die Mutter

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 17.05.2011, 15:23

XXX
Zuletzt geändert von Renée Lomris am 05.08.2011, 13:38, insgesamt 1-mal geändert.

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 17.05.2011, 17:53

Hallo Renée,

ich finde das einen sehr schönen Nachruf auf die Mutter.
Ein märchenhafter Einstieg, der sie als "Königin der Zwerge" beschreibt, die dritte von sieben Töchtern (oder Geschwistern?) In der Mitte, also mal die Große, mal die Kleine.
In der zweiten Strophe sehe ich förmlich eines der leicht angegilbten sepiafarbenen Familienaufnahmen vor mir. Gleichzeitig erfahre ich etwas von der Zeit in der sie gelebt haben muss und auch von den Umständen, denen sie ausgesetzt war (Vertreibung), aber nichts wird erklärt, alles kann ich mir aus den Bildern erschliessen.
Die dritte Strophe fängt ein Bild des Wiederaufbaus ein, ein Bild sehr fleißiger Menschen auch.
Was auffällt ist, dass niemals während des gesamten Gedichtes von der Beziehung der Mutter zu ihren eigenen Kindern gesprochen wird.
Da ist nur
Renée Lomris hat geschrieben:ein schmaler Spalt
Von dir zu mir
Von mir zu dir

gibts keine Tür.


Vermissen und Einsamkeit.
Mich hat es traurig gemacht und berührt, aber auch versöhnt, weil nirgendwo Bitterkeit herrscht, vielmehr Verständnis.
Ein Gedicht, das ich sehr mag.

Xanthi

Herby

Beitragvon Herby » 17.05.2011, 23:08

Liebe Renée,

ein ganz starker, berührender Text von dir. Wenn ich es schaffe, bald mehr.

Erlaube mir bitte eine (vielleicht zu private) Frage:

Renée Lomris hat geschrieben:Die Mutter, deren Gesicht mir ganz entschwunden
Die Mutter deren Tod ich nie verwunden


Geht das?? Wie kann einem auf der einen Seite das Gesicht seiner Mutter entschwinden, deren Tod man auf der anderen Seite nie ganz verwand?? Den Tod nicht überwinden zu könnnen, setzt eine Nähe voraus, die das Entschwinden des Gesixhtes unmöglich macht? Gerade des Gesichtes! Es können einem vielleicht Äußerlichkeiten entschwinden, aber das Gesicht??

Gerne gelesen.

LG Herby

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 17.05.2011, 23:49

Herby, sie war 30 - ich war fünf.
lg
R.

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 18.05.2011, 08:37

Herby, ich meine, dass das genau so möglich ist. Wenn ich an die Verstorbenen denke, denen ich nahe stand ... von denen habe ich zwar größtenteils Fotos, deren Gesichter sind mir aber tatsächlich "entschwunden".

Renée, schöne biografische Fragmente, die (leider) zu einem früh verstorbenen Menschen passen. Besonders berührt hat mich die Aufbruchstimmung, in die dann der Tod mit Dreißig hereinbricht. Oder das Bild vom zerbrochenen Hochzeitsglas.

Klara
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Beitragvon Klara » 18.05.2011, 13:38

Hallo Renée,
(danke für den Hinweis im anderen Faden!)
der Text rührt mich sehr an, bringt etwas zum Klingen, Mitschwingen - und ist auch sprachlich gelungen, find ich.
Man kann das sehen, und man kann das Nichtsehen sehen. Den schmalen Spalt erahnen.
Wirklich toll!

herzlich
klara

Mucki
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Beitragvon Mucki » 18.05.2011, 14:23

Hi Renée,

Klara beschreibt genau, wie es auch mir erging mit deinem Text. Vor allem hiermit:
Klara hat geschrieben:Man kann das sehen, und man kann das Nichtsehen sehen. Den schmalen Spalt erahnen.

Gerade auch durch das große Ungleichgewicht - Beschreibung der Mutter, wer sie war, was sie tat, was sie erlebte - vs. Beziehung zum Kind: nur die kurzen Zeilen am Schluss, sagst du sehr viel aus. Es hat einen traurigen Nachhall, der mich berührt.

Lieben Gruß
Gabi

Gerda

Beitragvon Gerda » 21.05.2011, 08:57

Liebe Renée,

das ist ein wunderbares Gedicht und bei aller Individualität, hat es eine darüberhinausgehende politische und historische Bedeutung. Es dokumentiert (nicht vom Stil, bitte nicht missverstehen) eine Ära, die von Vertreibung und Flucht für die Menschen aus der Vojvodina oder aus dem Banat geprägt war.
Das Märchenhafte zu Beginn, steht m. E. dafür, dass das Kind, der Mutter Kindheit ausschließlich aus Erzählungen kennen kann. Das passt sehr gut.
Der Titel klingt distanziert, "Die Mutter". Kein Wunder, wenn das Kind sie kaum in Erinnerung haben kann.
Auch die Wiederholungen am Ende, sehr eindrücklich und voller Sympathie für die Mutter, die das Lyrich kaum kannte.
Es durchzieht den Text eine Traurigkeit, die zum Ausklang hin noch einmal betont wird.

