, nackt, vor dem Sommerofen - das ist mir zuviel adverbiales Zeugs um eine schlichte Räkelei. Leider hab ich aber keinen Vorschlag, wie ich es besser machen würde. Ich leg' mich erst mal auuf den Teppich ... ;o)
Mit Grüßen
Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 08.06.2011, 19:36

Zefira!
Was ist eine nackte Frau ohne Eisbärenfell? Ein Nichts, Schnee in der Sonne ...
Ich werde maximal über das 'abends' nachdenken!
Kopfschüttelnde Grüße
Franz

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 08.06.2011, 19:42

Du könntest auch das "erfahrungsgemäß" weglassen; was erfahrungsgemäß ist, wissen wir sowieso. Sagt mir jedenfalls meine Erfahrung.
(Und ich hab bloß ein Schafsfell von einem glücklich gestorbenen, garantiert rechtsdrehend nachhaltig geschorenen Schaf. Muss ich mir jetzt Sorgen machen ...)

Räkelgruß!
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

Sam

Beitragvon Sam » 11.06.2011, 07:45

Zefira, darf in einem Gedicht nur etwas stehen, was der Leser nicht weiß? Gerade das Wort "erfahrungsgemäß" trägt zu dem Ton der männlichen Handwerkereitelkeit bei.

Franz, das gefällt mir sehr gut. Eine Art von Humor, die mir sehr zusagt.


Gruß

Sam

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 11.06.2011, 09:41

Ich lasse mich immer wieder gerne von deinen bekloppten Szenerien entführen, und es fiele mir im Traum nicht ein, zwischendurch über die Sinnhaftigkeit einzelner Wendungen oder Wörter nachzudenken. Das würde nur den Spaß verderben.

Ich muss sagen, dass ich deine Texte fast ausnahmslos zu den kreativsten Sachen zähle, die ich hier seit langer Zeit im Forum zu lesen bekomme. Das ist einfach ... frisches Schreiben!

Danke dafür,
Tom (Handwerker vor dem Herrn).
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Zefira
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Beitragvon Zefira » 11.06.2011, 09:56

@Sam: natürlich darf drin stehen, was der Autor will. Mir ist es nur in diesem Satz einfach zuviel Reihung. Aber vielleicht gehört ja auch das zur Handwerkereitelkeit.

lG Zefira
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RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 11.06.2011, 10:33

Danke, Sam und Tom.
@Tom
Ich versuche schon, auch bei humorigeren Sachen den Rhythmus und die einzelnen Wendungen und Wörter noch besser hinzukriegen, für mein Gefühl holpert hier noch manches ohne Not - jetzt will ich nicht deine Träume belasten, Tom, freue mich über Lob sehr, genauso aber über kollegiale fachkritische Anmerkungen, die sowohl bei Ferdi als auch bei Zefira ja begründet sind.
Grüße
Franz
PS: Und alles ohne Alkohol!

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 11.06.2011, 10:34

Prost!

:o)
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leonie
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Beitragvon leonie » 11.06.2011, 11:41

Mir gefällt das auch sehr, Herr Räuber.

Ich bezweifle aber, dass Frauen sich lieber vor Sommeröfen räkeln. Der Kontrast von heiß und kalt wäre auch sehr reizvoll.

Liebe Grüße

leonie

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 11.06.2011, 23:58

Hallo, Räuber,

ich finde die Idee auch ausgesprochen originell, habe mich über das Wort "Gänseweiher" besonders gefreut und die Herangehensweise (Handwerkersprache) finde ich köstlich! Für mich wärs - aus den von ferdi angesprochenen Gründen - eher ein kurzer Prosatext. Den Sprung zum Sommerofen hab ich nicht verstanden. Ist der Sommerofen denn der Schneeofen? Ein Eisbärenfell liegt doch eher im Winter vor dem Kamin. Aber macht nix, ich muss nicht alles verstehen.

Viele Grüße
fenestra

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 12.06.2011, 00:38

Mir gefällt der Sommerofen gerade gut, weil er noch einmal darauf hinweist, dass das Gedicht ein eigentlich unmögliches Sujet hat. Was kann ein Schneeofen denn überhaupt sein, wenn nicht ein Sommerofen? UNd was ist überhaupt ein Schneeofen, wird er mit Schnee gebaut oder mit Schnee beheizt? Dass es hier um etwas geht, was eigentlich nicht sein darf, hat man beim Lesen in Strophe 3 wahrscheinlich schon wieder vergessen - das Wort "Sommerofen" erinnert dann noch einmal daran.

Gruß von Zefira
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(Ikkyu Sojun)


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