Unten ganz Oben

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Teya

Beitragvon Teya » 19.02.2011, 20:22

Unten ganz Oben

Wenn du
ergriffen von einer Faust wie vom Leben selbst
in einem Ruck an Spannung verlierst

wenn all die Schichten
all die Visagen
all die Jahre
die du in deiner Maske gesessen bist
von dir blättern

während das darunter
gen Boden rauschend
gehalten nur von einem Speichelfaden aus deinem Mund
an Größe gewinnt

der Augenblick
in dem du so bar
so blutverschmiert
so sehr dir selbst ausgeliefert
vor der Welt liegst
wie bei deinem allerersten Blick auf sie

dieser kurze
ewige Moment
vollkommener Wahrhaftigkeit
vollkommener Reinheit

das ist die Kunst des Boxens
und nicht der Tanz davor.

==========

Hörversion dazu:

viewtopic.php?p=164995#p164995
Zuletzt geändert von Teya am 26.02.2011, 20:18, insgesamt 1-mal geändert.

Sam

Beitragvon Sam » 20.02.2011, 17:50

Hallo Teya,

nach deinen Olsen-Drabbels ist dies der zweite Text von dir, der mir außerordentlich gut gefällt. Wie bei allen Gedichten, die mir zusagen, so findet sich auch hier ein Gedankengang, dessen Tiefe durch die Sprache, mit der er ausgedrückt wird, erst so richtig ausgelotet wird.

Ich finde dein Gedicht schlichtweg großartig.

Gruß

Sam

Mucki
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Beitragvon Mucki » 20.02.2011, 18:12

Hallo Teya,

auch ich bin begeistert! Großes Kino und Kopfkino! Du schreibst hier sehr sprachgewaltig, atemlos (ich lese den Text in einem Zug, ohne Pausen) und derart bildhaft, dass es eine Freude ist.
Und auch der Titel passt wie die Faust auf's Auge! ,-) Diesen Text würde ich sehr gern von dir gelesen hören.

Angetane Grüße
Gabriella

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leonie
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Beitragvon leonie » 20.02.2011, 21:10

Hallo Teya,

ich finde den Text auch sehr spannend und doch merke ich, dass er für mich auf der Box-metaphorischen Ebene nicht so ganz aufgeht.
Zum einen ergreift doch die Faust da nicht, sondern schlägt wuchtig zu. Zum anderen klingt es für mich so, als sei die Niederlage, das am Boden Liegen und die Konfrontation mit sich selbst die eigentliche Kunst des Boxens.
Die Konfrontation mit sich selbst scheint mir aber auch an anderen Punkten geschehen zu können.

Zudem meine ich, dass man beim ersten Blick auf die Welt eigentlich nicht sich selbst ausgeliefert ist, sondern anderen.

Das bewirkt, dass ich die Gedankengänge zwar sehr spannend finde, aber durch kleine Unstimmigkeiten immer wieder abgelenkt werde. Die Umsetzung ist für mich noch nicht ganz stimmig.

Liebe Grüße

leonie

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 20.02.2011, 21:43

Lieber Teya,

ich freu mich so, dass du im Salon bist. Bin schon immer gespannt, einen neuen Text von dir anzuklicken (auch wenn ich es nicht schaffe, überall zu zu schreiben).

"Gulasch" hat mir ja außerordentlich gut gefallen. Ich finde, der Text hier dreht sich um das gleiche, nur verwendet er ein klareres Bild, versucht sich klarer auszudrücken. Der Vorteil: Der Leser empfindet ein deutlicheres "Wuuuusch" beim Lesen, nachteil: Unstimmigkeiten sind schneller spürbar/weniger hinnehmbar (bzw. für "Gulasch" stellt sich gar nicht das Problem, dass etwas unstimmig sein könnte, es ist eine völlig andere Sprache) . Hier aber will man etwas klares, wahres, kräftiges lesen, eine Wahrheit genießen, eine klare Bewegung in sich spüren. In diesem Sinne empfinde ich den Text als metaphysisch ausgerichtet.

Ich finde auch, dass der Text eine gelungene Spannung aufbaut und ich mag, wie du die "seelische" Gewalt ins Köperliche legst, wie all das versteckte, abgespaltene, zurechtgemachte sichtbar wird.

Ein paar Kleinigkeiten stören mich noch etwas: Zum einen der Titel: Den finde ich irgendwie noch sprachlich unschön, unfertig. Wie ein halbwitziger Reim...