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
Gerda

PS
Hast du das denn tatsächlich auf die Schnelle geschrieben? Du hattest in meinem Faden "mutterliebe" so etwas angekündigt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du/man das mal eben so aus dem Ärmel hätte schütteln können.

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 21.05.2011, 21:27

Liebe Renee,

ich finde den Text auch sehr gelungen - vor allem der Anfang (dass eine Mutter als dritte von sieben bezeichnet wird) hat mich gefangen, aufgemacht für alles, was dann erzählt wird. Kommt alles sehr echt, offen, lebendig an.

Herby: zum Gesicht: Ich glaube auch, dass man sich mit der Zeit nicht dagegen wehren kann, dass sich wirklich genau zu erinnern immer schwieriger wird. das ist dann wie nochmal diesen menschen verlieren..oder der allmähliche schmerz daran. selbst wenn man jeden Tag versucht, sich ein gesicht vorzustellen, was man nicht mehr sehen kann, verschwindet es..so jedenfalls auch vor meinen augen. es ist dann, als würde sobald man sich konzentrieren und die augen zusammenkneifen, alles nebelig oder ausgeblendet..so erfahre ich es jedenfalls.

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Sam

Beitragvon Sam » 22.05.2011, 09:52

Hallo Renée,

ich schließe mich dem Lob meiner Vorkommentatoren an. die gelingt es hier nicht nur einen Menschen in einem klaren historischen Kontext erscheinen zu lassen, sondern auch aus der historischen Weite ins ganz persönliche zu schwenken, ohne dass ein Bruch entsteht, oder das Emotionale aufdringlich wirkt.

In meinem Kommentar zu Gerdas Muttergedichten habe ich es schon erwähnt, dass ich es interessant finde, deine Herangehensweise mit der von Gerda insofern zu vergleichen, wie einmal versucht wird Nähe herzustellen (bei dir) und auf der anderen Seite Distanz zu schaffen, und diese wieder zu überwinden (bei Gerda).

Gruß

Sam

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 22.05.2011, 20:00

Ihr Lieben, ich bin sehr erstaunt über die Wirkung von diesem Gedicht. Ich habe es so eingetippt, wenig überlegt, es kam in einem Guss. Anscheinend ist das häufiger so, wenn Euch meine Texte zusagen.


Ich habe es meinem jetzigen Lebensgefährten vorgelesen, der sich mehr für Holzsorten und Dübel interessiert als für Bücher, und er meinte, ich solle doch mehr solche Texte schreiben. "Etwas Liebes" meinte er.

Nun, ich glaube, es sollte "lieb" sein, wie ich bei Gerdas Text (Mutter 1?) angekündigt hatte,war mir dieser resolut positive Standpunkt wichtig.

Ohne den Blauen Salon, ohne die Anregung durch Gerdas Text gäbe das Gedicht nicht. Ich mag es gern ... es entspricht einer Seite, einer Wahrnehmung der Realität von mir, die manchem von Euch möglicherweise fremd erscheinen mag, aber es ist sicher meine "natürlichste".


Liebe Xanthippe
Danke für deine Worte.

Xanthippe hat geschrieben:Was auffällt ist, dass niemals während des gesamten Gedichtes von der Beziehung der Mutter zu ihren eigenen Kindern gesprochen wird.


Sie wird gar nicht als Mutter gezeigt, sondern als Person. Sie war eigentlich keine Mutter - vielleicht ist es deshalb so leicht für mich, ihr das Muttersein-MutterNichtsein zu verzeihen. Sie war keine und ich fürchte, ich auch nicht .... Aber das geht über das Gedicht zu weit hinaus.

[qote]
Vermissen und Einsamkeit.
Xanthi[/quote]


Woher kommt deiner Meinung nach die Einsamkeit? Eigentlich ist sie keineswegs angesprochen. Ich fand das interessant, dass du diese Ideee hinzugefügt hast.

Meiner Ansicht nach hast du ein dir wichtiges Gefühl in das Gedicht eingeschoben -- vermutlich ein Zeichen, dass du dich darin wohl fühltest.

Den ersten Kommentar zu schreiben ist immer schwer. Du hast diesen Mut schon einige Male gezeigt, dafür sei dir besondere Anerkennung gegeben.

lG
Renée

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 22.05.2011, 20:10

@Herby
Lieber Herby, du kannst dir kaum vorstellen, wie sehr ich mich über deinen Kommentar gefreut habe ... du weißt sich warum. Schreibst du mir noch das, was du zunächst noch nicht geschrieben hattest - aus Neugier und Freude

vielen Dank
Renée

@ amanita

Großen Dank für deinen Kommentar. Du hast als erste den historischen Zusammenhang,ds Entschwinden ds Gesichtsausdrucks und die Symbolik des Hochzeitsglases angemerkt, danke!
lG
Renée

@ deine [herz]lichen orte blieben nicht unbeachtet, chère amie
sehr lieben Dank
Renée

@ gabriella - du gibst mir Gelegenheit nochmal auf Klaras schöne Formulierung zurück zu kommen: Man sieht das Nichtsehen...
Auch über deinen Kommentar habe ich mich sehr gefreut.

so, das wars fürs erste,

..
Danke
Renée


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