grün ist der hofdung

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Teya

Beitragvon Teya » 08.04.2011, 21:43

grün ist der hofdung


ich vaporisiere
ich vaporisiere die welt
jage sie durch meine
schlecht gearbeiteten
zerstäuberdüsen
entlasse sie
als diffuse wolke
in die bedeutungslosigkeit

ich tage
ich tage in meiner hosentasche
zeichne träume um träume
zwischen jein und vielleicht
bis zur unkenntlichkeit weich

ich schlage
ich schlage wurzeln
reiße sie raus
würge sie runter
kotze sie aus
türme vor dem gestank
an einen anderen ort

AN EINEM ANDEREN ORT

das nichts verwalten
es dekorieren
es ab und zu kostümieren

und 123.587 milben
auf einer matratze
in brot und arbeit halten

AUF MEINER MATRATZE

ist es warm heute abend
gut dass ich 3 ventilatoren habe
schlecht dass die im rechner
im fernseher
und in der playstation sitzen

ich denke an ein gefühl
der gedanke fühlt sich künstlich an

NATÜRLICH

gestern begann ich
mich vor meinen popeln zu ekeln
heute haben meine haare
ihr talent zu trocknen verloren

DIE DINGE

15 auf dem tisch
13 auf dem bett
19 auf dem boden
und noch mal so viele im kopf

RÜCKEN MIR AUF DEN LEIB

und meine katze hält mich
für ihren hund
und fünf cent sind
weniger als vier
und so weiter

NUR WEITER SO

eigentlich rauben sie deinem geist
bloß seine früchte
doch dabei geht er selbst auch zu grunde
denn bei seiner plünderung
zertrampeln sie seinen nährboden
das vertrauen
dein wesen kippt
es fällt aus seinem biologischen gleichgewicht
und nur der zäheste seiner bewohner
übersteht die katastrophe
und kann sich jetzt ungestört ausbreiten

du liniertes leben
du karierter tag
du kalendergesicht
du büroklammernarsch
du

KAUZONENGRIND

grauzonenkind
klebst am leben
lebst vom kleben

doch was verstehst du davon
was verstehst du vom leben
wenn das bild
bei dem du noch heute zusammenfährst
eine hummel ist
die dein banknachbar friedemann
vor 29 jahren
mit dem englischbuch
ans klassenzimmerfenster geklebt hat

EGAL

staub fällt der zeit in den schoß
und fängt an zu heulen

DANN

gauloises knistern mich in den schlaf

DANN

panik umspült das kissen

DANN

traumgeröll

DANN

eine letzte bitte

richte dem regen aus
er ist keine gottverdammte metapher
er ist einfach nur nass
Zuletzt geändert von Teya am 12.04.2011, 15:34, insgesamt 2-mal geändert.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 11.04.2011, 09:14

Hallo Teya,

ich habe eine ganze Weile überlegt, weil ich den Text sehr gern gelesen habe und mich etwas daran fasziniert und mir vertraut erscheint, was es ist, was für mich noch schief ist und mir im Weg steht.
Ich denke es ist nur ein Wort, der "hass" auch wenn er sich auf "nass" reimt. .-) Das passt für mich überhaupt nicht hinein, weil der Text mir ein ganz anderes Gefühl vermittelt. Weniger rot, mehr blau. Ich lese den Text schon allein durch den Titel und den pupsigen Einstieg sehr selbstironisch, bissig, distanziert. Nicht emotional, sondern über den Punkt lange hinaus, so dass man schon wieder über sich lachen (oder auch heulen) kann und mit Sprache und Bildern spielen.
Ich würde die Antwort, was der zäheste Bewohner ist, dem Leser und dem Text als Ganzes überlassen und es nicht benennen.
Ev. würde ich das auch beim "Vertrauen" überlegen.

Im Titel mag ich die erste Zeile, weil sie genau dieses verspielt-lächerlichmachende-kopfwütige enthält und neugierig macht. Die zweite Zeile macht mir das kaputt, weil ich die Hiebe nicht im Text unterbekomme. Weil sie etwas andeuten, was ich nicht ausgeführt sehe und das Ganze dadurch zum reinen Sprachspiel "verkommt".
und 15 auf dem tisch
und 13 auf dem bett
und 19 auf dem boden
und noch mal so viele im kopf
Hier bin ich hängengeblieben. Haare im Kopf?

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Teya

Beitragvon Teya » 12.04.2011, 13:02

Hallo Flora,

danke für deinen Kommentar, "Hass" rauszunehmen find ich gut, auch die zweite Zeile vom Titel werde ich streichen. "Vertrauen" möchte ich drinlassen, weil der Abschnitt sonst zu deutungsoffen wäre. Mit der Stelle, die dir unklar ist, sind die "Dinge" gemeint, das bezieht sich auf die in Versalien geschriebene Zeile darunter. Versteht man das nicht? Hast du eine Idee, wie ich das anders lösen könnte?

Lieben Gruß,
Teya

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 12.04.2011, 14:19

Hallo Teya,

Mit der Stelle, die dir unklar ist, sind die "Dinge" gemeint, das bezieht sich auf die in Versalien geschriebene Zeile darunter. Versteht man das nicht? Hast du eine Idee, wie ich das anders lösen könnte?
Ich habe es zumindest nicht verstanden, ich glaube da sind die Haare einfach zu nah dran.
Vielleicht so?

DIE DINGE

15 auf dem tisch
und 13 auf dem bett
und 19 auf dem boden
und noch mal so viele im kopf

RÜCKEN MIR AUF DEN LEIB


Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Teya

Beitragvon Teya » 12.04.2011, 15:31

Stimmt, die Haare sind nah dran...

Aber deinen Vorschlag finde ich gut, so könnte das funktionieren (nur ohne die zwei unds, die braucht es m. E. nicht)

Werde das gleich mal ausprobieren.

Danke + Grüße,
Teya

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leonie
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Beitragvon leonie » 12.04.2011, 15:58

Hallo, Teya,

das habe ich schon mehrmals gelesen, gefällt mir sehr. Diese hintersinnigen Wortspielereien mag ich sehr und wie Du sie ins Ganze einbindest. Der Schluss ist klasse!

Liebe Grüße

leonie

Teya

Beitragvon Teya » 12.04.2011, 21:09

Hallo leonie,

freut mich, dass dir der Text gefällt. Den Regen an den Schluss zu stellen, ist mir erst ganz zum Schluss eingefallen. Zuerst waberte er irgendwo in der Mitte herum und ich wusste nichts so recht mit ihm anzufangen.

Lieben Gruß
Teya


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