Das Klingeling der Fahnen an der Tanke

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Quoth
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Beitragvon Quoth » 26.02.2011, 12:34

(Zweitfassung)

Das Klingeling der Fahnen an der Tanke,
ihr Vater war der Pächter. 's war einmal!
Ich sage Tschüss und sage noch mal Danke.

Wie ich an dieser ersten Liebe kranke!
Damals war’s DEA. Heute ist’s ARAL.
Der Ostwind klingelt pingping an der Tanke.

Warum bist du gegangen? Sag mir’s, Anke!
„Ich musste gehen, hatte keine Wahl.
Und sag nicht immer Tschüss, nicht immer Danke.

Verzeih mir, hab getrunken, dass ich schwanke.
Hörst du den Notarzt? Sein Alarmsignal?“
Ich hör die Fahnen klingeln an der Tanke.

„Wir waren doch nicht glücklich. Das Gezanke,
der Dauerstreit – war er denn keine Qual?“
Ich sage trotzdem Tschüss und noch mal Danke!

Hier saßen wir so oft auf dieser Schranke;
küss mich noch einmal, nur ein einziges Mal
im Klingeling des Nachtwinds an der Tanke!
Ich sage auch nicht Tschüss und auch nicht Danke.



(Erstfassung)
Das Klingeling der Fahnen an der Tanke,
dein Vater war der Pächter. 's war einmal!
Ich sage Tschüss und sage noch mal Danke.

Wie ich an dieser ersten Liebe kranke!
Damals war’s DEA. Heute ist’s ARAL.
Der Ostwind klingelt pingping an der Tanke.

Warum bist du gegangen? Sag mir’s, Ranke!
„Ich musste gehen, hatte keine Wahl.“
Ich sage Tschüss und sage noch mal Danke.

„Verzeih mir, hab getrunken, dass ich schwanke.
Hörst du den Notarzt? Sein Alarmsignal?“
Ich hör die Fahnen klingeln an der Tanke.

„Wir waren doch nicht glücklich. Das Gezanke,
der Dauerstreit – war er denn keine Qual?
Ich sage Tschüss und sage noch mal Danke!“

Komm, setz dich zu mir, hier auf diese Schranke;
sei nur noch einmal zärtlich – nur einmal,
im Klingeling des Nachtwinds an der Tanke,
und sag nicht immer Tschüss, nicht immer Danke!
Zuletzt geändert von Quoth am 03.03.2011, 09:39, insgesamt 1-mal geändert.
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 28.02.2011, 00:07

Hallo Quoth!

Ich weiß nicht, ob Vilanellen im Deutschen überhaupt zur Wirkung gebracht werden können. Ich habe auch keine Vorstellung, wie das aussehen müsste... Ich vermute - und es ist wirklich nur eine Vermutung! -, dass die sich wiederholenden Verse eine gewisse Eigenständigkeit haben müssten, also auch recht viel Inhalt; so dass der Hörer sie gerne wieder hört.

Das wäre dann auch einer der Punkte, die mich an deinem Gedicht stören - du bindest die als Wiederholungen vorgesehenen Verse sehr stark ein und änderst sie auch stark.

Vor allem verwehrt mir das Gedicht den Zugang durch die sehr inhaltsleeren Begrifflichkeiten. Du setzt überall, wo eine genaue Beschreinung möglich wäre, einen Oberbegriff: "Alarmsignal", "Gezanke", "Dauerstreit", "getrunken" "zärtlich sein" etc... das schafft sehr viel Abstand.

Dann sind da noch die etwas verdächtigen -"anke"-Reime: "Ranke" vor allem und "Schranke"...

Puh. Ich weiß nicht; ich glaube nicht, dass diese Verse wirken können... Aber ich irre mich andererseits häufig ;-)

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

Gerda

Beitragvon Gerda » 28.02.2011, 13:48

Hallo Quoth,

deinen Versuch, in Vilanellen zu schreiben finde ich zwar anerkennenswert, aber dass du einerseits etwas lang Vergangenes beschreiben möchtest, jedoch dieses Un-Wort "Tanke" benutzt, was so poetisch klingt wie Haushaltskrepp, stört mich ganz empfindlich.

Das wäre ein Kritikpunkt, sicher subjektiv, aber die Inhaltslosigkeit oder die Unergründklichkeit einer Intention ist für mich der zweite.