Und dann denke ich, dass es sehr wichtig, an dieser Stelle zu kürzen:

Wenn du
ergriffen von einer Faust wie vom Leben selbst
in einem Ruck an Spannung verlierst


Der ganze Text setzt ja das Boxen und "das Leben" gleich, hier den Vergleich explizit zu machen, schwächt für mich das ganze Bild. Zudem finde ich "wie vom Leben selbst" auch an sich schwach...es klingt so scheinbar wahrheitstief, aber eben nur scheinbar...Ich kenne (entfernt) jemanden, der hängt, wenn er etwas wichtiges sagen will, immer ein "Lebens-" vor Wörter ...Lebensmoment, Lebensaufgabe, Lebenstoastbrot ...), aber es wirkt auf mich nur hilflos und geschwächt, was er ausdrücken will. Dein Text ist ausführlich genug in Bezug auf sein Bild, dass man es auch ohne diesen Zusatz unmittelbar versteht.

Und dann das Ende, ja... - die beiden letzten Zeilen sind ja zum einen das Poetischste am Text, die Worte, auf die der ganze Text hinarbeitet. Auch an mir ist ihr Effekt nicht vorübergegangen. Trotzdem finde ich sie zugleich auch unangenehm, unwahr, eine poetisch "größenwahnsinnige" Behauptung. Ich glaube aber, ich würde sie nicht ändern (wäre ich du), das ist wohl dann die Entscheidungsfrage: wie will ich was sagen.... und hier muss ich wieder an "Gulasch" denken und merke einfach, dass mir solche Texte näher sind als dieser hier, der selbstverständlich gut und auch anziehend gemacht ist. Ich habe einfach das Gefühl die poetische Sprache dieses Textes ist noch Maske, da sitzt wer noch sicher im Sattel und heilt sich durch eine zerstörerische Phantasie von dem selbstentfremdungsgefühl, während Gulasch sich traut zuzugeben, dass da erstmal kein großartiges gefühl ist, wenn die Masken zerfallen, da ist dann eben nur Gulasch.

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Mucki
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Beitragvon Mucki » 20.02.2011, 22:04

Hi leonie,

nur zu diesem Einwand:
leonie hat geschrieben:ich finde den Text auch sehr spannend und doch merke ich, dass er für mich auf der Box-metaphorischen Ebene nicht so ganz aufgeht.
Zum einen ergreift doch die Faust da nicht, sondern schlägt wuchtig zu.

ich finde schon, dass es passt, da ich das "ergriffen von einer Faust" lese als: gepackt von einer Faust.
Die Faust des Gegner packt das LI mit aller Wucht, so dass es "in einem Ruck an Spannung verliert". Sprich, mit einem Schlag bricht das LI zusammen. Ich finde das sehr gut formuliert, weil allein in dieser Zeile so viel Kraft und Wucht steckt.

Saludos
Gabriella

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 20.02.2011, 22:17

Hallo Teya!

Sehr starker Text. Ich denke allerdings mit Leonie, dass er beim "Ergreifen" etwas wackelt (bzw. der Schreibende über ein "Dies und das will / muss ich noch drinhaben" zu sehr "durchscheint"), und mit Lisa, dass der Titel zu gesucht wirkt. Auch was sie über das möglicherweise streichwürdige "Leben" schreibt, leuchtet mir sehr ein.

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

Louisa

Beitragvon Louisa » 21.02.2011, 13:39

Hallo Teya!

Mmm....

Also mal davon abgesehen, dass ich einige Bilder und Formulierungen auch ganz gelungen finde, zum Beispiel die Schichten der Maske, die von einem blättern (wobei mir da auch die Formulierung: "all die Visagen / all die Jahre, die du in deiner Maske gesessen bist /..." gar nicht so gut gefällt. Ginge es nicht auch etwas prägnanter? Wie zum Beispiel: "Wenn all die Schichten (aus) der Maske von dir blättern" ?) - oder aber auch der Speichelfaden als Halt gefällt mir gut -

Ansonsten ist mir das aber definitiv - und ich wiederhole mich mit dieser Kritik wahrscheinlich schon viel zu oft - viel zu pompös und feierlich gehalten. Viel zu viele inhaltliche Wiederholungen, Steigerungen und recht unübliche Wörter (gen, all, ...) und das aller-aller Schlimmste (für mich) noch oben drauf: Abstrakta, die einfach so erwähnt werden ohne einen für mich erkennbaren poetischen Sinn (Wahrhaftigkeit, Reinheit, ewige Moment, das Leben.............) - Es tut mir sehr leid, aber damit kann ich absolut nichts anfangen :sad:

Ich versuche meine Abneigung gegen solche alleinstehenden, einsamen, leeren, hohlen Abstrakta gerne mit anderen berühmten Gedichten zu verteidigen, in denen sie auch vorkommen, aber in das Bild und das Thema eingebunden werden. Zum Beispiel bei Rilkes Dauerbrenner:

"(...)
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht (...)"

Man merkt fast gar nicht, dass es hier auch beinahe ein bisschen zu abstrakt wird an manchen Stellen, weil solche Begriffe wie "Welt", "Tanz", "Kraft", "Wille" so perfekt in das Bild des eingesperrten Panthers und seines Geistes eingebaut sind.

