Ruach

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 11.03.2011, 14:34

Ruach

Ein Glas will ich sein.

Dem Schafschiß nach. Wie Tropfen liegt er
im Schnee. Blutige Wollflusen auf
meiner Schnauze, rot auf weiß auf schwarz.

Ein Humpen, Wappen drauf, grün geriffelt.

Wie das stinkt, sagen sie. Roter Dampf,
ein Gedicht für mich, ein Gesang.
Als ob in ihnen Milch und Honig flösse.

Zerreißen, sagen sie, Blut saufen, sagen sie,
ei, ich schlimme Königin.
Blut, bitteschön, wie säuft man das?

Sicher, die Leber, frisch, saftig. Das Herz?
Ein verwachsener Knoten
aus Haut. Dort ist sie nicht,

die Stelle, tief drinnen, der Anfang,
unter den man die Zunge legen könnte,
wo die Zähne zur Ruhe kämen.

Freireißen, losschütteln, wenn es ginge. So gut
es ist, das bessere läuft, versickert, da
kann der Kopf schon in den

Därmen stecken wenn das Vieh noch
zuckt ein Rauch in den Augen und
Wollfetzen fliegen wie Schnee.

Wer säuft schon wie die Erde? Sie
ist das Glas, ein Schleckermäulchen,
eine Künstlerin, eine Seele.

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 13.03.2011, 09:56

Hallo Räuber,

also deine Texte sind für mich irgendwie ein Phänomen. Weder während des Lesens noch am Ende weiß ich so richtig, worum es eigentlich geht, und seltsamerweise finde ich das auch gar nicht so wichtig. Ich kann der Bilderflut ohne nachzudenken folgen wie einem Daumenkino, es einfach zulassen, dass mich Stimmungen und Farben und Satzfetzen nur streifen, ohne einzudringen, und ohne eine Frage in mir auszulösen. 'Stiller Genuss' würde ich das nennen. So wie ein Stück Schokolade, bei dessen Zerschmelzenlassen im Mund man auch nicht darüber nachdenkt, ob der Kakao ungespritzt ist ...

Es muss damit zusammenhängen, dass du dich sehr virtuos verschiedener und ständig wechselnder Perspektiven und Gedankenebenen bedienst, so, als flössen sie ebenso ungefiltert und spontan durch dich, wie es mir beim Lesen ergeht. Trotzdem wirken sie nicht wahllos, sondern in einer ganz sorgsamen Weise komponiert, ohne, dass sich Einem diese unmittelbar erschlösse. Ich finde das sehr erstaunlich ...

Einzig die Überschrift finde ich etwas verwirrend. Oder ist das ein Tippfehler und soll 'Rauch' heißen? Das könnte ich noch im Sinne von 'Rauch-Glas' zusammenbringen ... ansonsten musst du mir mal helfen ...

Vielleicht böte es sich allgemein an, dem Leser durch eine gezielte Überschrift zumindest eine Fährte zu legen? Gewissermaßen auf die Textessenz zu fokussieren, wenn sie sich Einem schon nicht unmittelbar offenbart? Oder kennst du die selbst nicht (was ich völlig ok fände)? :o)

Ahoi,
Tom.
Menschheit, Du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu... (Charles Bukowski)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 13.03.2011, 10:07

Ruach = biblischer Begriff, bedeutet Geist u. ä. (oder ich bin auf ner völlig falschen Spur, kann natürlich auch sein).

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 13.03.2011, 11:30

Hallo Franz,

ein heftiges Gedicht, das aber wieder sprachlich so gemacht ist, dass man das sichere Gefühl hat, dass weit mehr darin zu finden ist. Ich vermute, dass mir auf übertragener Ebene viele Aspekte entgehen, da ich schon beim Titel google bemühen musste. Ich bin gespannt, ob mir da andere Kommentare noch einen Zugang ermöglichen.

Hier ist es jedoch so, dass für mich auf der ersten Bildebene die "Ich-das Tier"-Perspektive nicht aufgeht. Mir fehlt das Eingeständnis der menschlichen Zuweisung, die Interpretation des Augenblickes von außen, und so kann es mir letztlich nichts "erzählen" und ich gehe selbst auf Distanz. Wenn ich das für mich abändere, kann ich es ganz anders lesen und mich dann auch auf die übertragene Ebene einlassen.

Mich irritiert auch das "sie", weil ich es nicht zuordnen kann. Durch den "Humpen mit Wappen", entsteht bei mir am ehesten ein "Stammtischbild".

Schwierigkeiten habe ich auch mit der Verknüpfung von Künstlerin und Seele mit dieser Szene. Aber das lässt sich vielleicht, wie auch die Frage, warum sie sich selbst als Königin bezeichnet, mit etwas mehr Hintergrundwissen besser einordnen.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Sam

Beitragvon Sam » 13.03.2011, 12:14

Ruach - der Odem des Lebens, den Gott Adam einhauchte. Der Geist des Lebens, der zum Tode ständig drängt.

Ohne alle Bilder des Gedichtes auflösen zu können, entsteht doch ein Bild, ein Muster. Da ist das biblische, neben dem Titel auch die Milch und Honig Zeile. Blutig geht es zu, es wird zerrissen, gefressen, es stinkt nach Blut und Tod.

Zunächst dachte ich bei Glas an eine Scheibe, aber es könnte sich auch um ein Gefäß handeln. Ein Trinkglas. Ein Humpen gar? Oder bezieht der sich auf "sie"? Egal, derjenige, der da spricht, ist auf der Suche nach dem "Leben", dafür zerreisst er, aber egal wie tief er in seine Opfer dringt, er kann es nicht erreichen, denn das Blut kann er nicht saufen, es versickert in dem großen Glas namens Erde.

Ein wuchtiges, ja fast gieriges Gedicht. Mehr tierisch als menschlich, wobei da ja eigentlich kein Unterschied besteht.

Gefällt mir gut.

Gruß

Sam

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 13.03.2011, 22:50

Hallo,
danke für das Feedback. Ruach hatte die richtigen Klänge (Opferrauch, Odem, Lebensgeist) für das 'blutrünstige' Thema (ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, es als Jochen CXII, oder wo der Zähler inzwischen steht beim Tierischen Monatsthema einzuschleusen). Ich hätte gerne was zugänglicheres mit derselben Kraft gefunden, ist mir bisher nicht gelungen.
@Flora: "Mir fehlt das Eingeständnis der menschlichen Zuweisung" - ein bißchen 'Ersatz' ist im Schneewittchen-Thema versucht, der grüne Humpen mit Wappen tatsächlich ein Objekt, wie er Jägerherzen höher schlagen läßt.
Schöne Grüße
Franz


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