Hinzu kommt, dass ich das Gefühl nicht los werde, dass die Reimwörter als erstes gefunden waren und darauf warteten verarbeitet zu werden. (Was reimt sich auf Tanke, ach Danke). ;-)

Liebe Grüße
Gerda

Mucki
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Beitragvon Mucki » 28.02.2011, 16:51

Hallo Quoth,

davon mal abgesehen, dass auch in meinen Ohren die Reime "erzwungen" klingen, sprechen deine Zeilen nicht zu mir. Ich lese es und frage mich: was hat dieser Text mir jetzt eigentlich gesagt? :12:

Saludos
Gabriella

Quoth
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Beitragvon Quoth » 28.02.2011, 19:57

Gabriella: Für mich ging es auf. Aber es ist wie so oft: Ich habe die Wirkung meines Mehrwissens überschätzt.
Gerda: Warum nicht mal Küchenkrepppoesie?
Ferdi: Das integrierende Umformen der wiederholten Zeilen ist durchaus üblich.
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 28.02.2011, 20:19

ich fühlte mich an den Brecht erinnert, den ich mag, an vage DDR . . . an Ruhrpott, den ich überhaupt nicht kenne, an unbekannt Deutsches, irgendwo in einem deutschen Land, das es nicht mehr gibt.

Das monierte Vokabular störte mich gar nicht, vielmehr erinnerte mich das Ganze an Jugendszenen, an Jugendliche, die halb lieblos, halb hilflos Liebe versuchen und da passt "Ranke Tanke Schranke" gut ...

ein interessanter Rhythmus ... und der "constat"
unsentimental, etwas schroff, wie schlaksige junge Leute, die plötzlich freundlich werden, weil sie zum Arrogantsein zuviel Energie brauchen ....

Die Form hat mich eher überzeugt, als nicht überzeugt ...

Ich schreibe das recht spontan hin - kein Widerspruchsgeist, nur das Erstaunen über meine Reaktion. Die wohl minoritär ist.

lG
Renée

(Vielleicht dieses "e" von "Plaste"??? das E ist jedenfalls sehr einprägsam in dieser Reimabfolge ...)

Quoth
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Beitragvon Quoth » 28.02.2011, 22:31

Hallo Renée,
auch "minoritäre" Meinungen sind hier willkommen! Bei Dir fügt sich da was zusammen. Gut - bei mir auch. Aber als Verfasser ist man ja meist blind gegenüber dem, was man anrichtet.
Du schreibst: "irgendwo in einem deutschen Land, das es nicht mehr gibt". Erinnertes ist ja immer weg. Egal, ob in Sachsen, im Ruhrpott oder sonstwo.
Mit Dank für Befassung
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 02.03.2011, 00:07

Ich hab mich amüsiert, Aral auf Notsignal kommt deutlich besser als Kasachstan auf vertan!
Bischöfliche Grüße
Franz

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 02.03.2011, 20:59

Lieber Quoth,

die Vilanelle ist ein volkstümlich gestaltetes Strophenlied, eine Art Bauerntanz, und worum geht es bei (Bauern-)Tänzen meist: Um das sich Finden und sich Verlieren von Jungen und Mädels. Entsprechend ist die Sprache volksnah. Genau so ist es hier in deinem Gedicht und daher finde ich die Sprachebene und das Thema für die Vilanelle gut gewählt. Besonders die erste Zeile ist absolut eingängig und sowie ich sie lese oder nachspreche (sie ist eigentlich ein richtiger Ohrwurm), höre ich dieses etwas desolate Klingeling hoch über mir an den Fahnenstangen an einer öden, menschenleeren Tankstelle. Fahnen, die ja ursprünglich etwas Feierliches oder ein Herrschaftssignal waren - an der Tankstelle! Auch dieser Kontrast ist reizvoll, er entzaubert, zieht das Geschehen um die allzuoft verklärte erste Liebe ins Banale.

Das altertümliche "verzeih" und das reimgeschuldete "Ranke" ragen etwas störend aus der banalen Sprachebene heraus. Lieber würde ich hier noch mehr Umgangssprache oder sogar Jugendsprache lesen. Außerdem finde ich mich in der Chronologie des Geschehens/Erinnerns nicht ganz zurecht.