Genau das vermisse ich an deinem Text sehr. Ich sehe fast nie einen stinkenden, menschlichen, muskulösen, blutenden Boxer vor mir, wenn ich deinen Text lese... und gerade das soll doch das Thema sein oder? All diese Schnörkel und Abstrakta verschleiern für mich hier das Wesentliche und das ist zum Beispiel die Faust, welche wie Ferdi und Leonie finde ich richtig bemerkt haben, schwerlich "ergreift" - sondern eher "schlägt", "donnert", "schmettert" - das macht sich doch an einem einfachen Boxkampf-Video fest... und das ist auch der Speichel, die Maske... die konkreten, wesentlichen Dinge eines Boxkampfes möchte ich gerne hier in Masse und Genauigkeit wiederfinden und weniger abstrakte Gefühle in einer einzelnen Zeile ... denn wenn ich nicht von deinen texten wüsste, dass du eben genau das sehr gut kannst (der "Gulasch"-Text hat mir in seiner Offenheit, Klarheit, Natürlichkeit und Plastizität sehr gut gefallen!!!!) - dann würde ich mich auch nicht so über die Abstraktheit und eigenartige Feierlichkeit dieses Textes aufregen :smile: !

Den Titel finde ich auch ein bisschen albern - diese Albernheit passt dann kaum zum gewollten Ernst des Textes... da müsstest du dich entscheiden welche Stimmung du vermitteln willst.

An Deiner Stelle würde ich mir noch einmal ganz genau einen Boxkampf ansehen und auf jedes Detail und jedes Gefühl achten...einmal das Konkrete aus deinem Text herausfischen bzw. das Abstrakte mit etwas Konkretem verbinden... und so über das Gedicht hinübergehen - und dann schauen welche Version dir besser gefällt.

Das ich hier jetzt so viel kritisiert habe soll aber nicht bedeuten, dass ich mich wie Lisa sehr über deine Texte freue und gerne noch mehr davon lesen möchte!

Also dann viel Spaß noch im Salon :smile: !

Liebe Grüße,
l

PS: Der kleine Sartre hat glaube ich mal gesagt, dass "Boxen" der ehrlichste Sport der Welt sei - Ich wage das zu bezweifeln...gerade in diesen millionenschweren Fernseh-Schauspielen und Massen an Milchschnitte-Werbeverträgen für die Weltmeister-Zwillinge :smile: ... Ich finde man sollte bei all dem Tamtam auch nicht vergessen, dass man da meist zwei Millionären zuschaut, die sich grundlos die Schädel weich kloppen ;-) ...

Gerda

Beitragvon Gerda » 21.02.2011, 14:53

@ Louisa ... der "Kleine" hat das vor sehr langer Zeit gesagt ;-) bestimmt vor Muhammad Ali (Cassius Clay)
Dein Einwand gegen den "ehrlichen" Sport gefällt mir!

Das war jetzt ein wenig OT, aber Teya wird es wohl verzeihen.

LGG

Sam

Beitragvon Sam » 21.02.2011, 15:08

Wer sagt denn, dass es hier um Boxsport geht?

Den Text darauf reduzieren zu wollen, wäre nämlich genau dieses: ihn reduzieren, auf ein einziges Bild eindampfen, wo er doch, so wie er geschrieben ist, eine wesentlich breitere Assoziationsfläche bietet.

Trotz der hier geäußerten Kritik bleibe ich dabei: ein hervorragendes Gedicht, an dem ich kein Wort - auch den Titel nicht - verändern würde.

Louisa

Beitragvon Louisa » 21.02.2011, 19:22

Hallo Sam!

Mmm...wovon handelt der Kern des Textes denn deiner Meinung nach? Und wenn es kein Kernthema gibt - findest du das gut?

Liebe Grüße,
l

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leonie
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Beitragvon leonie » 21.02.2011, 19:34

Ich denke nicht, dass es um Boxsport geht, aber dass der Boxsport die metaphorische Grundlage des Textes ist und da erscheint mir halt manches nicht stimmig.

LGl

Mucki
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Beitragvon Mucki » 21.02.2011, 19:43

Louisa hat geschrieben:Mmm...wovon handelt der Kern des Textes denn deiner Meinung nach?

Ich lese hier einen kraftvollen Text voller Demut, der das In-die-Knie-gehen beschreibt, diesen ganz puren, ehrlichen und archaischen Moment der Nacktheit widerspiegelt, in dem das Ich das Wahrhaftige und zur Gänze Ehrliche dieses Moments beschreibt. Darum geht es hier für mich und ich finde es genial geschrieben.

Saludos
Gabriella

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 21.02.2011, 20:19

Ich denke nicht, dass es um Boxsport geht, aber dass der Boxsport die metaphorische Grundlage des Textes ist


Ja, les ich auch so.

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.


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