Vermutlich treffen sich die beiden nach vielen Jahren an der Tanke. Müsste es nicht heißen "wie ich an dieser ersten Liebe krankte"? Es scheint doch lange her zu sein (Mehrfacher Markenwechsel der Tankstelle). Und dieser etwas in die Länge gezogene Satz "ich sage tschüss und sage nochmal danke" wird erst von ihm und dann von ihr gesagt? Und dann sagt er, dass sie das nicht mehr sagen soll? Es ist so eine Art verspäteter Abschied, ein seltsames Hin und Herr, dem entsprechend die Konsequenz und damit allerdings leider auch etwas der Biss fehlt. Vielleicht könntest du einige Stellen sprachlich noch spannender gestalten, ansonsten aber eine schöne, sich wiegende Vilanella.

Viele Grüße
fenestra

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leonie
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Beitragvon leonie » 02.03.2011, 21:19

Huhu Quoth,

Mir gefällts auch, ich mag wie fenestra den Klang und die Bilder von der Tanke, dem Klirren, die Lautmalerei.

Ich habe nur auch nicht so ganz verstanden, wer wann "danke" sagt. Es wechselt, scheint mir, deshalb verstehe ich auch den letzten Satz nicht so ganz...

Liebe Grüße

leonie

Quoth
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Beitragvon Quoth » 03.03.2011, 09:45

Vielen Dank für die konstruktive Kritik, fenestra und leonie. Hab versucht, sie in einer Zweitfassung umzusetzen, in der klarer wird, wer jeweils spricht. Aus der Ranke ist eine Anke geworden, und ich setze in der 3. Person an, wodurch deutlicher wird, dass es sich um die Beschwörung einer (endgültig) Abwesenden handelt.
Mit den klingelnden Fahnen meine ich übrigens das Klingeln der Ringe, mit denen die hochformatigen, schmalen Markenfahnen an den Fahnenstangen befestigt sind.
Ja, RäuberKneissl, was Dir Kasachstan war, ist mir Aral!
Mit Gruß und Dank für Befassung
Quoth
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Last

Beitragvon Last » 03.03.2011, 17:27

Konstruktiv ist meine Kritik zwar nicht, ich möchte aber trotzdem eine kurze Rückmeldung geben.

1.) Die Zweitversion liest sich besser als die erste. Vor allem das Ende gefällt mir so besser, als Happy-End, das als Kompromiss daher kommt.

2.) Mir gefällt das Gedicht, weil es stellenweise so eindringlich ist, dass es bei mir hängen blieb und mir dieser Tage mehrmals in Gedanken begegnete. Insbesondere der erste Vers hat einfach was (das zum Glück fenestra schon erklärt hat).


LG
Last

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Beitragvon leonie » 03.03.2011, 17:51

Lieber Quoth,

ich finde es so auch besser. Und steige durch, wer wann spricht. Am Schluss habe ich noch überlegt, ob man die Doppelung noch wegnehmen könnte: "Ich sage nicht mehr Tschüss und auch nicht Danke" zum Beispiel. Aber vielleicht möchtest Du die Doppelung ja gerade auch drin haben.

Mir gefällt Dein Gedicht, ich kann das Klingeling richtig hören...

LG leonie

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Beitragvon fenestra » 04.03.2011, 10:34

Lieber Quoth,

ja, die zweite Version ist in der Tat klarer, besonders, weil du die wörtliche Rede von Anke erweitert und zusammen in Gänsefüßchen gesetzt hast. An Anke hatte ich übrigens auch schon gedacht - es schwang ja bereits mit!

Nun habe ich noch zwei Anmerkungen zur Metrik:

Quoth hat geschrieben:Damals war’s DEA. Heute ist’s ARAL.


Spricht man das D. E. A. aus? Dann würde es gehen. Ich sage Dea. Dann müsste es metrisch besser heißen: Damals war es DEA, heute ists ARAL.

Quoth hat geschrieben:küss mich noch einmal, nur ein einziges Mal


Hier muss man "einz'ges" sagen, damit die Metrik stimmt. Besser vielleicht:

Küss mich doch noch ein allerletztes Mal.

Was da genau diese Klingeling-Laute macht, habe ich nie überprüft, aber ich habe das Geräusch schon oft gehört - und jetzt höre ich es auch ohne Fahnen, dank dieser Ohrwurmzeile. ;)

Viele Grüße
fenestra


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